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Nicht zu vergleichen: "Akte Thema" gegen "neo Paradise"

07.10.2011, 11:31 Uhr  ·  Die meisten Sendungen im Fernsehen sind einfach zu verschieden, um sich vergleichen zu lassen. Das Fernsehblog macht's trotzdem. Mal sehen, was dabei herauskommt. Diesmal: Die erste Ausgabe von Ulrich Meyers "Akte Thema" in Sat.1 gegen die neue Joko-und-Klaas-Show "neo Paradise" bei ZDFneo.

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Die meisten Sendungen im Fernsehen lassen sich einfach nicht vergleichen. Das Fernsehblog macht’s trotzdem. Mal sehen, was dabei herauskommt. Diesmal: Die erste Ausgabe von “Akte Thema” in Sat.1 gegen die neue Joko-und-Klaas-Show “neo Paradise” bei ZDFneo.

Bild zu: Nicht zu vergleichen: "Akte Thema" gegen "neo Paradise"

Dramatik: In Sachen Spannungsaufbau macht einem alten Studiohasen wie Ulrich Meyer so schnell keiner was vor, selbst wenn’s nur um “StromFeuerGas” geht, wie in der Premierensendung von “Akte Thema”, der gefühlt fünfzigsten Auskoppelung des Meyer’schen Angstmachermagazins. Niemand sonst bauscht einfache Fakten derart mühelos zur potenziellen Todesgefahr auf. Meyer sagt: “Jetzt beginnt sie [Pause]. Die Heizperiode! Und damit die Gefahr, die aus der Heizung kommt.” Die Gefahr, die aus Meyers “Akte”-Sendungen kommt, ist, dass man nach dem Ansehen eigentlich gar nicht mehr das Haus verlassen möchte, weil auf der Welt so viele Betrüger und Bedroher unterwegs sein müssen. Doch nicht einmal dieses Refugium hat Meyer uns gelassen, denn das erste “Akte Thema” war: “Die Lebensgefahr zuhause und wie sie ihr entgehen”. Zuhause ist – natürlich – “der Unfallschwerpunkt Nummer 1 mit tausenden Todesopfern jedes Jahr”, wie Kriegsreporter Meyer berichtet. Der Off-Sprecher droht: Kohlenmonoxid aus der Heizung ist “unsichtbar, geruchlos und tödlich”. Geräte werden mit “tödlichem Pfusch” eingebaut. Vorsicht mit Steckdosenleisten, denn eine Überlastung “kann tödliche Folgen haben – besonders für den Nachwuchs”. Sehen Sie gleich noch: “Wie Gegenstände aus dem Alltag zu Bomben werden.” Und: “Wieviele Minuten überleben Sie, wenn Küche oder Fernseher lodern?” Da kann der Nachwuchs natürlich nur schwer mithalten: Die Spannung bei “neo Paradise” beschränkte darauf, ob der Sender tatsächlich die Bilder von Jokos mittelschwerem Eishockey-Unfall von neulich zeigen würde, obwohl das “Wetten dass..?”- unfallgeschädigte ZDF das lieber vermieden hätte. Haben sie aber trotzdem, “auf expliziten Wunsch von Herrn Winterscheid”. Und zwar sehr, sehr oft. Der Sender kann trotzdem aufatmen: Hat ja kaum jemand gesehen.

Bild zu: Nicht zu vergleichen: "Akte Thema" gegen "neo Paradise"Studiogäste: Mit den Beatsteaks, “Tomte”-Sänger Thees Uhlmann und einem singenden Typen, der “keinen Wikipedia-Eintrag hat” (Joko), war “neo Paradise” zwar mordsmäßig gut ausgelastet. Aber Ulrich Meyer hatte eine riesige Bauschelle im Studio zu Gast (siehe Foto). Das ist einfach nicht zu toppen.

Informationsgehalt: Ach so, Sie haben die Tipps der “Akte”-Redaktion vermisst, wie sie den Todesgefahren zuhause entgehen können? Ganz einfach: “Holen Sie Fachleute”; “Haben Sie ein offenes Auge” (eins reicht offensichtlich); und, ganz wichtig, sagt Meyer: mal “in den Gelben Seiten unter Elektroinstallateure” nachgucken. Dass Indierocker Uhlmann die besten Ideen für seine Songs hat, wenn er seine Tochter in den Kindergarten bringt, wie er bei “neo Paradise” erzählt hat, war ehrlich gesagt informativer. Und vor allem mal was Neues.

Witz: 65 Prozent ihrer Sendezeit können Joko und Klaas derzeit mit Witzen über das eigene Image und ihre Dauerpräsenz im Fernsehen bestreiten, das hätte selbst Jörg Pilawa zu seinen besten Zeiten nicht gepackt. “Ich hatte zwischenzeitlich Angst, wir könnten uns aus den Augen verlieren”, witzelte der eine. “Wir haben demnächst einen Termin im OP und lassen uns auseinanderoperieren”, scherzte der andere. Und zum Schluss lief ein hübscher Werbefilm, in dem die Cindy und Bert des deutschen Jüngerenfernsehens ihre universelle Einsetzbarkeit als Werbetestimonials empfehlen. Bisschen heikel ist es natürlich schon, bereits in diesem zarten Alter selbst sein bester Witz zu sein. Aber wenigstens weiß man beim Zuschauen überhaupt, dass es witzig gemeint ist – anders als bei Meyer, dem man nie ansieht, ob er womöglich sechzig Anläufe prustend vor Lachen abgebrochen hat, bevor er den Satz über die Gefahr, die aus der Heizung kommt, gerade in die Kamera sprechen konnte.

Bild zu: Nicht zu vergleichen: "Akte Thema" gegen "neo Paradise"Bonusfeatures: Bei “neo Paradise” versteckt sich eine Partyhütchen tragende Drei-Mann-Kapelle im Schrank. Und eine “Schmidteinander”-Reminiszenz-Oma sitzt mit auf der Bühne, um Gästebilder hochzuhalten. Dafür hat “Akte Thema” eine ausgebrannte Spülmaschine in ein Flammeninferno gephotoshoppt. Wieder eine leichte Führung für “Akte” also.

Die Entscheidung: Knapp, ganz knapp gewinnt Ulrich Meyer mit “Akte Thema”, weil es “neo Paradise” (noch) an dramatischen Kohlenmonoxid-Verbreitungs-3D-Grafiken fehlt, und weil Klaas bei seiner Tag-der-Deutschen-Einheit-Umfrage morgens um 6 Uhr vor Berliner Clubs aus den volltrunkenen Gästen nicht einen halb so schönen Satz rausgekriegt hat wie der “Akte”-Redakteur vor der Haustür des Baupfuschers, den er zur Rede stellen wollte, woraufhin dessen Gattin ihn ganz höflich bittet: “Verlassen Sie das Grundstück. Sonst schick ich den Hund raus.”

Die Sendungen im Internet ansehen? “Akte Thema” nur auszugsweise bei sat1.de (z.B. der Beitrag “Killerheizung”) und “neo Paradise” komplett in der ZDF-Mediathek.

Screenshots: Sat.1, ZDFneo

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.