Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

28. Mai. 2017
von Verena Lueken

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Die Palmen sind vergeben

© AFPDer schwedische Regisseur Ruben Östlund mit seiner Goldenen Palme

Leider kann die Jury bei der Preisverleihung nicht plötzlich den Film des Festivals aus dem Hut ziehen, den wir vorher nicht gesehen haben. Sie muss damit arbeiten, was da ist, und das war in diesem Jahr nicht so viel.

„The Square“ von Ruben Östlund gewinnt also die Goldene Palme. Empörung? Nein. Begeisterung? Auch nicht. Es war einer der passablen Filme des Jahrgangs, obwohl er seine Themen – Verlust des Vertrauens im öffentlichen Raum, die Hilfslosigkeit moderner Kunst, wachsenden Narzissmus und so weiter – mit enervierender Deutlichkeit in seine Zuschauer hämmert. Aber der Film hat auch starke Momente und in Claes Bang einen Hauptdarsteller, auf den er sich verlassen kann. Auch wenn die Szene, in der der Chefkurator auf der Suche nach einem Notizblatt im Müll wühlt und das Ganze als Persiflage auf eine Installation inszeniert ist, die Frage aufkommen lässt, was der Regisseur gegen Kunst hat. Er versucht sich doch selbst daran.

Das also ist die Goldene Palme in diesem Jahr. Wir können nicht wissen, durch welche Händel sie zustande gekommen ist. Ganz offensichtlich aber ist, dass es in der Jury Stimmen gab, die Nicole Kidman auszeichnen wollten, die für ein paar Tage omnipräsent im Festival war. Aber die Palme für die weibliche Hauptrolle konnte es nicht sein, denn sie sollte Diane Kruger für Fatih Akins „Aus dem Nichts“ bekommen, und das ist auch gut so. Sie trug den Film über manche Untiefen auf sein erschütterndes Ende hin.

Für Nicole Kidman wurde also extra ein Preis geschaffen, der nur in diesem Jahr vergeben wird: Der Preis des 70. Jubiläums (oder müssen wir mit dem Preis des 71. im nächsten Jahr rechnen?). Will Smith trug das vor, weil Nicole Kidman bereits abgereist war. „Das würde sie jetzt machen“, sagte er am Podium und zog den Kopf zwischen die Schultern. Schniefte ein wenig. Hob zwei Finger an die Nase. Schaute von unten hoch und rief wie unter Tränen: „Really! Me?“ Es war sehr komisch.

© NOGIER/EPA/REX/ShutterstockWill Smith als Nicole Kidman: Eine überzeugende Darstellung.

Really? Me? Das war, ohne dass wir es hören konnten, auch die Reaktion von Joaquin Phoenix, der für seine Tour de Force-Performance in „You Were Never Really Here“ von Lynne Ramsay den Darstellerpreis bekam. Er zögerte, sich überhaupt zu erheben, tat das dann aber doch langsam, schaute auf seine Schuhe, die Turnschuhe waren, und lief zur Bühne. Er war tatsächlich verdattert: „Sie sehen es ja an meinen Schuhen, in denen wollte ich nachher fliegen.“ Oben trug er Smoking. Es war der zweite Preis für den Film von Lynne Ramsay, die zuvor eine Palme für das beste Drehbuch gewonnen hatte, was dafür spricht, dass hier jemand in der Jury getröstet werden sollte, der ihn für würdig hielt, die Goldene Palme zu gewinnen.

Was heißt hier würdig. Auch Lynne Ramsays Film, der am Freitag Abend als allerletzter im Wettbewerb lief, hat erhebliche Schwächen. Auch er ist vollgepackt mit Themen wie Missbrauch, Posttraumatischem Stress, Politikern, die Sex mit Kindern haben. Und Joaquin Phoenix räumt auf. Er benutzt dazu einen Hammer. Preis: 16,99 Dollar im Baumarkt. Eine intensive Darstellerleistung ohne Frage. Gut zu sehen, dass Joaquin Phoenix inzwischen wieder sich selbst ähnlich sieht. Im Film ist er ungeheuer fleischig und muskulös, so dass einem Angst um ihn werden kann.

Es wäre eine zumindest interessante Wahl für die Goldene Palme gewesen, hätte die Jury den Wunsch verspürt, zum zweiten Mal in der siebzigjährigen Geschichte des Festivals eine Regisseurin auszuzeichnen. Sophia Coppola gab sie für „Beguiled“ immerhin den Regiepreis, wobei ich darüber mit den Regisseuren in der Jury gern diskutieren würde.

Ein schwaches Festival kann keine strahlenden Sieger küren – außer Diane Kruger und Joaquin Phoenix, den beiden Darstellern mit Palmen, die aus ihren Rollen mehr als das Beste gemacht haben.

© APLinks nun die echte Nicole Kidman, in der Mitte die Regisseurin Sophia Coppola, rechts Kisten Dunst: Für „Beguiled“ gab es immerhin den Regiepreis.

28. Mai. 2017
von Verena Lueken

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27. Mai. 2017
von Verena Lueken

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Wer bekommt die Goldenen Palmen?

Wer um Himmels willen könnte dieses Jahr gewinnen? Jetzt sind alle Filme durch. Die Jury berät. Schwer vorstellbar, dass es ihrem Präsidenten Pedro Almodóvar dabei besonders geht. Er selbst hat noch keine Goldene Palme gewonnen, obwohl die Filme, die er hier zeigte – im vergangenen Jahr war es „Julietta“ – alles in den Schatten stellen, was in diesem Jahr hier zu sehen war. Er wird vermutlich ziemlich mit den Zähnen knirschen bei dem Gedanken, einem ihm nicht ebenbürtigen Filmemacher den Preis in die Hand zu drücken.

© Guillaume Horcajuelo/EPA/REX/Shutterstock Jurymitglieder: Park Chan-Woo, Jessica Chastain, Pedro Almodovar und Agnes Jaoui

Und doch wird morgen Abend einer mit dem großen Preis nach Hause gehen, und in zehn Jahren dann, falls sich wieder alle an der Croisette treffen, beim goldenen Familienfoto dabei sein. Und Almodóvar vielleicht immer noch nicht. Und Jane Campion vielleicht immer noch als einzige Frau. Das ist der Albtraum.

Es gibt keinen wirklichen Favoriten. Niemand scheint für einen Film zu brennen wie im letzten Jahr, als alle „Toni Erdmann“ riefen. Außer der Jury. Deshalb gebe ich in diesem Jahr gar keine Prognose ab.

Dennoch ein paar Namen, die am Sonntag Abend aufgerufen werden könnten.

Robin Campillo für „120 Battements par minute“ – das wäre ein Sieger oder sonstiger Preisträger, mit dem ich ganz einverstanden wäre. Act up in den frühen Neunzigern. Großes Thema, trotz Schwächen und dass er viel zu lang ist, wäre ein Votum für diesen Film eine würdige Entscheidung. Vielleicht bekommt auch Nahuel Pérez Biscayart in einer Hauptrolle etwas.

© AFP/Loic VenanceDiane Kruger mit Fatih Akin in Cannes

Diane Kruger für „Aus dem Nichts“ oder Nicole Kidman für „The Beguiled“ oder „Killing of a Sacred Deer“, beide gut in ihren Rollen, die ihre Filme tragen.

Claes Bang, Hauptdarsteller von „The Square“ oder Colin Farrell (vielleicht mit Nicole Kidman in beiden ihrer Filme?) oder Robert Pattinson für „Good Time“

Hong Sang-soo für „Geu-Hu“ (Der Tag danach). Ein kleiner Film. Eine kleine Geschichte. Präzise in Schwarzweiß inszeniert. Vielleicht hat er eine Außenseiterchance? Für Regie oder Jurypreis oder sonst etwas?

Josh und Benny Safdie für „Good Time“, das würde mich freuen. Nicht, weil der Film perfekt wäre, sondern weil er so voller Energie ist, rasant und auf volles Risiko spielt. Und Preise für um die Dreißigjährigen wären doch auch mal was.

Vermutlich kommt es ganz anders. Und Almodóvar wird dazu lächeln.

 

27. Mai. 2017
von Verena Lueken

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26. Mai. 2017
von Verena Lueken

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Robert Pattinson mit gelbem Haar

© AFPRobert Pattinson in Cannes

Wer will schon ein Star sein? Gut aussehen? Robert Pattinson jedenfalls nicht. Er war schon vor fünf Jahren mit David Cronenberg für „Cosmopolis“ in Cannes. Dieses Jahr ist er mit dem bisher besten Film des Programms da, mit „Good Time“ der Brüder Josh und Benny Safdie. Die beiden konnten es beim Photocall offenbar gar nicht fassen, dass sie da vor rufenden Fotografen in der Sonne standen, nachdem sie in der erste Vorstellung kräftigen Applaus geerntet hatten. Sie alberten herum, fielen einander um den Hals und konnten kaum aufhören zu lachen, so glücklich, ungläubig auch kamen sie einem vor. Ich habe den Photocall, der so heißt, weil er nur für Fotografen abgehalten wird, vor einem der Monitore im Festivalpalast und ohne Ton gesehen, aber selbst da verströmten die beiden eine Energie und eine Lust am Filmemachen mit allem, was dazu gehört (eben auch dieses Festival, wenn alles gut geht), dass es eine Freude war. Und noch einer war dabei, etwas gesetzter, nicht ganz so albern und aufgeregt, denn er kannte das alles ja schon. Robert Pattinson eben. Der Hauptdarsteller ihres Films. Ein Superstar, der, wie gesagt, keiner sein will.

