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Eine verheerende Entwicklung: Warum "Das Supertalent" prägend für unsere Fernsehkultur ist

20.09.2011, 11:29 Uhr  ·  Trotz ihres Namens hat die RTL-Show "Das Supertalent" mit einer echten Talentsuche so gut wie gar nichts zu tun. Stattdessen wechseln sich Auftritte importierter Artisten mit Freaks und selbst gezüchteten Opfer-Helden ab. So gewöhnt der Sender seine Zuschauer an ein Programm, das nur noch die einfachsten Reflexe bedient.

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Über 7 Millionen Menschen haben am Samstagabend bei RTL gesehen, wie eine füllige junge Frau, die in ein viel zu enges rosa Top gequetscht war, vor ausverkauften Theaterrängen einen Berg Spaghetti Bolognese von ihrem spindeldürren Freund herunterschlabberte, der nur mit einer Unterhose und sehr alten Socken bekleidet vor ihr auf der Bühne lag.

Die beiden sind – wenn man das so nennen kann: bekannt aus der RTL-Dokusoap “Mitten im Leben”, in der sie die Spaghetti-Aktion erstmals aufführten. Die Szene ist seitdem (mit Unterstützung von “TV total”) zu einem der bekanntesten deutschen Clips auf Youtube geworden.

Nachdem RTL das Paar schon davon überzeugen konnte, sich vor hunderttausenden Menschen zu blamieren, muss es leicht zu überreden gewesen sein, das einfach noch mal vor ein paar Millionen zu wiederholen – in einer Show, die “Das Supertalent” heißt (bei rtlnow.de ansehen), obwohl der Titel längst zu einer höhnischen Umkehrung des eigentlichen Geschehens geworden ist.

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Andererseits: Wenn fast 10 Millionen Menschen zusehen, können die doch nicht alle doof sein.

Stimmt. Aber RTL arbeitet dran.

Mit einer echten Talentsuche hat die Show so gut wie nichts (mehr) zu tun. Inzwischen ist sie ein erfolgreiches Franchise-Programm von “Deutschland sucht den Superstar”, das nicht nur dessen Erfolg, sondern in hohem Maße auch dessen Kuriosität und Inszenierung übertrifft.

Statt bei den Castings darauf zu warten, dass vermeintliche Talente vorbeikommen, karrt der RTL-Produzent Grundy Light Entertainment für jede neue Staffel haufenweise Freaks heran. Entweder frisch aufgetriebene oder solche, die sich wie das Spaghetti-Paar aus anderen RTL-Programmen recyceln lassen, weil ihnen niemand sagt, dass sie bloß benutzt werden, damit sich andere über sie lustig machen können. Dazu werden Artisten aus dem Ausland importiert, die für Spannungsmomente sorgen müssen: Todesrad-Akrobaten aus Belgien, menschliche Kanonenkugeln aus Kalifornien, Zauberer aus Moskau. Dressierte Tiere sind ebenso unverzichtbar wie Kinder. Und natürlich die vom Schicksal schwer getroffenen Verlierer, denen das Fernsehen generös auf die Beine hilft – wenn Sie nicht im entscheidenden Moment wieder versagen.

“Sven findet sich hässlich und durch seine Spielsucht hat er alles verloren. Für ihn ist ‘Das Supertalent’ die einzige Chance auf ein neues Leben”, faselt Moderator Marco Schreyl vor dem Auftritt eines Mannes, der nachher mit einer glasklaren Stimme “Can You Feel the Love Tonight” singt. 

Aber auf die kommt es gar nicht (mehr) an, noch weniger jedenfalls als bei “DSDS”. Auch nicht auf den Überraschungseffekt, wie ihn Paul Potts bei “Britain’s Got Talent” auf seiner Seite hatte. Es geht darum, immer wieder neu, künstliche Paul-Potts-Momente zu schaffen, mit dem Spielsüchtigen, der sich hässlich findet, mit Ausgegrenzten, manchmal auch mit Gewaltopfern, die vor der Kamera erzählen, wie sie als Kind geschlagen wurden, als ob der Applaus des Publikums nachher alles ungeschehen machen könnte.

RTL züchtet sich ganz gezielt seine Opfer-Helden. Zugleich vernichtet der Sender aber auch all jene, die sich nicht seiner Gunst erfreuen dürfen. Immerzu geht es um Alles oder Nichts. Um Standing Ovations oder darum, ausgebuht und rausgeworfen zu werden. Um den schlimmsten Auftritt aller Zeiten oder “absolute Weltklasse”. RTL hat das Mittelmaß abgeschafft, weil das im Fernsehen niemand sehen will. Gleichzeitig werden aber auch die beiden Pole immer weiter voneinander weggeschoben, um ständig neue Extremfälle zu erzählen.

Das Problem daran ist, dass ein so großer Publikumserfolg wie “Das Supertalent” prägend für unsere Fernsehkultur sein wird, ob wir das wollen oder nicht.

