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Die Woche im Fernsehen: Frauen sind wie ein Laborinth

10.05.2012, 15:03 Uhr  ·  Für "DSDS Kids" ersetzt RTL Dieter Bohlen durch eine exakt gleich aussehende Dauerlächelhyäne; eine "37 Grad"-Reportage hat keine Fragen zum Casting-Wahn; beim neusten "Wege ins Glück" hält sich das ZDF artig an den Telenovela-Dreisatz; Dieter Kronzucker kürzt die Menschenrechte ab; und Viva macht richtig Party. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Von

DSDS Kids | RTL
Mein Traum vom Superstar | ZDF
Wege zum Glück – Spuren im Sand | ZDF
Countdown in Baku | Sat.1
Party, Bruder! | Viva

Die Kulisse konnte stehen bleiben, die Juryurteilversatzstücke waren auch noch mal wiederverwendbar, nur Dieter Bohlen musste durch eine exakt gleich aussehende Dauerlächelhyäne ersetzt werden – und schon konnte RTL am vergangenen Wochenende mit “DSDS Kids” auf Sendung gehen, einer mit rosa Glitzersternchen aufgekuschelten Harmlosvariante seiner Skandal-Singsoap. War natürlich Bohlens Idee, hat die Lächelhyäne in der Show verraten: “Das hat lange gedauert, bis es endlich durch war, und jetzt probieren wir das. Ich glaube, das wird ein großer Erfolg.”

Natürlich. Und dass “DSDS Kids” so plötzlich ins RTL-Programm rückte, hat bestimmt nichts damit zu tun, Sat.1 von vornherein die Idee zu vermasseln, ein deutsches “The Voice Kids” zu machen, das John de Mol kürzlich in den Niederlanden erfolgreich gestartet hat.

Also schleuste RTL am Wochenende die ersten zehn Trällerknirpse durch den Samstagabend (ganze Show bei rtl-now.de ansehen). Wer später mal gutes Erwachsenencastingshowfutter werden will, kann mit dem Training gar nicht früh genug anfangen. Wenn Bohlen mit seinen beiden Assistenzkätzchen nicht ständig dazwischengelobt hätte, wäre das vermutlich gar nicht so schlimm gewesen. Denn die Kleinen sind ja alle – so süß. Wie sie Popgrunzgeräusche nachahmend die Choreographien ihrer Idole nachtanzen und sich dabei im auswendig gelernten Englisch verheddern. (Lediglich die Achtjährige, die eine Schlumpfversion des – von Bohlen geschriebenen – Pietro-Lombardi-Vorjahreshits sang, wird ihren Auftritt angesichts der real existierenden Social-Media-Verhältnisse vermutlich mit Pubertätsbeginn stark bereuen.)

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Frauen sind wie ein Laborinth

Anstrengend war der Abend vor allem für Jurynebendarstellerin Dana Schweiger, die alle Mühe hatte, ihre drei vorher zurechtgelegten Lobesausdrücke für zehn verschiedene Auftritte zu variieren. Hunziker kann das natürlich besser.

Die vielen “Das war wirklich toll” und “Du hast das klasse gemacht” sorgten dann auch durchweg für strahlende Kindergesichter und vor Rührung flennende Eltern. Aber all das Vorgehätschel, dem sich die Hyäne nahtlos anschloss, macht die Vernichtung umso härter, die dem Nachwuchs blüht, wenn er in ein paar Jahren im für RTL runterputzfähigen Alter wiederkommt.

Ganz ohne Casting will auch das ZDF nicht sein. Die Nachwuchsschlaumeiersuche “Ich kann Kanzler” will halt kaum jemand sehen. Also hat die “37 Grad”-Redaktion sich dem Phänomen einfach mal mit einer grundseriösen Reportage genähert, in deren Verlauf sich die Einschlafgefahr vor dem Fernseher verdreifacht (in der ZDF-Mediathek ansehen). Der “The Voice”-Drittplatzierte Max Giesinger sammelt Facebook-Mädchen für spontane Straßenkonzerte in der Mannheimer Innenstadt ein und hofft, dass doch noch eine Karriere vom Himmel fällt. Eine Kandidatin der ZDF-Kika-Show “Dein Song” gewinnt nicht das Finale. Und Ex-“DSDS”-Teilnehmerin Lisa Bund erzählt ganz traurig von der “schönsten Zeit in meinem Leben”. Inzwischen hilft sie im Unterwäscheladen ihrer Eltern aus und plant ein Comeback mit einer Schlagerplatte, von der man bei “Mein Traum vom Superstar” ohne jegliche Vorwarnung erste Ausschnitte zu hören kriegt.

Jeder der drei Protagonisten darf beteuern, wie wichtig ihm die Musik ist – aber dass das mindestens in einem Fall angezweifelt werden muss, stört die Autoren weiter nicht. Sie haben keine Fragen, trauen sich keine Einordnung, wollen nichts erzählen. Zu einem solchen Thema derart überflüssige 30 Minuten zu machen: Das muss man erstmal hinkriegen.

