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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Nicole

Die Hauptdarstellerin war sichtlich nervös, der Regisseur versteckte sich unter einer Ballonmütze: Alle warteten, dass irgendwer bei der Pressekonferenz zum Eröffnungsfilm von Cannes eine vernichtende Frage stellen würde. Doch die versammelte Bösartigkeit ging in die Knie.

Es war eine Geste fast zärtlicher Aufmerksamkeit, mit der eine Assistentin des Festivals die Wasserflaschen auf dem Prominententisch umlegte. Oft dominieren diese Plastikflaschen die Bilder der Fotografen, und das wollte sie verhindern, jetzt, da gleich Nicole Kidman und mit ihr Tim Roth, Olivier Dahan und eine Reihe anderer an „Grace“ Beteiligte Platz nehmen sollten. Sie waren angespannt genug. Wahrscheinlich hatten sie gehört, dass in der ersten Vorstellung ihres Films , der am Abend das Festival eröffnen wird, lauthals gebuht wurde. Wahrscheinlich hatten sie erste Kritiken gelesen, die gnadenlos bösartig waren. Wahrscheinlich erwarteten sie, auch die Journalisten, die sich zur Pressekonferenz versammelt hatten, würden sie nicht ungeschoren davon kommen lassen. Weil sie getan hatten, was die größte Sünde ist im Filmgeschäft, weil sie ihr Publikum gelangweilt hatten.

© AFPWie einst Grace Kelly nebenan: Nicole Kidman in Cannes

Aber alle blieben freundlich. Zwar war der Applaus, mit dem Nicole und die anderen empfangen wurden, schütter. Aber die Fragen waren unverfänglich. Ob die Rolle der Grace Kelly am Punkt ihres Lebens, da sie seit sechs Jahren bereits Fürstin von Monaco war, herausfordernd gewesen sei, was sie zur Vorbereitung gesehen, gelesen hätte, und so weiter, das Übliche eben. Nicole Kidman war ganz in Weiß gekommen, mit toupiertem sehr blondem Haar und sehr rotem Lippenstift, und war sichtlich nervös.  Der Regisseur Olivier Dahan versteckte sich unter einer riesigen Ballonmütze. Tim Roth erklärte, er rauche nicht mehr, deshalb sei die Rolle eines ketterauchenden Prinzen schwierig für ihn gewesen. Und sie alle, so schien es, warteten  darauf, dass irgendwer die Guilliotine betätigen und eine vernichtende Frage stellen würde. Aber alle blieben brav. Die versammelte Bösartigkeit ging in die Knie vor dieser porzellanhäutigen Erscheinung in ihrer Mitte, die wie einst Grace Kelly königlicher wirkte als die Blaublüter nebenan in Monaco, herrschaftlicher als Harvey Weinstein, der amerikanischer Verleiher, der eine neue Schnittversion für „Grace“ gefordert hatte, und überhaupt so kinogöttinengleich, dass der Film, in dem sie diese andere Kinogöttin spielt, in ihrer Anwesenheit bereits ins Vergessen absank. Star power hieß das früher. In Cannes sorgte sie für Beißhemmung, und einige Stunden vor der offiziellen Premiere des Films, den alle schlachten werden, war das ein glückliches Bild.

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