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Ohne Kabel Deutschland geht am Wochenende das Fernsehen unter

27.04.2012, 11:48 Uhr  ·  In der Nacht zum Montag wird in Deutschland die analoge Satellitenübertragung beendet, und seit Monaten überschlagen sich die Sender mit Informationskampagnen dazu. Kabel Deutschland hat seine ganz eigene Strategie, potenzielle Neukunden zu "informieren": mit Märchenstunden, an deren Ende überflüssige Verträge unterschrieben werden.

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In der Nacht zum Montag wird in Deutschland die analoge Satellitenübertragung beendet, und seit Monaten überschlagen sich die Sender mit Informationskampagnen dazu.

(Nochmal in Kurzform: Wer bisher einen analogen Receiver unter der Glotze stehen hat, muss sich sehr bald mal einen digitalen kaufen.)

Für alle, die gar keine Lust haben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sind in deutschen Innenstädten kleine gelbe Fallen aufgestellt worden. Die Fallen heißen: Kabel-Deutschland-Shops. Und wer nicht aufpasst und reinläuft, kommt mit einem völlig überflüssigen Vertrag wieder raus.

Bild zu: Ohne Kabel Deutschland geht am Wochenende das Fernsehen unter

Vor den Shops stehen pechschwarze Warnschilder, die einen riesigen Flachbildschirm zeigen, der bloß Schneekrisel empfängt. Mittendrin steht: “Am 30.04.2012 wird das analoge Sat-TV abgeschaltet!” Das Datum und “abgeschaltet!” sind in ein blutiges Rot getunkt. Darunter ist eine rot durchgestrichene Satellitenschüssel zu sehen. Kabel Deutschland rät: “Anschluss mit Zukunft: Kabelfernsehen!” Na, dann testen wir doch mal, wie gut die angebotene Beratung im Laden klappt. (Alle Zitate aus dem Gedächtnisprotokoll.)

“Guten Tag. Nächste Woche wird doch das Satellitenfernsehen abgeschaltet. Was muss ich da machen?”

Die Märchenstunde kann losgehen.

“Sie müssen zu uns kommen, sozusagen”, sagt der freundliche Berater, der blitzschnell erkannt hat, dass der Kunde vor ihm von Technik nicht viel versteht. “Ansonsten werden Sie ohne Fernsehen bleiben. Das ist das Schlimme. Das wird abgeschaltet vom Staat. Aber wir können einfach einen Vertrag machen. Die Verträge fangen schon ab 2,90 Euro an zum Glück.”

“Bisher hab ich doch gar nichts bezahlt.”

“Weil es ja Satellit war. Das zahlt man auch nichts. Aber das wird ja jetzt abgeschaltet. Ich weiß nicht wieso, vielleicht will der Staat Geld verdienen. Analog wird auf jeden Fall abgeschaltet. Das Digitalzeitalter ist da, kennen wir ja. Und dann müssten Sie halt einen Kabelanschluss beantragen.”

Das ist natürlich Quatsch. Der einzige Grund, wegen der analogen Satellitenabschaltung einen Kabelanschluss zu beantragen, wäre das sehnsüchtige Verlangen, sich an ein Unternehmen zu fesseln, das mit Vorliebe undurchsichtige Tarifirrgärten pflanzt, Kunden an Hotlines regelmäßig falsch berät und sie so lange mit Werbung bombardiert, bis sie endlich auch einen Internetanschluss dazu kaufen.

Das Schlimmste wäre aber: Man müsste sein Fernsehen künftig über Kabel Deutschland empfangen.

Der Berater ist gerade in Fahrt: Eine Woche dauere es, bis der Anschluss da sei. “Aber ich weiß nicht, ob es ab 30.4. teurer wird. Weil: dadurch, dass abgeschaltet wird, und die Leute das nehmen müssen, werden die Preise denk ich mal steigen. Als darauf aufpassen! Also wenn, dann wirklich vor dem 30.4. abschließen.”

Eine Frage noch: Gibt es echt keine Alternative? Was ist denn dieses Fernsehen übers Internet – ist das nicht zu empfehlen?

“Eigentlich nicht. Da muss man eine extrem starke Internetleitung haben, und die hat keiner, sogar die Telekom. Da müssen Sie eine 100.000er-Leitung haben. Also machen Sie lieber einen vernünftigen Kabelanschluss.”

Wenn das so ist, unterschreib ich das natürlich. Gleich morgen. Eine Broschüre würde ich gerne noch mitnehmen, in der steht ja bestimmt alles drin. “Werden Sie sowieso nicht verstehen”, sagt der freundliche Verkäufer, gibt sie aber trotzdem raus. Und er hat Recht: Drin steht, dass die Verträge, die schon ab 2,90 Euro anfangen zum Glück, für mich “ab 18,90 Euro mtl.” kosten. Versteh ich nicht. Auf die Rückseite ist die Adresse des Shops gedruckt, falls ich zwischendurch irgendwo mein Gehirn liegen lasse. “Jetzt hier beraten lassen und bares Geld sparen”, lautet der Hinweis darüber. 

* * *

Aber kann das wirklich sein? Dass ohne Kabel Deutschland am Wochenende das deutsche Fernsehen untergeht? Zuhause hege ich Zweifel und ringe mich zu einem kurezn Anruf an der Kabel-Deutschland-Beratungshotline durch, nur zur Bestätigung. Die Frau ist schon genervt, als es um die Abschaltung geht, und hat eine wichtige Information: Wenn ich jetzt schon analog über Satellit fernsehe, brauche ich Kabel Deutschland gar nicht! Sie sagt: Ich brauche einfach gar nichts machen.

Dann ist ja alles gut. Und bald viel mehr Zeit zum Lesen.

Haben Sie ähnlich spannende Erfahrungen mit Kabel Deutschland gemacht? Dann ab damit in die Kommentare. (Bitte ohne Beschimpfungen.)

Foto: Fernsehblog

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.