Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

07. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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Breitwand, durch den Türspalt gesehen

© picture allianceZhang Yimou (links), der Fachmann für geschmackvoll Übertriebenes, mit den Schauspielern Guan Xiaotong und Kai Zheng bei der Pressevorführung von „Ying“

Die coolste Show (was nicht heißt: der beste Film, gute Filme sind ja noch mehr und anderes als Show) des Festivals hat die Volksrepublik China vorbeigeschickt, schön, schwer, scheppernd und blutig. Es hat sogar der Allerbesten gefallen, die neben mir saß und sonst ja eigentlich nicht dauernd rotes Zeug im Film rumspritzen sehen muss, um sich unterhalten zu fühlen. Aber bei „Ying“, möglicher deutscher Titel: „Schatten“, vom Fachmann für geschmackvoll Übertriebenes Zhang Yimou, wird vor perfekt aufeinander abgestimmten schwarzen, weißen und allenfalls grauen Hintergründen im kühlen Dauerregen um die zu erobernde altchinesische Stadt, die Pläne des Königs, Doppelgängerrätsel, Verrat, den Konkubinenstatus der Königsschwester und das beste Solo auf der Laute gekämpft, dass es nur so ratscht und rasselt, inklusive Regenschirm aus Messern, und die gefährlichsten Blicke werden nicht auf dem Schlachtfeld getauscht, sondern dringen durch Türspaltöffnungen  und betreffen Geheimnisse eher intimer als militärischer Art, von denen letztlich alles abhängt.

Was will man denn sonst noch, als Ausblick darauf, wie das Blockbusterkino aussehen wird, wenn die lieben Chinesen nach dem nächsten großen echten Krieg (oder vielleicht bevorzugterweise: stattdessen) die Weltherrschaft übernehmen? Nichts will man sonst noch, ist doch perfekt. Das Festival selber war natürlich nicht perfekt, aber voll genug mit solchen Momenten, auch kleineren, zum Beispiel bei den Kurzfilmen – wann, wenn nicht auf Festivals, kriegt man denn heute noch Kurzfilme zu sehen? Und wo kommen die guten her, wenn nicht abermals aus China, wie zum Beispiel „Na Li“ (ungefähr: „Da unten“) von Yang Zhengfan, der einfachsten Idee überhaupt: Eine Hausaußenwand mit erleuchteten Fenstern, in einem Raum spielt ein Kind mit Seifenblasen, in einem anderen steigt eine Party, draußen ist es dunkel, dann schreit wer und wir belauschen Leute, die sich darüber unterhalten, ob man nachsehen soll, was unten passiert, oder die Polizei rufen, oder lieber nicht, wir müssen ja morgen alle früh raus. Die reine Wahrheit über Städte von China bis Amerika oder Europa also, und keine ganz angenehme, aber eben deshalb: Spitzenfilm, elf Minuten, alles klar.

Nicht so toll, aber im Wettbewerb: „Capri-Revolution“ von Mario Martone, eine endlose Hippie-Nackthopserei mit historischem Kostümkram, in der ein Malerjesus einer Ziegenhirtin das Fliegen beibringt, hoffentlich kommt das bald ins deutsche Kino, damit man es nicht besprechen und auch sonst komplett ignorieren kann, vielleicht reicht das als kleine Strafe für Herrn Martone. Bestraft wurde auch der Schwachsinnige, der nach der Pressevorführung von Jennifer Kents „Nightingale“, einer auf historischen Recherchen beruhenden Vergewaltigungs- und Rache-Geschichte aus dem kolonialen Australien, als die strafgefangenen Weißen dort sozial unter den Militärs, aber über den Ureinwohnern standen, bei der Einblendung des Namens der Regisseurin laut auf italienisch „Hure“ in den Saal gebrüllt hat. „Nightingale“ ist nicht nur ein Film von einer Frau, der einzige im Wettbewerb, sondern über Unrecht, das an Frauen  begangen wurde, aber das hinderte den Idioten nicht daran, als sein Name bekannt wurde, im Internet zu erklären, es sei zwar ein Wutausbruch gewesen, den er jetzt bedaure, er habe es aber doch nicht frauenfeindlich gemeint (man will nicht mal wissen, wie er das im Hirn zusammengekocht hat oder was er, wenn nicht das Wort „Hure“, das die Frauenhasser im Film mehrfach gebrauchen, um ihren Status gegenüber der Hauptfigur zu befestigen,  wohl gerufen hätte, wenn der Film von einem Mann gedreht worden wäre). Die Akkreditierung hat man ihm entzogen, seine Erklärung, er habe doch nur „Buh!“ rufen wollen und dann stattdessen eine „übertriebene“ Alternative gewählt, weil ihm nicht ganz klar gewesen sei, dass er sich nicht in geselliger Runde mit seinen Kumpels (die man auch nicht kennenlernen will) befunden habe, hat ihn nicht davor bewahrt, jetzt woanders nach Gelegenheiten zu suchen, die politischen Botschaften von Filmen durch sein Verhalten zu bestätigen (vielleicht geht er ja jetzt in irgendein Multiplexkino und schreit rassistisches Zeug während „Black Panther“).

Weniger Schönes und Schönes, so sind Festivals zusammengesetzt, genau wie im Leben oder wie das heißt. Na gut, Bilänzchen, die diesjöhrigen Löwen-Ahnungen:

Wird wohl gewinnen (und soll‘s ruhig): „Roma“ von Alfonso Cuarón, wer sonst kann persönliche und historische Geschichten dermaßen nahtlos miteinander verfugen?

Sollte gewinnen (wird‘s aber vielleicht sogar): „Nuestro Tiempo“ von Carlos Reygadas, alle Kunstmittel des Films für alle Gefühlswirklichkeiten der Liebe, das ist schon was.

Könnte gewinnen (ist der Jury aber wohl zu finster witzig): „The Favourite“ von Giorgos Lanthimos, Kammerkillerkomödie zwischen drei Frauen.

Gewinner der (offenen, noch schlagenden, sehr grusligen) Herzen: „Suspiria“  von Luca Guadagnino. Ich würde mich für das Original ja mit jedem prügeln, aber nicht mit Guadagnino, der hat es nämlich verstanden und einleuchtend neu ausgelegt.

Sonderpreis für ein Popkonzert, das irgendwie ein Film war oder umgekehrt: „Vox Lux“ von Brady Corbet, hat zwar einige Schwächen und fällt zum Schluss leicht ab, aber wer will Natalie Portman nicht als seltsame Legierung von Taylor Swift, Miley Cyrus und Sia erleben? Weiß nicht, wer. Ich schon.

Ach so, eins noch: Wahrscheinlich kommt alles ganz anders, im Urteilsvermögen der Jury fällt plötzlich der Strom aus und Florian Henckel von Donnersmarck kriegt sämtliche Ehren für sein enormes Monumentum „Werk ohne Autor“, weil: Dieses Opus ist für die Kunst und gegen Hitler, ein mutiges, ungewöhnliches Statement, wie man es nicht alle Tage sieht oder was. Mehr Zeug dieser Art dann garantiert im nächsten Jahr, herzlichen Glückwunsch!

07. Sep. 2018
von Dietmar Dath

5
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04. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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Schau, Plätze! Na und?

© FestivalWillem Dafoe als Vincent van Gogh in „At Eternity‘s Gate“

Willem Dafoe als Pinselheiliger Vincent Van Gogh sagt, er sehe, wenn er vor einer flachen Landschaft stehe, nichts als die Ewigkeit, und er frage sich, ob er der einzige sei, der sie so sieht. Wie er sich die Landschaft als Künstler erwandert, zeigt uns der Film „At Eternity’s Gate“ vom … na gut, Künstlerkollegen des Verewigten, Julian Schnabel, als mehrfach wiederholte Begehung des Terrains rund um Arles, Frankreich: Spazier Spazier, Klavier Klavier. Die Musik ist in diesem Werk entweder aufdringlich oder abwesend, dazwischen gibt’s nichts, Glückwunsch zu dieser Radikalität – und zur Besetzung, denn Willem Dafoe sieht tatsächlich genau aus wie Van Gogh auf seinen kaputtesten Selbstporträts, sowas kann er, Dafoe sah ja auch schon genau aus wie Pasolini oder Jesus, und wird sicher, wenn es eines Tages verlangt ist, genau aussehen wie Jogi Löw oder Hillary Clinton.

Nicht auf Ähnlichkeit, sondern auf Intensität setzt im selben Film Oscar Isaac als Paul Gaugin, bei dem die häufigen Wechsel aus dem Französischen ins Englische, die „At Eternity‘s Gate“ durchgängig vermerkwürdigen, völlig natürlich wirken, als wollte er sagen: Nicht nur Landschaften, auch Sprachräume sind Schauplätze, die man im Kino erforschen kann, ohne sie je ganz betreten zu müssen, man hängt immer ein bisschen in der Luft dabei, zwischen zwei Szenen, zwischen zwei Einstellungen – sehr schön, auch wenn die Monotonie einiger Erzähleinfälle, die keine sind (Takes übereinander blenden, wiederholen, Spazier Spazier, Klavier Klavier), solche graziösen Sachen dann leicht aus dem Ablauf drängeln, in den dann Dafoe sie wieder zurückzerren muss, mit verzweifeltem Gehabe, stiller Inbrunst und so Kram. Immerhin zeigt uns Schnabel, der von Bildender Kunst ja irgendwas versteht, nicht nur fertige Gemälde, sondern auch die Hand beim Malen, das sind dann ein paar putzige kleine Youtube-Tutorials für Hobbykünstler, gegen die ernsthaft niemand was haben kann, der die Notwendigkeit von Medienkompetenzpädagogik einsieht.

