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Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Reporter gratulieren, Fußballer antworten – ein EM-Nachbericht vom "Fußball-Strand"

| 15 Lesermeinungen

Das Fernsehblog dokumentiert sämtliche Fragen, die ZDF-Reporter nach dem gewonnenen Vorrundenspiel der deutschen Nationalelf gegen Holland am Mittwochabend Trainer und Spielern gestellt haben. Weil dann klar ist, warum Fußballer manchmal so doofe Antworten geben: Die Journalisten lassen ihnen keine andere Wahl.

Es gehört zu den anspruchsvolleren Aufgaben dieser Europameisterschaft, als Zuschauer vor dem Fernseher einen ganzen Abend das verkorkste „EM-Studio“ des ZDF am so genannten „Fußball-Strand“ durchzuhalten, ohne dabei immer wieder in Schnappatmung zu verfallen – wegen des albernen Sendeorts auf einem künstlichen Usedomer Strandzipfel mit der sehr leeren Ostsee dahinter (anstatt wie die ARD: mit dem vollen Stadion im Rücken); wegen der Seniorenverwahrung auf nicht altersgerechten Liegestühlen am Strand davor; wegen der Clownhaftigkeit der beiden Moderatoren, die wie kleine Kinder zu glucksen anfangen, wenn wieder die Internet-Erklärtrulla vorbeischaut; wegen der sensationell schlechten „EM-Splitter“, die die Ereignisse des Tages auflockern sollen, aber besser in die Tonne gehört hätten als ins Programm.

Fast genauso schwer ist es, über all das zu schreiben, ohne sich dabei vollständig vom Zynismus überrumpeln zu lassen. (Obwohl das, wie die „Hamburger Morgenpost“ diese Woche bewiesen hat, ganz gut tun kann.) Besser ist’s, man bleibt ganz nah dran am Geschehen, so wie die Kollegen von „Zeit Online“, die den Dialog rund um Oliver Kahns erstmalige Live-Twitterbenutzung mit jedem einzelnen Stotterer erfasst haben.

Das Fernsehblog schließt sich dieser dokumentarischen Aufarbeitung der Ereignisse an: mit sämtlichen Fragen, die ZDF-Reporter nach dem gewonnenen Vorrundenspiel der deutschen Nationalelf gegen Holland am Mittwochabend an Trainer und Spieler gestellt haben. (In chronologischer Reihenfolge.) Weil dann ein für allemal klar ist, warum Fußballer manchmal so doofe Antworten geben: Die Journalisten lassen ihnen keine andere Wahl.

* * *

Jochen Breyer an Mario Gomez:

„Wie sehr mussten Sie zum Schluss noch mitzittern, als Sie ausgewechselt wurden?“

„War das zumindest phasenweise die Rückkehr der deutschen Leichtigkeit im deutschen Team?“

„Sie haben heute zwei wunderbare Tore geschossen. Nach ihrem Tor gegen Portugal wurden Sie trotzdem kritisiert. War das ‚ne Art Motivationsspritze?“

„Man hatte aber bei beiden Toren sehr das Gefühl, dass Sie vor Selbstbewusstsein strotzen. Wie sehr hat dieses Tor gegen Portugal denn noch Auftrieb gegeben die letzten Tage?“

„Die Mannschaft hat jetzt einen sehr, sehr großen Schritt in Richtung Viertelfinale gemacht. Hat sie sich auch’n bisschen in die Favoritenrolle bei dieser Europameisterschaft nun endgültig gespielt?“

Boris Büchler an Jérôme Boateng:

„Jérôme Boateng. Zunächst einmal Glückwunsch zum Sieg. Was waren so die wichtigsten Aspekte bei diesem verdienten Sieg aus Ihrer Sicht in der Abwehr?“

„Wo ist denn so die richtige Freude? Die verbergen Sie ja richtig!“

„Sie sind für das nächste Gruppenspiel gesperrt. Wie bitter ist das für Sie persönlich?“

