Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (37)
 

Aus-checken, bitte! Die ARD und ihr nerviger "Check"-Schluckauf

20.08.2012, 10:58 Uhr  ·  Der 10. Januar 2012 war ein fataler Tag für das deutsche Fernsehen. Am Abend lief im Ersten "Der Lidl-Check" mit über 6 Millionen Zuschauern, die bei den Programmchefs der Landessender augenblicklich alle Sicherungen durchbrennen ließen. Seitdem jagt ein "Check" den nächsten. Es ist höchste Zeit, den Overkill wieder zu stoppen.

Von

Der 10. Januar 2012 war ein fataler Tag für das deutsche Fernsehen. Nicht, weil der Anwalt des damaligen Bundespräsidenten erklärte, die 400 Journalistenfragen zum Hauskredit seines Mandanten doch nicht veröffentlichen zu wollen; auch nicht, weil der neue Apple-Chef Tim Cook Optionen auf eine Million Aktien des Computerkonzerns erhielt oder CDU und FDP schon fleißig über die Einführung einer Finanztransaktionssteuer stritten; sondern weil im Ersten am Abend “Der Lidl-Check” lief. In dem wurde mit ungeheurem Aufwand all das abgeprüft, was die WDR-Autoren ein paar Monate zuvor bereits bei ihrem “Aldi-Check” herausgefunden hatten. Der große Unterschied an diesem Montag war: die Einschaltquote.

6,3 Millionen Zuschauer ab 3 Jahren hatten nach der “Tagesschau” das Erste eingeschaltet, mehr sogar als “Wer wird Millionär?” bei RTL. Im jungen Publikum war der “Lidl-Check” sogar Marktführer.

Die Sendung war also ein Riesenerfolg. Und der Grund, dass bei den Programmverantwortlichen der Landessender augenblicklich die Sicherungen durchbrannten. Offensichtlich hatten sie eine Masche gefunden hatten, mit simpel gestrickten Alltagsreportagen ein riesiges Publikum vor den Fernseher zu locken! Hauptsache, im Titel kommt das Signalwort “Check” vor.

Bild zu: Aus-checken, bitte! Die ARD und ihr nerviger "Check"-Schluckauf

Angefangen hat alles ein Jahr zuvor mit dem “Tchibo-Check” im Dritten Programm des WDR (siehe Fernsehblog vom Januar 2011), wo die “Checks” bald zur Reihe ausgebaut und dann ins Erste gehievt wurden. Nach dem prompten Erfolg mit dem “Lidl-Check”, dem danach gezeigten “McDonald’s-Check” und dem “H&M-Check” war die Fortsetzung schnell beschlossen. Zunächst folgte der kurzfristig ins Programm genommene “Media-Markt-Check”, im Mai schließlich der “Coca-Cola-Check”, der “dm-Check” und der “Adidas-Check” – allesamt im selben monotonen Scheinaufklärungsduktus, ebenso einfallslos wie humorbefreit.

Die Quoten waren schon nicht mehr so gut, aber da gab es in der ARD kein Halten mehr: der “Check”-Schluckauf ließ sich nicht mehr vermeiden.

Der SWR hat am schnellsten gehickst. Seit kurzem läuft mittwochs ein dreiviertelstündiges Verbrauchermagazin-Spezial unter dem nicht ironisch gemeinten Titel “Marktcheck checkt”, in dem pro Ausgabe gleich drei Firmen aus dem Südwesten eine scheinkritische Unternehmensprüfung über sich ergehen lassen müssen (siehe wieder Fernsehblog): Ritter Sport, Maggi, Bitburger, Uhu, Nescafé, Seitenbacher. Die paar Minuten Sendezeit für jede Firma reichen allenfalls, um ein paar Oberflächlichkeiten abzuklopfen und sich mit Labortestergebnissen wichtig zu machen – aber das hat den Vorteil, für keinen der “Check”-Schnipsel tiefergehend recherchieren zu müssen. In der kommenden Woche folgt der NDR, wieder ausführlicher, aber genauso berechenbar und ohne lästige Regionalitätsanstrengung. Am 27. August läuft als “Markt-Reporter decken auf!”-Sondersendung zunächst “Der große Bahn-Check”, dessen Inhalt sich so liest als sei er von der Redaktion im Schlaf gedreht worden:

“Susann Kowatsch und Rainer Mueller-Delin sind in ICEs und Regionalzügen in Norddeutschland unterwegs. Sie kämpfen sich durch den Tarif-Dschungel der Bahn. Wird ihnen immer das günstigste Ticket verkauft? Sie testen die Sauberkeit: Wo finden sie mehr Keime, im Regionalexpress oder im Kaufhaus? Und sie treffen verärgerte Bahnkunden, die um ihre Entschädigung kämpfen.”

Es folgen: “Der große Rewe-Check” (für den sich praktischerweise die Supermarkt-Kategorien der WDR-Kollegen übernehmen lassen), “Der große Post-Check” – und wahrscheinlich zittert die Telekom schon, dass sie als nächstes dran ist. Dabei scheint die größte Eigenleistung des NDR darin zu bestehen, die “Checks” im Titel zu “großen Checks” umgebaut zu haben. Ebenfalls geplant sind “Der große Zahnpflege-Check” und, ähm, “Der große Küchen-Check”, die in ihrer Allgemeinheit schon wieder zu Tim Mälzers ARD-”Ernährungs-Check” aus dem Frühjahr passen (siehe Fernsehblog vom März). Und zum “Berlin-Brandenburg-Check”, mit dem der RBB sich gerade ein jugendlicheres Image verpassen will, ausnahmsweise aber mal keine Unternehmen testet, sondern Wohngegenden aus dem Sendegebiet.

Vielleicht merkt die ARD das nicht, aber: Die eine eigene Idee, die sich in den vergangenen Jahren in den Senderverbund verirrt hat, in Ketten zu legen und so lange zu klonen, bis sie nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, kann auf Dauer keine Lösung sein. (Andererseits weiß in den Anstalten natürlich auch niemand, wie viele Jahrzehnte es dauert, bis die nächste neue Idee vorbeischaut.)

Im Interesse des Publikums ist es jedenfalls an der Zeit, um den Verbraucherjournalismus-Overkill ein Zäunchen zu bauen, damit er sich nicht weiter unkontrolliert vervielfältigt.

Dummerweise ist das momentan das einzige, was die ARD nicht checkt.

Screenshots: Das Erste, SWR, RBB, WDR

Das gefällt Ihnen? Das Fernsehblog gibt’s auch bei Facebook und Google+.

 
  Weitersagen Kommentieren Empfehlen (1) Drucken
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.