© FestivalJuli Jakab im Film „Napszállta“ von Laszlo Nemes

Völlig egal sind solche lehrhaften Strategien dagegen László Nemes, der zumindest die Feinschmeckercommunity auf dem Festival mit seinem klassizistischen Hutmachermysterium „Napszállta“ (Sonnenuntergang) absolut geplättet hat. Das Ding spielt 1913 in Budapest, „dieser staubigen Stadt“, wie ein österreichisch-ungarischer Monarchennichtsnutz darin einmal in wienerischem Deutsch sagt, aber was für ein lichtgeküsster Staub ist das, jedes Körnchen beseelt, der ganze bedrohliche Mummenschatz durchherrscht vom Schöpferwillen und –können des Urhebers, und die Hauptdarstellerin Juli Jakab als Waisenmädchen Irisz Leiter auf der Suche nach einem tödlichen Familiengeheimnis und der satanischen Realität hinter der Fassade zieht sich die Hutnadel aus dem Haar, als hätte sie das schon tausendmal gemacht, als wohne sie direkt vor dem Ersten Weltkrieg und müsste, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, nur noch schnell das alteuropäische Machtgefüge selbst (verkörpert durch den ebenfalls höchst rühmenswerten Vlad Ivanov) besiegen. Das Ende ist fast dasselbe wie in Thomas Manns „Zauberberg“, nur viel schlimmer, und wer erstklassige Historienschinken liebt, musste im Saal zustimmend nicken, als ein italienischer Kritiker in den Abspann mit erstickter Stimme „Leone!“ rief, was den Löwen meint, den man dem Film verleihen soll.

Wie Schnabel Arles sieht und Nemes sein Ungarn ist damit fixiert, nämlich jeweils auf die persönlichen Absichten zurechtgeschnitten, was allerdings auch schief gehen kann, wie man merkt, wenn man direkt vergleicht, wie zwei verschiedene Absichten dieser Art dieselben Schauplätze behandeln – sie nämlich einmal plätten bis zur totalen Berechenbarkeit und einmal öffnen, das man denkt: Das ist ja interessant da, was leben da wohl für Leute? Ich rede vom wilden Westen, der, wie sich auf dem Festival entdecken ließ, weil zwei Western hier in direkter Konkurrenz um die Löwen stehen, mal konventionell und höchstens ein bisschen lau ironisch aussieht, nämlich bei den Coens in „The Ballad of Buster Scruggs“ (amüsant, aber wie man früher sagte: nicht abendfüllend, und zwar trotz Überlänge), das andere mal bei Jacques Audiard in „The Sisters Brothers“, einem anfangs unscheinbaren, dann mit jedem Dialog, jeder Handlung, jeder Landschaftsaufnahme wachsenden echten Großtableau über eine Gegend, wo die Menschen ihre Gesetze selber machen müssen, aber nicht mal wissen, wie man sich die Zähne putzt.

Das Goldgräbertal der Coens sieht ausgedacht und zusammengeborgt aus (sogar die Tiere sind teils im Computer ausgebrütet worden), während das Edelmetall im Fluss von Herrn Audiard leuchtet wie die Sünde und es also richtige Männer braucht, ihm zu widerstehen, und noch richtigere Männer, ihm zu erliegen. Schauplätze sind sehr wichtig, aber nicht einfach als Drehorte – auch wenn man dem Veteranen, der an der Festivalgeländebar von Dario Argentos Zeit in München für „Suspiria“ (1977) erzählt, gern zuhört (stimmt das wirklich, sind Fassbinder UND David Bowie damals vorbeigekommen?) -, das Entscheidende am Schauplatz ist, ob er aussieht, als käme man da nur mit der Seele hin statt zu Fuß wie zu der Ausstellung über die Geschichte des Festivals, die gerade im Hotel des Bains hängt, wo ein Frankfurter Lieblingskollege immer hin will, weil er den Schuppen aus dem Kino kennt.

04. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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02. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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Talent und Tränen

© Ettore Ferrari/EPATun was sie können: Bradley Cooper und Lady Gaga während eines Fototermins für „A Star Is Born“

Wenn Leute etwas sehr gut können, warum sollen sie dann nicht immer das Gleiche machen? Joel und Ethan Coen zum Beispiel – kaum wird das Buch, das ihr neuer Film und diesjähriger Venedigwettbewerbsbeitrag ist, „The Ballad of Buster Scruggs“, ein buchstäblicher Band mit einem desolaten Baum und einem Glenn-Danzig-Rinder-Totenschädel drauf, von einer ruhigen, sicheren Hand aufgeschlagen, sind wir mitten im Land der Schelmengrotesken und Narrenpossen, deren Muster alles, was die beiden je fabriziert haben, so brav gehorcht, dass man manchmal denkt, vielleicht waren die Hofnarren im Mittelalter ja auch die allerberechenbarsten Menschen ihrer Zeit. Der Film ist selbstverständlich ganz toll, die Abfolge voneinander weitgehend völlig isolierter Episoden hätte besser nicht sequenziert werden können (ein paar Witze, dann Schauder, Action, moralische Abgründe, in die Liam Neeson einen Mann ohne Arme und Beine schmeißt, damit das Publikum nicht weiß, ob es hier auch Szenenapplaus geben darf oder sich schütteln soll vor Abscheu), und ab dem Moment, da der disziplinierteste Nebendarsteller der Welt, Clancy Brown, sich auf spektakulärstvorstellbare Weise aus dem Trubel verabschiedet, schaltet das Nervensystem auf Daueramüsement.

James Franco wird gleich zweimal aufgehängt, was will man mehr? Vielleicht will man weniger: Nicht so clever, bitte („Tarantino mit Hirn“ trifft die Stimmung ganz gut, aber man ahnt plötzlich, dass Tarantino eben da gut ist, wo er halt keins hat), nicht so routiniert, und dass die Indianer wilde Tiere sind, wäre auch nicht nötig gewesen. „Man kann zu gut sein“ schrieb Peter Hacks über Percy Bysshe Shelley (das ist der Typ, der dieses berühmte Gedicht über das Massaker geschrieben hat, von dem der neue Mike-Leigh-Film handelt, der hier auch im Wettbewerb mitorgelt) und meinte wohl: immer nur Hürden ohne Fehler überspringen ist nicht genug für Weltklasse-Arbeit, nicht mal dann, wenn die Hürde hoch hängt. Na gut, also, Fairness: „The Ballad of Buster Scruggs ist das Gescheiteste, was seit „Westworld“ mit Cowboymaterial gemacht wurde.

Ebenfalls dasselbe wie immer bietet in Venedig Olivier Assayas mit „Doubles vies“: Schnelle Dialoge als Zeitdiagnosen, diesmal im Pariser Verlagsmilieu, wo die Digitalisierung das gute alte Buch irgendwie bedroht, aber Juliet Binoche hat keine Angst, sie ist ja ein Fernsehstar namens Selina, die sogar mit, hallo Meta-Witz, der berühmten Schauspielerin Juliette Binoche bekannt ist, die sie deshalb bittet, ein Hörbuch einzulesen, weil nur so die Karriere eines totalen Schlaffi-Schriftsteller-Affen revitalisiert werden kann, mit dem Selina eine Affäre hat, während ihr Mann, der Verleger des Affen, mit seiner Digitalisierungsbeauftragten ins Bett geht, die außerdem selbstverständlich irgendwie queer ist, aber total ehrgeizig usw. – ein rundum freundlicher, lebensbejahender, oft lustiger Film, wie er wohl nur in Frankreich usw. usw. usw. – was ganz anderes aber, nicht das immer Gleiche, macht Bradley Cooper, der führt nämlich neuerdings Regie. Was dabei rausgekommen ist, läuft auf diesem Festival außer Konkurrenz und heißt „A Star is Born“, der Titel bezieht sich auf Lady Gaga, die hier die Sängerin Ally spielt, die Cooper als Rockstar Jackson Maine entdeckt, das Drehbuch ist uralt (Jawohl, der Hit von Moss Hart) und… wie soll ich sagen… also… man geht halt rein, zwischen zwei Kritiklieblingen, zwischen Arthouse und Arthouse, in diese Riesenschnulze über die Liebe zur Musik, die Probleme der kreativen Doppelverdienstpartnerschaften, Alkoholismus, Familienlasten, Freundschaft, und es ist, wie nennt man das denn, wenn… also… ich meine, klar, man darf auch mal eine romantische Tragödie oder Komödie mögen, ja sogar sehr, sehr doll mögen, wenn Michelle Pfeiffer mitspielen und Al Pacino und solche anerkannten Edelkräfte… aber dass Lady Gaga so selbstvergessen unter lauter Drag Queens „La Vie en Rose“ schmettern kann, dass Bradley Coopers Bart so zärtlich knistert, wenn die schreckliche Wahrheit sich offenbart, und dass… ja… wie kann man das jetzt… wie sagt man… die Frau drei Sitze neben mir hat bis zum Schluss die Fassung gewahrt, aber dann fing sie auch an zu heulen, so schön war das in diesem Schmalz. Ich hab’s genau gesehen, durch den eigenen Tränenschleier.

02. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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01. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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Gewinner? Jetzt schon? Echt?