Mit diesem Film hat es geklappt. In New York gedreht, ohne Genehmigungen, ohne Trailer, guerillaartig, und das mit einem der bekanntesten Gesichter Hollywoods. Doch Pattinson wurde tatsächlich nicht erkannt. Das Make-Up-Department hat gut gearbeitet, ein paar Narben, ein paar Tattoos und gelbe Haare beigefügt. Im Film dagegen ist Pattinson schon deutlich er, auch wenn er oft eine Kapuze trägt und sich einen Gang angewöhnt hat, der zur tiefsitzenden Jeans passt. Aber für die Passanten in New York war er offenbar nur einer mehr von denen, die eben so aussehen. Keiner, erzählte er in der Pressekonferenz, habe auch nur das Handy gezückt, um ihn zu fotografieren, von Paparazzi zu schweigen.

© Rex/ShutterstockSzene aus „Good Time“

In einem Affentempo gedreht, undercover sozusagen, so sieht der Film aus, der hoffentlich auch nach Deutschland kommt. Ich vermute, er wird hier in Cannes etwas gewinnen. Vielleicht auch Pattinson. Er macht aus einer Figur, die eigentlich nur herumrast und den eigenen Bruder in einen großen Schlamassel bringt und in der zweiten Filmhälfte versucht, ihn da wieder rauszuholen, einen Charakter, der einen nervös macht und um den man sich ängstigt, je länger der Film dauert.

Robert Pattinson erzählte übrigens, er sei ein Angsthase. Er bleibe auch als Fußgänger vor jeder roten Ampel stehen, und der ganze Dreh in New York sei eine Mutprobe für ihn gewesen. Für die Brüder Safdie vermutlich auch. Nun sind sie hier und werden von Menschen gefeiert, die dazu einen Anzug anziehen.

26. Mai. 2017
von Verena Lueken

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25. Mai. 2017
von Verena Lueken

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Ein unwahrscheinliches Paar: Nicole Kidman und Colin Farrell

Vier Mal Nicole Kidman im Festival, zwei Mal davon mit Colin Farrell – kann das gutgehen? Drei Mal habe ich sie gesehen, den vierten Film leider verpasst. Dabei war sein Titel vielsprechend – „How to Talk to Girls at Parties“ – wie auch sein Regisseur, John Cameron Mitchell. Er erntete dann böse Verrisse, dennoch hätte ich ihn gern gesehen.

© Sebastien Nogier/EPA/REX/ShutterstockFarrell und Kidman bei der Premiere von „Beguiled“ in Cannes

Die anderen drei aber haben mich mit Nicole Kidman versöhnt, der ich in den vergangenen Jahren nicht mehr so gern zugeschaut habe. Hier war sie zweimal in großen Rollen im Wettbewerb zu sehen und in einer kleineren in Jane Campions Fernsehserie „Top of the Lake“. Da spielt sie die Mutter der Tochter von Robin – wie das geht, ist zu kompliziert zu erklären -, und sie hat gerade entdeckt, dass sie eine Frau lieber lieben möchte als ihren Mann. Was dann geschieht, weiß ich nicht. Aber das Wenige, das von Nicole Kidman zu sehen war, war subtil arrogant, wie es die Rolle verlangt, hart und rechthaberisch, und sprach auch von einer gewissen Selbstermächtigung, von der wir im Fortgang vielleicht mehr sehen werden.

Mit Colin Farrell bildet sie ein merkwürdiges Paar. Vielleicht kam auch deshalb niemand auf die Idee, die beiden als „Traumpaar“ des Festivals zu etikettieren. Es blieb für Nicole Kidman bei der „Königin von Cannes“, was lächerlich genug ist. Colin Farrell knüpft langsam wieder an seine Anfänge an, als er etwa in Spielbergs „Minority Report“ Tom Cruise mit Karacho an die Wand spielte. Mit Nicole Kidman macht er das nicht, aber er ist ihr ebenbürtig. Dunkel, manchmal gefährlich, aber auch naiv. So ist er in Sofia Coppolas Südstaatenmelodram „Beguiled“. Nicole Kidman hingegen streng, frustriert, überdreht, klug – als Direktorin des Mädchenpensionats, in dem der Film spielt, schüttelte sie das alles aus dem Ärmel und verliert auch im Äußersten ihre Haltung nicht. Colin Farrell ist hier ihr Opfer, sich zwar über seine Wirkung auf sie durchaus bewusst, aber ohne Arg. Bis er den Kronleuchter von der Decke schießt, was angesichts dessen, was Nicole Kidman ihm antut, eine sanfte Reaktion ist.

Deutlich anspruchsvoller für beide waren die Rollen in „The Killing of a Sacred Deer“. Ambivalenter angelegt, stilisiert, überdreht. Es war nicht ganz leicht, den Mann, der da am offenen Herzen operiert und dann über Uhrenarmbänder spricht, mit dem irischen jungen Soldaten zusammenzubringen, der in „Beguiled“ die Rosen schneidet. Jedenfalls würde ich die beiden gern weiter zusammen spielen sehen. Auf dem roten Teppich muss es nicht sein. Da ist Colin Farrell immer konservativ. Nicole Kidman kam dieser Tage im weißen Tutu.

25. Mai. 2017
von Verena Lueken

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24. Mai. 2017
von Verena Lueken

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Endlich fernsehen!

Paradox ist es schon, von einer Hommage ans Kino, wie sie der im vergangenen Juli verstorbene Abbas Kiarostami mit seinem nachgelassenen meditativen Werk „24 Frames“ geschaffen hat, loszurasen, um noch rechtzeitig zur Binge-Vorstellung von „Top of Lake: China Girl“ zu kommen, der zweiten Staffel der Fernsehserie von Jane Campion.

© AFP Photo / Loic VenanceJane Campion (2. v.l.) stellt mit den Schauspielerinnen Gwendoline Christie (l.), Elisabeth Moss und Nicole Kidman (r.) „Top of the Lake: China Girl“ in Cannes vor.

Leider hat es nicht geklappt. Die Leute standen offenbar wieder zwei Stunden vorher an, und der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt, so hieß es, als ich angerast kam. Das war ziemlich genau der Zeitpunkt, zu dem auch Jane Campion und ihr Team zum Saal geführt wurden, darunter Elisabeth Moss, die wie in der ersten Staffel die Detektivin Robin spielt, und Gwendoline Christie, neben der wir alle aussahen wie niedere Wesen. Vor mir, ebenfalls abgewiesen, stand ein australischer Kollege. Mir war etwas peinlich, dass er rief: „Jane! I came as promised, but I can`t get in!“ Ich hielt es für einen frechen Trick, man kann hier einiges in dieser Hinsicht erleben. Doch Jane Campion drehte sich um, strahlte den Kollegen an, kam zu ihm, beugte sich über die Absperrung und gab ihm einen Kuss. Natürlich kam er daraufhin dann doch noch in den Saal und musste sicher nicht stehen. Ich hingegen musste mich mit den ersten beiden (von sechs) Kapiteln der Serie begnügen, die in einer Pressevorführung kurz darauf gezeigt wurden.

In einem riesigen Saal mit gekrümmter Leinwand saß ich eine halbe Stunde später also und sah fern. In Berlin habe ich das schon häufiger gemacht, unter anderem mit der ersten „Top of the Lake“-Staffel, die vor einigen Jahren während der Berlinale in der Akademie der Künste gezeigt wurde. Damals fand ich es nicht merkwürdig. Heute aber schon. Wahrscheinlich, weil es die erste Serie ist, die überhaupt je in Cannes gezeigt wurde. Wahrscheinlich, weil in diesem Jahr der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit so überwältigend ist. Vielleicht, weil ich merke, dass mich die Filme in diesem Jahr nicht satt machen.

Zwei Folgen „Top of the Lake“ übrigens auch nicht. In den ersten zwei Stunden werden erstmal die Fährten in die verschiedenen sich verwebenden Geschichten hinein ausgelegt. Die Geschichte spielt in Sydney diesmal, nicht Neuseeland wie die erste. Es geht um einen Mord im asiatischen Sexgewerbe, einem Sklavenmarkt, dem Jane Campion keinerlei exotischen Schauwerte abgewinnen mag. Die Frauen in den Puffs sind Sklavinnen, die hart arbeiten müssen, um sich freizukaufen, und sie nutzen ihren Körper dazu in all seinen Funktionen aus. Eines der Mädchen wird in einem Koffer an den Bondi Beach gespült. Fortsetzung folgt.

