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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Profis unter sich

Wie werden eigentlich in Cannes Geschäfte gemacht? Manchmal noch ganz nach alter Schule: persönlich. Was das mit der Zukunft des Kinos zu tun hat, erklärte mir ein Pro.

© picture-alliance / KPARobert Redford 1976 in Alan J. Pakulas Film „All the President’s Men“, produziert von – Robert Redford

Fast jeden Abend hält Gilles Jacobs, der scheidende große Präsident des Festivals, im Hotel Carlton an der Croisette Hof. An der Seite des riesigen Protzbaus gibt es ein intimes Restaurant, und dorthin lädt er Abend für Abend ein – Filmemacher vor allen Dingen. In der Mitte steht immer einen Tisch für das Team eines Films, aber auch andere Menschen aus der Branche sind dabei, auch manchmal Journalisten. Wenn ich Glück habe, werde ich einmal während des Festivals eingeladen, und dieses Jahr hatte ich Glück. Gestern war das Essen, es begann um zehn und war ziemlich genau um Mitternacht wieder vorbei. Am Tisch in der Mitte saßen die Japaner um Naomi Kawase, die sich, glaube ich, große Hoffnungen auf die Goldene Palme macht. Sie waren jedenfalls bestens gelaunt und konnten es nicht erwarten, später zu einer der Parties in den Nachbarsälen weiterzuziehen, aus denen schon um Mitternacht erschöpfte Tänzer herauswankten, um auf der Terasse frische Luft zu schnappen.

Ich aber habe den ganzen Abend nur mit einer Person gesprochen, nämlich meinem Tischherrn, einem Anwalt, der für einen der großen französischen Verleihe Filme einkauft. Deshalb war er in Cannes. Warum ich das erzähle? Weil dieser Mann nicht nur ein exzellenter Filmkenner war und der einzige an diesem Tisch, der ebenso wie ich den antirussischen Propagandafilm des Palmen- und Oscargewinners Hazanavicius zum Erbrechen fand. Er hatte auch sonst einen erstaunlich kantigen Filmgeschmack, was er mit vielsagenden mimischen Zuckungen unterstrich, wenn er erzählte, was seine Firma vertreibt, unter anderem die „Hunger Games“, davor „Lord of the Rings“ und kürzlich „The Wolf of Wall Street“, sie können nicht klagen.

Beeindruckt aber haben ihn als Geschäftspartner nicht die großen Studios, sondern Einzelkämpfer. Robert Redford, Michael Douglas, Warren Beatty. Super-Pros nannte er sie und machte nach, wie sie verhandeln. Wie sie immer selbst am Telefon sind, wie sie ihn schon eingeseift hätten mit ihrer Liebenswürdigkeit, und dass sie vor allem eines mit jeder Faser ihres Seins wüßten und entsprechend handelten: dass Film ein Teamsport und jeder, auch das kleinste Rädchen im komplizierten Ablauf von Planung, Produktion und Vermarktung ihrer Aufmerksamkeit wert sei. Er selbst ist ja ein ziemlich großes Rädchen, aber er strahlte, weil er die Haltung dieser alten Kämpen bewunderte. Solange es solche Männer gibt,  meinte er, sei das Kino noch nicht verloren.

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