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"Science Busters" im ORF: Das Leben, das Universum und der ganze Rest

28.06.2012, 10:55 Uhr  ·  Seit einem halben Jahr erklären die "Science Busters" im ORF, wie man den Weltuntergang überlebt, ob nach all den Jahren noch Garantie aufs Universum ist und weshalb die Gründung einer Religion die Atomkraft sicherer machen könnte. Das ist so witzig und lehrreich, dass es dringend auch ins deutsche Fernsehen gehört!

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Was die programmbegleitende Weiterbildung seiner Zuschauer angeht, gehörte das deutschsprachige Fernsehen bisher eher zu den Minderleistern. Dass das an der bisher geringen Durchlässigkeit des Programms für kichernde Kernphysiker lag, ist allerdings eine neue Erkenntnis.

Nun muss der Wiener Universitätsprofessor (i. R.) Heinz Oberhummer freilich selbst entscheiden, was ihm als größere Ehre gilt: die Nobelpreisnominierung für seine wissenschaftliche Arbeit – oder der bisher nominierungstechnisch noch unbelohnte Nachweis, dass es draußen im Universum doch intelligentes Fernsehen gibt. Man muss es nur selbst produzieren. Deshalb stellt sich Oberhummer regelmäßig mit seinem Kollegen Werner Gruber von der Universität Wien auf die Bühne des Wiener Rabenhoftheaters, lässt sich beim Welterklären von einem Kabarettisten im rosafarbenen Radlertrikot dazwischen quatschen und beschert den Zuschauern damit einen ziemlich irritierenden Feierabend. Weil die meisten das bisher nicht gekannt haben: beim Lachen gleichzeitig schlauer zu werden.

Die Leitfragen dieser Abende lauten:

Wann geht die Welt unter? Und wenn ich den Weltuntergang überlebe, wo kann ich dann auf Facebook anklicken: Gefällt mir?
Warum würde die Gründung einer Religion die Atomkraft sicherer machen?
Wann ist das Universum entstanden? Und wie lange ist noch Garantie drauf?
Was erledigt die Menschheit zuerst: schwarze Minilöcher oder die explodierende Sonne?
Warum heißen Planeten immer wie Bewohner einer Märchengrottenbahn?
Und weshalb sind die Bakterien im probiotischen Joghurt praktisch als Selbstmordkommando unterwegs?

Bild zu: "Science Busters" im ORF: Das Leben, das Universum und der ganze Rest

“Science Busters” nennt sich die Wissenschaftsshow, die der ORF Ende des vergangenen Jahres zu sich ins Programm geholt hat. Kabarettist Martin Puntigam übernimmt darin freundlicherweise den Job der lebenden Pufferzone zwischen den beiden “Zuchtbullen der Physik”, obwohl er auf der Bühne vor allem als Übersetzer gebraucht wird. “Für die beiden Physiker sind Naturgesetze selbstverständlich, die müssen da nicht mehr groß drüber nachdenken”, sagt der 43-Jährige. “Aber das Publikum will verstehen, warum etwas so ist wie es ist, und meine Aufgabe ist es deshalb, so lange zu fragen, bis das Thema auf eine Art beschrieben ist, dass man’s verstehen kann. Oder, falls nicht: dass man drüber lachen kann.”

Seinen ersten Auftritt hatte das Trio bereits 2007. “Das klingt jetzt wie ein Peter-Frankenfeld-Witz aus den 60er Jahren”, sagt Puntigam, “aber tatsächlich war offenbar der Pensionsschock vom Heinz Oberhummer der Auslöser, weil sich seine Frau davor gefürchtet hat, dass der Professor Emeritus jetzt jeden Tag zuhause ist.” Also suchte sich Oberhummer (neben der Alpaka-Zucht und dem Twittern) eine zweite Nebenbeschäftigung und veranstaltete zusammen mit Gruber die Vortragsreihe “Cinema and Science”, um die naturwissenschaftliche Realitätsnähe von Hollywoodfilmen zu erklären.

“Das war sehr beliebt, sehr erfolgreich – und sehr lang”, sagt Puntigam. Also haben die beiden ihn als ordnende Kraft dazu geholt, die “Science Busters” gegründet und das Motto erfunden: “Wer nichts weiß, muss alles glauben.”

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Das Fernsehen wollte von dem Trio erstmal gar nichts wissen. Und erst recht nicht an dessen Erfolg glauben. “Österreich ist ja ein winziges Land mit nur einer einzigen Stadt und einer einzigen Fernsehstation. Da hat man schneller mal ‘ne Leiche im Keller als man schauen kann”, sagt Puntigam. Aber mit einer geringen Verspätung von nur vier Jahren ist dann auch dem ORF aufgefallen, dass dieses ständig ausverkaufte Physikkabarett aus Wien sich doch fürs Programm eignen könnte. Und die drei Verursacher konnten sagen: Aber nur wenn’s so läuft, wie wir uns das vorstellen. Die Strafrundenjahre haben also letztlich sogar genützt. Puntigam korrigiert: “Das kann man natürlich nur dann als Strafrundenjahre bezeichnen, wenn man Fernsehen als die Belohnung sieht.”