Es geht gar nicht darum, RTL das Recht abzusprechen, massenattraktive Programme zu machen. Aber die Art und Weise, wie “Das Supertalent” diese Massenattraktivität auslegt, wird einen bleibenden Schaden anrichten, weil sich Konkurrenten (und RTL selbst) an der Machart dieser Sendung orientieren werden, um ähnliche Erfolge zu schaffen.

“Das Supertalent”, die selbsternannte “größte Show Deutschlands”, ist einzig und allein darauf ausgelegt, die einfachsten Reflexe in uns abzurufen: Ein Kind singt – oh, süß! Jemand erzählt eine traurige Geschichte – der Arme! Ein Akrobat führt einen Stunt vor – wow! Jemand spielt mit seinem Penis Klavier – wie peinlich, aber trotzdem mal gucken! Dieses Angebot der permanenten Unterforderung, das RTL seinen Zuschauern macht, wird durch die Art und Weise, wie die Inhalte erzählt werden, massiv verstärkt.

Jede einigermaßen relevante Aktion, jeder halbwegs entscheidende Satz, ob von der Jury oder den Kandidaten, wird permanent in der Wiederholung gezeigt. Der gruselig geschminkte Typ aus Großbritannien zieht sich die Haut seines Halses nicht einmal bis unter die Nase, sondern drei-, vier-, fünfmal – in Zeitlupe, farblich verfremdet, mit Balken am Bildrand, herangezoomt, und wenn er von der Bühne gegangen ist und die Jury sagt: das war ja gruselig, als der sich die Haut bis unter Nase gezogen hat, noch einmal.

Dabei kennt man die Szene schon aus dem mehrminütigen Zusammenschnitt der Höhepunkte zu Beginn der Show und natürlich aus den Bleiben-Sie-dran-Befehlen vor den Werbepausen, bei denen sich Off-Kommentator Schreyl fast an der Fülle der Spektakularitätsbehauptungen verschluckt.

Die Wiederholungen sind nur eines der Elemente, die “Das Supertalent” trotz seiner Live-Atmosphäre durch und durch künstlich wirken lassen. Den Rest erledigen die Verfremdungen von Bild und Ton. Wichtige Sätze sind daran zu erkennen, dass sie – natürlich – wiederholt werden, ein Hall-Effekt darunter gelegt ist und das Bild komplett farbentsättigt wird. Lacher aus dem Publikum werden wie in einer 80er-Jahre-Sitcom auf die Bilder montiert: schnell, gewaltig, sofort wieder vorbei. Das Publikum wird in einer furchteinflößenden Dauerekstase gezeigt, bei keinem der Gesichter in Großaufnahme weiß man, ob es wirklich eine Reaktion auf das ist, was gerade auf der Bühne passiert, oder bloß ein passendes Schnittbild aus einer ganz anderen Situation.

Spannungsmomente laufen oft völlig ins Leere: Verletzt sich ein Kandidat bei seiner Akrobatik leicht, wird die Verletzung als Schnittgewitter in Szene gesetzt, die Wunde in Großaufnahme rot eingefärbt und Schreyl dröhnt: “Sofort braucht er einen Arzt!” Der Arzt klebt dann ein Pflaster, fertig. Und wenn aus dem Off ein “tödliches Risiko” angekündigt wird, eine “lebensgefährliche” Darbietung, dann ist die Diskussion darüber, wie weit Fernsehunterhaltung gehen darf, um nicht so wie bei “Wetten dass..?” im vergangenen Dezember zu enden, Lichtjahre weit weg.

Das Schlimmste aber ist, dass RTL “Das Supertalent” als Show angelegt hat, die ihrem Publikum in jedem einzelnen Moment vorschreibt, was es zu fühlen hat; wen es gut finden muss und wen nicht; wann es lachen darf und weinen soll; wer es verdient hat, eine “zweite Chance” zu bekommen – und wer bloß einmal von Dieter Bohlen runtergeputzt werden muss.

Zuschauer, die sich an diese Art Fernsehen gewöhnen, sind verloren für Unterhaltung, die ihr Publikum noch nicht im Wachkoma vermutet, sondern ein wenig Aufmerksamkeit abverlangt, sei es mit einem Humor, in dessen Mittelpunkt nicht Stringtanga tragende Opis stehen, mit einem durchdachten Spielprinzip oder einer Authentizität, bei der tatsächlich etwas verpasst werden kann, weil es nicht zigmal wiederholt wird. Dass es sowas im deutschen Fernsehen noch geben kann, wenn “Das Supertalent” in diesem Jahr erneut Rekordquoten holt, ist aber sowieso unwahrscheinlich.

RTL arbeitet hartnäckig daran, auch noch die letzten Leute vor den Kopf zu stoßen, die nicht ganz den Glauben daran verloren haben, dass Fernsehen auch inspiriert unterhalten kann. (Obwohl ausgerechnet Grundy Light Entertainment gerade mit “X Factor” auf Vox beweist, dass es möglich wäre.)

Vielleicht ist das der Preis, um alle zwölf Monate bei der Jahresbilanz des Mutterkonzerns für vorbildliches Wachstum gelobt zu werden. Für das Medium selbst ist es jedoch eine verheerende Fehlentwicklung.

Screenshot: RTL

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.