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Die Woche im Fernsehen: Der Koala an sich duscht ja nicht

31.03.2012, 06:16 Uhr  ·  Elton und Simon beenden ihre gespielte Dauerrivailtät bei Pro Sieben als Ganzkörperblaueflecke; der WDR feiert schöne Tierparks in einer unterirdischen Hitlistenshow; n-tv hat eine hochseriöse Nazi-Reportagereihe produziert; und Kabel 1 inszeniert "Die Geldeintreiber" als "K11"-Schultheaterversion. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Von

Elton vs. Simon – Die Liveshow | Pro Sieben
Die beliebtesten Tierparks in Nordrhein-Westfalen | WDR
Alltag unterm Hakenkreuz | n-tv
Die Geldeintreiber | Kabel 1

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, was mit den Spielideen passiert, die für “Schlag den Raab” entwickelt werden, dann aber doch wieder verworfen – weil sie zu teuflisch sind, um unschuldige Millionärsanwärter damit zu quälen? Ganz einfach: Die werden alle aufgehoben. Um ihre Wirkung zu einem geeigneten Zeitpunkt am Hauspersonal zu testen.

Also saß Elton am vergangenen Samstagabend schon nach einer Stunde völlig zerstört auf einer Bierbank im Studio, den Kopf Richtung Erdmittelpunkt gesenkt, und murmelte “Jetztistmirrichtigschlecht”, während Moderatorin Johanna Klum eilig die rettende Werbepause herbeimoderierte, um die Zuschauer zuhause nicht Zeuge werden zu lassen, wie sich Eltons flehentliche Bitte nach der Rückführung seines Abendessens erfüllte. Ursprünglich hätte “Elton vs. Simon – Die Liveshow” ja bloß ein gebührender Abschluss für die gespielte Dauerrivailtät der beiden Pro-Sieben-Kumpel werden sollen, die vor acht (!) Jahren mal als Mini-Wettbewerb begann. Aber dann entwickelte sich der Abend für die Hauptprotagonisten doch eher zu einer Drei-Stunden-Gelegenheit, sämtliche Sünden, die sie in den kommenden Jahren zu begehen gedenken, schon mal im Voraus abzubüßen (komplette Show bei myspass.de ansehen). Und natürlich, um als Ganzkörperblaueflecke nachhause zu gehen.

Indem sie sich selbst gegen Wände tackern, in einer Wanne über offenem Feuer um die Wette schwitzen, Batterien und Käsereiben mit der Zunge ertasten, sich in rollenden Riesenbällen ankleiden und mit einem Laubsägerbläser von einem Drehgewinde herunterschrauben.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Der Koala an sich duscht ja nicht

Die fatalen Spielkombinationen hätten vermutlich auch den härtesten Raab umgeworfen. Erst recht, wenn zwischendurch ein Handballhüne wie Stefan Kretzschmar den Trainer Gnadenlos gespielt hätte. Gosejohann und die “fliegende Bockwurst im Neoprenanzug” (Kretschmar über Elton) ließen sich trotzdem durch 16 Duelle scheuchen und sorgten mit Schweiß und Schmerzensschreien für wechselnde Rezeptionsmöglichkeiten. Erstens: Ist das nicht unfassbar unterhaltsam? Und zweitens: Muss das denen nicht einer verbieten?

Glücklicherweise hatte Elton schon vorher angekündigt, dass dies für ihn das letzte Duell mit Gosejohann sein werde. Obwohl die Quote nachher fantastisch war. Obwohl Pro Sieben sich ein dickes Preisgeld sparen konnte. Und obwohl Elton, als er im letzten Spiel mit Minimalvorsprung den kompletten Abend gewann, stolz wie ein Klops, der beim Hürdenlauf Erster wird, auf Kretzschmar zustürmte und brüllte: “Was sagste jetzt???”

Zu diesem Zeitpunkt müssen die 120 Tennisbälle, die ihm vorher aus der automatischen Ballwurfmaschine auf die Wampe geschleudert worden waren, die Vernunftentscheidung aber schon unumkehrbar festgerüttelt haben. Man darf das mit dem Prepaid-Sünding halt auch nicht übertreiben.

Gegen solchen Privatsenderquatsch kann das öffentlich-rechtliche Fernsehen natürlich seine ganze Seriosität in die Waagschale werfen. Und was läge näher, als das mit einer der Kernkompetenzen der Dritten Programme zu versuchen: Hitlisten. “Heute wird die Sendung tierisch gut”, versprach Thomas Bug zu Beginn von “Die beliebtesten Tierparks in Nordrhein-Westfalen”, einer 45-minütigen Aneinanderreihung tierbabyillustrierter Ausflugtipps, die nur halb so schlimm gewesen wäre, hätte nicht ständig irgendeine Prominentenaushilfe ihren Senf dazu gegeben (kein Online-Video).