© Claudio Onorati/EPADer griechische Regisseur Yorgos Lanthimos auf dem 75. Filmfestival Venedig

Merkwürdig wäre es ja schon, wenn in der zweiten Woche des Festivals noch was Besseres als „The Favourite“ von Yorgos Lanthimos oder „Roma“ von Alfonso Cuarón gezeigt würde; die Jury müsste sich nicht schämen, wenn sie einem dieser Kerle das Dings aushändigte und den Rest der Veranstaltung zur unbeschwerten Spaßzone ohne Konkurrenzdruck erklärte – ernsthaft, erstens, Lanthimos: Emma Stone als verarmte Adlige, die sich an Rachel Weisz als der bevorzugten Hofdame der von Olivia Colman gegebenen launischsten Königin von England aller Zeiten vorbei ins Herz, ins Hirn und ins Bett der Monarchin hochintrigiert, wo sie dann im gelben Kerzenlicht finster komödiantische Politik macht, bei der die Männchen, die vorher Staat, Krieg und Geld geregelt haben, nur noch Statisterie sind: Festlich verdorbender wird’s nicht mehr, und wer rauskriegt, ob dieser Film eine Tragödie oder eine Komödie ist, gewinnt eine komplette Psychoanalyse mit Hasen- oder Entenbraten als Zugabe.

Lanthimos wird seit Jahren auf zunehmend steilerer Kurve das extreme Gegenteil von schlechter, und mit diesen drei Schurkinnen, die zugleich Heldinnen sind, hat er Figuren gefunden, die sein infames Talent nicht nur aushalten, sondern sich mit ihm in der gemeinsamen Kunst suhlen, bis es quietscht (es geht allerdings mehr um Nager als um Schweine). Eine ganz andere formatherausfordernde Frauengestalt hat dem Festival der andere eigentlich-jetzt-schon-Sieger Alfonso Cuarón beschert: Das Hausmädchen Cleo, das er in seinem Schwarzweißmonument „Roma“ so ziemlich allem aussetzt, was Herzen zertrümmern kann, vom Privatunglück bis zur historischen Katastrophe, hat der mexikanischen Schauspielerin Yalitza Aparicio die beängstigend große Aufgabe gestellt, sich gegen turmhohe Ereigniswellen zu behaupten; der unscheinbare Filmbeginn in einer Art höherer Puppenstube im Mexiko City der frühen Siebziger gibt dem Regisseur Gelegenheit, seine in der Zukunft und im Weltall schon unter Beweis gestellte Gabe voll auszuspielen, Wechselwirkungen zwischen unaufhaltsamen, zerstörerischen, das Menschenmaß übersteigenden Kräften zu lenken, damit jemand wie Sandra Bullock oder eben Frau Aparicio sich dagegenwerfen kann, um irgend etwas zu retten, das es wert ist, gerettet zu werden (wie die Königin bei Lanthimos so schön sinnlos, aber existenziell sagt: Wir müssen für das kämpfen, wofür wir kämpfen), in diesem Fall das Prinzip „Aufrichtigkeit“, gegen das alle anderen im Film verstoßen, während allein Cleo die Balance hält, bis auch sie das Gleichgewicht verliert, dabei aber auf eine Art ihrer Umgebung zur viel zu lange überfälligen Anerkennung der Wahrheit verhilft, die man nicht anders nennen kann als magisch (ganz früher, vor der allerlängsten Zeit, hieß Magie ja: etwas opfern, damit die Geister, Götter und anderen Schadens- wie Schutzmächte den Menschen ernst nehmen).

Das ist oft spannend bis kurz vor der Ohnmacht, aber natürlich kein Unterhaltungskino; umso bemerkenswerter, dass Netflix Geld in „Roma“ investiert hat. Wenn irgendwas den Zweck des Lichtspielhauses erfüllt, dann so ein Film. Die Bereitschaft der Streamingriesen, sich damit zu arrangieren, könnte das störrischste Autorenfilmemachervolk, das nicht wie Cuarón mit jenen neuen Sponsoren arbeiten will, früher oder später dazu bringen, von Netflix und Co so zu sprechen wie die akademischen Mäuse beim Dichter Karl Mickel von den Katzen, die sie mit den Tigern und Löwen (also dem klassiscgen Filmverleihwesen in seinen reichsten Zeiten): „Unsere ganze praktische Politik muss also darauf gerichtet sein, der Katze die Maße der ursprünglichen Löwen und Tiger zurückzugeben, weil dann a. wir ihnen als geringe Portionen schlichtweg aus dem Blickfeld herausfielen und b) das Verhältnis der Reaktionszeiten zu unseren Gunsten entscheidend sich ändern müsste.“

01. Sep. 2018
von Dietmar Dath

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31. Aug. 2018
von Dietmar Dath

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Ahnungen, Warnungen und Wahn

„The Mountain“-Regisseur Rick Alverson mit den Schauspielern Hannah Gross und Tye Sheridan auf dem Roten Teppich in Venedig

Schon beim Verlassen der Fähre, gerade am Lido angekommen, warnt die Allerbeste: Wenn du hier an der großen Straße noch Bargeld holen willst an diesem Geldautomaten, musst du das an den ersten drei Tagen machen, sonst ist das Ding dauernd nur noch leer. Am nächsten Morgen, vor dem Eröffnungsfilm von Damien Chazelle, sagt der nette arabische Kollege, den man manchmal hier, manchmal auf der Berlinale und manchmal drei Jahre gar nicht trifft, nachdem ich ihm ein Ohr abgekaut habe, weil einer meiner Lieblingsregisseure, bei mir tatsächlich jeder einzelne seiner vier großen Filme gefallen hat, hier einen neuen zeigen will: Der Typ ist gut, stimmt schon, aber ich glaube, er lässt langsam nach, der letzte war schon nicht mehr so unberechenbar, und wenn er uns diesmal das Geheimnis auflöst, was das alles soll, seine Obsessionen und Zwangsvorstellungen, seiner unglücklichen Liebesgeschichten und so weiter, dann wirst du sehen, der kocht auch nur mit Wasser, dann wird die Enttäuschung entsetzlich sein.

Als nächstes warnt bzw. mahnt ein Gebäude: ein Hotel, in dem ich bei meinem ersten oder zweiten Mal hier prima eingeklemmt gehaust habe, in so einem als Zimmer vermieteten Postfach für Menschen, ist verrammelt und offenbar ruiniert, nicht mal mit dem Zusammenpferchen Wehrloser in Minizellen kann man also offenbar stabile Gewinne erzielen. Schließlich erzählt eine  Freundin der Allerbesten, die einen der Filme, die hier angeblich zum allerersten mal gezeigt werden, schon gesehen hat, davon, dass der noch schlechter sei als alle, die der verantwortliche Idiot zuvor verbrochen hat, obwohl das kaum mehr vorstellbar scheint und also die düsterste Vorhersage von allen ist.

Natürlich sehe ich den Eröffnungsfilm „The First Man“ von Damien Chazelle in so einer Stimmung auch gleich als Warnung: Was, wenn all die technischen Triumphe der Menschheit (na gut, der Amis) im zwanzigsten Jahrhundert, von wegen Mondlandung und Hollywood, nur kurz aufleuchtende und sofort wieder verlöschende Glühwürmchen waren, wenn es im All und auf der Welt letzlich um nix geht und man sich besser um die eigenen Leute kümmert, die Nächsten, die Familie, statt großen Breitwandideen hinterherzuträumen? Kaum aber erwäge ich das, sagt mir ein Film, der mich noch viel übler warnen will, dass Familien und Nächste in einem entsetzlichen Abschnitt der Psychiatriegeschichte völlig damit einverstanden waren, den seelisch leidenden Elektroschocks durch die Körper zu jagen und ihnen das Hirn mit dicken Nadeln kaputtzustechen.

Der Film heisst „The Mountain“, gedreht hat ihn Rick Alverson, unterstützt vom dämonisch distanzierten Kameramann Lorenzo Hagerman, und erzählt wird die Geschichte eines jungen Fotografen, der einen Quacksalber begleitet, welcher merkwürdigen Menschen die Seelen tötet und davon noch nicht mal besonders gut lebt. Der schiefe Arzt ist Jeff Goldblum, der den Film im Regen betritt, als wäre er lieber woanders; der Junge, den er für sich Bilder seiner Opfer knipsen lässt, ist Tye Sheridan, der in Spielbergs „Ready Player One“ neulich noch den puren Lebenswillen im virtuellen Durcheinander dargestellt hat, hier aber aus mal wachen, mal trüben Augen eine Situation beobachtet, bis sie ihn in sich hineinsaugt. Autofahrten durch Gruselwälder, Blut an Goldblums Händen und die unerfreulichste Art, von Sex zu handeln: Dieser Film hat alles, was Leute vermissen, denen es zu gut geht, ich hatte wirklich schon lustigere Depressionen als während der letzten zwanzig Minuten der Vorführung. Zwar übertreibt es der immer sehenswerte Denis Lavant am Ende ein bisschen mit den metaphysischen Monologen, den hätte man zügeln können (auch im Wahn gilt: You don‘t want too much of a good thing), aber insgesamt verhält sich dieses finster-klare Zeug zu dem Kuckucksnest, über das Jack Nicholson einst geflogen ist, wie ein Tiefseegraben zu eine Pfütze. Tiefe Verzweiflung, ruhig ausgerollt, toll fotografiert; ob das einen Preis kriegt oder nicht, man wird‘s nicht so bald vergessen.