Der Koffer, ein Rollkoffer in Himmelblau, wird am Anfang von einem Mann und einer Frau in die Bucht gekippt. Langsam sinkt er auf den Grund. Unterwegs wird er beschädigt, Wasser dringt in ihn ein, und langsam treibt er wieder an die Oberfläche. Mit ganz ähnlichen Bildern hat Jane Campion am Ende von „The Piano“ gearbeitet, das ist jener Film, der hier 1993, zusammen mit „Lebewohl, meine Konkubine“ von Chen Kaige, die Goldene Palme gewonnen hat. Während ich zusah, wie der Koffer Blasen durchs Wasser schickte und erst nach unten, dann nach oben trieb, dachte ich seit langem zum ersten Mal wieder an das „Piano“ und den Eindruck, den es damals auf mich machte, bei meinem ersten Festival in Cannes. Wie überwältigend dieser Film auf uns alle wirkte, weil er uns etwas zeigte, das wir so noch nie gesehen hatten: den Widerstand einer störrischen Frau und eine sinnliche Liebe zu einem Ureinwohner, dem sie Klavierspielen beibringt. Ob Jane Campion, die kurz zuvor noch bei den Fotos fürs Familienalbum des Festivals dabei gewesen war, heute auch daran gedacht hat? An die Vorstellung damals, die Japser, den frenetischen Applaus?

Ich wüsste sehr gern, wie es mit dem „China Girl“ weitergeht. Sechs Kapitel hätte ich trotz allem in diesem Tag untergebracht. Zwei sind nicht genug.

24. Mai. 2017
von Verena Lueken

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23. Mai. 2017
von Verena Lueken

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Die Frauen des André Téchiné

André Téchiné in Cannes mit Isabelle Huppert, Sandrine Kiberlain und Emmanuelle Beart

Der Applaus war tosend, als André Téchiné auf die Bühne trat. Mit Téchiné beklatscht wurde das französische Kino überhaupt. Und seine Frauen – die Frauen, deren Geschichten er erzählt hat, und ebenso die Darstellerinnen, die in seinen Filme großartige Rollen fanden. Das französische und das Kino der Welt verdankt Téchiné, der seinen ersten Film 1970 vorstellte, unter sehr vielen anderen Filme wie „Meine liebste Jahreszeit“ oder „Diebe der Nacht“ oder „Mit siebzehn“, der vor einigen Monaten auch in Deutschland lief. Zum Geburtstag des Festivals hatte er Ausschnitte aus eigenen und fremden Filmen kompiliert, französisch alle, und das sah im Zusammenschnitt so aus, wie das Kino einmal war: leidenschaftlich, hinreißend, lustig, traurig, todtraurig, immer voller großer Gefühle, manchmal auch voller Albernheiten. Blicke trafen sich, Menschen tanzten, lachten, weinten. Fünf Minuten, höchstens zehn ging das so, dann brach der Applaus los. Téchiné genoss das eine Weile, hob schließlich das Mikrofon vom Boden auf und bedankte sich bei seinen Darstellerinnen. Und aus dem Meer von Zuschauern und Bewunderern standen sie eine nach der anderen auf: Als erste Isabelle Huppert. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums Juliette Binoche. Zwischen ihnen Emmanuelle Béart, Sandrine Kiberlain und als letzte Catherine Deneuve. Jede für sich eine Ikone des Kinos, alle in den Filmausschnitten zu unterschiedlichen Zeiten ihrer Karrieren zu sehen, alle noch aktiv, manche mit Filmen auch in diesem Jahr im Festival.

Wie sie dort standen und die Ovationen entgegennahmen, nicht auf der Bühne, sondern mitten im Zuschauersaal, bevor das Licht wieder ausging für Téchinés neuestes Werk „Nos années folles“ (auch dies ein Film mit einer komplexen Frauenrolle, gespielt von Céline Sallette, die natürlich auch da war) schien noch einmal auf, was dieses Festival so besonders machte. Glamour und Eleganz verbunden mit einer selbstironischen Kultiviertheit und einer Nonchalance, die jede Abweichung von der Norm zulässt. Es war ein Bild, das für einen Augenblick vergessen ließ, was sich gleichzeitig auf dem roten Teppich abspielte, wo Influencer mit Millionengefolgschaft bei Instagram den Kinostars den Rang abgelaufen haben. Ein Bild, würdig eines Geburtstags wie dem Siebzigsten, den Cannes in diesem Jahr feiert.

23. Mai. 2017
von Verena Lueken

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22. Mai. 2017
von Verena Lueken

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Wird Clint Eastwood überschätzt?

© Reuters/Stephane MaheWelchen Einfluss hat er auf das Gelingen seiner Filme? Clint Eastwood in Cannes

In einer Viertelstunde kommt Clint Eastwood, und ich bin erst auf halber Treppe. Weiter geht es nicht. Zu viele Menschen. Kein Weiterkommen. Eine Sicherheitsdame nimmt mich unter den Arm und zieht mich durch die Leute, weil ich eine Karte habe, die mir den Zutritt erleichtert. „Warum kommen Sie so spät“, fragt sie schnaubend, aber freundlich, inzwischen eine Treppe und hundert Menschen weiter. „Die Leute stehen schon seit zwei Stunden an!“ Der Saal ist randvoll. Keine Luft. Ein Platz ganz hinten, ganz oben. Glück gehabt.

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22. Mai. 2017
von Verena Lueken

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21. Mai. 2017
von Verena Lueken

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Godard, das Monster

© Handout/Rex/ShutterstockLouis Garrel und Stacy Martin in einer Szene aus „Le redoutable“ von Michel Hazanavicius

Filme über Filmemacher gehören zum Ödesten, das es gibt. Der Eröffnungsfilm vor ein paar Tagen lavierte sich eine Weile um diese einfache Wahrheit herum, bevor er nicht mehr verleugnen konnte: auch er hat sie nicht ausgehebelt. Dabei spielte Mathieu Amalric doch einen fiktiven Regisseur, da wäre vom Drehbuch noch einiges drin gewesen. Oder war er doch mehr oder weniger Arnaud Desplechin, der Regisseur?

Wie auch immer, öde bleibt es. Und jetzt spielte Louis Garrel Jean-Luc Godard. Den Gott des Kinos, wie es vermutlich nur in Cannes noch heißt. Aber nicht für Michel Hazanavicius! Er hat seinen Film „Le redoutable“ genannt, was soviel heißt wie: Der Fürchterliche. Von Anfang an ist das so. Godard ist ein Monster. Er ist eitel. Er will nicht auf „Außer Atem“ festgelegt werden und hat in Anne Wiazemsky eine sehr viel jüngere Frau, die ihn mit der Zeit nicht mehr ganz so abgöttisch bewundert, und die er schließlich mit seiner Garstigkeit davonjagt. Im Hintergrund läuft der Pariser Mai 68, Godard und Anne mittendrin, er verliert seine Brille, das wird der running gag des Films. Das Drehbuch basiert auf einem Schlüsselroman übrigens, den Anne Wiazemsky geschrieben hat.

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21. Mai. 2017
von Verena Lueken

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20. Mai. 2017
von Verena Lueken

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Glamourkrise in Cannes?

© AFP / Anne-Christine PoujoulatDer rote Teppich am Festivalpalast vor der Premiere von „The Square“ am Samstagabend

Wo sind die Stars? Bange Frage an der Croisette, weil die Kategorie George Clooney und Jennifer Lawrence fehlen, stattdessen Claes Bang und Adèle Haenel den roten Teppich entlang laufen. Und ein paar Dauergäste natürlich, die aus anderen Gründen hier sind, Modeleute, Gäste der Sponsoren, Moderatoren der großen Galas wie jener jährlichen Aids-Gala am Samstagabend, die lange von Sharon Stone moderiert wurde und zu der erstmals aus Sicherheitsgründen alle Wege für Zuschauer und Paparazzis gesperrt sind. Ein paar alte Playboys soll es auch noch geben, hier und drüben in Antibes.

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20. Mai. 2017
von Verena Lueken

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19. Mai. 2017
von Verena Lueken

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„Okja“, der erste Netflix-Film

© HANDOUT/REX/ShutterstockSeo-Hyun Ahn in einer Szene aus Bong Joon Hos Film „Okja“

Falsches Format! Das ist in Cannes schon eine Art Supergau und passiert fast nie. Ausgerechnet bei „Okja“, dem Netflix-Film, über dessen Start im Wettbewerb hier schon so ausführlich gestritten wurde, passierte es am Morgen in der ersten Vorführung, die vor allem von der Presse besucht wird. Tilda Swinton erschien auf der riesigen Leinwand unter einer weißen Perücke mit Zahnspange im Mund, aber ihre obere Kopfhälfte kam nicht ins Bild. Der Vorhang war superweit für das extreme Breitwandformat geöffnet, das der Koreaner Bong Joon Ho unverschämter Weise für seinen Film, der für deutliche kleinere Abspielflächen gedreht ist, gewählt hat, aber wir sahen nur einen Teil davon. Geschrei und Getrampel der Kritiker, die vorher das Netflix-Logo feixend begrüßt hatten, schließlich Ende des ersten Versuchs, Saallicht, ein ratloser Techniker auf der Bühne, und schließlich das Ganze noch einmal von vorn.

