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Die Woche im Fernsehen: Du musst auch fangen!

25.02.2012, 16:38 Uhr  ·  Die neue ZDF-Freitagskommissarin fällt vor allem durch permanentes Erdnussnaschen auf; Pro Sieben besucht für "Der große Toleranztest" Nudisten und Besserwisser-Veganer; Monika Gruber hat jetzt ihre eigene "heute show"; und Sat.1 versteckt Ingolf Lück zu Unrecht im Pay TV. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Von

Die Sendungen:
Die Chefin | ZDF
Der große Toleranztest | Pro Sieben
Leute Leute | ZDF
Wir lieben… | Sat.1 Comedy

Handelt es sich womöglich um eine mittelmäßig gut versteckte Botschaft, wenn das ZDF in seinem neuen Freitagskrimi als allererstes eine Journalistin umbringt? Ach was, das ist bloß einer der üblichen Kniffe, um sich möglichst unkompliziert ein Mordmotiv zu stricken. Weil Journalisten natürlich immer irgendeiner brisanten Geschichte auf der Spur sind, deren Veröffentlichung dunkle Mächte verhindert wissen wollen.

Man müsste mal nachzählen, wie viele Reporter in deutschen Fernsehfilmen und Serien auf diese Weise bereits ins Jenseits geschickt wurden. Und dann einen dazu addieren, weil ja “Die Chefin”, gespielt von Katharina Böhm, gerade auch einen abtransportiert hat (ganze Folge in der ZDF-Mediathek ansehen). 

Das Besondere an der neuen Kommissarin ist, dass sie, nach all den düsteren Krimis, die eine zeitlang ins Programm geschwappt sind, in einer geradezu klinisch aufgeräumten Atmosphäre ermitteln darf. In München nämlich, wo selbst die Obduktionshallen so strahlend weiß glänzen als seien sie gerade frisch gefliest worden.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Du musst auch fangen!

Das wär’s dann aber auch schon mit der Originalität. Der neue Kollege, der vom Bewerbungsfleck weg engagiert wird und gleich den ersten Fall mitbetreuen darf, schleppt in der Auftaktfolge so lange den Derrick-Pappaufsteller durchs Büro, bis auch der letzte Depp verstanden hat, wie furchtbar ironisch das gemeint ist.

Und Vera Lanz, die “Chefin” eben, hat von den Autoren nicht nur eine coole Lederjacke verpasst bekommen, sondern auch diese unverwechselbare Charaktereigenschaft: sie ist leidenschaftliche Erdnussesserin. Aus dem Hintergrund schwappt in ein, zwei Szenen mal kurz die mysteriöse Horizontale herüber, weil der Kommissarinnengatte vor vier Jahren bei einem Einsatz ums Leben kam und es sich dabei womöglich gar nicht um einen Unfall handelte.

Aber diese Nebenhandlung ist so lieblos an den schnarchigen Erstmord rangepappt, dass er jederzeit wieder abfallen kann. 

Somit passt “Die Chefin” eigentlich hervorragend auf den Sendeplatz am Freitagabend: nicht schlecht gemacht, aber warum man dafür das nächste Mal wieder einschalten soll, weiß nur das ZDF.

Am Sonntag zuvor haben es regelmäßige Pro-Sieben-Zuschauer mal kurz Angst bekommen: Was ist denn mit dem Aiman Abdallah los? Geht’s dem nicht gut? Wo ist er überhaupt? Der braucht doch sonst keinen Urlaub!

Statt Abdallah stand auf dem festzementierten “Galileo”-Sendeplatz nämlich der Andreas-Türck-Gesichtsdoppelgänger Ulrich Crüwell, der sonst bei der sympathischen Experimentierfirma Probono irgendwelche schon wieder abgesetzten Talkrunden betreut und jetzt auch mal vor die Kamera wollte. Weil bei Pro Sieben gerade “Tolerance Day” war, ging das in Ordnung. 

Also hat Crüwell sich für “Der große Toleranztest” (bei prosieben.de ansehen) mit einem Vollzeitnudisten nackig in dessen Vorgarten gestellt, einen objektophilen 29-jährigen mit einem Besuch in einem Kernkraftwerk beglückt und ein Paar zu besucht, bei dem der Altersunterschied zwischen ihm und ihr 28 Jahre beträgt. All diese Leute hat Crüwell gefragt, was für sie Toleranz ist, ob sie das Gefühl haben, selbst welche zu erfahren – und wie es mit der eigenen gegenüber ihren Mitmenschen steht. Und zwar meistens ziemlich direkt, manchmal beinahe unverschämt – aber kein einziges Mal spöttisch.

