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"heute plus" und warum Nachrichten in Einsdreißig nicht mehr ausreichen

11.11.2011, 13:43 Uhr  ·  Seit dem Neustart des digitalen Infokanals gibt das ZDF seinen Zuschauern einmal in der Woche die Gelegenheit, hinter die Kulissen der "heute"-Nachrichten um 19 Uhr zu schauen. "heute plus" ist eine löbliche Veranstaltung – und womöglich effektiver als die Verantwortlichen das bisher zur Kenntnis nehmen wollen.

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Für deutsche Zuschauer sind Nachrichtensendungen aus dem Ausland stets ein kleiner Fernsehkulturschock. Zum Beispiel beim britischen Channel 4: weil dort in den Hauptnachrichten um 19 Uhr zu Gunsten ausführlicher Schwerpunktberichte auf kleinteilige Nachrichtenblöcke verzichtet wird; weil zwischen Sport und Wetter keine von Zeichentrickwuschelköpfen unterbrochene Werbung für eine geriatrische Medikamenten-Grundausstattung läuft; weil nach 20 Minuten nicht plötzlich Serien über Landärzte oder Küstenpolizisten beginnen; und weil es bei einer Stunde Sendezeit sogar möglich ist, eigene Themen zu setzen und mehrminütige Hintergrundrecherchen zu zeigen.

Anfang der Woche hat Channel 4 hat seinen News ein komplett neues Studio spendiert, dessen Farbgebung ein deutsches Publikum vermutlich die Zuschauerredaktion des Senders lahmlegen ließe, der sich so etwas erlaubt.

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Wobei es durchaus seinen Reiz hätte, den Klebers, Gauses und Buhrows dabei zuzusehen, wie sie sich an diesem riesigen Tetris-Stein zurechtfinden, der als Tisch mitten ins Studio gefallen ist.

Das Auffälligste am neuen Studio ist aber, dass es nicht aus dem Computer kommt, sondern ganz altmodisch: gebaut wurde. Aus Materialien, die sich anfassen lassen. Dem alten virtuellen Studio, aus dem die “Channel 4 News” bis vor kurzem zwischenzeitlich kamen, hat News-Anchor Jon Snow gerade im “Guardian” einen kurzen, aber prägnanten Satz hinterhergeworfen:

“Please God, never again.”

Und damit zu einem ganz anderen Thema: den Nachrichten im ZDF.

* * *

Seit dem Neustart des digitalen Infokanals Anfang September gibt der Sender seinen Zuschauern einmal in der Woche, immer mittwochs, die Gelegenheit, hinter die Kulissen der “heute”-Nachrichten um 19 Uhr zu schauen. Nach der Sendung bleiben der Moderator und der jeweilige Schlussredakteur noch ein Viertelstündchen im Studio, um live bei ZDF.info Fragen aus dem Chat zu beantworten und sich der Sendungskritik eines Zuschauers zu stellen (für die man sich bei der Redaktion bewerben kann – zumindest wenn die ganzen Medienwissenschaftsstudenten nicht mehr Email-Schlange stehen).

“heute plus” ist eine durchweg löbliche Veranstaltung. Weil außer der Tatsache, dass Matthias Fornoff gerne mit dem rechten Fuß wippt und seine Kollegin Petra Gerster kürzlich nach einem Sturz eine schwarze Binde um Zeige- und Mittelfinger tragen musste (Gerster: “Aaah, endlich fragt mal einer!”) häufig auch etwas darüber zu erfahren ist, wie beim ZDF Nachrichten gemacht werden und welche Unwägbarkeiten so ein hypermodernes Studio mit sich bringt.

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Neulich durfte sogar “heute show”-Kollege Oliver Welke mal als Sendungskritiker ran, woraus sich ein ganz nettes Gespräch mit den Kollegen in Mainz ergab.

Und natürlich steht es einem öffentlich-rechtlichen Sender hervorragend, sich auf eine Diskussion mit seinen Zuschauern einzulassen. Wobei nicht so ganz klar ist, ob die Redaktion auch damit gerechnet hat, dass dabei ein vertwertbares Ergebnis herauskommt. Sicher, man geht freundlich miteinander um. Die Kritik der Zuschauer, sei es im Chat oder per Skype zugeschaltet, wird zur Kenntnis genommen, kurz kommentiert. Und dann augenblicklich verworfen.

Am Ende steht immer das Fazit: Eigentlich war die Sendung doch wieder ganz gut. Schönen Abend noch.