 

31. Aug. 2018
von Dietmar Dath

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29. Aug. 2018
von F.A.Z. - Feuilleton

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„First Man“ eröffnet Filmfest Venedig

© Filippo Monteforte/AFPDie Jury: Christoph Waltz (l.), Taika Waititi, Naomi Watts, Malgorzata Szumowska, Trine Dyrholm, Nicole Garcia, Jury-Präsident Guillermo Del Toro, Sylvia Chang und Paolo Genovese auf dem Lido

Mit einem Drama über den Astronauten Neil Armstrong wird das Filmfestival Venedig an diesem Mittwochabend eröffnet. In dem Film „First Man“ verkörpert Ryan Gosling den Mann, der im Jahr 1969 als erster Mensch den Mond betrat. Regie führte Damien Chazelle, der zuletzt mit dem Musical „La La Land“ weltweit Erfolge feierte.

„First Man“ ist einer von 21 Beiträgen, die im diesjährigen Wettbewerb um die Hauptpreise konkurrieren. Darunter ist auch der neue Film des deutschen Oscarpreisträgers Florian Henckel von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“). Er stellt „Werk ohne Autor“ auf dem Lido vor. Das Werk mit Tom Schilling in der Hauptrolle basiert lose auf der Biografie des Künstlers Gerhard Richter.

Weitere Beiträge im Wettbewerb sind der Western „The Ballad of Buster Scruggs“ der Brüder Ethan und Joel Coen sowie „Peterloo“ des Briten Mike Leigh. Alfonso Cuarón („Gravity“) zeigt das in Schwarz-Weiß-gedrehte „Roma“.

Außer Konkurrenz stehen unter anderem „A Star is Born“ mit Lady Gaga und „Dragged Across Concrete“ mit Mel Gibson auf dem Programm. Außerdem feiert „The Other Side of the Wind“ von Orson Welles in einer Sonderaufführung Premiere – das Werk wurde viele Jahre nach dem Tod des Regisseurs nun mit Hilfe des Streamingdienstes Netflix fertiggestellt.

Die höchste Auszeichnung des Festivals ist der Goldene Löwe für den besten Film. Die internationale Jury wird die Preise am 9. September vergeben. Ihr Vorsitzender ist in diesem Jahr der Mexikaner Guillermo del Toro, der 2017 selbst mit „Shape of Water“ den Goldenen Löwen gewann.

Die Filmfestspiele in Venedig sind die ältesten der Welt. In diesem Jahr findet das Festival zum 75. Mal statt. In diesem Blog wird Dietmar Dath davon berichten.

29. Aug. 2018
von F.A.Z. - Feuilleton

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19. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Goldene Palme für „Burning“ – das wäre gerecht. Eine Wunschliste

Wenn es gerecht zuginge, wäre der große Gewinner dieses seltsam ungleichmäßigen, teilweise sehr schlechten Festivals mit einigen tollen Filmen Lee Chang-Dong und sein alle überragender Film „Burning“ nach einer Kurzgeschichte von Murakami. Er steht weit oben auf meiner Favoritenliste wie auch auf der sehr vieler Kollegen. Die Punktetabelle eines Branchenblatts hat er fast gesprengt, so viele Sternchen wurden da vergeben.

© FestivalSzene aus „Burning“

Das heißt für die Entscheidung der Jury gar nichts. Viele Schauspieler in einer Jury wie hier machen die Sache vollends unberechenbar. Trotzdem habe ich letzte Nacht meine Palmen-Wunschliste zusammengeträumt, nicht zu verwechseln mit einer Prognose, die in diesem Jahr unmöglich zu treffen ist:

Goldene Palme – „Burning“, was sonst

Großer Preis der Jury – „Shoplifters“ von Hirokazu Koreeda

Beste Darstellerin – Zhao Tao. in „Ash Is Purest White“ von Jia Zhangke

Bester Darsteller – Jafar Panahi in seinem „3 Faces“ (das wäre was!)

Beste Regie – Jean-Luc Godard für „Le Livre d`Image“

Bestes Drehbuch – „Leto“ von Kirill Serebrennikow

Spezialpreis der Jury – „BlackkKlansman“ von Spike Lee

© Festival„Shoplifters“von Hirokazu Koreeda
© Festival„Ash Is Purest White“ von Jia Zhangke
© Festival„3 Faces“ von Jafar Pahani
© Festival„Le Livre d`Image“ von Jean-Luc Godard
© Festival„Leto“ von Kirill Serebrennikow

Wahrscheinlich kommt es anders. Heute Abend wird es verkündet, mit großem Tamtam auf und hinter dem roten Teppich. Noch einmal große Garderobe, noch einmal kein Selfie. Die Journalisten sitzen gemütlich nebenan und rufen ihre Favoriten in den Raum, stöhnen oder springen begeistert auf und klatschen.  Es ist der einzige Abend, an dem es ein bisschen zugeht wie im Fußballstadion. Immer ist irgendwer sehr enttäuscht. Kommentar folgt.

 

19. Mai. 2018
von Verena Lueken

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17. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Mit Dany Cohn-Bendit durch la belle France

© AFP Photo / Anne-Christine PoujoulatDaniel Cohn-Bendit (l.) und Romain Goupil dieser Tage in Cannes

Was ist das eigentlich für ein Land, das dieses Festival ausrichtet? Das so viel Stolz in seine Filme, seine Kinokultur legt? Was hat sich geändert seit 1968, als es auch hier beim Festival krachte und die Sache abgeblasen wurde? Lässt sich zwischen dem, was hier in diesem Jahr angesichts der offensichtlichen Krise des Festivals schmerzhaft diskutiert wird, und dem Rest des Landes überhaupt eine Verbindung herstellen?

Das sind Fragen, mit denen ich mich in den Film „La Traversée“ von Romain Goupil (außer Konkurrenz gezeigt) aufmachte, der sich dann als etwas ganz anderes herausstellte. Es geht nicht ums Kino, nicht um Cannes, nicht einmal um 1968, wie der Pressetext glauben machte. Dafür sah ich ein Roadmovie mit Dany Cohn-Bendit, der mit Goupil quer durch die Republik fährt und mit Leuten spricht. Mit Eisengießern und Milchbauern, mit Eisherstellern und Krankenpflegerinnen, mit Fischern und Fabrikbesitzern, mit Polizistinnen und Flüchtlingen und denen, die ihnen helfen. „Mein Gott, sie laufen. Sie laufen ununterbrochen“, sagt ein Mann und die Tränen kullern ihm über die Wangen, als hätte er gehört, was die Frau nebenan gerade sagte, nämlich dass sie wisse, sie habe keine Lösung für das Problem der Völkerwanderung, könne aber bei denen, die über die Berge in ihr Dorf kommen, für einen Augenblick der Ruhe sorgen. Bevor sie weiterlaufen.

Für die gut zwei Stunden, die dieser Film dauerte, konnte man vergessen, wo man war. Und sah Menschen zu, die ganz woanders sich ihre Gedanken machen, und Cohn-Bendit mit seiner neugierigen, nie hochnäsigen Interviewtechnik bringt sie dazu, sie uns mitzuteilen.

Natürlich sind die zwei älteren Herren, Helden ihrer Tage, eitel. Natürlich wissen sie das selber und machen sich darüber lustig. Entscheidend ist ihr genuines Interesse an den Menschen in diesem Land, daran, warum etwa die Hälfte den Staat immer vor die Freiheit setzen würde, wie es am Anfang heißt, den Staat, der sie im Zweifelsfall weder schützt noch unterstützt. Auch dazu gab es übrigens einen Film. „En guerre“ hieß er, gedreht von Stéphane Brizé, ein solides Stück realistisches Kino um einen Streik, der nicht erfolgreich endet.

Zurück zur Fahrt durch Frankreich: Cannes fühlte sich danach noch unwirklicher an als sowieso. Der rote Teppich noch mehr bourgeois. Viele Filme noch weiter an den wesentlichen Fragen vorbei. Auf einige fanden Goupil und Cohn-Bendit auch keine Antwort. Warum wird einer, der früher Maoist war, Anhänger von Le Pen? Er konnte es selbst nicht sagen.

Aus der Welt von Cannes kam dann die Nachricht, der Preis der Quinzaine, des Festivalsarms, der sich der Revolte von 1968 verdankt, sei an Gapsar Noe für „Climax“ gegangen. Wenn Sie vergessen haben, was das war, schauen Sie noch einmal in die „Aufforderung zum Tanz“ vom 13. Mai.

Bald ist hier Schluss. Noch vier Filme. Und dann die Palmen.

17. Mai. 2018
von Verena Lueken

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16. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Eines langen Tages Reise in die Nacht

Bei jedem Festival gibt es den Augenblick, an dem man verlorengeht zwischen den Filmen, den Phantasien der anderen, in denen man diese Tage verbringt. Schlecht, wenn das am Tag passiert, an dem der Film von Lars von Trier läuft. Aber auch sonst ist alles dabei in diesem Jahr – Träume, Fieberträume, Albträume, Tagträume, Drogendelirien, Stürze in den Kaninchenbau. Wenn man verlorengeht, an der Schwelle zwischen Film 29 und 30 ungefähr, vermischen sich die Geschichten, in denen sie geträumt oder deliriert werden, treffen auf Übermüdung und Übersättigung. Das Genitalmonster aus Argentinien, mehrgeschlechtlich, kannibalisch, begegnet plötzlich dem chinesischen Liebenden, dessen Tischtennisschläger ihn fliegen lässt, wenn er ihn dreht, sie treffen auf die Nackte mit dem Katzenkopf im Osten von Los Angeles und auf den Mann, der sich in Brand setzt, weil er eine Fabrikschließung nicht verhindern konnte, fliegen gemeinsam über die Landschaft, in der Jack sein Haus baut und über die gefrorenen Kinderleichen hinweg mitten hinein in eine johlende Menge von Klanmitgliedern, die „Birth of a Nation“ schauen und dabei Popcorn essen. Alles da gewesen, nicht in dieser Reihenfolge und in verschiedenen Filmen, aber als Zusammenschnitt plötzlich so gegenwärtig wie der Horror auf der Leinwand, die zuckenden Leiber bei Gaspar Noe, die abgeschabte Leiche bei von Trier, das bezahnte Riesenvaginamonster bei Alexandro Fadel und die Katzenfrau im Hundemörderfilm von David Robert Michel. Glücklicherweise geht der Augenblick des Mischmaschs vorbei und die Erinnerung klart auf. Und sieht 3D und fällt zurück in den Kaninchenbau. 

