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Die Woche im Fernsehen: Oh mein Gott, es tut sich bewegen!

24.08.2012, 05:43 Uhr  ·  Bei RTL macht Daniel Hartwich das Licht aus; Kurt Krömer lässt sich vom Handyklingeln einer Zuschauerin stören; der neuste "Panorama"-Ableger bläst kleine Recherchen zu Staatsaffären auf; ZDFneo forscht nach "German Angst"; und RTL 2 hat die eierlegende Wollmichsau des Reality-Fernsehens gefunden. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Von

Total Blackout! Stars im Dunkeln | RTL
Krömer Late Night | Das Erste
Panorama 3 | NDR
German Angst | ZDFneo
Go West! Familie Liebisch erobert Las Vegas | RTL 2

Der Letzte macht bekanntlich das Licht aus, und bei RTL ist die Wahl auf Daniel Hartwich gefallen. Viel mehr hatte der in seiner neuen Show auch nicht zu tun, weil’s bei “Total Blackout” hauptsächlich darum ging, Promis mit der Infrarotkamera dabei zu beobachten, wie sie in einem stockdunklen Raum Meerschweinchen und Brathähnchen von einem Aquarium ins nächste sortieren, das Alter von halbnackten Statisten ertasten und barfuß Mausefallen-Labyrinths durchqueren. (Das hört sich zwar an als sei es der Geschäftsführung nach dem dritten Trinkspiel auf der letzten Weihnachtsfeier eingefallen, ist aber wieder eine dieser Topideen aus dem Ausland, für die RTL ordentlich Lizenzgebühr latzt.)

Hartwich jedenfalls brauchte nach jeder Runde bloß den Promi mit dem schlechtesten Ergebnis per Falltür aus der Pappkulisse zu befördern (ganze Show bei rtlnow.de ansehen) und durfte vor Beginn des Wettbewerbs klarstellen, worum es wirklich geht: “Ihr tauscht eure Würde gegen ein kleines bisschen Volksbelustigung.”

Wie das mit der Würde eines Fernsehmoderators aussieht, der sich in Sendungen stellt, die auch hervorragend ohne ihn auskommen würde, klären wir ein andermal – aber die Prominenten der Auftaktshow haben nicht nur ihre Ehre behalten dürfen, sondern mit ein paar ganz lustigen Dialogen auch Sympathiepunkte gesammelt. Dolly Buster gab ihrem Spielpartner beim Sortierspiel den Ratschlag: “Lebt das? Dann bring’s um!” Und während sich ein Promikandidat im Dunkeln mit der Bemerkung “Es ist so glitschig!” an die nächste Überraschung herantastete, klärte der direkt daneben stehende Roberto Blanco auf: “Das bin ich.”

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Oh mein Gott, es tut sich bewegen!

Außer Buster, Blanco und dem “Bachelor” (der seine vorübergehende Bekanntheit mit der Zusage sämtlicher Fernsehanfragen schockgefrieren will) hat RTL die Pioniertruppe konzeptgerecht mit Leuten besetzt, die ordentlich Kreischpotenzial mitbringen. Während Lorielle London, Rolfe Scheider und Ex-DSDS-Kandidat Benny Kieckhäben im Fiepen ungefähr gleichauf lagen, setzte sich Kieckhäben beim Panikverbreiten von Anfang an klar an die Spitze (“Oh mein Gott, es tut sich bewegen!”).

RTL hat schon Sendungen im Programm gehabt, die weniger unterhaltsam waren. Für den Samstagabend und gleich als Doppelfolge ist “Total Blackout” dann aber doch arg monoton. Wobei man sich vermutlich die Dunkelheit zurückwünscht, wenn auf demselben Sendeplatz ab September “Das Supertalent” läuft.

Kurt Krömer ist wieder da, und offensichtlich haben ihm die Fernsehferien gut getan, denn in seiner neuen “Krömer Late Night”, bei der die bonbonfarbene Deko gegen eine aus dem Volkstheaterkulissenfundus getauscht wurde, ist er genauso lustig wie – früher (ganze Show in der Das-Erste-Mediathek ansehen). Das mag zum Auftakt daran gelegen haben, dass der Premierengast für den Berliner sozusagen ein Heimspiel war. Weil es sich am besten frotzeln lässt, wenn die Gäste nicht gleich beleidigt abhauen, sofern der Moderator sie als “Stänkerfritze” betitelt und die Zuschauer informiert: “Wir hätten ‘n Politiker haben können. Der hat abgesagt. Herr Gysi ist da.”

Sein schönstes Drohpotenzial entfaltet Krömer aber in der Interaktion mit dem Publikum, wo eine junge Frau dankenswerterweise vergessen hatte, ihr Handy lautlos zu stellen. “Haben Sie Ihr Handy an?”, plärrte Krömer entsetzt und sprang der kopfschüttelnden Zuschauerin entgegen. “Und was klingelt dann? Das Faxgerät?”

Mit Erklärungen hat sich Susanne Stichler erst gar nicht lange aufgehalten – eine Sendung mit dem sexy Titel “Panorama 3″ werden sich die Zuschauer ja wohl auch ansehen, ohne dass ihnen vorher jemand sagt, was das soll. (Drei Formate? Drei Bundesländer? Drei Schweinchen?)

