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Die Woche im Fernsehen: In den Müll oder in den Mund

16.03.2012, 22:35 Uhr  ·  Uwe Ochsenknecht ist von 13th Street im Hotel eingesperrt worden, um Gruselgeschichten zu erzählen; das ZDF schnüffelt im Geschäftsleben des Karstadt-Investors herum; das "Terra X"-Special zur Superzeitlupe ist gründlich misslungen; und RTL 2 kombiniert überraschend Voyeurismus mit Tiefgründigkeit. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Von

Die 13. Wahrheit | 13th Street
Mister Karstadt | ZDF
Schneller als das Auge | ZDF
Notruf – Rettung aus der Luft | RTL 2

Uwe Ochsenknecht sitzt an der Hotelbar, Martini mit Olive bitte, die Olive fällt vom Spieß, Ochsenknecht seufzt, er steht auf, nimmt die Olive vom Boden, führt sie zum Mund, hält inne, überlegt, dreht sich zur Kamera und sagt…

“Meister Proper – so sauber, dass man vom Boden essen kann”?

Nein, Unfug, Ochsenknecht sagt: “Tja. Was nun? In den Müll oder in den Mund?” Dann erzählt er den Zuschauern “Die Sache mit der Zunge”, eine “wahre Geschichte” von einer Frau, der ein Schmetterling aus der Zunge schlüpft, weil sie sich im Thailand-Urlaub beim Briefumschlaglecken geschnitten hat und durch einen unbemerkten Larventransfer unfreiwillig zur Brutstätte wurde. Sachen gibt’s! Und genau diese Sachen erzählt Ochsenknecht seit der vergangenen Woche täglich beim Bezahlsender 13th Street. So langsam und gemächlich, dass man zwischendurch überlegt, ob irgendwer an der Abspielgeschwindigkeit gedreht hat. Aber das geht nach ein paar Folgen von alleine wieder weg.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: In den Müll oder in den Mund

Jede Episode beginnt mit einer kurzen Hotelszene, die eine Mini-Einleitung liefert, bevor der Alltagsgrusel im Anschluss mit animierten Zeichnungen erzählt wird. “Die Sache mit dem Klopfen”, “Die Sache mit dem Rollerfahrer” – jede Menge Geschichten aus der, nein: nicht aus der Gruft, aber zumindest aus der Vermischtes-Spalte.

Vor jeder neuen “Sache” sagt Ochsenknecht: “Kennen Sie gar nicht?” Oder: “Sie haben gar nichts davon mitbekommen?” Dann legt er los.

Wegen der Geschichten müsste man “Die 13. Wahrheit” eigentlich nicht einschalten. Manche sind überraschend, andere eklig, einige fast tragisch Aber bei der Inszenierung hat sich ein ganzer Haufen Leute offensichtlich so viel Mühe gegeben, dass in den jeweils sechseinhalb Minuten mehr Liebe zum Detail steckt als in so mancher Dreistundenshow (die jeweils aktuelle Folge ist bei 13thstreet.de ansehbar, ältere leider nicht mehr).

Spannungsaufbau und Timing stimmen auf den Punkt, die fernsehuntypische Langsamkeit ist eine Provokation unserer Sehgewohnheiten und die Hotelszenen wurden allesamt in Kinoästhetik gedreht. Wenn 13th Street jetzt noch die miese Tonqualität in den Griff kriegt und Ochsenknecht nicht mehr, wie’s scheint, per Skype offsprechen muss, lässt sich nur hoffen, dass bald ein Batzen Geld vom Himmel fällt, damit der Sender mal was Größeres eigenproduzieren kann.

Das hat man jetzt davon als menschenfreundlicher Investor mit den gut sitzenden Anzügen, dem sympathischen Dialekt und dem Öko-Ruf davon: Da lädt man so ein daher gelaufenes Kamerateam auf sämtliche selbst veranstalteten Wohltätigkeitskonferenzen ein, gibt gleich mehrere Interviews – und dann erlauben die sich einfach so, nebenbei auch noch auf eigene Faust zu recherchieren! Unverschämt.

Richtig zufrieden wird Nicolas Berggruen mit dem Ergebnis jedenfalls nicht gewesen sein, das diese Woche mit dem Titel “Mister Karstadt” im ZDF zu sehen war (ganze Doku in der ZDF-Mediathek ansehen).

Gut, es ist ihm gelungen, die Journalisten so weit auf Distanz zu halten, dass ihre Reportage als Porträt wirklich gründlich misslungen wäre – weil das einzige, das man nachher über Berggruen weiß, ist, dass er gerne Schokolade isst.

Als porträtverkleideter Versuch, dem strahlenden Kaufhausretter nicht nur wirtschaftliche, sondern auch moralische Schlampigkeit nachzuweisen, funktioniert die Doku aber allemal. Mit großer Akribie sind die beiden Autoren durch die Welt gereist, um sich Berggruens bisherige Engagements und Investitionen genauer anzusehen. Was sie dabei herausgefunden haben, lässt das öffentliche Image des freundlichen Herrn ziemlich wackeln. Man muss das wirre Firmengeflecht und die Subventionsabrufe nicht mal komplett verstehen, um zu erkennen: Irgendwas ist da faul.