Es ist ein bisschen überraschend, so was bei Pro Sieben zu sehen. Aber vielleicht hat’s deshalb trotz des sperrigen Titels funktioniert.

Noch dazu gab es beim “Toleranztest” wirklich was zu lernen. Nämlich, dass manche Menschen, die gerne akzeptiert wissen wollen, dass sie nicht so sind wie die Norm, selbst mit Akzeptanz geizen. 

Zum Beispiel die unsympathischsten Veganer der Welt, mit denen Crüwell sich auf ihrem Hof unterhalten hat, und die am liebsten die ganze Welt zu ihrem Lebensstil bekehren würden, dabei aber bloß lächerlich verbohrt wirken. Und die Familie, die ihren Glauben als Zeugen Jehovas leben, bei der aber die Mutter auf Crüwells Frage antwortet, wie sie reagieren würde, wenn eines ihrer Kinder nicht mehr mitmacht: dann bräche sie den Kontakt ab.

“In den letzten drei Wochen haben mehr Menschen den Yeti gesehen als die neue Sendung von Thomas Gottschalk” – das war schon mal gar kein so unlustiger Einstieg in Monika Grubers neue Sendung “Leute Leute”, die vom ZDF als Boulevardsatire angekündigt wurde, sich dann aber doch als abgepauste “heute show” entpuppte, bei der lediglich das Politikerpersonal durch andere Unsympathieträger ausgetauscht wurde (Sendung in der ZDF-Mediathek ansehen).

Geich einen ganzen Haufen Autoren hat der Sender verpflichtet, damit Gruber sich nicht alle Boshaftigkeiten alleine ausdenken muss, und einen Photoshop-Profi, der ihr lustige Fotomontagen auf die Studioleinwand projizieren kann.

Es gibt ein Tischgespräch mit Experte, die vorgetäuschte Live-Schaltung zur aufgedrehten Korrespondentin, einen (tatsächlich ganz lustigen) Live-Reporter, der Scarlett Johannson am Roten Teppich bei der Berlinale zu sich gerufen hat, um ihr zu sagen: “Last chance to leave this unbelievingly boring event!” Und Oliver Kalkofe, der offensichtlich gerade dringend Geld braucht, so intensiv wie er gerade durchs deutsche Fernsehen tourt.

Gruber ist als Oliver-Welke-Ersatz auch nicht übel, zumindest wenn ihr (wie bei “Wetten dass…?” im vergangenen Jahr) keiner die Kärtchen wegzieht, von denen sie die Gags ablesen muss.

Vielleicht erklärt der Redaktion jetzt noch jemand, dass schon alle Lothar-Matthäus-Witze gemacht sind, dann kann sich das ZDF ausdenken, welche Traditionssendung als nächstes regelmäßig persifliert werden soll.

Wo wir gerade bei Witzen sind, die schon gemacht wurden: Nach der Pleite mit der “Wochenshow”-Neuauflage hat sich Ingolf Lück wieder weitgehend aus dem Rampenlicht der Fernsehöffentlichkeit zurückgezogen und kaspert weitgehend unbeachtet im Bezahlfernsehen vor sich hin. Das ist im nun folgenden Fall relativ schade. 

Für jede Episode der Sat.1-Comedy-Reihe “Wir lieben…” ist Lück in ein europäisches Land gereist, um an Ort und Stelle zu überprüfen, wie die Deutschen dazu stehen – indem er die naheliegendsten Klischees überprüft (Trailer bei sat1comedy.de ansehen).

In Neapel schlappt er als Mafiabosskarikatur verkleidet durch den Baumarkt und testet Zementeimergrößen. Im Trikot der italienischen Nationalmannschaft lässt er sich in hochdramatischen Schwalbenbewegungen in der Fußgängerzone fallen, um die schauspielerischen Fähigkeiten der Spieler nachzuempfinden. Er tritt gegen einen neapolitanischen Pizzabäcker an, mit Zutaten aus einem deutschen Discounter. Und macht aus der Gestikulierfreudigkeit der Einheimischen kurzerhand ein Quiz.

Weil kein Geld für einen Sidekick da war, wird ständig der Tonassistent vor die Kamera gezerrt – der Lück beim Eiskugelwerfen kräftig einsaut und dann beleidigt motzt: “Ja, du musst auch fangen!”

So albern und platt das alles ist: Es erfüllt genau seinen Zweck. “Wir lieben…” hilft ein knappes Dreiviertelstündchen beim Kopfabschalten, nicht mehr und nicht weniger, und könnte genauso gut im Wochenendvorabend beim großen Sat.1 laufen.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: ZDF, Pro Sieben, Sat.1 Comedy

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.