© FRANCK ROBICHON/EPA-EFE/REX/ShutterstockBi Gan (zweiter von rechts) und die Darsteller Huang Jue, Lee Hong-Chi und Chen Yongzhongvon bei einem Fototermin in Cannes.

„Long Days Journey into Night“ – das ist der englische Titel des chinesischen Films, der im Original nach einer Geschichte von Roberto Bolagno heißt. Mal sehen, was ein deutscher Verleih sich einfallen lässt, sollte er in unsere Kinos kommen, was unbedingt zu hoffen ist. Bi Gan, der Regisseur, war wortkarg bei der Premiere. Er wollte wohl nicht länger warten, um zu sehen, wie das Publikum reagiert. Wir hatten 3D-Brillen bekommen, wurden aber zu Beginn des Films angewiesen, sie erst aufzusetzen, wenn auch die Hauptfigur dies tue. Das war etwa in der Mitte des Films, und erst dort stand dann in hellblauen Buchstaben mitten im Raum dieser Titel „ Long Days Journey“– und eine fünfzigminütige 3D-Fahrt durch ein Labyrinth begann, in dem unserem Helden seltsame Figuren begegnen, ein Tischtennismatch auf einer Tür mit einem Lageplan darauf über sein weiteres Schicksal entscheidet, und eine Frau ihm begegnet, die nicht die ist, nach der er sucht.

Es war einer der poetischsten, langsamsten Filme des Jahrgangs. Er rief in seiner unendlichen Melancholie „In the Mood for Love“ von Wong Kar-wei in Erinnerung (der gleich zu Beginn des Jahrhunderts hier alle verzauberte, aber nicht die Golden Palme gewann), ohne epigonal zu wirken. Der Film von Bi Gan hätte dem Wettbewerb gutgetan (er lief in Un certain Regard). Dorthin wurde stattdessen ein ganz anderer Kaninchenbau-Film eingeladen, nämlich David Robert Mitchells „Under the Silver Lake“, der das meiste David Lynch verdankt – und den Rest allen anderen (Chandler und Altman und Pynchon usw.), die Los Angeles zu dem gemacht haben, was wir imaginieren, wenn wir den Namen dieser Stadt hören.

 

 

16. Mai. 2018
von Verena Lueken

3
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15. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Nach 7 Jahren Bann: Wieder ein Film von Lars von Trier

Von vielen heiß erseht, von anderen eher kühl (meine Haltung), von dritten angstvoll erwartet: Nach sieben Jahren Festivalverbannung ist Lars von Trier wieder hier. Mit einem Serienmörderfilm. Typisch von Trier, der seinen Ruf als Skandalnudel pflegt? Der Film, außer Konkurrenz gezeigt, heißt „The House that Jack Built“, und er enthält neben sehr vielen Leichen und zahlreichen assoziativen Bezügen in die bildende Kunst und die Musik auch einige Referenzen ans eigene Werk. Nicht einmal für Selbstzitate aus Filmen, die in Cannes gelaufen sind, „Antichrist“ und „Melancholia“ (mit dem der Schlamassel begann) schämt von Trier sich, stellt er sie doch in den Kontext anderer großer Kunst wie den gotischen Kathedralen, der Barockmalerei oder Bach mit Glenn Gould.

Sehr verlockend schien es nicht, mehr als zwei Stunden lang aus der Perspektive eines Serienmörders, dessen Opfer im Presseheft Lady 1, Lady 2, Lady 3 und Simple heißen, auf die Welt und sein Tun in ihr zu schauen. Bei der Premiere haben das viele auch nicht ausgehalten und unter Protest, so wurde berichtet, den Saal verlassen. Geklatscht wurde dennoch am Schluss, wenn auch von nur noch halbgefüllten Rängen aus. Mit diesen Vorabinformationen ging am nächsten Morgen die Presse zu ihrer Vorstellung – bisher war es immer umgekehrt gewesen, bis sich die Produzenten so laut beschwert hatten, dass es geändert wurde.

© REUTERS/Regis DuvignauLars von Trier mit seinen Schauspielern auf dem Weg zur Premiere in Cannes

Gewarnt also von Premierengästen erwarteten am Morgen alle das Schlimmste. Aber es wurde nicht schlimmer als sonst. Teilweise unerträglich wie immer, heißt das. Teilweise von grandiosem Kitsch. Manchmal fesselnd, manchmal von tiefschwarzem Humor und ab und zu mit einer Ahnung gefüllt davon, was Menschen fühlen, wenn sie erkennen, dass sie gleich sterben müssen. Gebuht wurde am Ende nicht. Geklatscht verhalten. „Hit the road, Jack“ lief über dem Abspann, und es wurde gelacht.

Was will Lars von Trier? Will er wirklich etwas von Serienmorden, toten Frauen und einer unfähigen Polizei erzählen? Unwahrscheinlich. Die Geschichte von dem Mann im roten Lieferwagen, der in fünf Kapiteln Frauen umbringt und auch Kinder – das war offenbar der Zeitpunkt, als die Flucht aus der Premiere einsetzte -, ist Teil eines größeren Plans. Das Böse mit den Mitteln der Kunst zu bannen? Möglicherweise. Oder die Kunst als Beweis anzuführen, dass blutige Phantasien Teil der menschlichen Verfassung sind? Könnte ebenfalls sein.

© Zentropa - Christian GeisnaesSzene aus „The House that Jack Built“

Da der Film ein Medium der Evidenz ist, ist es dabei nicht ganz unerheblich, was wir (außer den Referenzen) eigentlich sehen. Und das ist, unter anderem, dies: Matt Dillon in der Rolle von Jack, einem unauffälligen mittelalten Mann, der leicht verklemmt wirkt wie die meisten Serienmörder im Film, fährt auf einer einsamen Landstraße. Vor ihm ein liegengebliebenes Auto. Daneben Uma Thurman mit einem kaputten roten Wagenheber in der Hand. Sie will Hilfe. Plappert ununterbrochen. Überzeugt Jack, sie mitzunehmen. Schwatzt davon, dass er aussieht wie ein Serienmörder und wie gefährlich es für eine Frau sei, zu Fremden ins Auto zu steigen. Zwischen ihnen auf der Ablage der rote Wagenheber. Auf englisch: jack. Irgendwann landet er in Uma Thurmans Kopf. Das ist ungefähr das Witzniveau. Die Frauen sind unerträglich oder doof in diesem Film. Von einer immerhin behält Jack ein Andenken, ein Portemonnaie aus einer ihrer Brüste.

Die Kunst des Mordens ist keine der Tat für Jack, sondern des Arrangements der Opfer. Er bringt sie in bizarre Positionen, bevor er sie im Kühlhaus lagert. Bei all dem unterhält sich Jack übrigens mit einer lange unsichtbaren Figur namens Verge, dem Bruno Ganz seine Stimme leiht. Eine Art Fährmann über den Styx. Er schwadroniert über alles Mögliche, was mit Kunst, Tod und Mord zu tun hat, vielleicht als Alter Ego des Regisseurs im Dialog mit seiner Kreatur? Jedenfalls benutzt von Trier auch wieder Holocaustbilder von überfüllten Baracken und Leichenbergen, ohne dass klar würde, wozu. Provokation allein ist ein ziemlich schaler Grund.

Es gibt, das immerhin ist als Ziel und Gegenstand dieses Films klar, für die freie Rede in der Kunst keine Grenze. Die Freiheit des Publikums ist: wegzuschauen.

 

15. Mai. 2018
von Verena Lueken

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13. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Aufforderung zum Tanz

Absage, Aus für das konventionelle Cannes, Schaffung eines jungen Konkurrenzunternehmens: Das war vor fünfzig Jahren, im Frühsommer 1968. Das konventionelle Cannes hat sich davon erholt, wie wir wissen, und hat sich das Konkurrenzunternehmen zwar nicht untertan gemacht, aber ein Gegenfestival ist die Quinzaine des Réalisateurs auch längst nicht mehr. Immerhin hat sie sich Spielstätten außerhalb des Festivalpalasts erhalten, und das vielfach gestaffelte Diskriminierungssystem der Presseakkreditierungen gilt dort nicht. Jeder steht an, so lange er muss.

Es wird um das Jubiläum kein Aufhebens gemacht. Im offiziellen Festival nicht, in der Quinzaine abgesehen von einem winzigen Vorspann auch nicht. Und doch ist immer noch ein Unterschied zwischen den beiden spürbar. Das Quinzaine-Publikum ist cinephil, es gibt keinen Dresscode zu beachten, und unter die Professionellen mischen sich die Fans.