Boris Büchler an Bastian Schweinsteiger:

„Bastian Schweinsteiger. Trinkt noch’n Schlückchen. Zunächst einmal: Glückwunsch, verdienter Sieg gegen Holland. Gegen Portugal hat man gesagt: Das war Ergebnisfußball. War das heute schon wieder ein Hauch – Erlebnisfußball?“

„Sie haben zweimal aufgelegt für Gomez, zwei Torvorlagen nach der Kritik nach dem ersten Spiel. Hätten sich noch’n bisschen zurückgehalten. War das jetzt wieder Bastian Schweinsteiger, so wie Sie sich das auch selber vorstellen?“

[Tolle Antwort von Schweinsteiger übrigens: „Nein, das war auch Schweinsteiger im ersten Spiel.“]

„Welchen Energieschub kann ein solcher Sieg auslösen mit Blick auf den weiteren Turnierverlauf?“

Bild zu: Reporter gratulieren, Fußballer antworten – ein EM-Nachbericht vom "Fußball-Strand"

Michael Steinbrecher an Jogi Löw:

„Ja, und wir sagen natürlich erstmal: Gratulation – 2:1-Sieg gegen Holland, zweiter Sieg im zweiten Spiel – ist ja nicht selbstverständlich. War das heute ein heißes Spiel – in jeder Hinsicht?“

„Ich hab gerade gesehen: hier, einfach ‚nen Gang weiter, haben Sie jeden Spieler nochmal abgeklatscht bevor er in die Kabine gegangen ist, umarmt. So’n Sieg gegen Holland: ist das schon was Besonderes?“

„Zweimal Vorlage Schweinsteiger, zweimal Torschütze Gomez: Sagen Sie uns doch, was hier besonders gut funktioniert hat.“

[Eine Strategiefrage! Später kommt noch eine, nur andersherum: „Stellvertretend für das, was noch nicht so geklappt hat, schauen wir uns mal das 1:2 an. Was hat da nicht funktioniert?“]

„Gomez jetzt nicht nur mit 3 Toren hier, das ist ja kein Zufall. Er hat in den letzten 12 Länderspielen 11 Tore gemacht. Zahlt man so Vertrauen zurück?“

„Bastian Schweinsteiger hat gestern noch gesagt: Ich glaub, dass ich wieder in Topform komm‘, aber ich kann nicht sagen, wie lange es dauert. Wie nah war er heute schon wieder dran?“

„Wenn wir jetzt nach vorne schauen, Sonntag das Spiel gegen Dänemark – noch nicht weiter, aber natürlich ‚ne glänzende Ausgangsposition. Wie wichtig ist Ihnen jetzt der Gruppensieg?“

„Wie zufrieden waren Sie, jetzt noch mal abschließend, mit der Defensive? Wir haben jetzt viel über die Offensive gesprochen. Wie zufrieden waren Sie insgesamt?“

„Zum Schluss noch eine kleine Beobachtung: Wir sehen einen Balljungen, der hat einen Ball in der Hand. Aber nicht mehr lange. [Im Ausschnitt schlägt Löw dem Jungen den Ball aus der Hand, beide grinsen sich an; Nachtrag: siehe dazu auch stern.de.] Waren Sie heute besonders gut drauf?“

„Gratulation nochmal zu dem Sieg.“

Boris Büchler an Philipp Lahm:

„Der Kapitän. Philipp Lahm. Zunächst einmal: Gratulation! Warum wurde aus dem dominanten Spiel der deutschen Mannschaft noch so’n Zittersieg?“

„Ihr Bayernkollege Mario Gomez hat zweimal getroffen. Inwieweit hat das jetzt schon märchenhafte Züge für ihn?“

Boris Büchler an Rafael van der Vaart (1. Versuch):