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19. Mai. 2017
von Verena Lueken

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18. Mai. 2017
von Verena Lueken

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Will Smith for President?

Drei Filme am Tag. Will Smith, der in der Wettbewerbsjury sitzt, findet das viel. Er will früh ins Bett gehen, um für die Vorstellung um halb neun Uhr morgens frisch und ausgeschlafen zu sein. Gute Idee! Aber unwahrscheinlich. Der letzte Film ist häufig erst gegen halb eins durch.

Vermutlich war ich inzwischen zwölf Mal in Cannes. Es spielt aber keine Rolle. Die Anspannung ist jedes Jahr wieder da, jedes Jahr wieder die Neugierde auf das, was kommt, jedes Jahr wieder die Frage, wie lange es dauern wird, bis das Aufstehen morgens für genau die Vorstellung um halb neun schwierig wird, die auch Will Smith Respekt einflößt. Als ich einem jungen Kollegen vor der Abreise erzählte,  das Ganze sei auch eine sportliche Übung, fragte er: Übung für was? Kommt noch der Ernstfall?

Nein. Dies ist der Ernstfall. Vier Filme am Tag, zwölf Tage lang, macht 48. Dann hätte ich alles gesehen, was ich sehen möchte, sehen müsste. Vermutlich schaffe ich 45. Vielleicht auch nur vierzig. Selbst die sind noch eher sportlich. Will Smith erzählte auf der Jury-Pressekonferenz: „Drei Filme am Tag habe ich zuletzt in der Highschool geschafft.“ Wenn er durchhält, was er muss, hat er am Ende 36 gesehen, was ganz unwahrscheinlich ist, denn im Wettbewerb laufen nur achtzehn.

© AFP PHOTO / LAURENT EMMANUELDie Jury der 70. Filmfestspiele von Cannes stellt sich der Presse.

Will Smith beherrschte diese Pressekonferenz übrigens, als gebe es keinen Präsidenten über ihm. Gibt es aber. Pedro Almodóvar. Er hatte ein Statement vorbereitet, dass er auf Spanisch verlas, und darin ging es – vor allem um Netflix. Der Streamingdienst hatte ja schon die Diskussionen vorher beherrscht, weil hier zwei Filme laufen, die direkt an die Abonnenten und nicht erst in die französischen Kinos kommen. Wenn es nach Almodóvar geht, haben sie hier keine Chance auf einen Preis. „Die Größe des Screens sollte nicht kleiner sein als der Stuhl, auf dem der Zuschauer sitzt.“ Und er fügte hinzu: „Man muss sich klein und bescheiden vor den Bildern fühlen.“

© AFP PHOTO / LOIC VENANCEWill Smith mit Jessica Chastain und dem Jury-Präsidenten Pedro Almodovar im Freien

Unwahrscheinlich, dass er damit die Generation der digital natives erreicht, aber sei`s drum. In Cannes kann man alles sagen, was Respekt vor den Filmen, vor dem Kino, vor der Tradition der bewegten Bilder zeigt. Und es ist zu vermuten, dass vor der riesigen Leinwand im großen Saal des Festivalpalasts selbst Will Smith sich klein, möglicherweise sogar bescheiden fühlen wird. Vielleicht auch angesichts der vollständigen Reihe von Arthouse-Filmen, die das Programm dieses Jahr zeigt. „West Philadelphia“, sagte Smith dazu,  der dort aufgewachsen ist, „ist sehr weit weg von Cannes.“

Netflix wird Thema bleiben. Hoch über der Croisette, am besten Platz für solcherlei, direkt gegenüber dem Festivalpalast, hängt dieses Plakat.

Wie der Film ist, werden wir am Freitag wissen. Die Besetzung ist vielversprechend, der Regisseur („Snowpiercer“) auch. Dazu hat sich Will Smith nicht geäußert. Aber er findet Netflix super, das wollte er auf der Pressekonferenz schnell noch gesagt haben. Wobei es genau genommen darum ja gar nicht geht.

 

18. Mai. 2017
von Verena Lueken

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15. Mai. 2017
von F.A.Z. - Feuilleton

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Vom 17. bis 28. Mai: Filmfestival in Cannes

© ReutersPalmen, Poster, Prominente: Cannes bereitet sich auf die Filmfestspiele vor.

Sein Festival werde eine „Atempause“ inmitten der politischen Verhandlungen nach der französischen Präsdentenwahl, verspricht Pierre Lescure, Präsident der Filmfestspiele von Cannes. Deutschland ist mit der Regisseurin Maren Ade in der Jury und mit ihrem Hamburger Kollegen Fatih Akin im Wettbewerb um die Goldene Palme vertreten. Für die Frankfurter Allgemeine, FAZ.NET und das Blog „Filmfestival“ wird Verena Lueken aus Cannes berichten.

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15. Mai. 2017
von F.A.Z. - Feuilleton

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18. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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Die andere Seite der Poesie

Die alte Redensart vom Berg und vom Propheten erfuhr am Samstagabend bei der Abschlussgala der Berlinale eine wunderbare neue Interpretation: Der Berg war die Berlinale, die Berlinale war ein Bär, der Prophet war der Prophet. Man kann ruhig seinen bürgerlichen Namen nennen, Aki Kaurismäki, wobei ich mir manchmal dachte, dass dieses Aki für irgendeinen schrägen Vornamem stehen könnte, Apokatastasis zum Beispiel, aber das würde natürlich gar nicht nach Finnland und zu dem besten lakonischen Regisseur der Welt passen. Aki Olavi Kaurismäki ist der einzige Prophet des Weltkinos, den man unbedingt ernst nehmen muss, und so hatte es nur seine Richtigkeit, dass er wegen eines Bären für die beste Regie für seinen Film „Toivon tuolla puolen“ („Die andere Seite der Hoffnung“) nicht eigens auf die Bühne gehen wollte. Stattdessen musste die Berlinale auf die andere Seite der Preisverleihung kommen, ins Publikum, um ihm die Statue in die Hand zu drücken. Es war ein Moment großer Würde, und auch so etwas wie eine Einlösung von Dieter Kosslicks Parole, die gerade eben noch so seltsam geklungen hatte: Rettung der Welt durch Poesie. Wenn ein Abend unter einem guten Stern steht, dann kommt man auch mit so einer Plattheit durch, ja mehr noch, die Künstler tun das Ihre, um sie mit Leben zu füllen. Und zwar ganz ohne Absprache.

Der österreichische Schauspieler Georg Friedrich hat das Gedicht „In the Desert“ von Stephen Crane vielleicht schon hundert Mal laut vor sich hergesagt, vielleicht hat er sich aber auch nur überlegt, was er sagen könnte, wenn man ihn wegen eines Bären für den besten Darsteller (in Thomas Arslans „Helle Nächte“) auf die Bühne holen würde. Es wurde auf jeden Fall ein Moment herausragender Slam (Dunk) Poetry, und auch einer der brillanten Intuition, denn Friedrich brachte zwei der Themen dieses Festivals zusammen, die Wüste und die Tiere, wobei der Mensch das einzige Tier ist, das sich vorstellen kann, wie das wäre, das eigene Herz zu verzehren. Das ist etwas anderes, als es poetisch auf der Zunge zu tragen. Den zungenlösenden Kaugummi hatte Friedrich davor auf die Bärentatze geklebt.

Vielleicht hatte sich etwas von der guten Vorsehung auf die Berlinale übertragen, die Paul Verhoevens Leben bestimmt, einen niederländisch-kalifornischen Freigeist mit einer Jesus-Fixierung, der an diesem Abend mit seiner Großzügigkeit (und mit beeindruckenden Jury-Kollegen wie der tunesischen Produzentin Dora Bouchoucha Fourati oder dem Künstler Olafur Eliasson) ein kleines Pfingstwunder wirkte. Denn alle schienen tatsächlich in Zungen zu sprechen, und es kam etwas allgemein Verständliches heraus. Es war alles andere als ein herausragender Wettbewerb, aus dem die Jury ihre Wahl zu treffen hatte, aber die Liste der Entscheidungen liest sich so, dass man die sieben Mitglieder am liebsten sofort nach Minsk oder nach Astana schicken würde, oder wo halt sonst noch gerade unversöhnliche Parteien irgendetwas nicht auf die Reihe kriegen. Sieben ist ja auch so eine Zahl, in der Weisheit mitschwingt.

