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Überall Prinzessinnen: Die Königshaussehnsucht des ZDF

14.06.2012, 13:59 Uhr  ·  Um wöchentlich über den europäischen Hochadel berichten zu können, opfert das ZDF derzeit nicht nur seine Reportagereihe "ZDFzeit", die eigentlich mit anderem Anspruch gestartet war. Im Juli laufen die Königshaus-Berichte über "Nachwuchs für die Monarchie", "Blaues Blut und schwarze Schafe" und "Königliche Liebe" sogar am Samstagabend.

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Lange kann es nicht mehr dauern bis das ZDF bei der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten einen Antrag zur Wiederanschaffung eines deutschen Königshauses stellt. Zumindest wäre das der konsequente nächste Schritt, um der Royal-Berichterstattung des Senders endlich auch offiziell den Stellenwert als tragende Programmsäule zuzuschreiben, den sie inoffiziell schon lange hat.

Als Thomas Bellut im März Intendant wurde, klang das freilich noch anders. Die dpa berichtete damals:

“[Bellut] rief die ARD auf, sie solle mehr Bereitschaft zur Abstimmung zeigen. So sehr er den Wettbewerb mit dem Ersten schätze – ‘so wollen wir uns nicht mit Doppelübertragungen quasi unnötige Konkurrenz machen, das ist ja auch im Sinne der Gebührenzahler’, sagte Bellut. Nur bei massiven journalistischen Gründen seien Doppelübertragungen gerechtfertigt. ‘Royale Hochzeiten gehören nicht dazu.'”

So wie Sie das vielleicht verstanden haben, war das aber gar nicht gemeint. Konsequenterweise übertrug das ZDF die “Königliche Taufe in Schweden” am Morgen des 22. Mai dann auch alleine, ohne die ARD. Zweieinhalb Stunden lang. (Das “Leute heute spezial” am Abend nicht eingerechnet.)

Bild zu: Überall Prinzessinnen: Die Königshaussehnsucht des ZDF

Auch die “heute”-Nachrichten im Zweiten kommen (wie bereits im Fernsehblog berichtet) derzeit keine Woche ohne einen abschließenden Schlenker zur britischen Monarchie aus. Ende des vergangenen Jahres lief auch schon der Reportage-Dreiteiler “Königliche Affären!” (ja, mit Ausrufezeichen im Titel).

Doch die Königshaussehnsucht der Mainzer ist noch viel größer – so groß, dass dafür gerade die Reportagereihe “ZDFzeit” geschlachtet wird. Unter deren Namen sollten “opulente Dokumentationen” laufen, kündigte ZDF-Chefredakteur Peter Frey zum Start Anfang des Jahres an: “Was sind denn die großen Entwicklungslinien in unserer Gesellschaft? Das soll dort vorkommen.” Die großen Entwicklungslinien in unserer Gesellschaft, um die sich das ZDF derzeit am Dienstagabend kümmert, lauten:

“Königliche Liebe – Ein schwedisches Märchen” (am 22. Mai über “die Höhen und Tiefen des schwedischen Königshauses”); “Elizabeth II. – Die leidenschaftliche Queen” (am 29. Mai zum Thronjubiläum der britischen Queen); “Elizabeth II. – Die Queen und die Deutschen” (am 5. Juni nochmal zum Thronjubiläum der britischen Queen); “Endlich Prinzessin – Ein Jahr mit Kate und Charlene” (über “das erste Jahr im neuen Leben” des Fürsten von Monaco).

Im Anschluss killt das ZDF seinen Reportagesendeplatz am Dienstagabend übrigens für mehrere Wochen ganz, um dort neue Folgen von “Kommissar Stolberg” zu zeigen, wahrscheinlich weil’s am Krimifreitag schon so voll ist.

Die Royal-Themen verschwinden deshalb aber nicht aus dem Programm. Sie kriegen bloß einen besseren Sendeplatz: am Samstagabend um 19.25 Uhr. Am 7. Juli läuft zuerst der Film “Die kleinen Königinnen kommen” (über den “Nachwuchs für die Monarchie”), am 14. Juli “Blaues Blut und schwarze Schafe” (über “skandalträchtige ‘Ausreißer'” “in der Welt des Hochadels”) und am 21. Juli “Königliche Liebe – Doppelglück in Dänemark” (über “die kleinen Zwillinge des dänischen Kronprinzen Frederik und seiner Frau Mary”).

Nichts gegen ein paar ausgeruhte Königshausbetrachtungen pro Jahr. Aber die Schlagzahl, mit der das ZDF die gerade ins Programm drückt und dafür jegliche Alternative von den prominenten Sendeplätzen fegt, das ist echt – die Krönung.

Mehr zu den Reformerfolgen (und Niederlagen) des ZDF steht übrigens nächste Woche hier im Fernsehblog.

Foto: ZDF

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.