„Rafael van der Vaart. Es gibt sicher viele Gründe für die Niederla… – ja, sehr gut, ich wart noch mal’n Moment. Ich wollt‘ schon Niederlande sagen anstatt Niederlage. Das ist so ähnlich. Wir müssen zehn, fünf Sekunden warten, dann sind wir drauf.“

Bild zu: Reporter gratulieren, Fußballer antworten – ein EM-Nachbericht vom "Fußball-Strand"

Boris Büchler an Rafael van der Vaart (2. Versuch):

„Rafael van der Vaart. Es gibt sicher viele Gründe für die Niederlage. Nennen Sie uns die wichtigsten.“

„Was bedeutet das jetzt für das letzte Gruppenspiel für Holland? Kann man sich da noch mal für motivieren oder hat man die EM schon abgehakt?“

Michael Steinbrecher an Manuel Neuer:

„Erstmal Gratulation zum 2:1, Manuel Neuer. Der Bundestrainer hat jeden einzeln begrüßt in der Kabine. Sie sind jetzt schon frisch geduscht. Wie feiert man so einen Sieg in der Kabine?“

„Also richtig Partystimmung, kann man sagen?“

„Worauf mussten Sie heute besonders achten und was hat gut geklappt?“

„Sie haben ja die Leidenszeit von Bastian Schweinsteiger in den letzten Wochen und Monaten miterlebt: verletzt, rangekämpft, wieder verletzt, wieder rangekämpft. Jetzt hat er gestern noch gesagt: ja, ich weiß, ich kann besser Fußball spielen, und ich will auch noch besser spielen, ich komm dahin, aber ich weiß nicht, wie lange es dauert…“

[La Ola für die Frage bitte.]

„…wie sehr freuen Sie sich, dass er doch jetzt besser reinkommt?“

„Gratulation, Manuel Neuer.“

Boris Büchler an Mats Hummels:

„Mats Hummels. Sie leben Ihren Traum. Ihre erste EM. Wie groß ist das Abenteuer, wie groß ist die Abenteuerlust, hier jede Minute zu inhalieren in diesem Turnier?“

„Kurz nach der Halbzeit hatten Sie sogar noch ‚ne Torchance. Welche SMS von Kloppo hätten Sie denn bekommen, wenn Sie sogar noch’n Tor gemacht hätten?“

„Danke schön. Nochmal Glückwunsch.“

Screenshot: ZDF

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15 Lesermeinungen

  1. Genau deshalb schalte ich nach...
    Genau deshalb schalte ich nach dem Abpfiff konsequent aus.
    Die anderen Sender sind da nicht besser und was will man als Spieler nach einem 90 Minuten Spiel auch geistreiches sagen.
    Die Spieler sind völlig ausgepowert, vielleicht genervt und sollen dann noch sinnvoll Auskunft geben. Absoluter Quatsch!!
    Vielen Dank für die schöne Dokumentation des Grauens!

  2. @Kurt Klaas - Genau!!!
    Dazu...

    @Kurt Klaas – Genau!!!
    Dazu ist derzeit noch der Sack Reis um Jogi Löw und den Balljungen zu erwähnnen. Und Jérôme Boateng könnte ich vom Fleck weg adoptieren wegen seiner schnoddrigen Antworten. „Wo ist die richtige Freude?“ -> „Freude kommt in der Kabine (wenn Du Honk mich endlich in Ruhe lässt). Ich bin jetzt erst mal müde (Ich bin schließlich 90 Minuten gerannt, Du hast bloß auf dem Hintern gesessen)“

  3. Ich warte bei den "wie sehr...
    Ich warte bei den „wie sehr hat…“-Fragen (die Beckmann und andere auch jenseits des Sports lieben) auf einen, der den Mut hat konsequent mit 3, 17 oder 121 zu antworten… 