Ein Großer Preis der Jury (Silberner Bär) für „Félicité“ macht Sinn, aber konnte die Jury auch mit diesem tollen Auftritt von Alain Gomis (Bild) rechnen, der ein ganz anderes Flair in die Veranstaltung brachte? Ein Mann mit Dreads, der in Kinshasa gedreht hat, der die Musik liebt, und der offensichtlich ganz andere Dinge weiß als Aki Kaurismäki, aber man hat das Gefühl, sie könnten einander sofort verstehen. Oder die Koreanerin Kim Minhee, die in ihrer Muttersprache eine schöne (künstlerische) Liebeserklärung an Hong Sang-soo abgab, und die in „On the Beach at Night Alone“ intensiv der in den Filmen des finnischen Propheten häufig verwendeten Wahrheitsdroge zuspricht? Auch ein großer Moment.

Gerahmt wurde die Gala von osteuropäischen Frauen: Rumänien, Polen, Ungarn. Die Cutterin Dana Bunescu (Silberner Bär) wird dem Publikum vermutlich eher unbekannt sein. Wenn man sich dann aber die Liste ihrer bisherigen Titel ansieht, dann sieht man, dass sie im Grunde das gesamte rumänische Kinowunder seit den frühen nuller Jahren mitgeprägt hat. Multumesc mult, kann man da nur sagen! Und das war auch das, was Dana Bunescu gesagt hat. Agnieszka Holland (Silberner Bär Alfred-Bauer-Preis für „Spokot“, „Fährte“) brachte ihre Tochter und Regiepartnerin Kasia Adamik mit auf die Bühne, die wiederum ihre Frau grüßte. Und dann kam der Auftritt von Ildikó Enyedi. Ihr Film „On Body and Soul“ war früh gelaufen auf dieser Berlinale, und blieb dann auf eine interessante Weise da. Es waren keine großen Worte, die Ildikó Enyedi machte, aber sie sagte etwas Grundsätzliches über die Kunst: prophetisch wird ein Werk erst, wenn es ihm gelingt, das Publikum in Zungen sprechen zu lassen. Jetzt bin ich natürlich sehr, sehr gespannt auf diesen Film, aber ich muss mich in Geduld üben, denn ich habe ihn auf dem Festival versäumt. Sollte sich dann aber erweisen, dass ich für ihn taub bin, kann ich immer noch einen Kaugummi nehmen und ihn auf die Erinnnerung an diesen seltsam stimmigen Abend kleben.

18. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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18. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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Das Archiv in meinem Inneren

Mit den fünf Filmen, die ich mir vorgenommen hatte, ist es am Freitag nichts geworden. Aus dem dritten bin ich nach zwanzig Minuten hinausgegangen, dabei war der gar nicht schlecht: El Pacto de Adriana aus Chile. Er beginnt mit diesem Geräusch, das inzwischen zu einer Signation für einen bestimmten Typus von Filmen geworden ist, die Wählscheibe von Skype, die so tut, als würde beim Verbindungsaufbau für einen Chat tatsächlich eine Nummer gewählt. „Jede Familie hat ein Geheimnis“, sagt Lissette Orozco, in ihrer Familie war es das ihrer Tante. Es hat mit dem Pinochet-Regime zu tun. Ich werde mir das bei anderer Gelegenheit ansehen, oder vielleicht auch nie, ich weiß es nicht.

Filmfestivals sind großartig mit all den Verbindungen, die sie herstellen, aber sie sind auch brutal mit all den kurzen Gesprächen, angerissenen Themen und abgebrochenen Beschäftigungen. Ich dachte mir, ich könnte am neunten Tag noch einmal ein richtiges Konzentrationsexerzitium hinlegen, aber schon beim Mittagessen (nie wieder Food Court, auch das weiß ich seit gestern) hatte mich eine befreundete Kollegin aus Wien auf meine Zerstreutheit verwiesen: „Was, du hast nicht gesehen, dass er in der Traumszene den Pyjama getragen hat?“ Er, das ist eine Hauptfigur in dem Wettbewerbsfilm Ana, mon amour von Calin Peter Netzer, an dem man sehr schön sehen kann, dass Festivals von uns das Unmögliche verlangen: wir sollen in der Lage sein, die Filme wie Träume zu erleben, also ganz in ihnen aufzugehen, zugleich müssen wir aber mitlesen wie die Analytiker, die uns im Nacken sitzen und jedes Detail als signifikant verbuchen.

Weil „Ana, mon amour“ diesen Widerspruch so deutlich vor Augen führt, und am Beispiel der Analysesitzung, des Beichtgesprächs und der privaten Analyseblockade des Rauchens so schön durcharbeitet, ist das wohl ein guter Film. Ich werde ihn mir aber noch einmal anschauen müssen, um sicher zu sein. Das mit dem Pyjama hatte ich in Wahrheit eh bemerkt, aber nicht mehr vollständig prozessiert. Es blieb irgendwo in mir hängen, in einer Latenz, die insgesamt mit das Beste an meinem Beruf ist: man kann ständig auf etwas zurückkommen.

Genau darum ging es dann in meinem zweiten Film am Freitag, der so spannend war, dass ich dem dritten gegenüber unfair werden konnte. Spell Reel (Forum) ist ein im Lauf mehrerer Jahre entstandener Kollektivfilm über den Befreiungskampf in Guinea-Bissau in den 1970er Jahren, über die Kinopraxis, die damit einher ging, und über das Archiv, in dem die Filme von damals, meistenteils Fragmente, seit 1980 vergammelten. Damals beendete ein Putsch das revolutionäre Experiment, das vor allem mit dem Politiker und Intellektuellen Amílcar Cabral verbunden ist.

Die Künstlerin Filipa César hatte die Endfertigung von „Spell Reel“ übernommen, sie sprach nun auch als Quasi-Regisseurin, gemeinsam mit Sana na N’Hada, einem der Vertreter der damaligen Filmbewegung. Vor drei Jahren habe ich in der FAZ (20. Juni 2013) schon einmal ausführlich über das Projekt Living Archive geschrieben, an dem das Berliner Arsenal maßgeblich beteiligt ist: ein Versuch, die Rolle des Kinos in den emanzipatorischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts aufgrund der Materialien zu ermessen, die in Vergessenheit zu geraten drohen, weil viele dieser Bewegungen gescheitert sind. Oder doch nicht?

Das ist nun eben die spannende Frage in „Spell Reel“, in dem wir dabei zusehen können, wie ein Land, ein (uneinheitliches) Volk sich mit einem unterbrochenen Aufbruch beschäftigt, indem es sich die alten Filme ansieht. Dass das deutsche Außenministerium hier auch finanziell involviert ist, hatte vor ein paar Jahren, als das Projekt begann, noch einen anderen Kontext. Nun, da Afrika aus guten Gründen in den Fokus gerückt ist, bekommt eine Szene aus „Spell Reel“ geradezu programmatische Bedeutung: Eine junge Frau plädiert dafür, es mit dem eigenen Land noch einmal zu versuchen. Die löchrigen Bilder von einst, die in nächtlichen Open-Air-Vorführungen gezeigt werden, geben Anlass, dass Guinea-Bissau seine in vielen tödlichen Fraktionskämpfen zermürbten Hoffnungen nicht fahren lässt. Eine neue Generation könnte aus dem Archiv neue Inspiration gewinnen.

Lissette Orozco gehört wohl in Chile zu einer vergleichbaren Generation. Allende wäre dann ihr Cabral. Ich komme darauf zurück. Man kann nicht überall zugleich sein, obwohl das natürlich genau die Suggestion ist, von der die Berlinale lebt.

18. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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17. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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Täglich frisches Obst

Das Festival geht auf die Zielgerade. Für mich bedeutet das: heute habe ich noch einmal einen ambitionierten Tag, mit fünf Filmen bis nach Mitternacht. Es bedeutet aber auch, dass nun schon die Zeit der Preise beginnt. Man kriegt ja nur die Hälfte mit. Selbst die Filmförderung gibt nicht einfach Geld, sondern nennt das gleich Award, wie ich einer Presseaussendung des Co-Production Market entnehmen (20000 Euro für „The Wife of the Pilot“, das nächste Projekt von Anne Zohra Berrached, im Vorjahr mit „24 Wochen“ im Wettbewerb; die Projektförderung läuft unter dem leicht pompösen Titel Eurimages Co-Production Development Award).

Gestern wurde dann der Heiner-Carow-Preis 2017 vergeben, ausgelobt von der DEFA-Stiftung, die damit an den Regisseur aus der DDR erinnern will, der 1989 mit „Coming Out“ einen der wichtigsten Filme der Wendezeit herausbrachte (Premiere war 1990 im Berlinale-Wettbewerb zu einer Zeit, als die Welt auf dem Kopf zu stehen schien). Die diesjährige Preisträgerin ist Annekatrin Hendel mit „Fünf Sterne„, der heute noch eine Vorstellung im Cinestar 7 hat.

