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Die Serien-Attrappe: TNT Serie startet seine Eigenproduktion "Add a friend"

19.09.2012, 11:03 Uhr  ·  Geld durften sie so gut wie keins ausgeben – aber warum das Produktionsteam der ersten deutschen Pay-TV-Serie "Add a friend" auch so sparsam mit der Kreativität umgegangen ist, lässt sich nun wirklich nicht erklären. Die Inszenierung mag ungewöhnlich sein. Aber am Ende fehlt leider das wichtigste: eine gute Geschichte.

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Herzlich willkommen zur kürzesten TV-Kritik der Welt, sie befasst sich mit der neuen TNT-Serie-Serie “Add a friend”, der ersten fiktionalen Eigenproduktion im deutschen Bezahlfernsehen, und geht folgendermaßen:

Die gute Nachricht ist zugleich die schlechte. Sie müssen sich für diese Serie kein Pay-TV-Abonnement zulegen.

Ende.

Ach, Sie hätten’s dann doch gerne etwas ausführlicher? Ok.

Die gute Nachricht: Sie müssen sich für diese Serie kein Pay-TV-Abonnement zulegen – und sparen einen Haufen Kohle. Um TNT Serie zu empfangen, bräuchten Sie sonst zum Beispiel Sky (das Fernsehauffangbecken für Oliver Pocher und Harald Schmidt), was die Haushaltskasse monatlich ganz unschön mit 16,90 Euro belastet. (Und dann haben Sie bloß das Basispaket gebucht, also nix mit Fußball.) Als Kunde von Kabel Deutschland (herzliches Beileid) müssten Sie einen digitalen Kabelanschluss haben, die Geduld, diese Tabelle zu verstehen, und jede Menge Gleichmut für Telefonate mit der ahnungslosen Kundenhotline. Per IPTV kommt TNT Serie auch ins Haus, aber zum Beispiel bei Vodafone nur, wenn sie zusätzlich das “Lounge-Paket” (9,95 Euro pro Monat) buchen und Lust haben, über einen Receiver fernzusehen, der genauso lange zum Booten braucht wie ein Windows-95-Rechner. (Wahrscheinlich weil der mit Win95 läuft.)

Bild zu: Die Serien-Attrappe: TNT Serie startet seine Eigenproduktion "Add a friend"

Die schlechte Nachricht: Sie müssen sich für diese Serie kein Pay-TV-Abonnement zulegen – weil “Add a friend” eine riesige Enttäuschung ist. Dass jetzt trotzdem so viele schonende Kritiken (oder übertrieben euphorische wie in der “SZ” vom Dienstag) dazu erscheinen, liegt unter anderem daran, dass die Serie als Vorzeigeprojekt gilt und die Journalisten sich ihre eigene Hoffnung auf Folgeprojekte nicht kaputt schreiben wollen: Wenn “Add a friend” funktioniert, produziert vielleicht irgendwann ein richtiger Pay-TV-Sender eine richtig tolle Serie, so wie HBO, Showtime und AMC in den USA.

Das größte Problem von “Add a friend” ist, dass sich das Produktionsteam komplett auf die – vor allem finanziellen und inszenatorischen – Einschränkungen eingelassen hat, die nötig waren, um mit kleinem Budget fürs Pay TV drehen zu können. Aber so gut wie keinen der Vorteile genutzt hat.

Die Serie (Trailer) erzählt die Geschichte des jungen Fotografen Felix (Ken Duken), der nach einem Autounfall im Krankenhaus landet und dort den ganzen Tag in Videotelefonaten mit seinem Kumpel, seiner Ex und seinen Eltern abhängt, bis irgendwann vielleicht rauskommt, wer ihn umgefahren hat. Damit am Ende überhaupt mehrere Episoden draus werden, sind die jeweils 24 Minuten mit allerlei (ebenfalls per Videotelefonat erzählten) Nebenhandlungen ausgeschmückt: dem Beziehungsstress der Eltern, der Spielsucht des Investment-Kumpels, dem Flirt mit der großen Liebe aus der Schulzeit.

