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Die Woche im Fernsehen: Tim Mälzers Schweinehund bockt rum

03.03.2012, 06:08 Uhr  ·  Tim Mälzer stürzt die Diätindustrie in die Krise; Axel Prahl lässt sich vom WDR beim Urlaubmachen in Lissabon zusehen; Dennis Gastmann ist ausnahmsweise mal zuhause geblieben und bei einer Vereinsfeier eingeladen; Murat Topal fährt "Quiz Taxi"; und Sarah Kuttner ist wieder total Zwinker-zwinker. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Von

Der große Ernährungs-Check | Das Erste
Wunderschön | WDR
Der Gastmann | WDR
Quiz Taxi Reloaded | Kabel 1
Bambule | ZDFneo

Schweißgebadet schreckt der Diätbuchautor aus dem Schlaf. Er hat gewusst, dass es eines Tages passieren würde. Aber dann war der Alptraum doch schlimmer als gedacht: Tim Mälzer hat im Fernsehen gesagt, dass Pommes und Hamburger gar nicht fett machen!

Neiiiiiiin!

Und jetzt steht eine ganze Industrie vor dem, ähm, Scherbenhaufen ihrer Fettpolstervermeidungs-Beratschlagung? Ganz so dramatisch ist es nicht.

Dabei wäre die Abschaffung jeglicher Diätliteratur die einzig konsequente Schlussfolgerung aus Mälzers neuestem Ess-Versuch “Der große Ernährungs-Check”, für den sich 45 Testmänner in drei Gruppen haben einteilen lassen, um zwei Wochen dreimal täglich lecker Essen von Mälzers Team gekocht zu kriegen: die einen viel Gemüse und Nudeln, die anderen schön Hausmannskost, und die dritten ausschließlich Fastfood (über ältere Tests stand auch schonw as im Fernsehblog). Jedes Team hat dieselbe Kalorienmenge bekommen, der einzige Unterschied war, dass die einen deswegen haufenweise Futter auf dem Teller hatten und die anderen mit fettigen Minimahlzeiten auskommen mussten.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Tim Mälzers Schweinehund bockt rum

Am Ende ist rausgekommen, dass es für die Gesundheit der Versuchsesser völlig unerheblich war, welcher Gruppe sie angehörten.

Und Mälzer hat gesagt: “Mein innerer Schweinehund bockt rum.” (Wahrscheinlich hatte der Angst, auch noch auf dem Teller zu landen.)

Dabei muss er das gar nicht, denn der “Ernährungs-Check” war glücklicherweise überhaupt nicht mit den dämlichen Flachtests vergleichbar, mit denen das Erste zuletzt Discountern und Billigtextilschleudern auf die Schliche kommen wollte, sondern war als ernsthaftes Experiment mit wissenschaftlicher Begleitung angelegt. Anstatt das Ergebnis in einen langweiligen Fachaufsatz reinzukehren, hat das Erste eine ziemlich sehenswerte 45-Minuten-Doku draus gemacht (komplett in der Das-Erste-Mediathek ansehen). Deren Ergebnis mag streitbar sein – aber das ist nun wirklich das Beste, was dem schnarchigen Verbraucherfernsehen der ARD passieren kann.

Mälzer war selbst ziemlich experimentierfreudig, hat sich nach einem Grünkohlfleischgelage Blut abzapfen lassen und nach dem Sahnejoghurtlöfflen in den Kernspintomograph gelegt, um vom Arzt erklärt zu bekommen, wie sein Hirn auf fetthaltiges Essen reagiert.

Ganz ohne Zusatzermahnung wollte die ARD ihre Zuschauer dann aber doch nicht ins drohende Frittenfiasko entlassen. Kurz vor Schluss erinnerte Mälzer daran, dass im Experiment alles frisch gekocht war, nicht aus dem Tiefkühler gezogen. Und dass sich das Team bei der Zubereitung peinlich genau an die vorgegebene Kalorienzahl hielt: “Wer jetzt rausgeht und sagt: Ich kann mir jeden Dreck reinpfeifen, der hat die Dokumentation falsch verstanden.” Für alle, die’s richtig verstanden haben: Könnte die ARD jetzt öfter so spannende Alltagsaufklärung machen?