Für ihre Zuschauer sind die “Science Busters” in jedem Fall eine Belohnung, weil die Show sie fordert anstatt zu sedieren. Wer in den jeweils 25 Minuten nicht jede Sekunde aufpasst, versäumt entweder den kubischen Raumausdehnungskoeffizienten – oder, noch schlimmer: einen Gag.

Im Theater dauert das Programm den ganzen Abend. Fürs Fernsehen musste es natürlich schneller gehen. Also haben sich die “Science Busters” dazu entschlossen, gleich richtig aufs Tempo zu drücken. “Von den ersten beiden Sendungen hat sich unser Stammpublikum ein bisschen vor den Kopf gestoßen gefühlt, weil die wirklich sehr schnell geschnitten waren”, sagt Puntigam. Mittlerweile wissen die meisten, dass die Show im Fernsehen anders aussehen muss. Ein schöner Nebeneffekt ist: Es kommen viele neue Fans, die vorher noch nie da waren. “Das macht es uns einfacher, weil wir dann unsere alten Witze nochmal bringen können.”

Das Faszinierende an den “Science Busters” ist, mit welch einfachen Mitteln die Show funktioniert: ganz ohne virtuelles Studio und aufwändige 3D-Animationen. Es gibt nur eine schwarze Bühne, zwei Schreibtische, ein paar Scheinwerfer und eine Wand, auf die Animationen oder mitgebrachten Diagrammen projiziert werden, die Puntigam höflich als “übersichtlich zusammengezeichnet” lobt (obwohl einem beim Draufschauen manchmal ganz schwindelig werden kann). Zum Schluss dürfen die beiden VJs Christoph Schmid und Clemens Gürtler von lichterloh.tv den Fachkräften – je nach Thema – explodierende Sonnen in den Rücken montieren oder Möhren aus den Ohren wachsen lassen. (Puntigam erklärt: “Das war eine Fleißaufgabe und die beiden haben erst auch ein bisschen gejammert, aber beim ORF hat man’s wertgeschätzt, dass wir ein Interesse daran haben, eine schöne Sendung zu machen und nicht bloß ins Fernsehen wollen.”)

Feste Texte gibt es keine, die meisten Dialoge sind improvisiert, nur die Richtung und das Ergebnis sind klar. “Man muss sich das vorstellen wie ein Wrestlingmatch”, erklärt Puntigam. Das sei zwar nicht komplett durchchoreographiert, es gebe aber verabredete Handlungsläufe. Wenn der eine die Hand hebe, wisse der andere, wie er reagieren müsse. Und mittendrin arbeitet der “Master of Ceremony” (wie Puntigam sich selbst bezeichnet) gleichzeitig an der Hinleitung zum Erkenntnisgewinn und der humoristischen Ablenkung.

Das geht auch deshalb so gut, weil die Rollen der Beteiligten aufeinander feinabgestimmt sind. Oberhummer ist – wohl auch in Natura – der verrückte Theoretiker, der rumpelstilzchenhaft die “mediengeile Pseudowissenschaft” geißelt, mit gelbem Bauhelm Sylvesterraketen auf der Bühne hochgehen lässt, zwischendurch den Udo-Jürgens-Hit “5 vor 12″ mit Flötenbegleitung auf der Gitarre spielt und die mögliche Apokalypse aufgebracht mit Fakten illustriert: “Es gibt so viele Waffen, dass man jeden von uns siebenmal umbringen könnte. Das muss man sich mal vorstellen! Siebenmal!” Woraufhin Puntigam anmerkt: “Technisch eine tolle Leistung, aber natürlich bisschen unökonomisch. Wenn ich verzichte, könnten Sie vierzehnmal. Sie sind herzlich eingeladen: Da können Sie’s mal krachen lassen in der Pension.”

Gruber, der treuen “Markus Lanz”-Zuschauern als sympathischer Störgast bekannt sein dürfte, widmet sich lieber der kulinarischen Physik (“Jedes Mal Kochen ein Experiment, jedes Mal Essen eine Messung”), simuliert schwarze Löcher mit Mozartkugeln und hat nebenbei Gelegenheit, am brennenden Streichholzmodell den Unterschied zwischen einer kontrollierten und einer unkontrollierten Kettenreaktion im Atomreaktor zu erläutern. “Wenn Sie’s ausblasen, dürfen Sie sich was wünschen – zum Beispiel neue Augenbrauen”, freut sich Puntigam dann.

