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Das geheime Tagebuch der Annika Kipp

05.06.2012, 09:54 Uhr  ·  Seit vergangener Woche zeigt Sat.1 werktags um halb acht sein neues Magazin mit den "drei H's: Haltung, Humor und Herz". Und mit Annika Kipp. Das Fernsehblog hat Aufzeichnungen zugespielt bekommen, wie die Moderatorin ihre ersten fünf Arbeitstage bei "push - Das Sat.1-Magazin" erlebte und dokumentiert sie ungekürzt.

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Seit vergangener Woche zeigt Sat.1 werktags um halb acht sein neues Magazin mit den “drei H’s: Haltung, Humor und Herz”. Und mit Annika Kipp. Das Fernsehblog hat Aufzeichnungen zugespielt bekommen, wie die Moderatorin ihre ersten Arbeitstage erlebte und dokumentiert sie ungekürzt.

Bild zu: Das geheime Tagebuch der Annika Kipp

Erster Tag
Liebes Tagebuch, heute hab ich zum ersten Mal mein neues Sat.1-Magazin moderiert, für das sich die Redaktion einen ganz tollen Namen ausgedacht hat: “push”. Das ist Englisch und heißt soviel wie: drück. Ich hab erst gedacht, dass das ein bisschen zu offensichtlich ist – weil ich mich da ja echt ein bisschen um die Arbeit drücke. Bei der Straßenumfrage, ob die Leute den Siegertitel vom Eurovision Song Contest erkennen, hab ich in der Sendung nämlich einfach so getan, als sei ich die ganze Zeit dabei gewesen. Dabei hab ich mit den Kollegen vom Frühstücksfernsehen ganz lange Mittag gemacht und die Praktis haben gedreht. Ist aber niemandem aufgefallen.

Später musste ich dann doch noch raus, weil die Redaktion mich filmen wollte, wie ich ganz verrückt über die Oberbaumbrücke springe. Dabei hab ich gar nix sagen dürfen. Aber nicht, weil ich heiser war oder so. Das ist nämlich das Konzept vom “push”: Dass ich immer im Bild bin, aber nicht den Mund aufmachen darf fürs Sprechen. Eigentlich hat mich der Sender zu so einer Schulung in der Constanze-Rick-Schule für Bauchrednerei schicken wollen. Hätte ich auch total gerne gemacht. Aber weil so gespart werden muss, haben dann alle gesagt: Fang einfach wieder an zu reden, wenn wir in der Redaktion sind, und der Techniker fummelt das dann mit den Bildern zusammen. Mir ist das recht, laufen und reden ist zusammen sowieso nicht so einfach.

Mein Lieblingsbeitrag in der Sendung war übrigens der, wo ich zu Heidi Klum nach L.A. geflogen bin und mit den Kandidatinnen vom “Germany’s Next Topmodel” geübt habe, wie man gut läuft. (Brauch ich ja auch in echt für den Job!) Die Heidi hatte gleich einen Supertipp für mich: “Du musst dich im Kopf konzentrieren, nicht im Gesicht.” Das fällt mir noch ein bisschen schwer. Tschüß bis morgen.

Zweiter Tag
Liebes Tagebuch, heute hat meine Redaktion gemerkt, dass das mit dem Konzept vom “push” doch nicht so klappt, wie die sich das ausgedacht haben. Gott sei Dank hat keiner gelesen, was der Sender in der Pressemitteilung geschrieben hat, weil das war schon im Mai. “Bei uns stehen nicht Prominente im Vordergrund. Wir zeigen Alltagshelden und ihre Geschichten”, stand da als Zitat von mir drin. (Dabei hab ich das ja nie so gesagt, das war der nette Typ aus der Pressestelle, mit dem ich essen war.) Heute ging’s aber echt nicht anders: Wir mussten die Sendung unbedingt mit der Straßenumfrage zu den Problemzonen der Promis anfangen. Immerhin ist dieses Paparazzi-Foto von der Britney Spears aufgetaucht, wo die ganz beulige Beine hat.

Später haben noch zwei Typen Essen aus Konserven gepimpt, und das haben wir dann von Leuten testen lassen, die nichts davon wussten. Hihi, das war lustig. Als wir denen dann gesagt haben, dass alles aus der Dose kommt, hat einer gemeint: “Ich bin entsetzt, aber im positiven Sinne.” Auf Facebook hat mir nachher jemand geschrieben, das ginge ihm mit der Sendung ähnlich, nur umgekehrt. Was hat der damit gemeint? Tschüß bis morgen.

