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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Tapfere Kinosoldaten im Regen

Wann schien zum letzten Mal die Sonne am Eröffnungsabend? Niemand erinnert sich. Die Stars trugen lächelnd ihre Roben durch den Regen. Beim Gala-Dinner sahen sie wieder aus wie neu.

Wieder mal ein Eröffnungsabend, über dem die Sonne nicht schien und später kein Stern. Die berühmtesten, die reichsten Männer und Frauen des internationalen Filmgeschäfts – sie mussten zur feierlichen Gala mit dem „Großen Gatsby“ im strömenden Regen die Stufen zum Festivalpalast hochsteigen. Und alle waren tapfer. Die Frauen in ihren dünnen großen Roben und den hohen Schuhen, die nur schmale Riemchen am Fuss hielten, die Männer in pitschnassen Smokings mit Fliegen, von denen einige regengetränkt schlapp auf die Brust gesunken waren, sie gingen und lächelten, als wäre dies einer der schönsten Abende ihres Lebens. Später beim Gala-Dinner sahen dann die meisten wieder aus wie frisch gepudert. Keine Ahnung, wie sie das hinkriegen (mit Stand-by Stylisten wahrscheinlich).

© dpaNoch tapfer: Carey Mulligan, die Daisy aus „Der große Gatsby“, im Regen von Cannes

Die goldenen Partyregeln – Einladung hochhalten, sich an denen vorbeidrängeln, die ohne reinkommen wollen, den Gastgeber suchen oder jemanden, der mit ihm verbandelt ist, sich bedanken, fünf oder sechs Menschen zuwinken, die wissen sollen, dass man da war, und verschwinden – für Einladungen von Gilles Jacob gelten sie nicht. Erstens soll man beim Essen sitzen, und da stehen Platzkarten, die zeigen, wer vorher schon wieder geht. Zweitens ist das Essen, wie es die Staubsaugerfirma, die das Ganze sponsert, angekündigt hatte, vorzüglich. Und drittens dauert es eine Weile, bis man gesehen hat, wer alles da ist. Also zwischen den Gängen aufstehen, herumwandeln, Julianne Moore erkennen und Faye Dunaway, einmal am Tisch von Leonardo DiCaprio vorbeistreifen, an dem Nicole Kidman gerade hallo sagt, Ang Lee bewundern, der eine ganze Riege von älteren Menschen umarmt, und die Nacht bricht herein. Warum am Tisch der Jury des „Certain Regard“, der Thomas Vinterberg vorsitzt, außer ihm nur Frauen saßen, unter ihnen die zarte Chinesin Zang Ziyi und Ludivine Sagnier, blieb ein Rätsel. Und als Leonardo DiCaprio und die Seinen den Saal verließen, um zur Party von Warner Brothers am anderen Ende des Hafens weiterzuziehen – eine Party, zu der niemand eine Einladung zu haben schien -, brachen auch viele andere Gäste auf. Obwohl noch Schokolade angekündigt war und eine karibische Cream. Draußen schüttete es aus Kübeln, ein scharfer Wind pfiff über die Promenade, und Carey Mulligan, die Daisy aus dem „Großen Gatsby“, sah plötzlich gar nicht mehr taper aus. Den riesigen bodenlangen Rock ihres rosafarbenen Taftkleids, das Schultern und Rücken völlig bloss ließ, mit beiden Händen gerafft, stand sie da und wartete auf einen Hilfreichen mit einem großen Schirm. Alle wollten zu Warner. Sie musste. Und sah aus, als wollte sie sagen: Ich würde lieber nicht.

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