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Die Woche im Fernsehen: Eine F.A.Z.? Wüsste ich jetzt nicht, was das ist

02.10.2012, 11:07 Uhr  ·  Viva macht überraschend eine knappe Dreiviertelstunde eigenes Programm; die Redaktion des ZDFkultur-Aushängeschilds "Der Marker" verabschiedet sich von der eigenen Sendung; die "Sesamstraße" hat einen neuen Vorspann; und WDR und MDR ergründen ihre gemeinsame Bedarfslage. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Von

Vivapedia | Viva
Der Marker | ZDFkultur
Sesamstraße | Kika
Aufschwung Ost – Abstieg West? | MDR/WDR

Es gehört zu den Mysterien unserer Zeit. Niemand kann es sich erklären. Aber Sie können Ihren Kindern später einmal erzählen, dass Sie dabei gewesen sind: In der vergangenen Woche hat der frühere Musiksender Viva überraschend eine knappe Dreiviertelstunde eigenes Programm gemacht! Bisschen lustig, bisschen lehrreich. Und mit Palina Rojinski im Strickkleid, die außer Beiträgeansagen und Ironischsein wieder nicht so viel machen durfte, aber zum Schluss glaubhaft versicherte: “Übrigens, ich find meinen Job ganz cool.” Dass es gar nicht so einfach ist, sich eine Arbeit rauszusuchen, von der sich das behaupten lässt, war das Thema der ersten Ausgabe von “Vivapedia”, einem monothematischen Magazin-Sonderfall inmitten der Entertainment- und Dokusoap-Scherben, die sich der Sender aus dem Viacom-Archiv zu einem 24-Stunden-Programm zusammenkehrt.

Gleich zu Beginn linste die Kamera in die Bewerbungsgespräche des Bremerhavener “Atlantic Hotel” rein, wo die Chefin von den Kandidaten wissen wollte, ob sie sich für eine Ausbildung zur Hotelfachfrau (bzw. zum Hotelfachmann) eignen.

Am Ende sah sie einigermaßen verzweifelt in die Kamera und erklärte den Tag zum Komplettreinfall: “Das ist frustrierend.” Die meisten Bewerber hatten kaum Allgemeinbildung und scheiterten schon an der Frage nach dem aktuellen Bundespräsidenten. (Wobei das zugegebenermaßen auch öfter wechselt.) Viele hatten sich das Hotel vorher nicht einmal im Internet angeschaut. Auf die Frage, an welchem Meer es liegt, sagte eine Bewerberin: “Atlantik?” Und als die Chefin von einer anderen wissen wollte, was sie täte, wenn ein Gast an der Rezeption eine F.A.Z. verlangen würde, gestand die: “Eine F.A.Z.? Wüsste ich jetzt nicht, was das ist.”

Ts, das kommt doch bestimmt von diesem, diesem – Internet!

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Eine F.A.Z.? Wüsste ich jetzt nicht, was das ist

Keine Ahnung, ob der Beitrag als versteckte Aufforderung ans jugendliche Publikum gemeint war, sich doch ein klitzekleines bisschen mehr anzustrengen, wenn es die eigene Zukunft plant – oder ob er wegen der schönen Blamage-Antworten bloß gut an den Anfang gepasst hat (Sendung bei viva.tv ansehen). Aber die Idee ist schon mal keine dumme: den Viva-Jugendlichen kurz in Erinnerung zu rufen, dass sie sich echt gut überlegen sollten, wie sie im echten Leben mal verdienen wollen.Oder wie’s Rojinski formulierte: “DSDS-Star ist ja sowieso schon jeder.” 

Shkrodran zum Beispiel hat sich einen Traum erfüllt, ist mit 17 Jahren Fußballprofi geworden, und zwar in der englischen Premier League. Jetzt verdient er zwar einen Haufen Kohle und düst im weißen Audi durch die Stadt, hat aber Jahre lang im Fußballinternat geackert und wohnt weit weg von Eltern und Freunden. Gar nicht so einfach in dem Alter.

Eine 22-jährige Berlinerin will derweil von der Näherin zur Türsteherin umschulen, denn: “Die stehen rum und kriegen Geld.” Nach einem Abend Praktikum vor einem Club hat sie ihre Meinung geändert – und gehörigen Respekt vor den Kollegen.

Leider sieht man auch “Vivapedia” an, dass vieles aus schon vorhandenem Material zusammengebastelt wurde, um überhaupt ein komplettes Magazin rauszukriegen. Aber wahrscheinlich ließe sich schon mit einem minimal höheren Budget eine ziemlich gute Jugendsendung draus machen. Nur halt nicht bei Viva.