Das mit den Kalorien sagen wir Axel Prahl jetzt lieber nicht. Der ist nämlich schon ganz wohlgenährt in den Urlaub entschwunden. Und die leckeren Törtchen, der Portwein und die frisch zubereiteten Muscheln, die er in Portugal aufgetischt bekam, haben bestimmt nicht zur Entschlackung beigetragen.

Den Zuschauern kann’s egal sein, denn beim Gastmoderieren der Reisesendung “Wunderschön” hat Prahl so eine gute Figur gemacht, dass der WDR ihn gerne öfter fortschicken darf. In typischer Urlaubsmontur – also: Ringelshirt mit Dreiviertelhose, Schlappen und Rucksack – ist der Schauspieler mit seiner Freundin durch die Altstadt von Lissabon geschlendert, hat die schönsten Sehenswürdigkeiten abgeklappert, mit einem Fernsehkoch am Herd gestanden, ein Duett mit einer Fado-Sängerin geklampft, sich im Nachtleben versenken lassen und am anderen Morgen mit Kopfschmerzen versucht, die Texte für den Münster-“Tatort” auswendig zu lernen, der in einer Woche im Ersten läuft. Was man halt so als Normalo im Urlaub alles macht.

Das Angenehme daran war nicht nur hervorragende Mischung aus Reisetipps, Hintergrundinformationen zu Land und Leuten und Klamauk – sondern dass Prahl die ganze Zeit so glücklich und zufrieden aussah als würde er seinen bisherigen Job jederzeit bereitwillig hinschmeißen, um hauptberuflicher Reisefernseheneintüter zu werden. Und dass die gute Laune abgefärbt hat.

Für alle, die gerade keine Zeit oder kein Geld für eigenen Urlaub haben, ist die “Wunderschön”-Extraausgabe ein prima Ersatz. Selbst wenn nach 90 Minuten schon wieder alles vorbei ist (bei wdr.de ansehen).

Irgendwie auch blöd: Da muss so ein Land erst pleitegehen, bevor das Fernsehen wissen will, wie’s eigentlich den Menschen geht, die dort wohnen. Seit Griechenland die Kohle ausgegangen ist, hat die Zahl der Hintergrundreportagen über die dortigen Lebensverhältnisse um gefühlt 150 Prozent zugenommen (siehe z.B. Fernsehblog von neulich).

Womöglich wollte Dennis Gastmann, der sonst für den NDR um die Welt reist, diesmal zuhause bleiben. Immerhin war dann Zeit, um sich zum Vereinsjubiläum des deutsch-griechischen Fußballclubs Hellas Troisdorf einladen zu lassen. Den FDP-Europapolitiker Jorgo Chatzimakakis und den Börsenauskenner Dirk Müller hat er mitgenommen, und dann wurde, Sie haben’s erraten: ausführlich gesoffen.

“Der Gastmann” ist ganz kleines, unspektakuläres Fernsehen, und eh man sich versieht, ist die “politisch-satirische Talk-Reportage” (WDR-Eigenauskunft) auch schon wieder rum. Aber das kann auch daran liegen, dass man das Gefühl hat, selbst dabei gewesen zu sein an diesem Abend, als bei Bierchen und Ouzo Investmenttipps die Runde machten (“Lass die Finger von der Commerzbank!”), Schuldenrückzahlungsdiskussionen mit Grillresteessen vermischt wurden und Chatzimakakis mit dem örtlichen CDU-Bürgermeister ins Gespräch über Lokalpolitik kam:

Bürgermeister: “Jetzt haben wir hier Schwarz-Grün.”
Chatzimakakis: “Und? Klappt?”
Bürgermeister: “Besser als mit der FDP.”

