Home
Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Musik sieht alles

Auf dem großen Platz vor den Festivalkinos von Venedig läuft grässliche Musik. In den Filmen diesmal dafür um so bessere.

© Filmfestspiele VenedigVon sachlichster, eckigster, kältester Musik untermalt: Ramin Bahranis „99 Homes“ ist der bisherige Höhepunkt des Festivals

Der weltbekannte Spießerschreck, Regelverletzer und Qualitätsregisseur Kim Ki-Duk oder jemand, der ihm bis aufs Haar gleicht, steht im Logenzelt vor dem Palazzo del Cinema und gibt ein Interview. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stellen würde, könnte ich ihn am Ärmel ziehen. Vor zwei Jahren hat er die Jury hier mit „Pieta“ beeindruckt, diesmal nimmt er mit One on One“ am Autorenforum teil. Er gießt sich einen Schluck Wasser auf die Hand und macht sich damit die Haare schön. Die  unfassbar stumpfe Discomusik, die hier, wie stets keinem erkennbaren Geschmack oder Programm folgend (Peter Gabriel? Die Supremes? Dreck?) aus riesigen Boxen den Platz den ganzen Tag lang belästigt, macht aus der kleinen Szene einen Werbeclip für Männerkosmetik: Führende Provokateure ziehen Sprudel Shampoo vor. Von Musik hängt im Leben halt fast so viel ab wie im Film – jede Lösung ist erlaubt, solange sie funktioniert, wie man im Dunkeln am Donnerstag schon vormittags in zwei grundverschiedenen Verfahren bei Xavier Beauvois und Rakhshan Banietemad lernen durfte. Die Iranerin geht in „Ghesseha“, ihrer Kreuzung aus Brecht und Altman, bis zehn Minuten vor Schluss so sparsam mit Musik um, dass man meint, es gäbe keine. Als sie dann aufspielt, verloren und erlöst zugleich wie die Geschichte, die der Film zum Schluss von zwei Leuten erzählt, deren Liebe nicht sein soll, wirkt das, als habe Banietemad in diesem Moment das Prinzip „Soundtrack“ erfunden. Aber nicht nur Sparsamkeit strahlt, auch Opulenz kann fliegen – bei Xavier Beauvois jedenfalls, der seine schusselmoralische und extrem humane Gaunerkomödie „La Rançon de la Gloire“ dermaßen mit Orchesterbrandung sauberwäscht, dass die Details blitzen wie an einem Strand aus Silbersand.

Am Donnerstagnachmittag bringt Rüdiger Suchsland denen, die von soviel Sound noch nicht ertaubt sind, geduldig bei, dass auch schwarzweiße Stummfilme nach allerlei Hörenswertem klingen, wenn man ihnen hinter ihre versteckten Farben kommt – „Von Caligari zu Hitler“ ist ein Dokumentarfilm übers (nicht nur expressionistische, nicht nur sachliche, nicht nur dämonische, nicht nur psychoanalytische, sondern all dies und mehr miteinander kreuzende) Kino der Weimarer Republik, mit Ausschnitten aus fast Unbekanntem, etwa Groschenroman-Sozialrealistischem, und Faszinations-Zeugnissen von  Fatih Akin, Volker Schlöndorff sowie Stimmen aus der Gelehrtenwelt von Elisabeth Bronfen, Thomas Elsaesser und Eric D. Weitz.

Suchsland ist ein erfahrener Filmkritiker, dessen Urteile ich manchmal teile, manchmal zurückweisen muss, an dessen Kenntnissen aber niemand zweifeln kann. Hier hat er sich genau überlegt, unter welchen filmhistorischen und binnenästhetischen Sonderbedingungen ein Film über Filme mehr weiß als ein Text über Filme – selbst wenn der Text ein so berühmter ist wie Kracauers Buch, dessen Titel Suchsland sich für seine Arbeit aus der Universalbibliothek der Filmwissenschaften ausgeliehen hat, dem er aber nicht blind gehorcht – er bietet sozusagen ein eigenes Arrangement von Kracauers Musik, er spielt eine freie Coverversion, und irgendwann singt Marlene Dietrich. Drei Tage, beste Soundtrackerfahrungen (ungeschlagen immer noch das Schlagzeug in „Birdman“), und am Donnerstagabend schließlich der bisherige Höhepunkt: Ramin Bahranis „99 Homes“ ist ein Sozialdrama aus der Immobilienwelt samt Hypothekenkrise und bis zum Wendepunkt der im besten Thrillersinn mitunter unerträglich spannenden Geschichte von sachlichster, eckigster, kältester Musik untermalt.

Andrew Garfield als junger Arbeiter vom Bau, dem die Bank in Gestalt ihres Bevollmächtigten Michael Shannon (was für ein böses Talent, was für eine Figur aus turmhohen Widersprüchen) das Haus weggepfändet hat, geht einen Teufelspakt mit diesem Abgesandten der sozialen Eishölle ein, bis … nein, das soll man nicht nacherzählen. Es gibt einen Moment am Ende, da kommen die Streicher. Da scheint die Sonne. Da ist nichts mehr zu retten, da geht alles kaputt, da wird alles richtiggestellt, und natürlich zu spät. Was ist das für ein Regisseur? Warum erfindet er dauernd Genres, die es nicht geben kann, wie den Landwirtschaftsindustrie-Familienkrimi („At any Price“, 2012) und jetzt die Immobilien-Doktor-Faustus-Oper? Genau, so hieß die Sache, bevor der Film die Musik dazu brachte, das Theater mit der Fotografie zu betrügen: Oper.

Ich gehe durch die kühle Nacht im leichten Nieseln zum Hotel, meine Ohren sind immer noch randvoll vom rauschenden Herzblut, das mit der Gewalt eines reißenden Flusses durch Bahranis Film strömt, und ich höre aus einer Pizzeria David Bowie „Five Years“ singen, ein schönes Lied, über das Ellen Willis, eine der besten Rockmusikkritikerinnen aller Zeiten und eine begnadete feministische Polemikerin, seinerzeit milde gespottet hat, das sei denn doch etwas zu viel Breitwandinszenierung: „It was cold, and it rained, so I felt like an actor.“

Wieso Inszenierung? Das ist Sozialrealismus, sonst nichts.

0