© AFP Photo / Loic VenanceGaspar Noe am Sonntag am Strand von Cannes

Gaspar Noe, der aus Argentinien stammt und 53 ist, hat eine Menge davon. Und sie alle wollten in das unterirdisch gelegene Theater, das die Hauptabspielstelle für die Quinzaine ist. Es hatte geregnet, ein scharfer Wind pfiff, aber niemand scherte aus der endlos wirkenden Schlange aus, trotz sehr langer Wartezeit. „Climax“ heißt das Werk, das alle sehen wollten, und wer mit Noes Filmen vertraut ist, die delirös, drogengesättigt, kreischend laut, sexuell explizit und gewalttätig sind und berstend vor Energie, konnte das entweder als eine Verheißung oder eine Warnung nehmen.

© Wild BunchSzene aus „Climax“

Ich dachte, Verheißung. Denn Noe hat sich eine Truppe der besten Tänzer zusammengesucht, die zur selben Zeit für die Dreharbeiten von zwei Wochen in Paris sein konnten, und Gerüchte sagten, sie wären die besten. Jedenfalls wurden sie, als sie den Saal betraten, mit Pfiffen, Rufen, Schreien begrüßt, wie man sie im Palast ein paar hundert Meter weiter niemals hört. Der Regisseur Noe auch. Schließlich standen sie alle auf der Bühne, die Darsteller in phantastischen Outfits, und als alles vorbei war, kamen sie wieder, die Musik setzte ein und sie begannen wieder zu tanzen, wie in dem Film, der gerade zu Ende war.

© Verena LuekenBei der Vorführung in Cannes gehört die Bühne den Tänzern.

Wie am Anfang des Films. Eine unglaubliche knappe Stunde lang tanzen sie sich die Seele aus dem Leib, einzeln, gemeinsam, mit offenbar knorpellosen Schulter- und Ellbogengelenken, und kraftvollen akrobatischen Einlagen zu wummernder Musik. Dann läuft die Sache aus dem Ruder. Der Film. Die Probenparty, die er zeigt. Und es wird, zahmer zwar als im letzten Film, dafür aber mit Kind, wieder ein echter Noe daraus. Extrem in jeder Hinsicht. Körper an ihren Grenzen, Bewusstsein auf der Achterbahn. Die Räume öffnen sich in ein Labyrinth aus schmalen Gängen. Ein Horrortrip. Das Publikum juchzte.

Erstaunlich aber vor allem: dass das Ganze nicht entfernt so schockierend war wie vor einigen Jahren noch „Into the Void“, aus dem vier Fünftel des Publikums verschwunden waren, als der Film sich zum Ende neigte. Heute wollten nicht nur alle hin, sondern blieben auch bis zum Schluss. Und viele tanzten dann auch noch mit den ungewöhnlichen Tänzern von überall her.

13. Mai. 2018
von Verena Lueken

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13. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Aufmarsch der Frauen

Cate Blanchett und Agnès Varda sind ein herrliches Paar. Besonders, wenn sie gemeinsam auf der Treppe vor dem Festivalpalast stehen, umgeben von achtzig anderen Frauen, darunter Ava duVernay, Khadja Nin, Kristen Stewart und Léa Sedoux und eine Erklärung abgeben. Die Jurypräsidentin auf Englisch, die bald neunzigjährige Filmemacherin auf Französisch. Die eine in schwarzem großen Kleid, die andere mit zweifarbigen Haaren um mehr als zwei Köpfe überragend. Was sie dort machten, hieß zwar Women’s March, war aber eher ein Women’s Standing, was am Ort und möglicherweise auch an den Schuhen lag. Bevor die beiden auf jeweils ihre Weise großen Frauen sprachen, war die Gruppe der 82 also auf den Palast zumarschiert und hatte die Stufen zur Hälfte erklommen. Dort blieben alle erstmal stehen, um zu zeigen, wo die Laufbahn von Frauen im Filmgeschäft gemeinhin endet. Eine Strecke vor dem Ziel, weit weg vom Wettbewerb in Cannes.

© dpaLea Seydoux, Khadja Nin, Ava DuVernay, Cate Blanchett and Agnes Varda (von links nach rechts) auf dem roten Teppich in Cannes

Die Zahl 82 war nicht willkürlich gewählt, nicht danach, wie viele gerade greifbar waren. Seit 1946 waren genau 82 Frauen mit ihren Filmen hier und konnten diese Treppe erklimmen. Ihnen gegenüber standen 1866 Männer, so hieß es in der Erklärung, eine abgezählte, keine geschätzte Zahl.

Der Forderungskatalog, den die beiden verlasen, umfasste gleiche Chancen. Gleiche Bezahlung. Ein sicheres Arbeitsumfeld. Repräsentation und Teilhabe an der Macht, und das nicht allein in der Film-, sondern in allen Branchen, in denen all dies auch im Argen liegt. Es war also auch Solidaritätsadresse.

Alles nichts Neues, alles seit langem gefordert, bisher ohne große Fortschritte, also muss es immer wieder gesagt werden. Was wäre das für ein glückliches Jahr, wenn es einmal anders wäre! Insofern war es lustig, dass der Festivaldirektor Thierry Frémaux, der in diesem Jahr wieder einmal ein in dieser Hinsicht ziemlich unausgewogenes Programm zusammengestellt hat, hinter Cate Blanchett und Agnès Varda stand und heftig applaudierte. Neben ihm die französische Kulturministerin Francoise Nyssen, lässig. Sie hatte bereits im Vorwort zum Katalog geschrieben, in diesem Jahr ein besonders Augenmerk auf Geschlechtergleichheit zu legen. Was wieder einmal nur bedeutet, dass ein Seminar stattfindet.

Insofern war der Women’s March über den roten Teppich immerhin ein Zeichen, und dass Agnès Varda da war und mitmachte, wunderbar.

Im Anschluss gab es einen Film über ein kurdisches Frauenbatallion zu sehen, in dem sich von Isis geraubte, vergewaltigte, verkaufte und endlich geflohene Frauen den Ort zurückerobern, an dem ihre Männer erschossen und sie versklavt wurden. „Les filles du soleil“ hieß er, war von teilweise großer Intensität und Zartheit, und gedreht hat ihn Eva Husson.

13. Mai. 2018
von Verena Lueken

5
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12. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Liebe in Cannes

Ist doch klar, werden Sie vielleicht rufen, wenn Sie hören, dass im Zentrum selbst der blutigsten Geschichten in diesem Jahr die Liebe steht (außer bei Godard). Wir sind schließlich in Frankreich, an der Côte d`Azur, da ist jedes Klischee wahr. Auch im Kino. Aber dann doch nicht in jedem Jahr.

Diesmal schon. Sei es jungfräuliches Schwärmen in Damaskus zur Zeit der ersten Unruhen 2011 (bei Gaya Jiji)), sei es abgeklärtes Cruising in Zeiten von Aids in Paris (bei Christoph Honoré) oder die ersten erotischen Erfahrungen zweier Mädchen miteinander in Nairobi (Bei Wanri Kahiu), eine Amour fou im kalten Krieg zwischen Polen, Paris und Jugoslawien ((Pawel Pawlikowsi) oder eine aus dem Ruder gelaufene Beziehung in der Welt kleiner Gangster in China (Jia Zahng-ke) – es ist immer die Liebe, um die herum erzählt wird, und die das Ganze treibt. Die ersehnte, die verschmähte, die phantasierte, die unerfüllte, die abgebrochene, schiefgegangene, von außen oder innen unterdrückte oder auch verratene Liebe. Die gelungene ist nicht dabei. Bisher.

Szene aus Christophe Honorés Wettbewerbs-Film: „Plaire, aimer et courir vite“

Als gäbe es kein anderes Movens mehr für Geschichten. Als gäbe es keine Menschen, die allein und damit glücklich sind. Als gäbe es keine anderen Leidenschaften.

Das Festival hat sich bemüht, neben den üblicherweise im Kino sichtbaren heterosexuellen auch andere Spielarten auf die Leinwand zu bringen. Gemeinsam aber ist den meisten dies: dass sie einander so ähnlich sehen. Als hätte das Kino der vergangenen hundertzwanzig Jahre bereits alle Bilder zur Verfügung gestellt, in denen Liebe überhaupt vorstellbar ist. Träume in Rosa bei den Mädchen, haarige Hintern auf zerknautschten Laken bei den Männern, pralle Brüste in lachsfarbenen Hemdchen, die sich in der Phantasie fordernden Händen entgegenstrecken, Spaziergänge im Regen, wenn es zu Ende geht.

In der Sektion Un certain regard: Gaya Jijis Film „Mon tissu préféré“

Wäre es nicht am Kino, endlich einmal neue Bilder in die Köpfe derer zu pflanzen, die das hier sehen? Damit sie ihre eigenen Liebesgeschichten anders erlebt werden können? Damit sie anders darüber erzählen könnten? Was wir, wo es um die Liebe geht, aus diesen Filmen lernen ist dies: die Liebe ist eine Bilderfalle. Um über sie zu erzählen, muss man weite Umwege wählen, um sie zu umgehen. Über die Musik zum Beispiel, wie Pawel Pawlikowski, oder durch ganz China, wie Jia Zhang-ke. Doch auch sie entgehen ihr letztlich nicht. Was in gewisser Weise eine Enttäuschung ist, weil wir immer noch hoffen, die Liebe sähe vielleicht doch noch irgendwo anders aus als rosa, haarig oder verregnet, wenn sie zu Ende geht.

12. Mai. 2018
von Verena Lueken

6
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11. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Ryan Coogler und der Schritt ins 21. Jahrhundert

Offenbar glauben einige Leute hier, es werde nicht genügend geklatscht. Thierry Frémaux zum Beispiel, der Direktor, hat sich angewöhnt, wo auch immer er auftritt mit den Armen so zu tun, als würde er Heu umschaufeln, damit das Publikum lauter, länger klatscht, bevor überhaupt irgendetwas passiert ist. Einfach so, um ihn und dann seine Gäste zu begrüßen.

