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Lothar-Matthäus-Soap bei Vox: Raus! Jetzt!

24.06.2012, 06:50 Uhr  ·  Matthäus hätte gut daran getan, der Produktionsfirma alles zu verbieten, was die von seinem Leben auf Band hat – aber nicht, weil es so brisant oder peinlich wäre. Sondern unfassbar öde. Mit letzten Kräften hat Vox noch versucht, "Lothar – immer am Ball" halbwegs sendbar zu machen. Nach der ersten Folge muss man sagen: vergeblich.

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Wir leben in einer Fernsehzeit, die das Scheitern abgeschafft hat – weil immer, wenn irgendwo im Programm eine Quotenkurve nach unten zeigt, ein Privatsendermanager oder gleich eine ganze Intendantentruppe damit loslegt, die jeweilige Sendung auseinanderzuschrauben, in ihre Einzelteile zu zerlegen und abzuwracken. Dass das schon losgeht, bevor es überhaupt eine Quote gibt, ist neu – aber im Falle der Vox-Promi-Soap “Lothar – immer am Ball” auch grundsympathisch: Wann sonst geben Programmverantwortliche schon mal zu, dass sie den von ihnen in Auftrag gegebenen Quatsch selbst nicht gut finden?

Vox-Chefredakteur Kai Sturm hat’s getan (und ist dann wieder zurückgerudert). Dass sein Sender die Reihe nun trotzdem ausstrahlt, ist quasi eine Aufforderung ans Publikum, sich davon zu überzeugen, unter welch schwierigen Umständen Promi-Soap-Kamerateams in Deutschland ihre Arbeit verrichten müssen.

Fast täglich von einem in die Klatschspalten gefallenen Ex-Fußballer aus dessen Dunstkreis herauskomplimentiert zu werden, damit der sich mit seiner neuen Dessous-Modelfreundin zu Ende streiten kann, geht irgendwann auch dem abgebrühtesten Fernsehprofi an die Nieren. Zu beneiden ist das Team, das Vox seinem Vertragspartner an die Fersen geheftet hat, also nicht: “Nach dem dritten Bier schmeiß ich sie raus”, sagt Matthäus im Gespräch bei einer Berlinale-Party über die Fernsehtypen, die direkt daneben stehen und mitfilmen. Als er Spiegeleier zum Frühstück vorbereitet, motzt er: “Ich muss mich da konzentrieren, ich kann jetzt keine Interviews geben.” Als die Eier misslingen und das Dessous sich beschwert, ruft er zornig: “Können wir mal aufhören?” (Video ansehen.) Und im Skiurlaub-Hotel erklärt er vor laufender Kamera dem Dessous, dass sie heute mit Unfreundlichsein dran ist: “Raus! Jetzt!”

Bild zu: Lothar-Matthäus-Soap bei Vox: Raus! Jetzt!

So gesehen haben die Kollegen von Eyeworks endlich einmal die gerechte Strafe für “Schwiegertochter gesucht” kassiert. Vor allem diejenigen, die nachher aus den Aufnahmen eine in irgendeiner Art zusammenhängende Sendung tackern mussten. Sowas wünscht man seinem ärgsten Feind nicht.

Das Problem war offensichtlich, dass Matthäus seine Ankündigung ernst meinte, er wolle sich in der Vox-Sendung den Zuschauern so präsentieren, “wie ich wirklich bin, und nicht, wie ich häufig dargestellt werde”.

Also nicht als trauriger Ex-Star, der schlecht Englisch spricht, keinen gescheiten Trainerjob mehr kriegt, sich alle paar Jahre eine neue Schnalle angelt, für die er eine Partyeintrittskarte auf zwei Beinen ist. Sondern als trauriger Ex-Star, der sehr lange über die Ordnung der Joghurts in seinem Kühlschrank doziert; der von den vielfältigen Herausforderungen seiner Lehre als Raumausstatter erzählt (“Bolsdern, Dekoradzion, Deppich verlegen, Dapezieren”) und davon, wie ihn Franz Beckenbauer zum Frühstücker gemacht hat; der beim Treppengehen die Stufen mitzählt; für den Partnerinnen wie Mitspieler und Beziehungen wie Fußballspiele sind; und der, wenn er Roberto Blanco trifft, erst einen sehr schlechten Scherz über dessen Krawatte reißt und dann “Ein bisschen Spaß muss sein” anstimmt.

Matthäus hätte gut daran getan, der Produktionsfirma alles zu verbieten, was die von seinem Leben auf Band hat – aber nicht, weil es so brisant oder peinlich wäre. Sondern so unfassbar öde. Mit letzten Kräften hat Vox noch versucht, “Lothar – immer am Ball” halbwegs sendbar zu gestalten. Die Redaktion hat eine witzig gemeinte 3D-Fußball-Joghurt-Animation bestellt und ein paar Mal versucht, die dramatisch irrelevanten Ereignisse ironisch zu brechen, um es nicht selbst zu müssen. Aber das kann natürlich nicht funktionieren, wenn der Porträtierte immer noch eins draufsetzt (obwohl er’s in den seltenen Fällen merkt).

“Auch Antworten, die man nicht gegeben hat, werden nachher so zusammengeschnitten, dass es schlecht aussieht”, lautet eine Weisheit, die Matthäus in seiner langen Karriere als Klatschspaltensurfer zugeflogen ist. Vielleicht war es eine List von ihm, sich auf diese Sendung einzulassen: damit sich nach dieser Überdosis Lothar aus Angst vor den möglichen Antworten in nächster Zeit kein Boulevardreporter mehr traut, überhaupt noch Fragen zu stellen

“Lothar – immer am Ball” läuft ab sofort sonntags um 23.15 Uhr, je nach Quotenkurventendenz bis zu 6 Folgen lang.

Foto: Vox

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.