Es ist kein einfacher Film, aber einer, den man schwerlich vergessen wird. Der Titel bezieht sich auf ein Luxushotel in Ahrenshoop, wo die Filmemacherin mit einer Freundin Quartier bezieht. Es gibt täglich frisches Obst, das ist schon mal toll. Ines Rastig ist in einer äußerst schwierigen Situation: sie hat keine Wohnung, und sie hat Krebs. Die beiden Frauen kennen einander seit Jahrzehnten, es wird nun aber nur um die eine gehen, die vor der Kamera zu sehen ist: zumeist sitzt sie vor dem Computer, manchmal geht sie nach draußen zum Rauchen, einmal wälzt sie sich im Schnee.

Als sie ankommen, gibt es kein WLan, wenn das nicht repariert wird, wäre das eine Katastrophe, denn Ines Rastig lebt ihr Leben zu ganz wesentlichen Teilen digital. Ihr Freund ist in Amerika, im richtigen Leben hat sie ihn noch nie gesehen, sehr offenherzig spricht sie über den Sex, den man auf Skype haben kann. Noch deutlicher lässt sie die Verletzungen erkennen, die man erlebt, wenn sich auf Facebook jemand in eine enge Freundschaft drängt.

Ines Rastig hat einmal zur DDR-Boheme gehört, nach einer Trennung war die große Wohnung in Berlin-Mitte nicht zu halten. Auf dem entfesselten Immobilienmarkt in Berlin spielt es keine Rolle, dass die Bezirke auch ihre Traditionen haben, ein Flair von früher. Das Zimmer in Ahrenshoop, das Annekatrin Hendel für ein Stipendium zur Verfügung gestellt bekam, wird zu einem Notquartier für eine Freundin, die vor einem verpfuschten Leben sitzt. So könnte man es sehen, so sieht sie es aber nicht, das wäre ja nicht auszuhalten.

Der Heiner-Carow-Preis für Annekatrin Hendel hat eine gewisse Logik, denn seit 2011 hat sie mehrfach in Dokumentarfilmen das Nachleben der DDR untersucht („Vaterlandsverräter“, „Anderson“). „Fünf Sterne“ kann allerdings keine ganz einfache Wahl gewesen sein, denn die Filmemacherin präsentiert sich hier in einer höchst ambivalenten Rolle – immer mitten im Raum, aber nicht zu sehen, voller Anteilnahme, wobei ihr aber auch jederzeit bewusst gewesen sein muss, dass sie da etwas abgreift, dass sie sich in ein Self-Publishing, wie es Ines Rastig mit ihren Fotos auf Facebook macht, einklinkt und es auf eine ganz neue Ebene hebt.

Das dokumentarische Kino hat die Grenzen der Intimität immer weiter zurückgeschoben, inzwischen gibt es kaum mehr Tabus, und doch hinterlässt „Fünf Sterne“ einen zwiespältigen Eindruck, nicht zuletzt deswegen, weil Ines Rastig sich dazu nicht mehr äußern kann. Zweifellos ist dieser Film das Zeugnis einer Freundschaft, das Unbehagen kommt vielleicht vor allem da her, dass das Leben diese Freundschaft in eine so radikale Schieflage gebracht hat, und dass Annekatrin Hendel genau diese Schieflage zu der Form ihres Films gemacht hat.

Heute Abend geht der Reigen der Preise mit den Teddy Awards im Haus der Berliner Festspiele weiter, bevor am Samstag die Goldenen Bären vergeben werden. Vielleicht hat der Film ja eine Chance, auf den ich zu Beginn eher intuitiv gesetzt habe, ohne ihn selbst gesehen zu haben: „On Body and Soul“ von Ildikó Enyedi. Manchmal begleiten einen Filme eine Weile als Vorstellung, bevor man sie dann endlich sehen kann. Das ist gar nicht die schlechteste Form, mit dem Kino zu leben.

17. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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16. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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Intensität aus den Archiven

Ein bisschen hatte es auch mit dem inneren Paparazzo in mir zu tun, dass ich am Mittwochnachmittag einen Abstecher zu den Berlinale Talents machte. Andres Veiel war dort angekündigt, einen Tag nach der Weltpremiere seines Dokumentarfilms „Beuys“. Im HAU 2 (Hebbel Theater am Ufer) sollte er mit dem brasilianischen Kollegen Joao Moreira Salles sprechen, der mit „In the Intense Now“ (Bild) für einen der Höhepunkte der Panorama Dokumente gesorgt hatte. Ich war neugierig, ob Veiel eine Andeutung davon erkennen lassen würde, was so eine Teilnahme am Berlinale Wettbewerb mit einem macht: die erhöhte Sichtbarkeit geht ja auch mit einem Risiko einher, und „Beuys“ war keineswegs einhellig auf Zustimmung gestoßen.

Es war dann aber alles ganz normal, so, als wäre das alles schon eine Weile her, und man könnte in aller Ruhe noch einmal anschauen, wie weit die schwierige Übung gelungen war, über einen der bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts einen Montagefilm zu machen, der den Experten auch noch etwas Neues bringen konnte, dabei aber das große Publikum nicht vergaß. Veiel sprach mehrfach von einem Tunnel, durch den man sich während des Schnitts bewegt: 400 Stunden Material auf knapp zwei Stunden zu verdichten, da darf es einen wirklich nicht wundern, dass das fünf oder mehr Jahre dauert.

2008 war Veiel zu Beuys zurückgekehrt, nachdem er ihn – das ließ er in einer Nebenbemerkung erkennen – früher sogar abgelehnt hatte, weil er sich zu stark auf den Kunstmarkt eingelassen hatte. Als Geldtheoretiker war Beuys aber allenfalls ein Disruptor, der dem Kapitalismus zwar ein Ablaufdatum zudichtete, um eine brauchbare Alternative aber auch verlegen war. Das ist eben das Dilemma und das Privileg eines Künstlers, der sich im Zweifelsfall nicht festlegen lassen muss darauf, wie die Erweiterungen seiner Zuständigkeit sich zu praktischen Konkretionen verhalten.

Veiel und Salles ließen es wechselseitig nicht an Höflichkeiten mangeln, es war aber der brasilianische Kollege, der prägnanter die Rolle des dokumentarischen Films in einer Situation beschrieb, in der das Fernsehen mit seinem Drang, alles in Information zu verwandeln, großen Druck ausübt. „In the Intense Now“, eine sehr persönliche Reflexion auf revolutionäre Momente, auf die Salles zurückschaut, lebt von einer Nachträglichkeit, die auch sehr persönlich motiviert ist, denn es sind Filmaufnahmen seiner Mutter aus dem kulturrevolutionären China, die einen Ausgangspunkt bilden. Dazu kommt Material aus dem Prager Frühling, und generell aus dem Jahr 1968. Salles war in diesem Jahr noch ein Kind, und seine Familie im Exil in Paris, wohin nahezu die ganze kulturelle und intellektuelle Elite des Landes nach der Aufrichtung einer Militärdiktatur in den sechziger Jahren geflüchtet war. Wie sich die Intensität des revolutionären Moments in alten Filmaufnahmen bewahrt, das untersucht Salles mit dem melancholischen Gestus eines, der selbst nicht mehr einer heroischen Generation entstammt.

Zum Ende des Gespräches hin tauchte dann noch eine Fragestellung auf, die sich tatsächlich auf die gesamte diesjährige Berlinale beziehen lässt: Gibt es vielleicht einen Boom an Filmen, die ihr Material vor allem aus den Archiven holen? Andres Veiel sprach mehrfach von einer „Schatztruhe“, nicht ohne auch eine berechtigte Klage zu führen: die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten lassen sich ihre alten Bestände üppig abgelten, wenn man sie für einen Film braucht. Dabei sollten sie doch klarerweise Gemeingut sein, open access.

Auf jeden Fall aber ist deutlich zu erkennen, dass die Aufarbeitung der riesigen Bewegtbildbestände, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, uns noch lange beschäftigen wird. Über einen Mann wie James Baldwin wird man in Zukunft sicher auch weiterhin Bücher schreiben, aber man muss ihn nur ein paar Minuten lang in einer Talk Show oder vor Studenten sprechen sehen, um zu ermessen, wieviel stärker ein Film ihn als Persönlichkeit zugänglich machen kann. „I am Not Your Negro“ von Raoul Peck ist ein Paradebeispiel eines intellektuellen Porträts in Bildern und Tönen.

An „Beuys“ kann man aber auch die Grenzen dieses audiovisuellen Biographismus erkennen. All die Kontroversen, von denen er umgeben war, verlieren sich in Andeutungen und manchmal auch in den Tricks einer Montage, die in diesem Fall oft auch buchstäblich alles nur anklickt, wobei die Fingerfertigkeit einer digitalen Wisch- und Popup-Generation auf die analogen Verhältnisse eines Kontaktbogens übertragen wird. Den Paparazzo in mir hatte ich längst vergessen, als ich auf dem Weg nach Hause schon zu recherchieren begann, was man denn zur Kapitalismuskritik von Beuys lesen könnte.

16. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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15. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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Der (arabische) Frühling kommt jedes Jahr von Neuem

Dass das Mittelmeer als das Mare Nostrum traditionell den Süden mit dem Norden eher verbindet als trennt, kann man auch an gewissen geographischen Wahlverwandtschaften ablesen: Frankreich ist aus offensichtlichen historischen Gründen besonders an Algerien gebunden, die Niederlande haben eine starke Beziehung zu Marokko, weil viele Menschen dort einen entsprechenden Migrationshintergrund haben. Deutschland beschäftigt sich gerade sehr mit Tunesien. Alle drei Länder haben im Vergleich mit anderen muslimisch geprägten Nachbarn immerhin eine Filmproduktion, wenngleich man in den Credits häufig erkennen kann, dass es längst einen gemeinsamen Bezugspunkt für das Kino im arabischen Raum gibt: es ist Katar, das kleine Emirat am Persischen Gold, das in so viele Aktivitäten investiert, davon auch viele imstrittene.

Wie immer man den Islam genauer verstehen möchte, den Katar verficht, bilderfeindlich ist er nicht. Die Subventionen fließen bis an das westliche Ende des Maghrebs. Und sie sind offensichtlich nicht ideologisch einschlägig motiviert. Anders könnte man die Unterstützung eines Films wie „House in the Fields“ („Tigmi n Igren„) von Tala Hadid nicht erklären, der es sich zum Ziel gesetzt hat, das Publikum mit einer weiblichen Perspektive auf den Fortschritt des konfrontieren. Und zwar von einem Punkt aus, an dem zwei marokkanische Mädchen vom äußersten Rand aufbrechen: ein Dorf im hohen Atlas, von dem aus schon Casablanca beinahe unerreichbar wirkt.

Khadija ist 16, ihre ältere Schwester Fatima soll demnächst heiraten. Khadija hat Träume, sie will einen Beruf ergreifen, sie sieht sich in erster Linie als unabhängig, aber sie ist in eine Familie eingebunden, die nach uralten Traditionen lebt. Tala Hadid hebt die unausweichlichen Konflikte nicht hervor, sie würdigt auch die Schönheit der Landschaft, und hat ihren Film in das Zeichen der Jahreszeiten gestellt: im Frühling hat man das Gefühl, alles könnte möglich werden.

Von diesem berührenden Dokumentarfilm könnte man eine Abzweigung nehmen, die das Forum mit der diesjährigen Miniretrospektive anbietet. In den letzten Jahren waren es vorwiegend weniger bekannte japanische Regisseure, die auf diese Weise dem Kanon hinzugefügt wurden. In diesem Jahr hat sich der Blick nach Marokko gewendet, ausgehend von dem Porträtfilm „Crossing the Seventh Gate„, den Ali Essafi einem großen Vertreter der marokkanischen Kultur gewidmet hat: Ahmed Bouanani lebte vor seinem Tod im Jahr 2011 in einem ähnlich entlegenen Dorf wie die Leute aus „House in the Fields“.

Mit Bouanani verbindet sich aber eine entscheidende Phase der marokkanischen Geschichte, ja des gesamten Raums südlich des Mittelmeers, denn er begann als Künstler in der Zeit der arabischen Modernisierung, die in den sechziger Jahren für einen historischen Moment zwischen Casablanca und Kabul für Aufbruchsstimmung sorgte. Die Gründe für das Scheitern dieser Modernisierung sind viel zu kompliziert, um sie mit einem einzelnen Film zu ergründen.

Bouanani, der als Außenseiter endete, blickt auf ein Leben zurück, das von Rückschlägen bestimmt war, aber auch von dem Versuch, in einer Geschichte des nationalen Kinos (die er zu schreiben versuchte) so etwas wie ein Fundament für ein Selbstverständnis als marokkanischer Citoyen zu gewinnen. Dass die Berlinale unter dem Titel „Autour de Bouanani – Another Moroccan Cinema“ die paar Filme nun zeigt, die von Bouanani und seinen Mitstreitern überliefert sind, wird die Spannungen zwischen Nord und Süd nicht entscheidend verringern, aber mehr kann ein Filmfestival nun einmal nicht tun, als durch konkrete Begegnungen die Sicht auf die Welt zu differenzieren.

15. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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14. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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Politik ist eine Frage des Könnens

Die Nachrichten über die spanische Bewegung Podemos habe ich am Wochenende mit gesteigertem Interesse verfolgt. Das hat mit einem Film zu tun, der mich mit den Protagonisten intensiv vertraut gemacht hat. Er läuft im Panorama und trägt den ganz und gar nicht ironisch gemeinten Titel „Politik, eine Gebrauchsanweisung“ (Política, manual de instrucciones). Podemos ist ja gerade dabei, herauszufinden, ob man eher eine richtige Partei oder eine basisdemokratische Radikalopposition sein möchte. Und es geht wohl auch um die Frage der Radikalität des Programms: je weiter links und je utopischer man mit den Ansprüchen ist, desto stärker läuft das auf politische Isolation hinaus. In Deutschland würde man diese Debatte unter dem Stichwort Bündnisfähigkeit führen.

Durch den Film von Fernando León de Aranona bekommt man nun einen Blick in das Innere dieser Auseinandersetzungen, der umso interessanter ist, als man sie damals erst ahnen konnte. Dokumentiert werden die Monate vor der ersten landesweiten Wahlteilnahme von Podemos im Dezember 2015. In dieser Zeit formierte sich aus einer Protestbewegung gegen die Austeritätspolitik eine relativ orthodoxe politische Gruppierung, mit einem Spitzenkandidaten, dem Politologen Pablo Iglesias, und mit einem Apparat, der sich vor allem durch die Jugendlichkeit der meisten Beteiligten auszeichnet. Inigo Errejón, einer der wichtigsten Strategen, ist Jahrgang 1983. Auch er ist Politikwissenschaftler. Inzwischen steht er bei Podemos für einen realpolitischen Flügel, der sich am Wochenende dem Wunsch nach „unidad“ („Einheit“) unterordnen musste.

Auf Errejón wurde ich schon im letzten Jahr aufmerksam, weil er auch da schon in einem Film auftauchte. Pere Portabella legte damals mit Informe General II. El nou rapte d’Europa einen Bericht über das vor, was man polemisch manchmal die „diskutierende Klasse“ nannte. Er durchmisst ein intellektuelles Feld, in dem im besten Sinne demokratische Praxis aus Gesprächen erwachsen könnte. Einer, der damals schon herausstach, ist Inigo Errejón. In „Politik, eine Gebrauchsanweisung“ ist er nun eine der beiden wesentlichen Figuren, die andere ist sein Freund Pablo Iglesias, der auch mit seiner Erscheinung eher an das alternative Milieu erinnert, während Errejón auf eine fast schon programmatische Weise „preppy“ wirkt.

Früher hätte man einen Film wie „Politik, eine Gebrauchsanweisung“ wohl zum Direct Cinema gezählt, also zu dem Versuch, sich mit der Kamera inmitten eines komplexen Geschehens gleichsam unsichtbar zu machen. „Primary“ (1960) von Robert Drew ist diesbezüglich das herausragende Beispiel. Es macht auch den Unterschied zu dem Dokumentarfilm von Fernando León de Aranona deutlich, der fast noch „näher dran“ ist, der aber ein wenig diese Beobachterdistanz vermissen lässt, die sich in einem Blick manifestiert, der selber etwas wissen will. Um es unverblümt zu sagen: „Politik, eine Gebrauchsanweisung“ gleicht eher einem „making of“, mit dem eine junge Bewegung einen Einblick in ihre eigene Entstehung gibt, aber eben auch vollkommen zu ihren eigenen Bedingungen.

Die Unterschiede zwischen PR und Kino sind fließend, auch das ein Zeichen einer Zeit, die Medien nicht mehr automatisch als „gegenüber“ erlebt, sondern ganz selbstverständlich als Verlängerung der eigenen Arbeit. Podemos ist aber eben auch in seiner Medienarbeit alternativ. Kein anderer Politiker würde sich jemals so filmen lassen, wie Iglesias (auf dem Bild unten mit dem griechischen Premier Alexis Tsipras) es hier tut, ein Auge immer auf seinem Handy, auf dem groß das Logo der griechischen Syriza prangt.

Die Frage nach der Zukunft Europas wird mich auf dieser Berlinale noch weiter beschäftigen, morgen steht der fünfstündige „Combat au bout de la nuit“ („Fighting Through the Night“) auf dem Programm, eine umfassende Darstellung der griechischen Krise „von unten“.

14. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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13. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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Irgendwas mit Schlafen

Am Sonntagabend habe ich im Forum Expanded in der Akademie der Künste den vielleicht unheimlichsten Film aller Zeiten gesehen. Ich weiß, das klingt jetzt arg großspurig, aber ich glaube, ich kann das halbwegs begründen. somniloquies von Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel enthält genau das, was der Titel verspricht: Jemand spricht im Schlaf. Es ist der Songwriter Dion McGregor. Er starb 1994, er spricht also aus dem Jenseits oder aus dem Grab. Vor allem aber sprach nicht in dem Sinn er selbst, sondern es sprach aus ihm.