Die Erzählweise ist selbstverständlich der Kostenersparnis geschuldet und sicher unkonventionell, aber auch furchtbar ermüdend: weil es nach einer gewissen Zeit unheimlich nervt, den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie vor unterschiedlichen Fototapeten herumsitzen und mit Minimalinteraktion ihre Dialoge aufsagen. Die Kamera ist dabei ungefähr so agil wie der ans Bett gefesselte Hauptcharakter, und am liebsten möchte man die Leute im Fernsehen zwischendurch anschreien: Geht! Endlich! Mal! Raus!

Regisseur Tobi Baumann (auf dem Foto oben links), der auch schon mal Fernsehen mit echtem Budget machen durfte, erzählte bei DWDL kürzlich, “Add a friend” sei “hochprofessionell und international konkurrenzfähig”. Das mit der Professionalität stimmt insofern, als dass zum Beispiel Ken Duken alias Felix seine Aufgabe ganz hervorragend meistert – dafür dass er ausschließlich mit dem einbandagierten Gesicht schauspielern darf. Aber die internationale Konkurrenzfähigkeit, die Baumann behauptet, ist schlicht und einfach gelogen. Und das liegt weniger an der Inszenierung als am Inhalt.

Die größte Stärke amerikanischer Pay-TV-Serien ist, dass sie Geschichten mit Protagonisten erzählen, die den Mainstream-Sendern zu wenig massenkompatibel wären. Bei “Add a friend” sind Story und Charaktere hingegen die größte Schwäche. Das Team scheint nicht nur alte Soap-Kulissen recycelt zu haben, sondern auch deren ausrangierte Charakterstereotype. Felix’ bester Freund Tom ist ein schmieriger Anzugträger, der seinen Job als Banker riskiert, weil er für erfundene Firmen Investmentgelder abgreift, mit denen er seine Privatschulden ausgleichen will, während er mit der Frau seines fiesen Chefs schläft (die sich beim Videotelefonieren im Negligé permanent die Fußnägel lackiert), sich zu wenig um seinen Sohn kümmert, aber in Wahrheit doch ein ganz rührend fürsorglicher Papa ist, der dem Sprössling den Tipp gibt, dem Prügler auf dem Schulhof ordentlich eine reinzudonnern, damit der ihn künftig in Ruhe lässt.

Jeder “GZSZ”-Autor würde hochkant rausfliegen, wenn er sich trauen würde, solche Rollen ins Skript zu donnern. Bei “Add a friend” darf der Klischeemagnet die zweite Hauptfigur sein.

Geschichten werden – zumindest in den ersten drei Folgen (die TNT Serie vorab zeigte) – immer nur angeteasert und manchmal überraschend abrupt wieder abgebogen: Die Kripo informiert Felix zunächst, dass er vielleicht absichtlich umgefahren wurde (“Haben Sie Feinde?”) und nimmt das später einfach so wieder zurück. (Sie ahnen’s: per Videotelefonat, natürlich.) Die Handlung kommt kaum voran, stattdessen wird Zeit geschunden mit Szenen, in denen Felix popmusikunterlegt eine kleine Ewigkeit mit dem Mauszeiger über den “Hinzufügen”-Button im Google+-Profil seiner Ex kreist.

Als er dann endlich mit ihr videotelefoniert, reden die beiden Sätze, die im Textbausteinkasten auf der Karteikarte “Teenagerzeiten-Erinnerungsschwelger” stehen (“Weißt du noch, als die erste ‘Nirvana’-Platte rauskam?” – “Wir haben vorm Plattenladen gewartet bis er endlich aufmacht und die Schule geschwänzt, um uns das Album den ganzen Tag anzuhören?”).

Es gibt trotzdem dooferes Fernsehen als “Add a friend”. Und als Webserie, die ja auch schon mal mehrere Jahre kurz vor dem Durchbruch stehen sollte, könnte man’s problemlos durchwinken. Für eine Fiction-Premiere des deutschen Bezahlfernsehen in einem der größten TV-Märkte der Welt ist “Add a friend” aber leider ein ziemlicher Reinfall. Wenn das Bezahlfernsehen das nicht selber merkt, können wir uns das mit der Hoffnung auf originelle deutsche Nischenserien eigentlich auch sparen.

Foto: TNT Serie

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.