Der Namensgeber der Sendung hält sich eher im Hintergrund, um aus selbigem dann die ungewöhnliche Runde zu kommentieren (ganze Folge bei wdr.de ansehen). Dass zwischendurch in hübschen Animationen auch noch die Geschichte des antiken Griechenland und die der Entstehung des Geldes abgefeiert werden, ist fast schon zuviel. Und sonst kann “Der Gastmann” jetzt gerne öfter kommen.

Kurze Trink- und Essenspause: Im “Quiz Taxi Reloaded” darf nämlich nicht gekrümelt werden. Anlässlich seines 20. Geburtstags hat Kabel 1 den Klassiker wieder flott gemacht, Comedian Murat Topal ans Steuer gesetzt und ist die Woche testweise durchs Vorabendprogramm gekurvt.

Was jetzt genau “Reloaded” daran sein sollte, wurde nicht erklärt. Das einzige, das sofort auffiel, war die eingebaute LED-Decke im Taxi, auf der Eurozeichen und Countdowns blinken, was eher nervt. Aber sonst ist alles wie immer: Als spontane Quizkandidaten müssen Taxigäste während der Fahrt Fragen beantworten und werden – wenn sie alle Joker verspielt haben – auf die Straße gesetzt. Kreativitätspreis lässt sich damit keiner mehr abräumen, aber im Vergleich zu dem Schrott, der um diese Zeit sonst so läuft, ist das “Quiz Taxi” immer noch eine Perle der Vorabendunterhaltung (erste Folge bei kabeleins.de ansehen).

Eine Fortsetzung ist trotzdem unwahrscheinlich. Gleich das erste Kandidatenpaar hat Topal schließlich um 920 Euro ärmer gemacht. Damit dürfte das Kabel-1-Budget für Eigenproduktionen für die nächsten Wochen erstmal erschöpft sein.

Gar nichts Schlechtes dabei, diese Woche?

Nee, und das, obwohl ZDFneo “Bambule” in Serie geschickt hat. Seit dem Testfunk in der “TV Lab”-Woche hat sich am Konzept nicht viel verändert: Magazinmama Sarah Kuttner latscht durch Berliner Innenhöfe, kommt aus Hauseingängen raus und lässt haufenweise gelbe Trams an sich vorbeifahren, während sie abwechselnd mit Großstädtern, Forschern und Promis Luxusprobleme bespricht. Diesmal ging’s darum, dass das Männermaterial um die 30 verweichlicht (in der ZDF-Mediathek ansehen) – was zuvor bereits monatelang in allen Gesellschaftsteilen der Zeitungen ausgelutscht wurde.

Warum es sich dabei zuzusehen lohnt, wie Kuttner sich zwischendurch belegte Brötchen und halbe Hähnchen in den Mund stopft, ließ sich bisher nicht zufriedenstellend klären. Und wenn es verboten würde, Interviews mit “Du bist der Coolste, vielen Dank” zu beenden, wäre das deutsche Fernsehen ganz sicher ein besserer Ort.

Aber man wird ja wohl neugierig sein dürfen, wie “Bambule” aussähe, wenn man das Ding mal nicht mit so einem Windelweichthema vollstopfen würde, bei dem am Ende nichts und null an Erkenntnis übrig bliebe. Sondern mit irgendwas Ernsthaftem, Aufrüttelndem, einer steilen Eigenthese oder einer provokativen Dahinbehauptung.Dann darf der Rest ruhig auch so bleiben: der anstrengende Schnitt, der ungeheure Interviewaufwand für die paar Sekunden Knallerzitate, sogar Kuttner mit ihren besonders kecken Kuttnerzwinkereien. Anders gesagt: Relevanz ist das neue Wir-wollen-nicht-Erwachsen-werden!

Soviel für diese Woche.

Screenshots: Das Erste, WDR, Kabel 1, ZDFneo

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.