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ESC-Halbfinalzapping (2): Frau Müller macht die Tür zu

13.05.2011, 08:58 Uhr  ·  Die Präsidentin der deutschen Jury freut sich, dass es zum Abendbrot "Kaffee und Fisch" gab, Frank Plasberg moderiert im Ersten die gleiche Show zweimal nacheinander und Anke Engelke fordert die europäischen Zuschauer zum Postkartenschicken auf. Weil's so schön ist. Unser zweites ESC-Halbfinalzapping.

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Ach, die Kollegen bei “Zapp”. Haben sich was einfallen lassen, wie man am besten bebildern könnte, dass in deutschen Medien gerade unablässig über den Eurovision Song Contest berichtet wird. Das hier nämlich:

“Heute kommt man im Vergleich [zu 1983, dem letzten ESC in Deutschland] mit dem Ausschneiden und Ausdrucken nicht mehr hinterher: 140 Artikel allein in den letzten zehn Tagen!”

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Ja, irre. Und nächste Woche bringen wir “Zapp” bei, dass es in diesem neumodischen Medium namens Fernsehen auch eine ganze Menge Grand-Prix-Berichte gab. Nur kann man die halt nicht so schön ausdrucken und nebeneinander legen. Kann man doch? Aber natürlich, das Fernsehblog macht’s möglich und verschriftlicht wieder die schönsten TV-Momente des Halbfinalzappings.

Oder wie hat es der verbitterte alte Mann Harald Schmidt gestern Abend in seiner Sendung formuliert? “Wer meint, das hier sei unfassbar öde und langweilig, der hat diese Woche nicht ARD-Vorabend gesehen.” Doch, Harald, haben wir. Und gestern war’s auch gar nicht mehr so schlimm wie Anfang der Woche, wo sich die speichelleckerischen Journalisten alle vor Lena “in den Staub” werfen mussten, obwohl sie doch viel höflicher zu Frank Elstner hätte sein sollen, der den Weltrekord im Dumme-Fragen-Stellen knacken wollte, aber permanent von ihr unterbrochen wurde.

Zumindest hat dem Fachautor für qualifizierte Meinungshäufchen bei “Meedia” Lenas “Teilzeit-Zickentum”, ihre “kleinkarierte Korinthenkackerei” und die Begeisterung der Journalisten (die Lenas “Kumpel” sein wollen) dafür nicht gefallen: “Sie wird richtig pampig. Man kann es nicht anders beschreiben.”

Außer natürlich man schaut sich das, worüber man schreibt, vorher auch mal an. Und den ganzen Rest noch dazu. Dann kriegt man ziemlich schnell den Eindruck, dass es ganz hervorragend ist, wenn angesichts der tausend Sondersendungen und Interviews, die man als Kandidat beim ESC im deutschen Fernsehen zu erdulden hat, kein Püppchen sitzt, das immer bloß brav nickt – sondern jemand, der auch mal schlecht gelaunt oder genervt ist, wenn eine Frage zum hundertsten Mal gestellt wird, und nicht jedem Moderator um den Hals fallen muss, der einen als “Prinzessin von Deutschland” ankündigt, aber nicht mal den Namen des Wettbewerbs richtig erinnert, dessen Spektakel er gerade in den höchsten Tönen lobt.

Wie gut, dass es Ina Müller gibt. Obwohl: da sind die Meinungen ja auch wieder gespalten.

Jedenfalls ist Müller dieses Jahr Präsidentin der deutschen Jury, die ja auch bei der Entscheidung mitmischt, und verriet am Donnerstag im ARD-”Morgenmagazin” nicht nur, dass für sie und die Kollegen bei der Arbeit “Kaffee und Fisch” serviert wurde (“was ganz toll war”), sondern auch: “Ich finde, dass wir ganz toll Punkte vergeben haben.” Da störte nicht mal “Moma”-Strumpfhosenschnüffler Frank Meyer, der in seinen Sonderberichten einmal statt der Düsseldorfer “Altstadt” das Wort “Anstalt” auf den Lippen hatte, als er vom “Gesicht” des ESC (der Bühne) zum “Herz” wechselte (den Fans im Euroclub).

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Nachher, in der ARD-”Show für Deutschland”, bei der diesmal Frank Plasberg ranmusste, saß Müller gut gelaunt auf dem Sofa, brachte endlich ein bisschen Schwung in den Laden und erläuterte (nachdem sie die Balkontür zugemacht hatte, weil es draußen in der Halle so laut war): “Mein Körper und mein Geist wären nicht in der Lage, sich auf diese Bühne zu bewegen!” Woraufhin Plasberg fragte: “Wenn man Ihnen da ‘nen Tresen hinzimmert?” Und Müller: “Dann ja.”

Fast vier Stunden später stand Anke Engelke zum Schluss des zweiten Halbfinals auch ohne Tresen ganz gut auf der Bühne, erklärte ausnahmsweise ohne ihre beiden Co-Moderatoren noch einmal die Regeln für die Abstimmung und meinte:

“Sie können auch eine Postkarte schicken – das hat zwar keine Auswirkung aufs Ergebnis. Aber wir lieben Postkarten.”

Vorher war Engelke bereits mit Stefan Raab beim Interview mit Plasberg – sie mit blutig geschminkter Nase, er schon wieder mit (scheinbar) ausgeschlagenen Zähnen, weil zuvor der Einspielfilm gedreht wurde, in denen die beiden sich während ihres hübschen Grand-Prix-Medleys aus Versehen gegenseitig ausknocken. Und Raab scherzte: “Anke meinte, ich hätte zuviel Text.” Und Plasberg?

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Der hatte auch zuviel Text, machte seine Sache im Ersten aber trotzdem gar nicht so schlecht, zoffte sich nicht mal mit der (schon wieder eingeladenen) Lena und bemühte sich gleich zu Beginn der Sendung um 18.50 Uhr gegenüber den Zuschauer klarzustellen, dass er weiß, worauf er sich hier eingelassen hat: “Ich verspreche Ihnen, Sie werden herrlich unnützes Zeug erfahren.”

Nach der “Tagesschau” ging’s augenblicklich weiter, weil noch Zeit war bis zum Halbfinalstart, und Plasberg machte das, was er bei “Hart aber fair” so lange einstudiert hat: Er moderierte einfach die Sendung von vorher nochmal. Guten Abend, meine Damen und Herren, “Sie werden hier schöne bekloppte Dinge erfahren” – usw. usf.

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Wenn Sie auch noch ein paar schöne bekloppte Dinge zum Song Contest beizutragen haben, kommentieren Sie! Oder schreiben eine Postkarte.

Screenshots: NDR, Das Erste

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.