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Die Woche im Fernsehen: Wir denken nicht nach, wir machen einfach

01.09.2012, 09:21 Uhr  ·  "How long is the way noch?", will Pietro Lombardi in der neusten RTL-Sommerpausenfüllshow wissen; bei RTL 2 sorgt eine Superspezialeinheit dafür, dass am Ende immer exakt ein Auto explodiert; ZDFneo hat offensichtlich eine Wette mit Kabel 1 laufen; und Vox sucht weiter nach Katzenberger-Nachfolgern. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Von

Star Race | RTL
MEK 8 | RTL 2
Das Traumhaus-Duell | ZDFneo
Familie Kratz – Jetzt geht’s um die Wurst | Vox

Er hat kiloschwere Reissäcke geschleppt, Wasserbüffel angetrieben und freilaufende Hühner gejagt. Den schwersten Kampf während des Tramper-Trips über die Philippinen hatte Pietro Lombardi jedoch mit seinen Englischkenntnissen auszufechten. “Das Ding ist: Die Einheimischen können kein Englisch. Also die, wo ich getroffen hab”, meinte der Superstar a.D. in der RTL-Sommerpausenfüllshow “Star Race” – und versuchte dann, das Beste draus zu machen. “For the three days, we don’t have ein Cent in der Tasche”, erklärte er dem Autofahrer, der ihn und seine Begleitung ein paar Kilometer mitnahm; vom nächsten wollte er wissen: “How long is the way noch?”; und für freundliche Unbekannte, die ihn spontan bei sich übernachten ließen, erfand er die doppelte Bedankungssteigerung: “Thank you very so much!”

Irgendwie war’s beruhigend, zu sehen, dass internationale Kommunikation doch nicht ausschließlich über Facebook funktioniert. Um im Eingeborenendorf am Fuße des Pinatubo das stille Örtchen zu finden, stellte Pietro sich vor einen irritierten Bewohner, zeigte mit dem Finger auf sich und erklärte: “Pipi.” Die Kinder begrüßte er mit “Alles klar bei euch?” Und schon zu Beginn des Rennens verriet er das Erfolgsrezept seines Teams: “Wir denken nicht viel nach. Wir machen einfach.”

Es war die freundlichste Form der Hilflosigkeit, mit der sich der ehemalige DSDS-Gewinner über die Insel mogelte, und dass ein paar andere Promis schneller am Ziel waren, um den Hauptpreis abzugreifen und weiterzuspenden, ist egal. Als Sieger kann Pietro sich trotzdem fühlen: Mit einem größeren Sympathiebonus ist wohl noch niemand aus einer dieser Quatschsendungen rausgegangen.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Wir denken nicht nach, wir machen einfach

Dabei hatte RTL sich vorher größte Mühe gegeben, die Zuschauer mit dem üblichen Getöse auf die falsche Fährte zu locken: “Eine Reise, die man für Geld nicht kaufen kann”, hätte es werden sollen, “ein Abenteuer, das in keinem Katalog steht”, mit Promis, die “ausgesetzt am anderen Ende der Welt” leiden: “Sie schlafen, wo man sie duldet; sie essen, was man ihnen schenkt.” Im Laufe der Zeit entpuppte sich “Star Race” dann aber doch als ganz unterhaltsame Schnitzeljagd, bei der ein Grüppchen deutscher Fernsehbekannter sich mit neugierigen Philippinos anfreundet (komplette Show bei rtlnow.de ansehen). Jimi Blue Ochsenknecht und Nino de Angelo verschenkten ihre Armbanduhr an die kleinen Jungs, die wegen der Fremden im Haus die ganze Nacht nicht schlafen konnte, wie der Vater erklärte: “Es ist das erste Mal, dass sie weiße Menschen sehen.” Jenny Elvers-Elbertzhagen und Mirja du Mont bewiesen (in erster Linie vermutlich sich selbst), dass man auch mit blonden Haaren eine Kämpfernatur sein kann, selbst wenn’s einem dabei “kotzig” ist.

Und als Pietro und seine DSDS-Freundin Sarah am letzten Abend mit einem Haufen philippinischer Kids in deren Familie zusammensaßen, um gemeinsam internationale Pophits zu schmettern, während die Oma nebendran mitschunkelte, hätte man fast aufstehen können, um den Fernseher zu umarmen.

(Dass “Moderatorin” Fernanda Brandao unter “moderieren” offensichtlich versteht, in wallenden Gewändern dekorativ vor Wasserbüffeln herumzustehen, hat da auch nicht weiter gestört.)

Seit dem vergangenen Wochenende steht fest, warum RTL 2 seine erste eigenproduzierte Actionserie so lange in der Schublade hat liegen lassen: Weil es überhaupt nichts hilft, größtmögliche Bedrohungsszenarien zu erfinden, wenn die Charaktere, die dort hinein katapultiert werden, den Eindruck machen als seien sie gerade mal eben grob aus dem Drehbuch rausgeschnitzt worden.