Als vor einigen Wochen Kritik an einem völlig überflüssigen “Erklärraum” geübt wurde, bei dem Matthais Fornoff im virtuellen Nichts neben Pro- und Contra-Argumenten zum möglichen EU-Beitritt der Türkei stand (ganze Sendung als Video) und der Sendungskritiker per Skype meinte, er erkenne “nicht so ganz den Mehrwert”, erklärte die Schlussredakteurin, nach welchen Kriterien beim Sender über die Erklärraumeignung eines Themas entschieden wird: “Wir haben die Technik, also probieren wir sie aus.”

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Wenn ein Zuschauer wissen will, warum “heute” und “heute journal” sich so stark unterscheiden, heißt es: “Wir versuchen [bei 'heute'] den Tag möglichst umfangreich und genau abzubilden, unsere Stücke sind kürzer. Wir können dann eben nicht so in die Tiefe gehen.”

Als die Diskussion einmal darauf kam, ob in der Sendung nicht zu viele Experten mit zu vielen Expertenfloskeln zu Wort kämen, erwiderte der Redakteur: “Ich denke schon, dass wir eine einigermaßen anständige Mischung hatten”.

Und als am Mittwoch Zuschauer meinten, ihnen sei die Krise in Italien diesmal zu kurz gekommen, lachte Fornoff bloß: “Wir können ja nicht jeden Tag dieselbe Sendung machen!” Schlussredakteur Ralph Szepanski meinte: “Wir haben ja gestern berichtet.” Und: “Es gab von Berlusconi keine neue Meldung. Wenn noch was gekommen wäre, hätten wir gerne mehr gemacht.”

Diese Einwände charakterisieren ganz gut das Problem von “heute”, das an vielen Tagen bei den Quoten nicht nur klar hinter “RTL aktuell” liegt, sondern im Durchschnitt auch viel zu alte Zuschauer hat. “heute” ist eine Nachrichtensendung für Leute, die jede einzelne Ausgabe sehen, pünktlich um sieben einschalten und mindestens bis zum Wetter dranbleiben, kurzum: eine Sendung für Nachrichtensendungsredakteure.

Das Italien-Beispiel illustriert auch, wie wenig die Redaktion die Bedürfnisse ihrer Zuschauer zu verstehen scheint. Der Schlussredakteur sagt, berichtet wird nur, wenn es “Neues” gibt. Aber das erwarten die Leute in dieser Form offensichtlich gar nicht mehr. Wenn es “Neues” gibt und Berlusconi zurücktritt, wissen das die meisten schon längst bevor sie “heute” einschalten. Was sie nicht wissen: Wieso dauert das so lange? Wie ist Italien eigentlich in diese Krise hineingeschliddert? Warum ist die Lage nicht viel früher eskaliert? Wenn es jetzt noch mehr zu retten gibt, woher kommt eigentlich das Geld dafür?

Das Bedürfnis, diese Hintergründe zu verstehen, ist riesig. Das lassen zumindest die Fragen der Zuschauer bei “heute plus” vermuten. Viele wollen überhaupt nicht erklärt bekommen, wie die Sendung entsteht.

Viele hätten lieber, dass ihnen stattdessen mal jemand die Nachrichten erklärt.

Natürlich kann sich das ZDF darauf berufen, das im “heute journal” zu leisten. Aber offensichtlich wird das eben auch schon von “heute” erwartet. Womöglich sind Nachrichtensendungen, die den Tag mit Filmen in Einsdreißig zusammenfassen, schlicht und einfach – überholt? (Zumindest wenn sie nicht zum kollektiven 20-Uhr-Ritual versteinert wurden.)

Bei ZDF.info beantworten die Schlussredakteure mit großer Geduld immer wieder Fragen zur Krise, zum Rettungsschirm, zum Schuldenhebel, zu politischen Entscheidungsprozessen – wie in einem Grundkurs Politik. Weil in der aktuellen Situation keiner mehr durchblickt. Und trotzdem leitet beim ZDF niemand daraus ab, dass es wichtig wäre, sowas nicht nur einmal in der Woche im Digitalkanal zu erledigen, sondern täglich in der Sendung. Dass die Zuschauer keine Sprecher mehr wollen, die ihnen die Nachrichten vorlesen, sondern Leute, die ihnen Antworten geben.

Das ist der eigentliche Erkenntnisgewinn von “heute plus”. Beim Zuschauen drängt sich nur der Verdacht auf, dass die Sendung vielleicht effektiver ist als die Verantwortlichen das bisher zur Kenntnis nehmen wollen.

Screenshots: Channel 4, ZDF

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.