Bild zu: Das geheime Tagebuch der Annika Kipp

Dritter Tag
Liebes Tagebuch, inzwischen hab ich schon ganz viele Moderationen fürs “push” gedreht, wo ich nicht den Mund aufmache. Das ist ziemlich schwer. Man muss auf der Straße stehen, sich drehen, überrascht gucken, ironisch grinsen, Schnütchen machen, geradeaus laufen und Grimassen ziehen. (Schnütchen kann ich am besten.) Heute hab ich sogar mit dem Ipad im Gras gelegen und so getan als wär ich im Internet. Am liebsten mag ich, dass meine Redaktion immer so superlustige Videos raussucht, und ich dann später sage: “Also heute hab ich eine Wahnsinnsgeschichte entdeckt.” Und dann zeigen wir das. Heute hatten wir einen ganz verrückten Drummer, der doll ausflippt. Also, das heißt: Wir haben einfach das Video von Youtube gezeigt. In der Sendung war der ja schon beim Stefan Raab (das ist ein ganz guter Kollege von mir) und ich hab dann in der Redaktion einfach über die Ausschnitte drübergeredet, und das war fast so als wär der auch bei mir gewesen.

Sonst war’s heute ein bisschen mau. Da haben wir einfach die Reportage verlängert über das Mädchen in London, das sich wie eine Puppe anzieht. Kam zwar gestern schon, aber das merkt eh keiner, sagt der Chef. Tschüß bis morgen.

PS: Hast du die peinlichen Promipatzer gesehen, die wir gezeigt haben? Voll lustig.

Vierter Tag
Liebes Tagebuch, heute war das Wetter echt mies, da hatte ich voll wenig Lust, lange draußen zu sein. Bei Regen krieg ich immer schlechte Laune. Da haben wir einfach im Solarium gedreht und ich musste voll lachen, weil: Ich hab mich gar nicht richtig sonnen wollen, aber die Lindsay Lohan hat 33.000 Euro Schulden im Solarium gemacht, und das war dann Topthema, und wir haben die Leute auf der Straße gefragt, ob sie sich für 100 Euro eine halbe Stunde auf die Sonnenbank legen würden, und die haben alle gesagt: Spinnt ihr?, und als dann doch eine ja gesagt hat, haben wir gesagt: Ätsch, reingefallen, war nur Spaß. (Die 100 Euro hab ich behalten, da geh ich am Samstag von shoppen.)

Später haben wir einfach den Ausschnitt vom Montag nochmal gezeigt, wo ich ins Kino gegangen bin und dem Kartenabreißer die leere Packung Popcorn in die Hand gedrückt habe. Hihi, der hat vielleicht komisch geguckt. Das mit dem Kino hat auch prima gepasst zu den Top 3 der “oscarverdächtigen Unfälle mit Glückspilz in der Hauptrolle”, die meine Redaktion bei Youtube geklaut, äh: recherchiert hat. Gut, dass da keiner gestorben ist in den Videos. Das wäre sonst voll der Downer gewesen. Jetzt ist erstmal Wochenende! Zau-ber-haft! Tschüß bis Montag.

PS: Hast du die schrägen Jugendfotos von den Promis gesehen, die wir gezeigt haben? Voll lustig.

Fünfter Tag
Liebes Tagebuch, das Wochenende war toll, und als ich heute zur Arbeit kam, hat die Redaktion gesagt: Wir machen was mit Hunden. Weil: Da ist ein ganz süßer Jack-Russell-Terrier in ein Rohr geklettert und steckengeblieben und die Feuerwehr musste ihn wieder rausholen, fast so wie bei den chilenischen Bergarbeitern, nur nicht so tief. Und, stell dir mal vor: Der Hund hieß Elvis. Da hat die Redaktion gleich mal “In the Ghetto” dazu gespielt. Ich mag ja Hunde so, und hab dann im Park mit einem gespielt, und die Redaktion hat mich wieder gefilmt.

Das war mindestens genauso anstrengend wie das, was der Ulf gemacht hat: Der hat Toilettenpapier im Supermarkt gekauft und nachgezählt, ob wirklich 160 Blatt auf der Rolle sind, waren aber nur 158. Ganz schöner Betrug, oder? Dann hat er auch noch Streichhölzer, Kaugummis, Kosmetiktücher, Schrauben, Zahnstocher und Dosenlabskaus gezählt, und als er fertig war, hat er Leitern und Schläuche gemessen. Und dann war die Sendezeit auch fast schon wieder rum. Das geht immer so schnell, findest du nicht?

Jetzt brauch ich erstmal Pause. Das mit dem Draußenmoderieren ist doch anstrengender als gedacht. Aber macht nix, der Chef sagt: Wenn die Sendung weiter so läuft wie bisher, hab ich bald wieder mehr Zeit zum Tagebuchschreiben. Toll, oder?

Screenshots: Sat.1

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Veröffentlicht unter: Sat.1, Heidi Klum, Vorabend, Sat.1-Magazin, Push, Annika Kipp

 
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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.