Dabei brauchte er sich am Donnerstag Nachmittag, als er wieder diese Bewegung machte und richtig zu fuchteln begann, wirklich keine Sorgen zu machen, es würde vielleicht nicht genügend Begeisterung gezeigt. Ryan Coogler war gekommen, um mit Elvis Mitchell über seine Filme zu sprechen.

Drei hat er gedreht, einer größer als der nächste. Der letzte war „Black Panther“. Davor kam „Creed – Rocky`s Legacy“. Und davor „Fruitvale Station“. Ein Film nach einer wahren Begebenheit, der Erschießung eines jungen Mannes in einer Bahnstation durch die Polizei nämlich. Der zweite das Sequel der berühmten Boxerserie. Und dann die Comicbook-Adaption, mit der sich in Hollywood etwas grundsätzlich änderte: die Überzeugung, mit Filmen mit nahezu ausschließlich afrikanischen und afroamerikanischen Darstelllern ließe sich kein Geld verdienen. Inzwischen sind es 1,3 Milliarden Dollar. Coogler ist zweiunddreißig.

Deshalb findet er auch ganz normal, bisher immer mit Kamerafrauen gearbeitet zu haben, weil er nur die besten wollte. Dasselbe gilt für den Schnitt. Ein „Black Panther“- Spin-off mit rein weiblicher Besetzung? Das würde ihm gefallen. Die Frauen sind schon im jetzigen Film die stärkeren, und seine Lieblingsstelle ist jene halbe Stunde, in welcher der Held von der Bildfläche verschwunden ist. Das Frauenproblem in Cannes und anderswo ist auch ein Generationenproblem, das wird immer wieder deutlich, wenn die Jüngeren sprechen, die jüngeren Männer vor allem.

Direkt hinter mir in dem vollgepackten Saal saß Raoul Peck und lächelte. Mit seiner James-Baldwin-Doku „I`m Not Your Negro“ hatte er seinerseits für die Repräsentation schwarzer Haut auf der Leinwand gesorgt und dazu beigetragen, dass Baldwin und seine Bücher endgültig aus der Vergessenheit wieder auftauchten. Offenbar mag Peck den Black-Panther-Film und den Regisseur, jedenfalls lachte er manchmal und nickte.

Coogler ist geistreich, und er hat sich, trotz vermutlich aufreibender Marketingtouren rund um die Welt, noch nicht angewöhnt, seine Zuhörer mit Sprechblasen abzuspeisen. Er überlegte. Sagte „o man“, oder auch mal eine Weile gar nichts, um dann im Publikum jemanden zu begrüßen. Er hatte auch einige eingeladen, zum Beispiel sechzig Filmstudenten aus Paris, „die aussehen wie ich“, so sagte er, weil er oft die Erfahrung mache, im Publikum sähen alle anders aus. So war es auch mit den Gästen in einem „Disney approved“-Hotel in Kapstadt, wo er sich mit dem Personal anfreundete, das so aussah wie er, und in den Townships beobachtete, dass die Rituale dort ungefähr das sind, was er zu Hause eine home party nennt.

Wakanda, das afrikanische Utopia in „Black Panther“, ist die Phantasie eines Landes, das von Kolonialismus und Sklaverei unberührt geblieben ist. Was hätte sein können. Dazu spielt Musik, die verschiedene afrikanische Musiktraditionen zusammenführt. Wir alle haben das in diesem Film gesehen und gehört. Doch Coogler erzählte es noch einmal mit besonderer Betonung, führte den Ursprung der verschiedenen Welten in diesem Comic und seinem Film zurück auf die Erfahrung aller Schwarzen in der Diaspora, zwischen zwei Kontinenten zu leben und auf keinem zu Hause zu sein, trank dazu Wasser aus einem Champagnerglas und lachte dabei. Vielleicht auch über das viele Geld. Vor allem aber darüber, was er geschafft hat, dass er diese Phantasie auf die Leinwand bringen konnte und verstanden wurde. Elvis Mitchell nannte das den „entscheidenden Augenblick im 21. Jahrhundert“. O man, sagte Coogler zögernd.

 

11. Mai. 2018
von Verena Lueken

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09. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Weg mit dem Glamour?

© AFP Photo / Anne-Christine PoujoulatStellt wenigstens ihr eigenes Schaffen zur Schau: Die chinesische Schmuck-Designerin Gisele vor dem Eröffnungsfilm auf dem roten Teppich von Cannes

Die gute Nachricht kam mittags. Ein französisches Gericht hat gegen die Klage des Produzenten entschieden, der die Vorführung von Terry Gilliams „Don Quixote“-Film zum Abschluss des Festivals verhindern wollte. Das überraschte niemanden, und die Diskussionen drehten sich wieder vor allem – um die Frauen. Sie werden das beherrschende Thema bleiben, so sieht es aus, und das nicht zum ersten Mal.

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09. Mai. 2018
von Verena Lueken

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09. Mai. 2018
von Verena Lueken

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Alle lieben Cate

© Sebastien Nogier/Epa-Efe/Rex/ShutterstockGruppenbild mit Präsidentin: Cate Blanchett mit anderen Juroren des Wettbewerbs von Cannes vor der Eröffnung

Die Sonne scheint, die Yachten schwappen in der Bucht, die Schaufenster an der Croisette präsentieren Abendkleider, hohe Schuhe, Smoking, Täschchen, Schmuck, vor den Geschäften liegen kurze rote Teppiche mit dem Palmen-Emblem darauf. Alles wie immer also, wenn es losgeht mit dem Filmfestival? Schöne Menschen, sehr viel Geld, riesige Hoffnungen, gute Geschäfte?

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09. Mai. 2018
von Verena Lueken

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04. Mai. 2018
von F.A.Z. - Feuilleton

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Vom 8. bis zum 20. Mai 2018: das Filmfestival in Cannes

© Keystone/Martial TrezziniDie Goldene Palme wird zwar am Mittelmeer vergeben, gefertigt allerdings wird sie in Meyrin in der Schweiz

In diesem Jahr sorgt das Festival in Cannes schon im Vorfeld mit mehreren Entscheidungen für so viel Gesprächsstoff, dass noch vor dem Start heftige Debatten entbrannten. Ein Konflikt mit Netflix eskalierte so, dass es keine Filme des Streamingdienstes an der Croisette geben wird. Dafür kehrt Lars von Trier zurück. Der Däne war vor sieben Jahren wegen seiner Nazi-Äußerungen zur Persona non grata erklärt worden. Nun aber hat das Filmfest von Trier mit „The house that Jack built“ über einen Serienmörder außer Konkurrenz eingeladen.

Eröffnet wird das 71. Festival am Dienstagabend mit dem Iraner Asghar Farhadi. Der Oscarpreisträger drehte zum ersten Mal in spanischer Sprache und holte für „Everybody knows“ Penélope Cruz und Javier Bardem vor die Kamera. Es ist einer von 21 Beiträgen, die im diesjährigen Wettbewerb um die Goldene Palme konkurrieren – zusammen mit den neuen Filmen von Spike Lee, Jean-Luc Godard oder Nuri Bilge Ceylan.

Für die Frankfurter Allgemeine reist die Filmkritikerin Verena Lueken nach Cannes – und berichtet vom 8. bis 20. Mai in der Zeitung, bei FAZ.NET und im Blog vom Filmfestival an der Côte d’Azur.

04. Mai. 2018
von F.A.Z. - Feuilleton

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24. Feb. 2018
von Bert Rebhandl

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Im Narbengelände

„Mela, Mela, Mela, Mela, Melancholia.“ Am vorletzten Tag der Berlinale hatte sich noch einmal ein Song in meine Synapsen gekrallt. Das raue Organ von Blixa Bargeld, der Weltuntergangsblues der Einstürzenden Neubauten. „Die Befindlichkeit des Landes“ heißt der Song, wir haben ihn mitgenommen aus Adina Pintilies „Touch Me Not“. Wir, das war die eine Hälfte der professionellen Zuschauer, die aus „Touch Me Not“ nicht vorzeitig hinausgegangen sind. Ich habe nur ein paar Filme aus dem Wettbewerb geschaut, aber vermutlich gab es keinen, der das Fachpublikum so polarisiert hat. Und ähnlich dürfte es sich nun wahrscheinlich auch mit der Entscheidung der Jury verhalten, die „Touch Me Not“ mit dem Goldenen Bären für den Besten Film ausgezeichnet hat.

Es würde Entscheidungen geben, die nicht so sehr ausdrücken, wie es um das Kino steht, sondern „wo’s vielleicht noch hingehen könnte“, hatte Tom Tykwer gleich zu Beginn der Zeremonie angedeutet, dass die Jury sich etwas vorgenommen hatte. Von ausführlichen Diskussionen war auch noch zu hören, „manchmal länger als die Filme“. Das Ergebnis ist auf jeden Fall das Gegenteil einer sicheren Bank.

In „Touch Me Not“ geht es vor allem um Berührungen, um die Sexualität behinderter Menschen, um einen umfassenden Begriff von Behinderung, um Urschreie und einen Swingerclub, über dem in leuchtenden Lettern des Wort INKLUSION stehen könnte. Eine rumänisch-deutsch-tschechisch-bulgarisch-französische Koproduktion, in der die Figuren Englisch sprechen, und in der ein deutscher Webdesigner aus Koblenz eine Hauptrolle hat. Christian Bayerlein hat die am deutlichsten sichtbare Behinderung in „Touch Me Not“, man denkt unwillkürlich an Stephen Hawking, wenn man ihn sieht, wie er nahezu vollständig auf Hilfe angewiesen ist. Bayerlein spricht völlig unbefangen über seine Lust, und Adina Pintilie zeigt auch ganz konkret, wie er sie erlebt.