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Das Theater steht trotzdem noch. Und es ist auch noch nichts abgefackelt, was nicht hätte abfackeln sollen, beteuert Puntigam: “Da kommen Leute von der Behörde, die Feuerwehr ist dabei, und alle sind froh, dass endlich mal jemand einschätzen kann, wie gefährlich das ist, was er da auf der Bühne unternimmt.” Die meisten Experimente seien sowieso ungefährlicher als im Physikunterricht in der Schule. “Und da gibt’s meistens keine Schutzwand.”

Wobei die größere Errungenschaft sicher ist, Universitätsprofessoren eine gewisse Leidenschaft fürs Entertainment beigebracht zu haben. Er werde immer gefragt, wie er das geschafft habe, die beiden auf die Bühne zu holen, sagt Puntigam. Dabei ist es ja genau andersherum gewesen. “Wenn man Wissenschaftlern begreiflich machen müsste, dass sie am besten dastehen, je mehr Witze sie über sich machen lassen, würde das niemals funktionieren.” Bei den “Science Busters” hat es sich halt so ergeben. Obwohl in den ersten Shows auch ein paar Zuschauer skeptisch waren. “Ganz am Anfang sind nach der Vorstellung Leute auf die Bühne gekommen und haben zum Heinz Oberhummer gesagt: Das sei ja alles sehr schön, aber sie wären nicht damit einverstanden, dass man mit einem Universitätsprofessor so umgeht”, erinnert sich Puntigam.

Da war klar: es funktioniert! Weil man als Zuschauer so gespannt auf die nächste Gemeinheit wartet, dass man vor lauter Aufmerksamkeit aus Versehen auch noch die Schleifenquantengravitation versteht.

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Manche Wissenschaftler finden es zwar alles andere als witzig, dass sie mit ihrer seriösen Forschung kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, während die Wiener Kollegen komplizierte Zusammenhänge so lange kleinmachen, bis wirklich jeder versteht – und dafür auch noch Applaus bekommen! Aber das scheinen Oberhummer und Gruber ganz gut verschmerzen zu können.

Genau so wollten sie’s ja auch. Als Oberhummer mal gefragt wurde, warum er die “Science Busters” ins Theater gebracht hat, antwortete der: Zu Wissenschaftsvorträgen kommen viele Leute nicht, weil sie Angst haben, etwas nicht zu verstehen. Ins Kabarett gehen sie aber freiwillig.

Selbst wenn man’s auf den ersten Blick nicht vermutet: Sogar Puntigams rosafarbene Arbeitskleidung mit dem Plastiknippeleinsatz, die er vor einigen Jahren mal in einer Humana-Filiale entdeckt haben will, und die eigentlich ein Merchandising-Shirt des Radrennens Giro d’Italia ist, steht im Dienste der aufklärenden Unterhaltung. Zunächst einmal sei Purpur bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts “Herrscherfarbe” gewesen, sagt er, das Trikot eigne sich prima als Arbeitskleidung und habe einen Riesenvorteil: “Jeder Besucher kommt mit seinen eigenen Gedanken zu uns ins Theater. Wenn dann ich als rosa Presswurst dastehe, finden das die einen lustig und die anderen peinlich – und, zack, beginnt der Theaterabend für alle gleichzeitig.” Man schwitze nicht mal richtig drin. “Es färbt nur ein bisschen beim Waschen.”

Wenn das Abfärben auch den “Science Busters” gelänge, und zwar aufs restliche Erklärprogramm, gerne auch im deutschen Fernsehen mit seinen arg biederen Ranga Yogeshwars und Aiman Abdallahs, wär’s natürlich noch schöner. Der ORF plant schon mal, die “schärfste Science-Boygroup der Milchstraße” auch ins deutsche Fernsehen zu 3sat zu bringen. Einen konkreten Termin gibt es bisher nicht, aber es wird wohl leider erst 2013 was werden.

(Sie wollen per Twitter nachhelfen? Gerne. Der Fernsehblog-Tweetvorschlag lautet:
“Hey, @ORF, zeigt eure #ScienceBusters fürs deutsche Publikum doch endlich auch bei @3sat!”)

Wer nicht so lange warten mag, hat Glück: Die erste Staffel ist gerade auf DVD erschienen. In ein paar Wochen folgt das zweite “Science Busters”-Buch “Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln”, am Ende des Jahres sind auch einige Tournee-Termine in Deutschland geplant. Im Herbst wiederholt der ORF die bisherigen Folgen samstags um 18 Uhr. Außerdem gibt’s die “Science Busters” in der Radioversion.

Illustration: Science Busters; Screenshots: ORF

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.