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Respekt oder Reality? Warum Fernsehen auch ohne Grenzverletzungen unterhalten kann

10.10.2011, 06:12 Uhr  ·  Ob das im Privatfernsehen überhaupt noch machbar ist: Fernsehunterhaltung zu produzieren, die ihren Reiz nicht wie bei RTL daraus bezieht, andere Menschen bloßzustellen? Sat.1 orientiert sich jedenfalls lieber am Marktführer anstatt eigene Wege zu gehen. Immerhin Vox glaubt noch dran, dass es auch anders geht – und behält damit Recht.

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Bevor er die Geschäftsführung von Sat.1 an seinen Stellvertreter abgab, hat der bisherige Senderchef Andreas Bartl vor zwei Wochen im F.A.Z.-Interview ein bisschen über Reality-Fernsehen und Scripted Reality geredet. Das sei immer “eine Geschmacksfrage”, aber:

“Die Zuschauer interessiert es, und sie stören sich auch nicht daran, dass es nicht Realität ist. Es zählt die Unterhaltung. Sie können sich dem Genre nicht entziehen.”

Bild zu: Respekt oder Reality? Warum Fernsehen auch ohne Grenzverletzungen unterhalten kannAngesprochen auf Unterschiede zum Reality-Vorreiter RTL erklärte Bartl außerdem: “Wir haben bei Sat.1 immer Wert darauf gelegt, auch eine Qualitätsalternative zu RTL darzustellen.” Das ist eine hochkreative Auslegung der momentanen Senderstrategie, die daraus besteht, RTL Moderatoren wegzukaufen, um sie dann bei Sat.1 fast dieselben Sendungen moderieren zu lassen. Zumindest orientieren sich viele der angekündigten (oder bereits ausgestrahlten) Sat.1-Neuerungen bis zur Machart hin sehr an dem, was der Marktführer macht – inklusive der nicht gerade zimperlichen Bloßstellung von Kandidaten wie bei “Schwer verliebt”, das in der Auftaktsendung kaum von der RTL-Variante “Schwiegertochter gesucht” zu unterscheiden war und praktischerweise eine Woche nach dem Ende der aktuellen “Schwiegertochter” fortgesetzt wird. Auf demselben Sendeplatz wie das Vorbild, natürlich.

Während Kabel 1 seine Eigenproduktionen auf einen Tag in der Woche eingedampft hat, schielt Sat.1 also wie ein verzweifelter Schüler, der sich nicht auf die Klassenarbeit vorbereitet hat, rüber zum Nebenmann RTL.

Das ist auch deshalb so traurig, weil gar nicht klar ist, ob Sat.1 nicht doch mit Sendungen erfolgreich sein könnte, die für das stehen, was der Sender doch immer gerne sein würde: ein Programm für die ganze Familie.

Das Landmagazin “Ins Grüne…” (siehe auch Fernsehblog) ist im vergangenen Jahr, vermutlich auch wegen der direkten Konkurrenz zu “Schwiegertochter gesucht”, zwaruntergegangen, aber auch ruckzuck wieder beendet worden anstatt daran zu arbeiten und es auf einem anderen Platz zu versuchen. Die vor anderthalb Jahren angekündigte Sendung mit dem Arbeitstitel “Die Insider”, in der das Ex-”Clever”-Team Barbara Eligmann und Wigald Boning in Miniaturform durch den menschlichen Körper reisen sollte, hat es (als eine von vielen Bartl-Ankündigungen) gar nicht erst ins Programm geschafft. Dabei klang schon das Konzept spannender als alles, was Sat.1 derzeit zu bieten hat. Mut geht jedenfalls anders.

Ob das wohl im Privatfernsehen überhaupt noch machbar ist: Fernsehunterhaltung zu produzieren, die ihren Reiz nicht daraus bezieht, andere Menschen bloßzustellen (wie RTL das perfektioniert hat)?

Bild zu: Respekt oder Reality? Warum Fernsehen auch ohne Grenzverletzungen unterhalten kannJa, ist es! Den Beweis hat gerade ausgerechnet die RTL-Schwester Vox geliefert, und zwar mit der kleinen, aber feinen Show “Cover my Song”. In der besucht ein junger Rapper einen alten Schlagerstar zuhause, sie lernen sich kennen und jeder spielt dem anderen seinen bisher größten Hit vor. Innerhalb einer Woche soll jeder der beiden ein Cover des anderen Songs schreiben – und ist dabei völlig frei in seiner musikalischen Interpretation.

Die Sendung ist schon deshalb besonders, weil es keine Jury gibt, die zum Schluss bewertet, welches das bessere Lied ist. Und weil kein Geld da ist, das für einen guten Zweck gespendet werden müsste. Am Ende wird nicht mal ein Gewinner festgelegt. Es geht einzig und allein um das Experiment und die Menschen, die sich dabei kennenlernen.

Dabei zuzusehen macht ungeheuer gute Laune, vor allem, weil die beiden Seiten sich nicht nur mit großem Respekt aneinander herantasten, sondern in einigen Fällen sogar merken, dass sie einen ganz ähnlichen Zugang zur Musik haben: über ihre Motivation, die Erfahrungen, die Arbeitsweise. Dass die Ergebnisse sich fundamental unterscheiden, ist in diesem Moment völlig egal. Nach dem Kennenlernen mit dem Rapper Motrip war “Du kannst nicht immer 17 sein”-Sänger Chris Roberts voller Verständnis für die völlig andere Ausdrucksweise seines Gegenübers:

“Der eine schreibt in lieblichen Worten über die verlorene Liebe, und der Rapper sagt halt: Scheiße, die Alte ist weg.”

Und vor drei Wochen zerfloss Ingrid Peters fast vor Aufregung, als Dr. Knarf ihr seine Version von “Komm doch mal rüber” zum ersten Mal live vorsang. Vorher hatte sie sich schon furchtbar beschwert, dass sie als Schlagerstar niemals solche Texte wie Dr. Knarf schreiben könnte, der in einem Song über den Verlust des Vaters rappt. “Liebeskummer geht gerade noch so – aber nur mit ‘happy music’ dazu. Der Konfilkt macht mich krank.”

Bild zu: Respekt oder Reality? Warum Fernsehen auch ohne Grenzverletzungen unterhalten kann

Am Ende haben nicht nur Rapper und Schlagerstars ihre Vorurteile über die andere Seite verworfen, sondern auch die Zuschauer.

Dass Vox “Cover my Song” direkt im Anschluss an seine Vorzeigeshow “X Factor” programmiert hat, zeigt, wie groß das Vertrauen in diese völlig andere Art der Unterhaltung beim Sender ist. Die Zuschauer haben’s leider nicht belohnt, die Quoten waren jedenfalls überschaubar. Wenn “Cover my Song” weiterginge, wäre das trotzdem ein gutes Zeichen. Damit sich das Publikum wieder daran gewöhnen kann, dass Unterhaltung auch ohne Grenzverletzungen auskommen kann.

Vielleicht lässt Vox dann auch Konstellationen zu, bei denen Interpreten ganz anderer Musikstile aufeinander treffen. Und hat den Mut, auch klar zuzugeben, wenn ein Experiment gescheitert ist (wie in der Vorwoche mit Gunther Gabriel und Fard). Am Dienstag läuft aber erstmal die vorerst letzte Folge von “Cover my Song” im Programm.

“Cover my Song” kann in voller Länge bei voxnow.de angesehen werden, leider ist nur die aktuelle Folge kostenlos.

Screenshots: Vox

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.