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"Brot und Spiele" und das Unterhaltungsshow-Dilemma der ARD

09.07.2012, 10:21 Uhr  ·  Wenn es der ARD ernst damit ist, ihre Unterhaltung zu entstauben, hat sie mit Matthias Opdenhövel einen echten Glücksgriff getan. Wobei das am Samstag gezeigte Open-Air-Spektakel "Brot und Spiele" sich wohl eher nicht als Prototyp eignet. Denn das Erste hat ein Problem: Alles was kein Quiz ist, wird vom Publikum mit Wegzappen bestraft.

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Eine Viertelstunde früher als in der Programmzeitschrift angegeben ist Matthias Opdenhövel am Samstag mit der Sendung fertig gewesen. Und wahrscheinlich war das, lange bevor die Quoten feststanden, schon ein sicheres Indiz dafür, dass irgendwas falsch gelaufen sein muss. Da veranstaltet das Erste in einer alten römischen Arena eine abendfüllende Open-Air-Liveshow, für die sämtliche Kostümverleihs des Landes geplündert werden mussten, mit Promis, Spielen, Wagenrennen – und anstatt auch nur eine Sekunde zu überziehen, wollen lieber alle ein bisschen früher nachhause.

Vielleicht war die Unwetterwarnung schuld, die an diesem Abend für das Gebiet über der Arena in Xanten gemeldet wurde und sich dann den Scherz erlaubte, sich in ein paar düsteren Wolken zu verdünnisieren; oder es war schlicht die Langeweile.

Bild zu: "Brot und Spiele" und das Unterhaltungsshow-Dilemma der ARD

Alles hat ein bisschen nach Sommer-”Wetten dass..?” aussehen sollen bei “Brot und Spiele”, dem ersten mutigen Samstagabendshowtest der ARD seit dem Zusammenbruch des Römischen Reichs (komplett in der Mediathek anschauen). Aber abgesehen vom Sand in der Arena und dem Sonnenuntergang obendrüber war so ziemlich alles falsch an dieser Sendung: die langatmigen Spiele, das fehlende Tempo, vor allem aber das übertriebene Lernziel. Es ist ja eine naheliegende Idee, die Unterhaltung im Ersten mit dem öffentlich-rechtlichen Weiterbildungsauftrag zu kombinieren. “Brot und Spiele” hat seinem Publikum allerdings das Gefühl gegeben, es dürfe sich nur amüsieren, wenn es vorher sämtliche unsortierten Fakten auswendig gelernt hat, mit denen es in 3D-Animationen, Promi-Einspielfilmen und Spielergebnissen bombardiert wurde. (Fischsauce war “das Maggi der Römer”, hätten Sie’s gewusst?)

Mit wem hätten die Zuschauer zuhause mitfiebern sollen, wo doch die Promiteams kaum auseinanderzuhalten waren? War nicht völlig egal, wer zum Schluss den goldenen Lorbeerkranz aufgesetzt bekommt, weil es sonst um nichts ging? (Nichtmal eine kurze Einkerkerung der Verlierer.) Ist das wirklich ernst gemeint gewesen, ein “Wagenrennen” zu veranstalten, bei der Andrea Kaiser und Christine Neubauer nacheinander im selben Streitwagen dieselben Pferde antreiben? Und wo war überhaupt die Baggerwette?

Dass zumindest die jungen Zuschauer große Erwartungen an “Brot und Spiele” hatten, erklären die 9,5 Prozent Marktanteil in der Altersgruppe 14 bis 49 Jahre, die das Erste mit seinen Shows am Samstagabend sonst nicht oft hat.

Bild zu: "Brot und Spiele" und das Unterhaltungsshow-Dilemma der ARD

Das Problem ist nur: Insgesamt sahen gerade einmal 3,11 Millionen Zuschauer ab 3 Jahre zu. Für eine Show mit diesem Aufwand ist das ein katastrophal schlechter Wert. (Und die sommerbedingt allgemein niedrigen Zuschauerzahlen sind keine Ausrede, weil für “Wetten dass..?” auf Mallorca ja auch genügend Leute eine Ausnahme gemacht haben.)

