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Die Fernseh-Erklär-Marotte von Roger Schawinski

24.05.2012, 09:21 Uhr  ·  Auch wenn sein Abgang als Sat.1-Geschäftsführer schon fünfeinhalb Jahre her ist, kann es Roger Schawinski nicht lassen, sich permanent als Superexperte zum Geschehen im deutschen Fernsehen zu äußern. Das Fernsehblog analysiert, woher das kommt – und prognostiziert exklusiv: Besser wird das Programm davon nicht.

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Schawinski, Schawinski, Schawinski, Schawinski: Auch wenn sein Abgang bei Sat.1 schon fünfeinhalb Jahre her ist, kann es der Schweizer nicht lassen, sich permanent als Superexperte zum Geschehen im deutschen Fernsehen zu äußern (gerade wieder auf blog.persoenlich.com). Dieses permanente Geplapper führt zu interessanten Erkenntnissen, wie der (sich selbst am wichtigsten nehmende) Ex-Sat.1-Chef funktioniert – oder eben nicht.

Erstens: Bloß weil man mal die Bilanz eines mittelerfolgreichen deutschen Privatsenders vorübergehend mit einer gut laufenden Telenovela aufgebessert hat, ist man nicht automatisch befugt, dauerhaft Besserwissereien auf die Leute abzufeuern, die sich nicht schnell aus dem Staub gemacht haben, als absehbar war, dass es mit ihrem Sender bergabgehen würde, weil eine Neuentwicklung nach der nächsten floppte.

Zweitens: Über das Scheitern (oder wie Schawinski sagt: “kollektive Versagen”) der Moderatoren Thomas Gottschalk, Harald Schmidt, Johannes B. Kerner und Oliver Pocher nach ihren Senderwechseln zu schreiben, nachdem das bereits alle deutschen Medienseiten erledigt haben, ist ein bisschen lahm.

Drittens: “Ob eine Sendung Erfolg hat oder nicht, ist von viel mehr Faktoren abhängig, als selbst die besten Fachleute meist annehmen” und “Nur wenn wirklich alle Ingredienzen stimmen, verhindert man einen Totalabsturz und eine schnelle Absetzung” sind Schawinskis kluge Ratschläge an die Fernsehkollegen in Deutschland. Deshalb läuft auch “Anke Late Night” acht Jahre nach dem Start immer noch erfolgreich.

Viertens: Harald Schmidt genüsslich reinzuwürgen, dass sein größter Fehler war, sich nach seinem langjährigen Sat.1-Engagement Ende 2003 eine “sogenannte ‘kreative Pause’” zu nehmen, weil er damit die sogenannte “Kontinuitätsregel” der (amerikanischen) Late Night verletzt habe, ist nachtragend und kindisch – weil es bekanntlich Schawinski war, zu dessen Amtsantritt Schmidt bei Sat.1 hinschmiss. (Abgesehen davon gibt es wirklich genug anderen Blödsinn, den man Schmidt genüsslich reinwürgen könnte.)

Fünftens: Irgendwelche fadenscheinigen Regeln aus dem Ausland ins deutsche Fernsehen übertragen zu wollen, ist sowieso Quatsch. Sonst hätte Sat.1 mit den Serien-Klons zu Schawinskis Zeiten einen irren Erfolg haben müssen. (Hat er damals ja auch noch geglaubt.)

Sechstens: Markus Lanz, Jörg Pilawa, Kai Pflaume, Matthias Opdenhövel oder Günther Jauch als Moderatoren in einen Topf zu werfen, wäre selbst für Journalisten, die nie fernsehen und trotzdem drüber schreiben, tabu. Das ist nämlich totaler Quatsch.

Wird das Fernsehen durch diese Binsen besser? Ganz bestimmt nicht. Schawinski wird trotzdem nicht damit aufhören. (In Branchenkreisen ist diese Art Zwang untder dem Fachausdruck “Thoma-Effekt” bekannt.) Wahrscheinlich wünscht er sich eine Talkshow, in der er sich die ganze Zeit über mit sich selbst unterhalten kann. Darauf wird er wohl noch viele Jahre warten, während die ehemaligen “TV-Götter” einfach irgendwann neue Sendungen moderieren, weil sie eine der wichtigsten Regeln des heutigen Fernsehens verstanden haben: Es reicht nicht, immer nur alles besser zu wissen. 

(Außer natürlich als lizensierter Medienjournalist.)

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.