Wo kann es mit dem Kino vielleicht noch hingehen, wenn man „Touch Me Not“ als Inspiration nimmt? Auf jeden Fall ist das ein Experiment, mit dem sich ein Gegenpol zu dem männlichen, mythologischen Erotizismus etwa eines Lars von Trier („Nymph()maniac“) zu erkennen gibt. Wäre die Jury ohne die intensive Begleitung des Festivals mit #metoo-Debatte ebenfalls zu dieser Entscheidung gekommen? Auf jeden Fall geht es in „Touch Me Not“ um Gesten und Übergriffe in einem genau ausgehandelten Raum der Intimität, also um das Gegenteil von Ausbeutung.

Die starke deutsche Beteiligung an Adina Pintilies Projekt bildete dann auch noch einen Akzent über einem auffälligen Umstand bei der Preisverleihung der 68. Berlinale: die vier deutschen Beiträge im Wettbewerb gingen sämtlich leer aus. Der Preis für die beste Regie ging an Wes Anderson, auch das eine deutlich „dezidierte“ Entscheidung. Billy Murray vertrat auf der Bühne den schon abgereisten amerikanischen Regisseur.

Der Silberne Bär Großer Preis der Jury ging an „Twarz“ von der Polin Malgorzata Szumowska, und damit an eine Filmemacherin, die von der Berlinale nun schon längere Zeit aufgebaut wird, und der man eines Tages ohne Weiteres einen „Goldenen Bären“ zutrauen könnte.

Die Platte „Silence is Sexy“ von den Einstürzenden Neubauten kam 200o heraus, das war auch das Jahr, in dem die Berlinale an den Potsdamer Platz übersiedelte, an jenen Marlene-Dietrich-Platz, dem Blixa Bargeld die Zukunft absprach – er sah in der gerade neu errichteten Mitte der Stadt schon wieder die künftigen Ruinen. Der Goldene Bär der 68. Berlinale ist zwar in das Weiß getaucht, das in Adina Pintilies „Touch Me Not“ die Leitfarbe ist, aber wie das oft so ist, das Ohr sieht mehr als das Auge, und Blixa Bargelds geflüsterte Prophezeiung „die neuen Tempel haben schon Risse“ endet schließlich in der Frage, mit der nun eigentlich die ganze Berlinale aufhört: „Was ist die Befindlichkeit des Landes?“

 

 

24. Feb. 2018
von Bert Rebhandl

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24. Feb. 2018
von Bert Rebhandl

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Berlinale 2018 – Die Liste

Eine Liste ist eine gute Form, die persönliche Bilanz eines Festivals zu ziehen. Hier also alle Filme, die ich von der Berlinale 2018 gesehen habe (zum Teil schon in den Wochen davor). Bei der Bewertung folge ich einem geläufigen Schema, von +++ (bedeutend) bis — (katastrophal), +- bedeutet „zwiespältig“.

Das Abenteuer einer schönen Frau (Retrospektive) ++
Die Leuchte Asiens (Retrospektive) +
Classical Period (Forum) ++
Fotbal Infinit (Forum) +++
Tokio Boshoku (Classics) +++
Aufbruch (Forum) ++
Viaje a los Pueblos Fumigados (Special) +-
When the War Comes (Panorama) +-
Our Madness (Forum) +++
Yocho (Foreboding) (Panorama) ++
Aggregat (Forum) +++
Another Movie (Forum Expanded) +++
Zentralflughafen THF (Panorama) ++
Styx (Panorama) +-
Notes on an Appearance (Forum) +
11×14 (Forum) +++
Familienleben (Panorama) ++
O processo (Panorama) ++
When I am Dead and Pale (Forum) +++
Shaihu Umar (Forum) ++
Victory Day (Forum) +++
Isle of Dogs (Wettbewerb) +++
Transit (Wettbewerb) +++
Dovlatov (Wettbewerb) ++
Genezis (Panorama) +-
Premières Solitudes (Forum) ++
Partisan (Panorama) +-
Eldorado (Wettbewerb Außer Konkurrenz) +
Touch Me Not (Wettbewerb) +-
An Elephant Sitting Still (Forum) +++
SPK Komplex (Forum) ++

Heute Abend dann noch meine Mitschrift von der Preisverleihung.

24. Feb. 2018
von Bert Rebhandl

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23. Feb. 2018
von Bert Rebhandl

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Lichtwäsche

Die Berlinale sagt gern stolz von sich, sie wäre ein Publikumsfestival. Das ist zwar kein Alleinstellungsmerkmal, bei den meisten anderen Festivals ist das ganz genauso, nur Cannes ist da ein bisschen eigen, und in Venedig trifft man sich am Lido, da herrscht von vornherein eine etwas weltabgewandte Stimmung. In Berlin gibt es aber wirklich immer wieder ein erstaunliches Gedränge, und das sind eben die Momente, in denen richtig Festivalstimmung aufkommt. So war es auch am Donnerstagabend im Delphi bei der letzten Vorstellung des chinesischen Films „An Elephant Sitting Still„, einem Höhepunkt im diesjährigen Forum.

Ich hatte gestern dazu schon ein paar wesentliche Angaben gemacht: der erste und einzige Film des jungen Regisseurs Hu Bo, der sich mit 29 Jahren das Leben genommen hat und deswegen die Weltpremiere nicht mehr erleben konnte. „Hu Bo is no more“, sagte die Moderatorin am Donnerstag im Delphi. Stattdessen war ein Lehrer von der Filmhochschule in Beijing gekommen. Und die Mutter des Künstlers, die hoffentlich ein wenig Trost darin gefunden hat, wie das Publikum die vier Stunden von „An Elephant Sitting Still“ verfolgt hat, in einer Atmosphäre intensiver Konzentration, die zum Ende hin ein, zweimal  ganz leicht komisch gebrochen wurde. Der Film war mir von Bekannten als düster geschildert worden, in Texten war von „the bleakest movie ever“ die Rede. Da gibt es aber eben noch ein paar andere Facetten.

Durch die lange Dauer des Films hat man wirklich das Gefühl, man würde an einen anderen Ort versetzt. Hu Bo hat in Nordostchina gedreht, in einem Provinznest, die nächste größere Stadt ist anscheinend Shenyang. Die Lebensverhältnisse im heutigen China sind nicht zuletzt ein wesentliches Thema: die meisten Protagonisten leben schon in den neuen Wohntürmen, sind also buchstäblich ein bisschen aufgestiegen, haben es aber mit verstopften Klos und anderen Unzulänglichkeiten zu tun. Die Verkettung von Umständen, aus den Hu Bo seine Geschichte entwickelt hat, beginnt mit einem gestohlenen Handy, ein Schüler wird des Diebstahls bezichtigt, es gibt eine Rangelei, einer fliegt die Treppe hinunter, ein anderer läuft davon.

Einen erzählten Tag lang bleibt Hu Bo dann den Figuren dicht auf den Fersen: der Junge, der nun als Mörder gesehen wird, bereitet seine Flucht in die Nachbarstadt Manzhouli vor, wo ein Zirkus gastieren soll, der einen Elefanten dabei hat, der anscheinend nicht viel mehr tut, als still zu sitzen. Als utopisches Motiv, als Hoffnung auf eine Alternative zu der Trostlosigkeit des Lebens in unglücklichen Familien ist das eine eigenartige erzählerische Pointe, die Hu Bo aber am Ende brillant auf- und einlöst.

Als ich heute morgen ein Pressefoto zu „An Elephant Sitting Still“ herunterlud, staunte ich nicht wenig. Denn ich erkannte den Film nicht wieder. Hier ist das Bild. Zu sehen sind die beiden männlichen Hauptdarsteller. Die Szene wurde offensichtlich an einem sonnigen Tag aufgenommen. Der Film ist aber vor allem grau, er wirkte, als wäre alles Licht aus ihn hinausgewaschen worden.

Vielleicht ist das mit dem „bleakest movie ever“ also auch eine Frage der Projektion, oder der nachträglichen Lichtbestimmung vor der Erstellung des DCPs. Vielleicht ist das hier zu sehende Bild aber auch einfach ein Production Still, das bei den Dreharbeiten gemacht wurde, und erst der Film zeigt die Welt so, wie Hu Bo sie gesehen haben wollte. In jedem Fall ist die Kameraarbeit von Fan Chao herausragend: wie das das Bild oft förmlich an den Gesichtern der Figuren klebt, während daneben (in der Unschärfe) die Dinge passieren, die sich im Gesicht widerspiegeln, das ist pures Kino und zeugt von einem sehr heutigen Verständnis von visueller Kultur. Nicht von ungefähr geht es schließlich auch um ein Handyvideo, das in Gruppenchats kursiert, und ein Mädchen schwer kompromittiert.

„Die Filmindustrie in China will heute wie Hollywood sein“, sagte der Lehrer von Hu Bo anschließend, „und bald wird sie größer sein als Hollywood. Zum Glück gibt es ein paar junge Leute in unserem Land, die eine andere Vorstellung von Kino haben.“ Diese jungen Leute können sich nun an „An Elephant Sitting Still“ messen – einem Debüt, das zugleich ein Ende ist.

23. Feb. 2018
von Bert Rebhandl

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