Noch einen Höhepunkt hat das ZDF seit dieser Woche am Nachmittag im Programm: die mit allem technischen Schnickschnack zurechtidyllisierte Telenovela “Wege zum Glück – Spuren im Sand”, bei der sich vier Jugendfreunde in ihrer Ostseeheimat wiedertreffen, um die üblichen Klischees zu durchleiden. Die Serie glänzt als Bewegtbildentsprechung zurechtgephotoshoppter Programmzeitschriftencover und hält artig den üblichen Telenovela-Dreisatz ein: “Ich hab die Richtige noch nicht gefunden, vielleicht such ich zuviel”, “Ich werde nicht zulassen, dass uns irgendwer voneinander trennt” und “Ich war schon lange nicht mehr glücklich, jedenfalls nicht mit dir”. Da hilft’s auch wenig, dass der erste von zwei Heiratsanträgen bereits nach 11 Minuten folgt (Folge 1 in der ZDF-Mediathek ansehen). Weil wirklich jeder weiß, wie’s weitergeht.

Diese Menschenrechte sind natürlich lästig. Aber ganz weglassen – das hat sich Dieter Kronzucker auch nicht getraut, als er seine Sat.1-Reportage “Countdown in Baku” im Schneideraum zu einer losen Folge von Videoaufnahmen aneinanderkleistern ließ. Weil’s im Fernsehen lästigerweise Bilder braucht, um einen Erfahrenen-Reporter-Off-Kommentar drüberzulegen. Ganze 36 Sekunden braucht Kronzucker, um das “Demokratiedefizit” und die “Missachtung der Menschenrechte” in Aserbaidschan abzuhandeln, natürlich nur als Behauptung der Opposition (kein Online-Video).

Den Rest seiner Landesreportage füllt der Ex-Journalist mit großem Staunen über die Metropole, in der Ende des Monats der Eurovision Song Contest Station macht: “Wolkenkratzer züngeln in den Himmel”, “U-Bahn-Stationen wie Raumlabors”, “eine Fahne aus schwerer Seide”, “in Schaufenstern der Mode- und Autobranche nur das Edelste” – und erst dieser freundliche Staatspräsident! “Seine attraktive Frau ist übrigens die Schirmherrin.” Im Panzerknacker-Outfit spricht Kronzucker mit Managern neuer Hotelanlagen (und weiß: “Alles vom Feinsten”), macht unglaubliche Entdeckungen (“Mir fiel die besonders hohe Zahl an Highheels auf: Stöckelschuhe!”), erzählt aber immerhin auch vom politischen Konflikt mit Armenien und dessen fatalen Auswirkungen.

Sein Fazit? “Was die Statistik angeht, rangiert dieses Land in den Menschenrechten ziemlich weit hinten, hat aber einen Spitzenplatz verdient, was die religiöse Toleranz, die Frauenrechte und auch die Gastfreundschaft angeht.” Na, wenn das so ist, kann man ja – was die Statistik angeht – mal drüber hinweg sehen. Über diese Menschenrechte.

Im Abspann steht: “Mit Dank an (…) die Gastfreundschaft Aserbaidschans.” Und vielleicht sollte mal darüber diskutiert werden, ob alternden Journalisten irgendwann der Fernsehführerschein weggenommen werden muss.

Soviel Ironiebereitschaft hätte man Viva gar nicht mehr zugetraut: “Mittwoch, 15.22 Uhr – Sonnenbank” lautet eine der ersten Ortsangaben der – ähm: neuen Dokusoap “Party, Bruder!”, die sonst vornehmlich den Wochenendalltag von fünf Vorstadtcheckern dokumentiert: “Meine Jungs und ich haben uns fest vorgenommen, für das nächste halbe Jahr ordentlich Party zu machen, koste es was es wolle.” Da behaupte noch mal einer, die Jugend von heute habe keine Ziele mehr. Und Viva keine ambitionierten Eigenproduktionen (ganze Episoden bei viva.tv ansehen).

Vor allem haben die Partybrüder aber von vorneherein ihre feste Rolle: “der Süße”, “der Charmeur”, “das Model”, “der Tänzer”, “der Boss”. Der Boss sagt: “In Essen-Borbeck sind wir auf jeden Fall die Coolsten, so. Wir sind bekannte Gesichter.” Und jetzt noch viel bekannter, seitdem das Fernsehen zeigt, wie die Gang bauchmuskelschauläuft, erfolglos discoflirtet, sich gegenseitig die Haare stylt und beim gemeinsamen Ankleiden für den Clubbesuch schonungslose Aufrichtigkeit walten lässt: “Ich bin ehrlich, Bruder: Die Hose passt nicht.”

Viva sagt dazu – kein Wort. Die Jungs quatschen sich mit ihren Angebereien schon ganz gut selbst um Kopf und den hochgestellten Kragen. Vielleicht macht das ja “Party, Bruder” so unterhaltsam. Oder es sind die fantastischen Lebensweisheiten, die sich auch für eher durchschnittlich gut egoaufgepumpte Zuseher aus dem ungeschönten Checkeralltag herausdestillieren lassen: “Manche Frauen sind wie ein Laborinth. Ich muss durchs Laborinth und vielleicht komm ich am Ende an.” Merken Sie sich bitte auch den “Geschäftsmann”-Move: “Wenn die Haare nach hinten stehen, kommen die Weiber, weil die denken, dass ich Geld habe.”

Wenn das so einfach ist: schönes Wochenende!

Soviel für diese Woche.

Screenshots: RTL, ZDF, Sat.1, Viva

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.