Viele Leute reden im Schlaf, aber nur bei Dion McGregor war dieses Phänomen so ausgeprägt, dass sein Mitbewohner Michael Barr irgendwann begann, die nächtlichen Sprechakte mitzuschneiden. 1964 kam eine Auswahl auf einer Schallplatte heraus: „The Dream World of Dion McGregor“. Um das Ungewöhnliche dieser Angelegenheit besser zu begreifen, muss man sich nur einmal überlegen, wie das wäre, wenn an unserem eigenen Bett nachts ein Tonband mitliefe. Der Schlaf schafft ja einen eigenen Raum, wir sind irgendwie in uns selbst verschlossen, es hat etwas Grundverkehrtes, wenn das von außen dokumentiert wird.

Dion McGregor war während seines Schlafens in höchstem Maße lebendig. Er spielte Rollen, war dramatisch, man könnte richtiggehend Rhetoriken seiner Traumarbeit heraushören, und manchmal verfiel er auch in eine unverständliche Privatsprache, dann wurde aus den somniloquies eine andere Form von Glossolalie, gewirkt nicht vom Heiligen Geist, sondern von den Geistern in seiner Psyche. Castaing-Taylor und Paravel haben auf eine Pointe, die das Material hergab, nicht verzichtet, und aus guten Gründen: an einer Stelle beschäftigt Dion McGregor sich mit dem Wort „semantics“, er dreht es und wendet es, und das ist umso fesselnder, als er ja nicht weiß, was er sagt. Er produziert eine Bedeutung, die aus dem Vegetativen kommt.

„somniloquies“ ist ein Hörspiel, zu dem die beiden Filmemacher das machen, was das Tonmaterial nahelegt: sie haben den Akt der Intrusion, des Eindringens in die intimste Sphäre, mit der Kamera verdoppelt, indem sie schlafende Menschen gefilmt haben. Und zwar nicht einfach hellwach, wie in Andy Warhols „Sleep“, sondern auf eine sehr, man könnte sagen, somnambule Weise, auch erotisch, ein sanftes Umspielen von Körpern, die kaum einmal deutlich aus der Unschärfe der Nacht hervortreten.

Die wilden Abenteuer, die sich in Dion McGregors Äußerungen andeuten, finden vielleicht ganz ähnlich im Inneren dieser „sleeper“ statt, von denen wir im Abspann auch die (meisten) Namen erfahren, die also wie Schauspieler fungieren (einer von ihnen ist lustigerweise der in unseren Kreisen nicht ganz unbekannte, ehemalige Kritiker von „Le Monde“, Jean-Michel Frodon). Die Schläfer nehmen die Dramen von Dion McGregor in sich auf, Bild und Ton ergeben ein osmotisches Ganzes, aber vollständig absorbieren kann kein Medium dieses Höchst-bei-sich-und-vollkommen-außer-sich-Sein, das die Schallplattenindustrie nur in Ansätzen begriff, als sie aus dem „sleeptalking“ eine Sensation zu machen versuchte.

In dem anschließenden Publikumsgespräch erzählten Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel (mein Handyfoto ist unscharf, aber das passt in diesem Fall sehr gut), dass ein Kollege an der Harvard Universität sie auf das Material aufmerksam gemacht hatte: „Ihr seid doch gerade an irgendwas mit Schlafen dran.“ So funktioniert akademisches Arbeiten am Sensory Ethnography Lab, von dem schon in meinem Eintrag von vorgestern die Rede war. Nun, da ich dies notiere, habe ich auch noch ein wenig nachgesehen, was man von Dion McGregor so wissen kann. Es gibt da sicher eine Menge herauszufinden, ich will es für den Moment aber mit diesem Video bewenden lassen: Barbara Streisand singt „Where is the Wonder“, einen Song, den McGregor ausgerechnet mit jenem Michael Barr verfasst hat, der oft mit dem Tonband am Rande seiner Dream World saß und der Nachwelt einen der merkwürdigsten Schätze bescherte, die man sich denken kann.

 

13. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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11. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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Auch Zwerge haben einmal groß angefangen

Am Samstagnachmittag hätte ich wieder einmal gerne Russisch gekonnt. Dann hätte ich näher verstanden, was denn im Original den englischen Untertitel „bloodthirsty dwarfs“ erforderlich gemacht hat. Es gab jedenfalls Szenenapplaus im Haus der Berliner Festspiele, das mit ukrainischen Patrioten und Sympathisanten des zwischen Russland und EUropa eingezwängten Landes gut gefüllt war. Den Mann, der von den „blutdürstenden Zwergen“ spricht, hat die European Film Academy unter ihre Fittiche genommen – vergeblich allerdings, denn Oleg Sentsov sitzt in Sibirien in einem Hochsicherheitsgefängnis. Er soll 2034 entlassen werden, geht allerdings davon aus, dass das System Putin sich vorher erledigt haben wird. Damit hat er sich aber vielleicht nur Mut zugesprochen.

Die Vorführung des Films „The Trial. The State of Russia vs Oleg Sentsov“, einer estnisch-polnisch-tschechischen Koproduktion, war eine Art Solidaritätsveranstaltung. Vor dem Betreten des Saals bekam man einen gelben Karton in die Hand gedrückt, der dann bei der Photo Op nach dem Film zu erheben war: Free Oleg Sentsov. Ich habe an dieser Demonstration nicht teilgenommen, weil ich es versäumte, einen Karton zu nehmen, unterstütze aber die Forderung.

Sentsov ist ein ukrainischer Filmemacher, der das Pech hatte, auf der Krim zu leben und zu arbeiten. Er ist ein Mann mit vielen Talenten, jahrelang hat er sich vor allem unter Computerspielern bewegt, über die er dann auch einen Film gemacht hat: „Gamer„. Als Russland die Krim annektierte, blieb er vor Ort. Es wäre wohl klüger gewesen, nach Kiew oder Odessa zu gehen, dann könnte er heute vielleicht an der Berlinale teilnehmen, mit einem eigenen Film. So aber wurde er ein Fall, denn russische Autoritäten beschuldigen ihn, Anschläge in verschiedenen Städten auf der Krim geplant zu haben, darunter auf eine Leninstatue in Simferopol.

Aus dem Prozess, in dem er schließlich zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde, gibt es in Askold Kurovs Dokumentarfilm interessantes Material, von dem nicht ganz klar ist, wie es zustandekam. Nach der Verkündung des Urteils holt Sentsov noch einmal aus und hält eine lange Rede über Mut und Feigheit, am Beispiel des Pontius Pilatus aus dem Roman „Der Meister und Margarita“ von Bulgakov.

Unvermutet ist die Berlinale mit dieser Angelegenheit wieder in einer Situation, in der sie zuletzt vor 1989 war: Sie macht Ostpolitik. Während des Kalten Kriegs war das Festival immer auch ein Ort, an dem auszuhandeln war, wie man am besten mit den Regimes auf der anderen Seite umgehen sollte. Einladungen von Filmen aus dem Ostblock waren per se „politisch“, aber auf eine diffizile Weise (ähnlich verhält es sich heute vor allem mit dem Iran und ein bisschen auch mit der Volksrepublik China). Immer ging es darum, die oft schwer durchschaubaren Kräfteverhältnisse in den totalitären Bürokratien irgendwie einzuschätzen, und die richtigen Kräfte zu stützen, oder auch mal die falschen, damit sie den richtigen ein wenig Luft verschafften.

In „The Trial“ gibt es eine großartige Szene, in der der Regisseur Alexander Sokurow sich an den russischen Präsidenten wendet. Die Gelegenheit ergibt sich bei einem runden Tisch, einer Art Audienz, die Vladimir Vladimirowitsch seinem Volk und erlesenen Vertretern gewährt. Sokurow macht einen pragmatischen Vorschlag: Man könnte doch diese leidige Angelegenheit Sentsov aus der Welt schaffen. Putin aber reagiert listig: Ein Gnadenakt ist nicht angebracht, das würde der Unabhängigkeit der Justiz Abbruch tun.

Eben von dieser „Unabhängigkeit“ spricht Sentsov auch in dem Moment, in dem er auf die „bloodthirsty dwarfs“ zu sprechen kommt. Hat er überhaupt den Plural verwendet? Jetzt bin ich mir gerade gar nicht mehr so sicher, vielleicht war es auch ein Flüchtigkeitsfehler in den Untertiteln. Hat er am Ende Putin selber gemeint? Und nicht nur dessen System?

Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland (hier im Bild mit Askold Kurov), Vorsitzende der European Film Academy, hatte schließlich noch halbwegs gute Nachrichten mitgebracht: Oleg Sentsov ist durch die Haft nicht gebrochen. Er ist an den Herausforderungen sogar gewachsen. An diesem Sonntag läuft Hollands neuer Film „Pokot“ im Wettbewerb der Berlinale. Ich werde ihn mit etwas anderen Augen sehen, nachdem „The Trial“ meine ostpolitischen Sinne wieder geschärft hat.

11. Feb. 2017
von Bert Rebhandl

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