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Kurze Pause für die Biedermeierspießer: RTL lädt zum "Dating im Dunkeln"

21.11.2010, 08:03 Uhr  ·  In einer neuen Datingshow experimentiert RTL damit, wie sich Menschen kennenlernen, wenn der erste Eindruck nicht auf Äußerlichkeiten beruht, und entlarvt so vermeintliche Idealbilder vom Traumpartner. Das wäre beinahe charmante Unterhaltung – wenn manche Kandidaten zum Schluss nicht als Deppen da stünden.

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Es gibt ein altes Sprichwort, das noch von den Gründungsvätern des Fernsehens stammt. Es lautet: “Erst wenn die letzte Schwiegertochter gerodet, der letzte Bauer vergiftet und der letzte Bachelor gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass RTL keine Heiratsvermittlung ist.”

Vielleicht haben sich die Gründer aber auch geirrt. Sonst wären sich Josef und Narumol ja nie begegnet. Und die vielen noch zuhause wohnenden Muttersöhnchen hätten nie eine Chance gehabt, eine Partnerin zu finden, die beim Anblick der Wohnzimmereinrichtung mit dem Fliesentisch nicht sofort der Schlag trifft.

Bild zu: Kurze Pause für die Biedermeierspießer: RTL lädt zum "Dating im Dunkeln"Seit Jahren hat RTL einen erstaunlichen Erfolg als Resterampe brunftbereiter Biedermeierspießer, die sich anderweitig noch nicht unterbringen konnten und bereitwillig die öffentliche Bloßstellung vor einem Millionenpublikum akzeptieren, wenn sie dafür endlich mit der großen Liebe belohnt werden. Hauptsache, sie hat zwei Beine und den Kopf richtig herum auf den Schultern sitzen. Langsam scheinen dem Sender aber die Exoten auszugehen. Anders ist es nicht zu erklären, dass am neusten Kuppelshowversuch verhältnismäßig normale Mittzwanziger teilnehmen.

Für “Dating im Dunkeln” lässt der Sender drei Frauen und drei Männer in eine Luxusvilla einziehen, in der die beiden Geschlechter ausschließlich in einem komplett abgedunkelten Raum zusammenkommen. Nach einem gemeinsamen Kennenlernen sucht sich jeder Teilnehmer die Frau oder den Mann heraus, die oder den er gerne zu “Einzeldates” treffen möchte. Am Ende des Aufenthalts sehen die Kandidaten ihre Auserwählten für 15 Sekunden im Scheinwerferlicht und müssen entscheiden, ob sie sie wiedersehen wollen – oder doch lieber noch mal eine Runde durchs Internet drehen.

Die Grundidee von “Dating im Dunkeln” ist gar nicht so übel. Die Show experimentiert damit, wie sich Menschen kennenlernen und Gemeinsamkeiten erschließen, wenn der erste Eindruck nicht auf Äußerlichkeiten beruht – sondern auf der Stimme, dem, was die Kandidaten von sich preisgeben, und der eigenen Imagination.

Auf die Zärtliche-Cousinen-Schalalala-Musik, mit denen manche der Flirtszenen hinterlegt sind, hätte man gut und gerne verzichten können. Dafür, dass sich die Singles alle aufführen wie bei einer Katalogbestellung, kann aber ja RTL nichts. Kandidatin Rebecca freut sich zum Beispiel, ihrem Max endlich in seine blauen Augen zu sehen, die sie sich von ihrem skandinavischen Traumtypen mit dem Blondschopf wünscht. Als sie im Scheinwerferlicht erkennt, dass der Mann, in den sie sich ein bisschen verschossen hat, senegalesische Wurzeln hat, ist sie erstmal ziemlich irritiert.

Aber RTL wäre nicht RTL, wenn es bei dieser charmanten Entlarvung der vermeintlichen Idealbilder vom Traumpartner bliebe.

Weil sich die Kandidaten Maik und Toni am Ende beide für die 25-jährige Nancy entschieden haben, muss die wiederum einen von beiden wählen. Mit dem packt sie ihre Koffer und läuft den Weg von der Villa zum Auto hinunter, das beide nachhause bringen soll. Währenddessen hat das Kamerateam den Kontrahenten oben auf der Veranda die ganze Zeit mit einem Blumenstrauß warten lassen, um dann zu zeigen, wie er seinen Schwarm mit dem Rivalen abreisen sieht. Und RTL ist wieder ganz bei sich.

Wahrscheinlich hatten die Gründungsväter mit ihrem Sprichwort doch Recht.

“Dating im Dunkeln” läuft am Sonntagabend um 19.05 Uhr bei RTL.

Screenshot: RTL

 

Veröffentlicht unter: RTL, Datingshows, Dating im Dunkeln

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.