Eine andere ziemlich gute Jugendsendung, wenn auch für die deutlich ältere Jugend, hat Ende der vergangenen Woche ihr Studiolicht ausgeknipst: “Der Marker”. Anderthalb Jahre nach dem Start lief das tägliche Popkultur-Aushängeschild von ZDFkultur zum letzten Mal. Schuld ist der neue ZDF-Intendant, der sich als Sparkönig profilieren will, dabei aber am falschen Ende kürzt. Die tägliche “Tageschau”-Konkurrenz kann jedenfalls keine besonders teure Sendung gewesen sein. Weil sie sonst sicher nicht so kreativ gewesen wäre. Aber sie hat dem Digitalsender ein Gesicht gegeben und war eine Plattform für junge Moderatoren. Welche Taktik dahinter steckt, ausgerechnet sowas abzuschaffen, wenn man einen Sender führt, der an drastischer Überalterung leidet und dringend Plattformen für junge Moderatoren braucht? Herr Bellut, spannen Sie uns nicht länger auf die Folter! Raus mit der Sprache!

Vertreten von Moderator Jo Schück nutzte die Redaktion die Gelegenheit, sich gebührend zu verabschieden, bevor in den verbleibenden zwei Minuten die Dekoration weggeräumt wurde und im Abspann der “Besondere Dank” an den ehemaligen Intendanten Markus Schächter lief (ganze Sendung in der ZDF-Mediathek ansehen).

“Das Krawattenfernsehn hat gewonnen”, lautete das Fazit. Und, im Abschluss-Song zurechtgerappt: “Der Lerchenberg bleibt ‘ne Anstalt. Hier herrscht ‘survival of the fittest’.” Naja, irgendwo muss das Geld für so einen Fußballstrand ja herkommen.

Mit dem Überleben hat die “Sesamstraße” natürlich kein Problem. Im Gegenteil, die Kindersendung verpasste sich gerade erst einen neuen, von Lena Meyer-Landrut gesungenen Vorspann, indem sämtlich Stars durch eine Trickfilmstraße toben, und scheint bei Frontpuppe Elmo in guten Händen zu sein. “Womit fangen wir denn am besten mal an? Mit dem Ende! Nee, das ist ja viel zu weit weg”, begrüßte er die Zuschauer der ersten neuen Ausgabe am Montagfrüh, bevor Graf Zahl mit Hupmonstern zählen übte, Ernie und Bert dem Quietscheentchen seinen Schluckauf abgewöhnten und sich Kindergartenpuppen singend selbst substrahierten (Folge bei kikaninchen.de ansehen).

Die “Sesamstraße” gehört zu den wenigen Sendungen, denen man gerne verzeiht, dass sie zu einem großen Teil aus Wiederholungen bestehen. Weil die meisten Puppen, als sie damals im 4:3-Bildformat im Erlernen von Grundrechenarten oder Redewendungen gefilmt wurden, schon lustiger waren als so manche Fernsehmarionette, die sich heute auf dem Bildschirm rumtreibt. Nicht nur im Kinderfernsehen.

Was denn nun? “Hart aber fair” oder “Wetten dass…?”? WDR und MDR wollten unbedingt beides haben, und das hat leider dazu geführt, dass “Aufschwung Ost – Abstieg West?” nicht so richtig funktionieren konnte, weil die Sendung mit dem ständigen Wechsel zwischen Polittalk und Unterhaltung ziemlich überfordert war (ganze Sendung bei wdr.de ansehen).

Ob wir den Solidarpakt noch brauchen, wollten die Moderatorinnen Ellen Ehni (WDR) und Angela Elis (MDR) in der live in beiden Dritten Programmen ausgestrahlten Show herausfinden, und ob inzwischen nicht die maroden Städte im Westen die größere finanzielle Unterstützung benötigten. Guter Ansatz. Es hätten bloß die Landespolitiker zuhause bleiben müssen, die sich ihrem üblichen Politsprech doch nur wieder über “Bedarfslagen” unterhalten wollten. Und die Ost-West-Liebespaare, die in Bochum und im thüringischen Nordhausen zu einer Art Stadtwette vor die Kamera gerufen wurden.

Der Direktvergleich, bei dem jeder Landessender seinen Reporter ins Sendegebiet des anderen schickte, war nämlich durchaus interessant: Wie läuft’s mit der Kinderbetreuung in Ost und West? Was passiert, wenn wie im nordrhein-westfälischen Bad Sassendorf fast nur noch Senioren leben, oder, wie im thüringischen Oberwiera, akuter Frauenmangel herrscht? Und wie wird eigentlich das Geld aus dem Solidarpakt verteilt? Am Ende hätte womöglich sogar die Zeit dafür gereicht, die zu Beginn des Abend eingeforderte Zuschauerbeteiligung nicht damit abzuhaken, zwischendurch ein paar reingemailte Meinungsbröckchen vorzulesen. Vielleicht ja beim nächsten Mal.

Jedenfalls wenn die Bedarfslage bei WDR und MDR mehr als einen guten Einfall pro Jahr erlaubt.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: Viva, ZDFkultur, Kika, MDR

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.