Vielleicht soll der neuste “Panorama”-Ableger ein bisschen Nähe zum Zuschauer aufholen, die den Politmagazinkoryphäen mit ihren Reportagen über die großen Schweinereien in Politik und Wirtschaft sonst eher verloren geht. Also kümmern sie sich nun um die kleineren Schweinereien: die Klage gegen eine Einrichtung mit Problemjugendlichen, die Vorortspießer nicht in ihrer Nähe dulden wollen; und um Müllmänner, die wegen Korruption verurteilt wurden, weil sie sich am Imbiss eine Currywurst haben spendieren lassen (ganze Sendung bei ndr.de ansehen).

Dass die Redaktion dabei mit denselben Methoden arbeitet wie immer, aber auf Leute feuert, die eben keine Bundestagsabgeordneten oder Industriebosse sind, macht “Panorama 3″ zu einer der feigesten Sendungen im deutschen Fernsehen. Die Investigativprofis sind sich nicht mal zu schade dafür, irgendwelche bornierten Rentner vor ihrer Kamera zu zerlegen. Aber natürlich kämpft es sich auf einer Position, die von vornherein als die moralisch richtige feststeht, sehr viel leichter.

Die an sich durchaus interessante Erkenntnis, dass auf Spenden angewiesene Organisationen ihre Neumitglieder von gut bezahlten Agenturen eintreiben lassen, inszeniert Reporter Jörg Hilbert als Staatsspektakel, bei dem nur noch gefehlt hätte, dass sich zwischendurch die GSG 9 aus einem Hubschrauber abseilt, um die Studentin zu überführen, die im Namen des Roten Kreuz von Haus zu Haus geht, aber sich nicht als Agenturaushilfe vorstellt. Am Ende warnt er im Studio vor den Leuten, die gerade in Ostfriesland Nabu-Mitglieder an der Haustür werben, als handele es sich dabei um eine osteuropäische Schlepperbande.

Kurz und gut: Die ganze Sendung ist eine Riesenblamage. (Und wir haben noch gar nicht über die Rubrik “Feierabend mit Wulff” gesprochen, in der ein miserabler Stimmenimitator den Ex-Bundespräsidenten beim Zappen synchronisert.)

Gerade mal ein Jahr hat es gedauert, bis ZDFneo in seinem Programm, das bekanntlich vor Erstausstrahlungen fast platzt, ein halbes Stündchen freimachen konnte, um “German Angst” in Serie gehen zu lassen. Im Unterschied zur Testversion aus dem “TV Lab” vom Vorjahr (siehe Fernsehblog), die noch ziemlich auf Klamauk gekrempelt war, ist Micky Beisenherz jetzt als Reporter mit durchweg ernster Mission unterwegs und befragt unterschiedliche Protagonisten zu ihrem Umgang mit der Angst vor Gewalt: einen Polizisten im Stadioneinsatz; einen jungen Mann, der von Idioten niedergestochen wurde; einen Ex-Hooligan; einen Gewaltpräventionslehrer; und den üblichen Ghettorapper. Das ist für eine halbe Stunde viel zu viel, erinnert stark an das ZDFneo-Konzept “Herr Eppert sucht” und einen Reim auf das, was er erfahren hat, kann sich Beisenherz nachher auch nicht machen. Sein Fazit: Angst vor Gewalt ist “ein diffuses Gefühl”, und es kommt immer drauf an “was du draus machst” (ganze Sendung in der Mediathek ansehen). Schade um den ganzen Aufwand.

RTL 2 ist es derweil gelungen, den perfekten Protagonisten für den nächsten Dokusoap-Hit zu finden: einen kleinwüchsigen, faulen Hartz-IV-Empfänger, der gerne in die USA auswandern möchte, kein Wort Englisch spricht und superschnell ausrastet. Also quasi die eierlegende Wollmichsau des Reality-Fernsehens.

Das Starpotenzial des Erfurter Elvis-Fans Andreas hat der Sender beim “Frauentausch” entdeckt und ihn nun mitsamt der Familie für zwei Wochen zum Testauswandern nach Las Vegas befördert. Dort unternimmt die höfliche Gastfamilie wirklich alles, um dem Dauermotzer aus Deutschland einen Neuanfang im Traumland zu ermöglichen, wogegen der sich aber beharrlich wehrt, weil ihm jemand erzählt haben muss, das Fernsehen habe ihn hierher zum Urlaub eingeladen: “Ich bin nicht hergekommen, um zu arbeiten, sondern um zu gucken.” Selbstverständlich wartet die Kamera bloß auf seinen nächsten Tobsuchtanfall, und meistens nicht lange.

Als Beitrag zur Völkerverständigung ist “Go West! Familie Liebisch erobert Las Vegas” eine Vollkatastrophe. Dass es sich trotzdem dranzubleiben lohnt, liegt daran, dass sich zwischen der vom Fernsehteam permanent geschürten Eskalation sowohl die Kinder als auch Andreas’ Gattin ganz rührend auf die ungewohnte Umgebung einlassen, blitzschnell mit den neuen Bekannten anfreunden und wunderbar aufblühen (ganze Sendung bei rtl2now.de ansehen). Hat der Papa also doch noch was Gutes bewirkt.

Und RTL 2 kann sich schon mal bei Herrn Kuchenbecker vom Guinness-Weltrekorde-Buch melden: für den Eintrag mit der ersten komplett untertitelten Sendung im deutschen Privatfernsehen (Englisch und Nuschelthüringisch).

Soviel für diese Woche.

Screenshots: RTL, Das Erste, NDR, ZDFneo, RTL 2

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.