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Fernsehen im Netz: MyVideo zeigt US-Serien ohne Mainstream-Druck

18.06.2012, 18:11 Uhr  ·  Amerikanische Serien sind aus dem deutschen Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Es gibt da nur zwei Probleme: Viele landen ausschließlich im Bezahlfernsehen und statt des Originals läuft nur die deutsche Synchronfassung. Ausgerechnet das als Clip-Plattform gestartete MyVideo versucht derzeit, eine Online-Alternative zu etablieren.

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Amerikanische Serien sind aus dem deutschen Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Es gibt da nur zwei Probleme: Viele landen ausschließlich im Bezahlfernsehen, weil sie für RTL oder Pro Sieben zu speziell sind und dann kein ausreichend großes Publikum erreichen. Und wenn sich doch mal ein Sender erbarmt, aus dem Mainstream auszubrechen, läuft statt des Originals nur die deutsche Synchronfassung. (Selbst bei ZDFneo, das Don Draper und sein Team bei “Mad Men” gnadenlos eingedeutscht hat.)

Ausgerechnet MyVideo, das bisher nicht gerade als erste Anlaufstelle für amerikanische Serien galt, versucht derzeit, eine Online-Alternative zu etablieren.

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Anfang des Jahres zeigte der deutsche Youtube-Konkurrent die amerikanische Motorradgang-Serie “Sons of Anarchy” als Erstausstrahlung. (Alten Trailer bei – ähem – Youtube ansehen.) Mit 4,5 Millionen Abrufen war das so erfolgreich, dass im Frühjahr die nächste Premiere folgte: “Spartacus: Blood and Sand”, das es später auch zu Pro Sieben ins Programm schaffte und dort recht erfolgreich war.

Die Vorab-Ausstrahlung im Netz hatte 13,5 Millionen Abrufe. “Und in dem Moment, als die TV-Ausstrahlung losging, sind die Online-Views noch einmal gestiegen”, sagt Markan Karajica, der als Geschäftsführer bei Pro Sieben Sat.1 Digital für MyVideo zuständig ist. 2007 übernahm die Sendergruppe die Plattform und nutzt sie inzwischen als Testlabor für werbefinanzierte TV-Inhalte. MyVideo profitiert davon, dass Pro Sieben Sat.1 bei Hollywood-Studios oftmals ganze Programmpakete einkauft, in denen auch Serien stecken, die nicht mainstreamig genug fürs Privatfernsehen sind. Im Netz kommt’s aber nicht auf den Senderschnitt an. Es reicht, wenn sich ein kleineres Grüppchen Fans findet, die Werbeunterbrechungen in Kauf nehmen, um Folgen kostenlos sehen zu können.

“Mit großen Blockbuster-Serien wie ‘Desperate Housewives’ würde das sicher schwierig”, sagt Karajica. “Aber man darf nicht vergessen, wie viele Serien jährlich neu auf den Markt kommen – und dass die großen Sender nur einen Teil davon verwenden können.” Für den Lizenzgeber hat die Online-Ausstrahlung außerdem den Vorteil, dass Pro Sieben Sat.1 eine Synchronisation in Auftrag gibt, die es möglich macht, eine Serie nachher als DVD rauszubringen.

Im Idealfall schaffen es Serien nach der Online-Ausstrahlung dann doch ins Fernsehen: solche, die online bewiesen haben, dass sie sehr wohl ein ausreichend großes Publikum interessieren. (“Spartacus” ließe sich ja auch so ein gewisses Mainstream-Potenzial unterstellen.)

Weil die ersten Versuche gut geklappt haben, sollen die Premieren zu einer regelmäßigen Einrichtung bei MyVideo werden. Karajica spricht von fünf bis sieben Erstausstrahlungen pro Jahr, sofern die Lizenzgeber mitspielen. In diesem Jahr kommt unter anderem “American Horror Story”.

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“Online First” hat noch einen weiteren Vorteil: Wer sich derzeit bei MyVideo die neuen Episoden von “Spartacus: Gods of the Arena” ansieht (bevor sie Ende Juni bei Pro Sieben starten), kann im Player auf den Knopf “OV” drücken und die englische Originalfassung weitersehen. Diese Rechte müssen zusätzlich gekauft werden, sind aber in der Regel nicht so teuer, weil es dafür eben keinen Massenmarkt gibt, heißt es bei MyVideo. Etwa 1,5 Millionen zusätzliche Abrufe mit der Originalversion wurden für die erste “Spartacus”-Staffel verzeichnet.

Wenn die Strategie aufgeht, haben alle was davon: Die amerikanischen Studios können Produktionen nach Deutschland verkaufen, für die es im Free TV sonst kein ausreichend großes Publikum gäbe; Pro Sieben Sat.1 verdient an der Werbung, die wie im Fernsehen davor und dazwischen geschaltet wird; und die Nutzer können neue Serien entdecken, auf die sie sonst vielleicht nicht aufmerksam geworden wären.

Nachtrag, 19. Juni: Mehr zum Thema steht jetzt hier bei FAZ.NET.

Screenshots: MyVideo

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.