Berggruen hat die Gelegenheit, sich zu allen Recherchen zu äußern. Das einzige, was er sagt, ist: “Ich bin da nicht involviert.” Auch Fans werden danach zugeben müssen: Da ist der Investorenlichtgestalt mal kurz das Licht ausgeknipst worden.

Auf dem “Terra X”-Sendeplatz läuft im ZDF gerade “Schneller als das Auge”, eine zweiteilige Doku über Superzeitlupe, in der es erstaunlich wenig um Superzeitlupen geht, dafür aber um mittel- bis unspannende Experimente, die nachträglich zum Spektakel gekloppt werden mussten.

Also: Willkommen im “unsichtbaren Universum” von “atemberaubender Schönheit”! Mit “Momenten voller Magie”! Ein “Zauber der Langsamkeit”, der nichts Geringeres ist als “eine Offenbarung”! Ein “Fest für unsere Augen”! Mit “Highspeedkameras der Superlative”! Im ersten Teil wurden die gebraucht, um eine Eule, pardon: ein “Zauberwesen der Wälder” beim Fliegen zu filmen, einem Pferd, pardon: einem “Jahrhunderthengst” bei Dressurübungen zuzusehen und eine Formel-1-Fahrerin, pardon: ein “Ausnahmetalent in Sachen Geschwindigkeit” auf der Rennstrecke zu begleiten.

Wer weiß, was die BBC in ihren Naturfilmen mit Superzeitlupen anstellt, der wird beim Ansehen dieser völlig verunglückten Sensationssimulation weinen müssen.

Zumal bereits in der ersten Hälfte, als der Superkamera zuliebe unter Wasser ein Steak gesprengt wird, selbst das Experimentierniveau von “Galileo” bereits deutlich unterschritten ist (in der ZDF-Mediathek ansehen).

Wenn echte Notärzte, die mit dem Hubschrauber in den Alpen unterwegs sind, ihre Einsätze selbst mit der Schulterkamera filmen: Ist das dann die authentische Dokumentation eines schwierigen Berufsalltags – oder die Vorlage für sensationslüsterne Gafferei? Wenn das Ergebnis bei RTL 2 läuft, erübrigt sich normalerweise die Frage. Aber so leicht ist das in diesem Fall nicht. 

Zunächst einmal handelt es sich bei “Notruf – Rettung aus der Luft” – kaum zu glauben – nicht um Scripted Reality, sondern um reale Einsätze, bei denen die Kamera stets dabei ist, wenn sich die Ärzte aus dem Heli auf kurvige Gebirgsstraßen oder in Steinschlaggebiete abseilen. Die Zuschauer sind allerdings oft näher dran als ihnen lieb sein kann. 

Als das Team zu einem verunglückten Motorradfahrer fliegt, den es den Hang hinuntergefetzt hat, wird der komplette Noteinsatz mitgefilmt, und spätestens als der Mann vor Schmerzen schreit, während er auf die Trage gehoben wird, ist klar: Hier geht’s nicht um ein paar blaue Flecke. Bei einem zweiten Einsatz will das Team einen Wanderer versorgen, der von einer Gerölllawine erfasst wurde. Aber das einzige, was nach der wackeligen Abseilaktion am Boden in der Schulterkamera zu sehen ist, sind: Pixel. Und der Sprecher sagt: “Für den Mann kommt jede Hilfe zu spät.”

Sowas gehört eigentlich nicht ins Fernsehen. Erst recht nicht zu einem Sender, der danach ganz selbstverständlich in die Werbung schaltet. 

Aber erstaunlicherweise gibt es in “Notruf” noch eine zweite Ebene, auf der versucht wird, der Rettungscrew näher zu kommen. In Einzelinterviews erzählen Ärzte, Piloten und Bordtechniker, wie sie den ungeheuren Druck bewältigen, der auf ihnen lastet; dass es bei den Einsätzen immer wieder zu Grenzerfahrungen kommt; und dass sie ihre Hilfe einmal fast selbst mit dem Leben bezahlt hätten, als ein vollbesetzter Helikopter abstürzte. In diesen Momenten ist tatsächlich etwas über den Alltag der Retter zu erfahren, das über die Sensation hinausgeht (ganze Folge bei rtl2now.de ansehen).

Und trotzdem passt in dieser Sendung – die RTL-2-Mitbesitzer Herbert Kloiber mit seiner TMG produziert und womöglich höchstpersönlich im Programm untergebracht hat – einiges nicht zusammen. 

Es gibt unfassbar private Szenen, in denen der Arzt dem Ehemann sagt, dass seine Frau einen Herzinfarkt hatte und er ihnen mit dem Auto jetzt ins Krankenhaus nachfahren könne – aber nicht so schnell, damit nicht noch was passiert. Und im nächsten Moment donnert schon wieder die überflüssige Elektromusik los, um Spannung zu pumpen. Keine Ahnung, was davon zu halten ist. Wissen Sie’s? Dann schreiben Sie es doch in die Kommentare.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: 13th Street, ZDF, RTL 2

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.