Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (7)
 

Vox sucht nach dem X-Factor von "X-Factor"

27.08.2012, 11:25 Uhr  ·  Vox hat ein Problem mit seiner Castingshow "X-Factor": Seit dem Start von "The Voice of Germany" fehlt der Sendung ihr Alleinstellungsmerkmal. Krampfhaft versucht der Sender nun, das Konzept aufzupeppen – und setzt mit der neuen Backstage-Perspektive doch bloß die bisher behauptete Authentizität aufs Spiel.

Von

Vox hat ein Problem mit seiner Castingshow “X-Factor” – nein, eigentlich sind es gleich mehrere: In der am Wochenende gestarteten dritten Staffel ist die Neugierde weg. Stattdessen hat sich beim Publikum eine generelle Castingmüdigkeit eingeschlichen (die derzeit schon “Popstars” zum Verhängnis wird). Allein mit einer opulenteren Kulisse lässt sich das nicht ausgleichen, denn die gab’s schon im vergangenen Jahr. Vor allem aber ist “X-Factor” nicht mehr die einzige seriöse Alternative zu “Deutschland sucht den Superstar”, seit Pro Sieben und Sat.1 “The Voice of Germany” gestartet haben.

Sender und Produktionsfirma mussten sich also ordentlich was einfallen lassen, um die Fans zu halten und weitere Zuschauer hinzu zu gewinnen. Denn auch wenn “X-Factor” bisher kein Flop war, blieben die Quoten doch deutlich hinter den Erwartungen zurück. Was also gibt es Neues?

Ganz einfach: Die Show ist voiceofgermanyhafter geworden. Erstmals hat die Jury vier Mitglieder (statt drei), die auch nicht mehr hinter einem Tisch sitzen, sondern in roten Sesseln – wie bei “Voice of Germany”. Wenn die Juroren einen Kandidaten in die nächste Runde wählen wollen, müssen sie sie ein metallenes “X” auf ihr Spitzpult vor sich stellen – im Gegensatz zu “Voice of Germany”, wo auf dem Spitzpult ein Buzzer gedrückt werden muss. Der größte Unterschied ist: Das rote “Voice of Germany”-Pult verfärbt sich weiß, wenn ein Juror jemanden weiterlässt; und das weiße “X-Factor”-Pult verfärbt sich rot. Korrektur: Es gibt keinen Farbunterschied bei den Pulten, in beiden Shows wird von rot auf weiß umgeschaltet. Entschuldigung.

Bild zu: Vox sucht nach dem X-Factor von "X-Factor"

(Dass die Juroren sich in ihren Sesseln erst umdrehen müssen, um die Kandidaten zu sehen, hat sich Vox dann aber doch nicht zu klauen getraut.)

Außerdem ist in diesem Jahr eine neue Kategorie hinzugekommen: Erstmals dürfen auch Bands antreten. Das ist allerdings mittelspektakulär, weil zuletzt schon “Gruppen” zugelassen waren – und Vox schon im vergangenen Jahr massive Probleme hatte, genug geeignete Kandidaten für die Kategorie zu finden.

Die wichtigste Neuerung ist aber die Backstage-Perspektive. In der Ankündigung des Senders heißt es:

“Das gab es so noch nie: ‘X Factor’ öffnet den Blick und rückt erstmals in einer Musikshow die herzklopfenden, emotionalen, lustigen und packenden Momente der Kandidaten hinter der Bühne mit in den Fokus. Mit neuen Kameraperspektiven ist der Zuschauer hautnah bei den Talenten.”

Dummerweise entpuppt sich die Neuerung als nerviger Nachteil. Weil jeder halbwegs interessante Auftritt mit haufenweise Schnitten zerlegt wird und es die versprochenen Spannungsmomente zumindest in den beiden ersten Folgen gar nicht gab. Sondern bloß einen Haufen Leute, die ihre Nervosität mit ständigem Hin- und Herlaufen zu überspielen versuchten und Nichtigkeiten austauschten. Über die Schönlingsbegleitung einer Kandidatin lästerte ein Mitbewerber: “Der sieht aus wie der Bachelor!” Eine Sängerin fragte vor ihrem Auftritt: “Sitzt mein Lippenstift noch?” Eine andere ließ sich den Tipp geben: “Du musst mit deiner Haarbürste nochmal nachkämmen!” Beim Mithören der Auftritte von Kontrahenten hagelte es Feststellungen und Generalfragen: “Das ist übel geil!”, “Kommt die weiter? Was meinst du?”, “Die Unscheinbare kann singen?”, “Das ist die mit den Pornoschuhen!” und “Ist das die? Die ist das!” In jeder Castingfolge schickt Vox außerdem prominente Unterstützung hinter die Kulissen. Am Sonntag wollte Mia-Sängerin Mieze von den wartenden Mädchen wissen will: “Wer ist besonders aufgeregt?” und “Wie atmet ihr?”

Für diese Erkenntnisse zerfetzt Vox also das, worum es in der Castingphase eigentlich geht: den ersten Eindruck, den die Bewerber mit ihrem Bühnenauftritt hinterlassen. Noch dazu riskiert der Sender die mühsam erarbeitete Authentizität der Show. Dass die Bilder von ausrastenden Zuschauern munter zu Auftritten geschnitten werden, zu denen sie gar nicht gehören, ist auch bei der Konkurrenz so. Vox bastelt sich mit dieser Technik offensichtlich aber auch seine Backstage-Bilder zurecht. In der Sonntagsfolge kommentierte eine Schülerin den Auftritt der Band hinter den Kulissen begeistert: “Die sind richtig gut!” Kurz danach war sie selbst dran – und entweder hatten sich die Juroren aus unerfindlichen Gründen alle einmal komplett umgezogen und ein neues Styling verpasst. Oder die Schülerin hat die Band nie gehört, weil beide an unterschiedlichen Casting-Tagen da waren.

Irgendwie scheint sich Vox selbst nicht mehr ganz sicher zu sein, was eigentlich den X-Factor von “X-Factor” ausmacht, wenn auf solche Tricks zurückgegriffen werden muss, um die Show bei den Zuschauern als besonders originell herauszustellen. Leider wirkt das im Moment eher: besonders verkrampft.

Screenshots: Vox, Pro Sieben

Das gefällt Ihnen? Das Fernsehblog gibt’s auch bei Facebook und Google+.

 

Veröffentlicht unter: Vox, Castingshows, DSDS, X Factor, The Voice of Germany

 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.