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Die Anti-Telenovela: Filmpool erklärt den Erfolg von "Berlin Tag & Nacht"

04.06.2012, 08:17 Uhr  ·  Mit Marktanteilen bei den jungen Zuschauern, die deutlich über 10 Prozent liegen, ist "Berlin Tag & Nacht" der größte RTL-2-Erfolg seit Jahren. Vor allem junge Zuschauer schalten ein. Im Fernsehblog schildert Filmpool-Produzent Vittorio Valente, wie sich die Scripted-Reality-WG vom Beinahe-Flop zum Vorabend-Renner entwickelt hat.

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Mit Marktanteilen bei den jungen Zuschauern, die deutlich über 10 Prozent liegen, ist “Berlin Tag & Nacht” der größte RTL-2-Erfolg seit Jahren. Produziert wird die Fernseh-WG von Filmpool, das sich in den vergangenen Jahren zum Scripted-Reality-Spezialisten entwickelt hat (“Familien im Brennpunkt”, “Verdachstfälle”, “Verklag mich doch”). Bei BTN spielen keine professionellen Schauspieler, sondern ausschließlich Laien in ausgedachten Geschichten – aber oft auch nicht schlechter als so mancher “GZSZ”-Kollege.

Im Fernsehblog erklärt Filmpool-Produzent Vittorio Valente, wie “Berlin Tag & Nacht” zum Erfolg geworden ist.

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1. Die Anti-Telenovela-Strategie

Im Vorabend von RTL 2 haben die Protagonisten keine Schmetterlinge im Bauch, sondern Ganzkörpertätowierungen; sie sind auch nicht verliebt in Berlin, sondern süchtig nach Party; und statt der Hand aufs Herz legen die meisten lieber den Finger in die Wunde und streiten lautstark mit ihren Mitmenschen. Die Zeit der Telenovela-Märchenerzähler und Wohlfühl-Soaps scheint endgültig vorbei zu sein. Für die Zuschauer von BTN soll alles möglichst so aussehen wie in ihrem eigenen Leben. Was in den Szenen passiert, haben sich Autoren ausgedacht, exakte Dialoge sind aber nicht vorgegeben. Stattdessen wird improvisiert. Valente sagt: “Am besten wäre es, wenn der Eindruck entsteht: Das ist quasi live, was da passiert – aber nicht, weil wir die Zuschauer täuschen wollen, sondern weil diese Machart eine besondere ist: dass man das Gefühl hat, am Leben der Protagonisten teilzuhaben.”

2. Ausprobieren und lernen:

“Wir haben bei ‘X-Diaries’ zum ersten Mal versucht, in einem Real-Entertainment-Format Geschichten über mehrere Folgen zu erzählen. Das hat gut funktioniert”, erklärt Valente – auch wenn es in der zweiten Staffel einen deutlichen Quotenknick für die prolligen Urlaubs-Storys gab. (Und vorher schon deutliche Kritik von Jugendschützern.) Letztlich entstand aber aus “X-Diaries” die Idee, eine Serie zu konzipieren, deren einzelne Folgen nicht mehr in sich abgeschlossen sind. Der jetzige Erfolg von BTN hat wiederum Einfluss auf die nächste “X-Diaries”-Staffel: “Wir wollen künftig auch bei ‘X-Diaries’ Geschichten erzählen, die über eine Woche hinausgehen”, sagt Valente.

3. Social Media ist die beste Marktforschung

“Berlin Tag & Nacht” ging ohne vorherige Marktforschung auf Sendung, die Quoten waren mies, aber auf Facebook sammelte die Fernseh-WG derart schnell Fans, dass ihr eine schnelle Absetzung erspart blieb. Aus dem sozialen Netzwerk heraus entwickelte sich BTN dann zum Hit mit insgesamt 1,7 Mio. “Gefällt mir”-Fans, die entweder den Fernseher einschalten oder die Folgen bei rtl2now.de sehen. Gleichzeitig funktioniert Facebook als idealer Rückkanal für die Macher: “Wir nehmen das ernst, wenn besonders viele Leute bei Facebook auf einen bestimmten Eintrag reagieren”, sagt Valente. Ohne solche Rückmeldungen könne es passieren, dass man als Programmmacher auch mal an der Lebenswelt seiner Zielgruppe vorbeierzähle. Am höchsten sind die Marktanteile bei den 14- bis 19-Jährigen. “Was ein Jugendlicher mit 14 oder 15 Jahren täglich unternimmt, spielt ja nicht immer in der Realität des Autors eine Rolle. Über Facebook kriegen wir das aber regelmäßig gespiegelt.”

4. Jeder spielt, was er kann

Wozu Schauspieler beschäftigen, wenn auch Laien überzeugen – indem sie einfach sie selbst sind? “Wir haben uns Leute rausgepickt, die schon in anderen Formaten gespielt haben, und an die wir geglaubt haben. Wir haben mit ihnen gearbeitet, um herauszufinden: Was bringen sie mit? Was können sie leisten? Wo sind die Stärken und die Schwächen?”, erklärt Valente. Schauspielern ist bei “Berlin Tag & Nacht” strikt verboten. “Das ist immer noch ein Job, für den man sich ausbilden lassen muss.” Die BTN-Protagonisten sollen nur das darstellen, was sie auch wirklich glaubhaft können. Um tiefgründige Romanzen zu erzählen, wäre Sympathenschluffi Ole vermutlich nicht so geeignet – aber den Versuch, als Schlagersänger Karriere zu machen, nimmt man ihm problemlos ab. “Ole hat tatsächlich ein Faible für diese Schlagerwelt. Er weiß selbst, dass er nicht der beste Sänger ist. Er hat trotzdem Spaß dran und muss sich dafür nicht verstellen. Solche Figuren kann man sich nicht ausdenken”, sagt Valente. Um bei “Berlin Tag & Nacht” dabei zu sein, haben sich die meisten Hauptdarsteller eine Auszeit von ihren richtigen Jobs genommen – Filmpool zufolge “im Einvernehmen mit ihren Arbeitgebern und Familien”.

5. Ein kleines Budget ist voll ok

Bei BTN gibt es nur ein, zwei Kameras,keine Außendrehs, die aufwändig vorbereitet werden müssen, und kein teures Studio. “Kulissen interessieren uns nicht. Wenn wir im Club drehen, dann während des laufenden Betriebs. Das macht es günstiger, vor allem aber: viel authentischer”, erklärt Produzent Valente. Das ist etwas schwieriger geworden seitdem die Darsteller von den Zuschauern auf der Straße erkannt werden, aber immer noch ein großer Vorteil, um die Ausgaben gering zu halten. Die Frage ist nur, wie lange es dauert, bis die ersten nach höheren Gagen fragen. Valente sagt: “Es ist kein Geheimnis, dass wir nicht das Budget zur Verfügung haben, mit denen Daily Soaps gedreht werden. Das wussten unsere Darsteller von Anfang an.”

6. Andere Länder haben auch große Städte

Nach dem Erfolg in Deutschland sind Sender im europäischen Ausland auf “Berlin Tag & Nacht” aufmerksam geworden. Zu konkreten Projekten will sich Valente derzeit nicht äußern – aber vielleicht gibt’s bald “Day & Night”-Ableger bei unseren Nachbarn. Außerdem wird spekuliert, dass fürs deutsche Publikum ein Ableger in einer anderen Großstadt produziert werden könnte. Filmpool-Produzent Valente sagt: “Wir haben definitiv noch keine Wohnung in Köln angemietet.”

Foto: RTL 2

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.