  4. In den letzten paar Jahren hat...
    In den letzten paar Jahren hat sich die Zahl der schlechten Spontaninterviewer aus irgendwelchen Gründen sehr erhöht. Fast alle begehen heute den Dumme-Fragen-Kardinalsfehler der „die erwartete Antwort vorwegnehmenden Frageformulierung“ – also statt z.B. des offenen „wie fühlen sie sich jetzt“, das man klar beantworten kann, eher das sensationsheischende „wie schlecht geht es ihnen jetzt“, das man als dumme Frage empfindet (siehe oben für etliche Beispiele á là „wie sehr mussten sie mitzittern“). Insbesondere Boris Büchler ist so’n bisschen der König dieser Gattung von Interviewer, auch Leute wie Christian Dexne und vor allem Heiko Neumann können das ganz furchtbar „gut“. Ich glaube, die absurdeste Ausschmückung dieser sensationalisierten Erwartungshaltung, die mir in Erinnerung geblieben ist, kam mal vor ein paar Jahren von irgendeinem ARD-Mann, und ging in etwa „Sie sind ausgeschieden, wie völlig total abgrundtief am Boden zerstört sind sie jetzt?“ (I’m not making this up.) Kann mich leider nicht an die Antwort erinnern.

  5. Mal wieder sehr schön...
    Mal wieder sehr schön geschrieben! Der Mopo-Artikel war allerdings auch (ungewohnt) lustig… Die Sportreporter sind meiner Meinung nach dazu verdammt blöde und vor allem immergleiche Fragen zu stellen, aber man kann natürlich versuchen, sie so wenig blöd wie möglich zu formulieren. Ein bisschen Mitleid haben sie also verdient, genauso wie das ungeliebte Volk der Kommentatoren… Übrigens: Ich schau manche Spiele bei Zattoo im Internet wo die Qualität nicht ganz so gut ist wie auf der TV-Mattscheibe. Sieht Béla Réthy auf den eingeblendeten Fotos da auch aus wie Elton John???

  6. Herr Schader, Sie haben...
    Herr Schader, Sie haben Glück, dass Blogger nicht so populär und berühmt wie Fußballer sind. Ansonsten müßten Sie jetzt auch folgende Fragen über sich ergehen lassen:
    Herr Schader, wie fühlt man sich nach so einem nervenaufreibenden Blog?
    Herr Schader, nochmals herzlichen Glückwunsch zu den ersten Kommentaren! Wie gehen Sie ganz persönlich damit um?
    Herr Schader, sind Sie jetzt im Blogger-Himmel angekommen?

  7. <p>Das lernt man in der ersten...
    Das lernt man in der ersten Stunde, daß man als Reporter nie Fragen stellen darf, die man mit „Ja/Nein/Gut/Schlecht“ beantworten kann. Siehe Willy Brandt.

  8. Das ist Poesie. Damit bewirbt...
    Das ist Poesie. Damit bewirbt sich Boris um den Büchlerpreis. Oder so.

  9. Vorschreiberin nona geht schon...
    Vorschreiberin nona geht schon in die richtige Richtung. – Diese sinnfreien „Wie-Fragen“, mit denen die Tendenz der Antwort vorweg genommen wird, werden inzwischen trainiert. Wer sowas nicht macht, darf nicht mit, ganz einfach.
    Oberndrein hat Reportieren heute nicht mehr viel mit der Persönlichkeit des Reporters zu tun, sondern damit, daß er jede „Mode“ (derzeit der Schrei eines Spielernamens, sobald der Spieler sich dem Tor nähert) unreflektiert mitmacht.
    Und dann gibt es ja immer noch für die mitfahrenden Reporter im Vorfeld eines Turniers einen DFB-Workshop… Worum es dort wohl geht?

  10. Und ich dachte JAHRELANG, dass...
    Und ich dachte JAHRELANG, dass die Fußballer so blöd sind. Stimmt ja gar nicht. Was soll man auf diese blöden Fragen auch Kluges antworten???

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