So wissen wir jetzt nämlich nicht nur, dass der Wuppertaler Zoo es im WDR-Gaga-Ranking trotz nagelneuem Eisbärenbaby nur auf Platz 6 geschafft hat, das kleinste Huhn der Welt auch nicht verhindern konnte, dass der Vogelpark Heiligenkirchen weit abgeschlagen auf einem der letzten Plätze rangiert, während der Kölner Zoo elefantenbedingt, aber dicht gefolgt von der Gelsenkirchener Drei-Kontinente-Erlebniswelt auf Platz 1 landete.

Sondern auch, dass Bug davon abrät, kuschelige Eukalyptusstinker auf den Arm zu nehmen (“Der Koala an sich duscht ja nicht”), Rebecca Simoneit-Barum eine Eule imitieren kann und Schauspieler Michael Lesch, der sich seine Expertenkompetenz mit einer Rolle in der 1992 beendeten Serie “Ein Heim für Tiere” erarbeitet hat, bisher ein Geheimnis mit sich herumtrug: “Ich zum Beispiel liebe Erdmännchen.”

Man kann nur hoffen, dass die Tierwelt niemals die menschliche Sprache zu entschlüsseln lernt, weil sie sich beim Ansehen dieser WDR-Höchstleistung sonst wahrscheinlich eilig selbst eine Weltraumarche zimmern würde.

Lediglich zwölf 20 Jahre nach seiner Gründung ist n-tv ein Licht aufgegangen, dass es gar nicht übel wäre, auch mal selbst eine seriöse Reportagereihe zu produzieren. Am besten was mit: Nazis. Natürlich. Gleich zehn Teile sind es geworden, in denen Friedrich von Thun Amateuraufnahmen vor und während des Zweiten Weltkriegs kommentiert, die jeweils zu einem Themenschwerpunkt geordnet wurden und den “Alltag unterm Hakenkreuz” erzählen sollen (kein Online-Video). Das ist tatsächlich gelungen, selbst wenn der Nazireportagen-Laie Schwierigkeiten haben dürfte, die “exklusiven” Schwarzweißbilder von den schon zigmal verknoppten zu unterscheiden. Dass sich n-tv nur einen Experten pro Folge leisten kann, der nicht einmal vor einem dramatisch angeleuchteten Schwarzhintergrund sitzen darf, ist geradezu erholsam.

Nur von Thuns Zwischenmoderationen sind gewöhnunsgsbedürftig: “Welche Rolle die Hitlerjugend im Zweiten Weltkrieg spielt, sehen Sie nach einer kurzen Pause.” Erst kaufen Sie gefälligst noch ein gebrauchtes Auto, trinken ein Bier und ordern diesen neuen Smartphone-Tarif!

Ganz anderer Fall: “Sie kommen in Schwarz. Bei ihnen wird nicht lange diskutiert. Sie sorgen für Gerechtigkeit.” Nein, es handelt sich nicht um die erste Leichenbestatter-Soap bei Kabel 1. Stattdessen hat der Sender zweieinhalb Inkassoherren in Türsteherverkleidung, die mit Hardrockuntermalung für flüssigen Zahlungsverkehr sorgen, zu den neuen Sympathieträgern seines Vorabendprogramms auserkoren: “Machete”, Ronny und Chef Sammy, von dem der Sender weiß: “Schulden sind sein Geschäft.”

(Und wenn sich jemand mit Schulden auskennt, dann ja wohl Pro Sieben Sat.1.)

Die Aufregung über vermeintlich unseriöse Praktiken hätte sich der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen freilich sparen können, wenn er die alte Fernsehregel beachtet hätte: Erstmal zu Ende gucken. Denn obwohl “Die Geldeintreiber” arg bemüht sind, durch Verpixelungen und “Ey, was soll die Kamera?”-Protagonistenbeschwerden Realität vorzutäuschen, sind die Fälle natürlich alle – “frei erfunden”. So steht’s nicht nur im Abspann, sondern auch den bärtigen Schränken auf die Stirn geschrieben, die ungefähr so talentiert schauspielern als würden sie eine Schultheaterversion von “K11 – Kommissare im Einsatz” einstudieren (komplette Folgen bei kabeleins.de ansehen).

Handyladenbetrug, Schrottpressenbetrug, Unterhaltsbetrug – es ist immer dasselbe, mit dem die Kabel-1-Kassierer sich herumplagen, bevor sie ein debiler Off-Kommentar im Feierabend verschwinden lässt: “Es war ein harter Tag. Aber die Jungs kennen es nicht anders. Auch wenn sie hart im Nehmen sind: Die Eindrücke müssen dennoch sacken. Sie sind hart. Aber herzlich.”

Hallo, Sie da, Herr Hausmeister? Wären Sie so freundlich, mal rauf in den Kabel-1-Autorenraum zu gehen und dort die schreibenden Äffchen von der Leine zu nehmen? Die brauchen dringend Urlaub!

Soviel für diese Woche.

Screenshots: Pro Sieben, WDR, n-tv, Kabel 1

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.