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"Alle lieben die kleinen Klopse": Crashkurs für angehende Fernsehtexter

23.02.2011, 12:32 Uhr  ·  Wer zum Fernsehen geht, um Reportagen zu drehen, träumt meist davon, in die entlegensten Winkel der Welt zu reisen. Meistens reicht das Budget der Sender dann aber doch nur für einen Besuch im Möbelhaus um die Ecke. Deshalb gehört es zum Geschäft, die mauen Bilder mit einem flotten Text aufzupeppen. Wir zeigen wie's funktioniert.

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Wer zum Fernsehen geht, um Reportagen zu drehen, träumt meist davon, in die entlegensten Winkel der Welt reisen zu können und von dort faszinierende Bilder und fesselnde Geschichten mitzubringen, mit denen sich die Zuschauer überraschen lassen. Meistens reicht das Budget – zumindest das der Privatsender – dann aber doch nur für einen Besuch im Möbelhaus um die Ecke.

Und weil das weitaus weniger spektakulär ist als in Grotten am anderen Ende der Welt herumzukriechen, um seltene Nacktmullarten zu porträtieren, gehört es zum Geschäft, die mauen Bilder mit einem flotten Text aufzupeppen.

So haben’s die Autoren der Reportagenschmiede Imago TV (die zum Beispiel auch das Qualitätsprodukt “Rosins Restaurants” verantwortet) gemacht. Ihr Film “Immer wieder samstags – Das Ikea-Phänomen” (Video bei Maxdome) ist so außerordentlich gut gelungen, dass er seit der Premiere am 24. November 2009 bei Sat.1 als “24 Stunden Reportage” alle paar Monate alle paar Wochen wiederholt wird: am 8. Juni 2010 in Sat.1, gerade erst am 3. Februar in Sat.1 und am gestrigen Mittwoch mit einer ganz neuen Titelschrift als “K1 Reportage” bei Kabel 1.

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Zwei Sender, eine Reportage: “Das Ikea Phänomen” / Screenshots: Sat.1/Kabel 1

Wenn Sie auch wissen wollen, wie man so erfolgreiche Reportagen fürs Privatfernsehen herstellt: Das Fernsehblog hilft gern.

Erfinden Sie kreative Synonyme!
Mal ehrlich: Kein Zuschauer will 45-minütige Dokus über überfüllte Möbelhäuser sehen, in denen er ein paar Tage zuvor selbst noch eine halbe Ewigkeit an der Kasse gestanden hat, um bunt beklebte Pressspanbretter zu kaufen. Mit blumigen Umschreibungen vermeiden Sie die triviale Bezeichnung “schwedisches Möbelhaus”. Stattdessen sagen Sie: “die Pilgerstätte für selbsternannte Innenarchitekten”, “möblierter Freizeitpark”, “das magische Möbellabyrinth, dem niemand so richtig entkommen kann – und will”.

Bleiben Sie unkritisch!
Oder wie bitte schön wollen Sie beim nächsten Mal sonst eine Drehgenehmigung bekommen? Begleiten Sie den Verkaufsleiter der Filiale bei seinem Hausrundgang: er ist freundlich, kompetent und hat immer Zeit, Kunden individuell zu beraten. Lassen Sie ihn sagen, dass der Preis der Kommode “gigantisch toll” ist und die “Umsatzerwartungen übertroffen” wurden. Ergänzen Sie eigene Schwärmereien: “keiner kommt ungeschoren an [der günstigen Kommode] vorbei”, die Einbauküche ist “ein Traum in Rot”, “überall locken Schnäppchen”, “keiner kann den Lockungen widerstehen”.

Übertreiben Sie ruhig: “Der blau-gelbe Einrichtungsgigant verspricht Erlösung.” Und: “In der größten deutschen Filiale folgen am Wochenende tausende den schwedischen Verlockungen.” Stellen Sie Vorteile heraus: “Hier ist alles an seinem Platz. Und für alles gibt es eine Lösung”, “bei über 10.000 Einzelteilen entdeckt man immer wieder neue Möglichkeiten”. Trauen Sie sich, philosophisch zu werden: “Der Möbelpfad bietet auch Orientierung in einer sonst so unübersichtlichen Welt.”

Seien Sie dramatisch!
Die Bilder vom Dreh zeigen Mischbatterieumtauschprozeduren, Kundenanrufe an der computergesteuerten Hotline, Schwierigkeiten im hausinternen Buchungssystem und Kunden, die beim Möbelaufbau dramatisch von der Bauanleitung abweichen. Mit einem Kunstgriff wird trotzdem eine Reportage draus – wenn der Off-Sprecher mit dem “Ausnahmezustand” droht. In diesem Fall: “Ausnahmezustand in Köln-Butzweilerhof: verkaufsoffener Sonntag bei Ikea!” Scheuen Sie auch keine Meteoritenvergleiche: “Der verkaufsoffene Sonntag schlägt ein!” Im Notfall können Sie immer noch Stresssituationen herbeireden.

Spielen Sie gekonnt mit Worten!
Sagt eine Möbelhausmitarbeiterin, dass sie auf die Interessen der Kunden genauso Rücksicht nehmen müsse wie auf die ihres Brötchengebers, texten Sie anschließend: “Weg wie warme Brötchen gehen nebenan auch die Köttbullar.” Nehmen Sie Bezug zum Herkunftsland des Unternehmens, am besten in Reimform: “Jeder duzt jeden – wie in Schweden.” Oder: “Noch herrscht friedliche Idylle – fast wie in Bullerbü.”

Zur Dokumentation des stressigen Möbelaufbaus fällt Ihnen ein: “Schrauben und Nerven liegen blank.” Und: “Stefan sitzt auf Trümmern und glühenden Kohlen.” Vor der Werbepause versprechen Sie Ihrem Publikum: “Gleich: Schnäppchenjagd im Selbstbedienungslager. Und dann beginnt das große Grübeln über Dübeln.”

Essen nicht vergessen!
Sobald deutsche Fernsehzuschauer Bilder aus Großküchen sehen, legen Sie wie hypnotisiert die Fernbedienung beiseite. Profitieren Sie davon! Zeigen Sie Bilder aus der Kantine Cafeteria, wo der “gigantische Gänsekeulenvorrat” lagert und morgens schon der “Run auf Köttbullar” beginnt. Denn eines ist Fakt beim “Familienausflug ins Blau-Gelbe”: “Alle lieben die kleinen Klopse.”

Wenn Sie diese unkomplizierten Anweisungen befolgen, werden auch Sie bald ähnlich spektakuläre Reportagen fürs Fernsehen drehen können. Das Fernsehblog drückt die Daumen.

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.