Eines lässt sich für die ARD aus “Brot und Spiele” womöglich lernen: Dass die jungen Zuschauer, wenn sie denn überhaupt noch ins Erste finden, dort keine Show erwarten, die in irgendeiner Form etwas mit Schnelligkeit zu tun hat. Genau das durfte Opdenhövel schließlich im Frühjahr mit drei Folgen “Opdenhövels Countdown” ausprobieren, denen die üblichen ARD-Gewohnheiten am Donnerstagabend völlig schnuppe waren und die in 90 Minuten einfache Kandidaten durch schnelle Spiele jagte, damit ein Finalist am Ende Geld gewinnt.

Das war vielleicht keine Revolution der Spielshow – aber immerhin rasant, ungewöhnlich, kurzweilig. Und ein Flop, nicht nur bei den über 50-Jährigen, sondern erstaunlicherweise auch bei den jungen Zuschauern. Nach einem schwachen Start und einer schwächeren Fortsetzung lag der Marktateil in der dritten Show Ende Mai gerade noch bei 3,5 Prozent (14 bis 49 Jahre).

Das ist zum einen eine ungewohnte Situation für Opdenhövel, der bei “Schlag den Raab” lange Zeit das Gegenteil gewohnt war. Es ist aber auch eine Herausforderung für die ARD, die bisher nicht dafür belohnt wurde, sich endlich einmal etwas Neues zu trauen, das auch wieder auf ein Publikum zielt, welches die große Showunterhaltung im Ersten in den vergangenen Jahren fast völlig verloren gegeben hat. Das Problem ist: All die Pilawa-Jahre haben die -vornehmlich älteren – Zuschauer darauf konditioniert, wie Unterhaltungsshows im Ersten auszusehen haben: ausschließlich nach Quiz. Nach Pilawas Weggang hat das Erste nur die Moderatoren ausgetauscht, nicht die Herangehensweise. Das rächt sich jetzt.

Denn wenn einmal alles anders aussieht, schalten die Gewohnheitszuschauer weg. Und die jungen, wie bei “Opdenhövels Countdown”, trauen der ARD eine solche Show nicht zu oder finden sie erst gar nicht.

Der neue ZDF-Unterhaltungschef Oliver Fuchs wird ein ähnliches Problem haben, wenn er irgendwann neue Konzepte ausprobieren will, weil ihm sein Vorgänger (in Kooperation mit Programmdirektion und Intendanz) gerade einen Quizklon nach dem nächsten durchs Programm schickt und das Publikum die Eintönigkeit als Standard akzeptiert.

Wenn es der ARD ernst damit ist, ihre Unterhaltung zu entstauben, hat sie mit Matthias Opdenhövel einen echten Glücksgriff getan. Weil die Zuschauer dem noch am ehesten abnehmen, dass er für eine flottere Form des Entertainments steht. Noch scheint sich das nicht herumgesprochen zu haben. Aber im Gegensatz zum ZDF ist die ARD schon mal auf dem richtigen Weg und probiert was aus. Um das junge Publikum zurückzuholen und die älteren Zuschauer umzugewöhnen, wird das öffentlich-rechtliche Fernsehen allerdings noch so manche schlechte Quote in Kauf nehmen müssen. Da hilft kein Gejammer und kein Mitleid. ARD und ZDF haben sich das selbst eingebrockt. Es wird Zeit, dass sich was ändert.

Es muss ja das nächste Mal nicht gleich ein dreistündiges Kostümspektakel sein, bei dem der Kommentator zwischendrin das Publikum erinnern muss, dass es nicht zum Einschlafen hergekommen ist.

Fotos: Das Erste

Das Fernsehblog macht mal kurz Sommerschlaf, wünscht allen Lesern ein paar sonnige Wochen und ist im August wieder da. (Und natürlich weiterhin bei Facebook und Google+.)

 
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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.