In “MEK 8″ muss eine Superspezialeinheit dafür sorgen, brenzlige Situationen so zu lösen, dass am Ende immer exakt ein Auto explodiert (weil das die “Cobra 11″-Produktionsfirma so gut kann). Zum Start ging’s um eine Geiselnahme in einer Schule, die den Verantwortlichen als Grundkonflikt aber zu popelig gewesen sein muss, weshalb der Geiselnehmer sich außerdem als durchgedrehter Sprengstoffexperte entpuppt und eine der Geiseln als Sohn der Superspezialeinheit-Mitarbeiterin. Weil aber gleichzeitig gespart wurde, muss “MEK 8″ mit Minimalpersonal auskommen und Szenen vermeiden, für die mehr als eine Handvoll Schauspieler gleichzeitig gebraucht werden. (Gleich mit einem Schuldreh anzufangen, darf man deshalb als mittlere Dummheit Herausforderung bezeichnen.)

Schlimmer noch als die leeren Szenen (erste Folge bei rtl2now.de ansehen) sind aber die Dialoge, die das Trash-Ensemble absondert. Die taffe Einsatztrulla erklärt: “Vielleicht ist es gut, dass ich keine eigenen Kinder habe. Ich würd’ dem Typen eigenhändig das Genick brechen, wenn der mein Kind bedrohen würde.” Und die Kollegin, die um ihren Sohn bangt, wird gefragt: “Wie geht’s dir? Blöde Frage. Aber du weißt, wie ich das meine.”

Ach, man darf sich das gar nicht vorstellen: Wieviele Folgen “Die Wollnys” sich mit dem schönen Geld hätten drehen lassen!

Offensichtlich hat ZDFneo eine Wette mit Kabel 1 abgeschlossen, wer sich traut, die belangloseste Dokusoap des deutschen Fernsehens auszustrahlen. Mit dem Start von “Das Traumhaus-Duell” steht nun fest: ZDFneo hat gewonnen. Zwei grundsympathische Moderatoren besichtigen stellvertretend für eine umzugswillige Familie haufenweise Immobilien, bei denen von vornherein feststeht, dass sie überhaupt nicht in Frage kommen. Am Ende schaut sich die Familie zwei vernünftige Vorschläge an, sucht sich das neue Zuhause aus – und fertig (ganze Folge in der ZDF-Mediathek ansehen). Wenn Sendungen zwangsversteigert werden könnten, gäbe es für diese hier vermutlich keine Interessenten.

Sollten Sie zu den Menschen gehören, die dringend auch mal ins Fernsehen wollen, wäre es ratsam, sich möglichst oft in der Nähe von Daniela Katzenberger aufzuhalten. Erstens lässt die sich ja vom morgendlichen Zähneputzen bis zum abendlichen Luftrauslassen von der Kamera begleiten, und da ergibt sich zwischendurch immer mal eine Situation, in der man den Verwandten zuhause in die Kamera winken kann. Und zweitens ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Ihnen Katzenberger-Produzent Bernd Schumacher, der ständig auf der Suche nach dem nächsten Fernsehvermarktungswunder ist, dann eine eigene Sendung schenkt. So wie der Katzenberger-Freundin Rebecca, die allerdings auch einen Papa vorzuweisen hat, der in Marbella eine Würstchenbude auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums betreibt und in einer Luxusvilla mit aufgepäppelten Straßenhunden wohnt sowie eine Freundin in Darmstadt hat. (Fragen Sie nicht nach dem Zusammenhang.)

Das Beste an Manni Kratz, wie der “Würstchenkönig” mit vollem Namen heißt, ist jedoch, dass er zuverlässig alle paar Sekunden in die Luft geht, weil ihm jemand den Weg zu einer Party falsch beschrieben hat oder heimlich den dekorativen Plastiksalat aus der Würstchenbudentheke entfernt hat (erste Folge bei voxnow.de ansehen).

Es gibt im deutschen Fernsehen sicher leichtere Jobs als das Leben cholerischer Imbissbetreiber zu einer mehrteiligen Reihe zusammenzupuzzeln. Aber dafür schlägt sich “Familie Kratz – Jetzt geht’s um die Wurst” noch ganz gut. Zur Abwechslung wird bei Vox auch mal nicht der Trenddialekt Pfälzisch, sondern reinstes Hessisch gebabbelt, dessen eingeschränkte Anwendungsmöglichkeit durch die Einheimischen Manni überhaupt nicht versteht: “Mensch, ihr Spanier, könnt ihr das net?”

Vielleicht hat ja Pietro Lombardi noch einen Termin im Kalender frei, um im deutsch-spanischen Würstchenimperium mal nach dem Rechten zu sehen und als Übersetzer einzuspringen.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: RTL, RTL 2, ZDFneo, Vox

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.