Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Wann kommt der erste Skandal?

Die Filme sind exzellent oder wenigstens gut bisher. Aber es wird Zeit für einen ersten Skandal. Der Juwelenraub war keiner. Das Wetter schon eher.

Der erste Raub ist passiert. Juwelen im Wert von – naja, da liegen die Angaben sehr weit auseinander, 1,3 Millionen hieß es erst, jetzt sagt die Firma, der sie gehören: sehr viel weniger – wurden aus dem Safe des Zimmer eines Angestellten, der sie irgendwo abliefern sollte (aber nicht bei einem der Stars, die solche Juwelen des Sponsors auf dem roten Teppich und bei Partys tragen) in einem billigen (oder was in Cannes als billig gilt) Hotel gestohlen und sind bisher nicht wieder aufgetaucht. Das passierte am Tag der Premiere von Sofia Coppolas Film „The Bling Ring“, in dem markensüchtige Teenager solcherlei stehlen. Das Paralleluniversum des Festivals hatte sich in die Wirklichkeit hineingefressen, aber niemand rief: Stopp, das war doch nur ein Film! Denn der Film seinerseits beruhte auf wahren Begebenheiten.

Ein Skandal war es nicht. Auf den warten wir noch. Es wird ja Jahr für Jahr schwieriger, einen zu erzeugen. Schwuler Sex in Großaufnahme, nackte Männer am Strand, brennende Genitalien – alles schon über die Leinwand gelaufen, und nichts ist passiert. Die Leute rennen nicht mal mehr aus dem Kino. Lars von Trier, der vor zwei Jahren den letzten richtigen Skandal verursachte – „Ich bin ein Nazi“, rief er, wie sich vermutlich die ganze Welt erinnert -, hat einen Gruß geschickt. Ein Bild von seinem neuen Film „Nymphomaniac“, der seinem Titel sicher gerecht werden wird. Aber hier nicht zu sehen ist, Venedig darf sich Hoffnung machen. Oder Toronto. Auf dem Standfoto, das von Trier schickte, sehen wir eine Gruppe von Männern und Frauen in eindeutigen Posen, und ganz hinten little Lars mit einem Klebestreifen vor dem Mund und einer Kamera in der Hand. Nie wieder will er sprechen, das hatte er damals versprochen. Aber auch dieses Bild regte niemanden so richtig auf.

Anders ist das mit dem Regen. Außer den Engländern, die nur müde lächeln, und sich darin mit den Besuchern aus der nordkalifornischen Bay Area einig sind, geht das Wetter allen gehörig auf die Nerven. Es schüttet ja nicht nur. Cannes, der Ort, ist für solches Wetter nicht gemacht. Das Wasser steht auf den Straßen. Die Autos, wegen Verkehr und Massen rechts und links immerhin meistens im Schritttempo, lassen dennoch die Pfützen spritzen, wenn sie durchfahren. Auf den Bürgersteigen steht das Wasser knöcheltief. Der Internet kollabiert (warum daran der Regen schuld sein soll, weiss ich auch nicht, wird mir aber versichert). Der rote Teppich, über den auch ich mindestens zweimal am Tag laufe, wenn die Kameraleute noch nicht da sind – die Pressevorführungen finden nämlich auch im Palast statt – knatscht unter den Füßen. Und kalt ist es auch. Wären nicht die Filme: „Lights! Camera! Bloodbath!“ überschrieb ein Branchenmagazin das Programm – warum wären wir dann hier?

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