Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Furchtbare Kinder, schreckliche Eltern

Abseits des Wettbewerbs steht das Festival im Zeichen familiären Grauens.

Das Wochenende fing auf dem Lido schon am Freitag an, weil es für die Allergeschäftigsten, den Pressemob, nur einen einzigen Pflichtfilm zu sehen gab, den urigen, finsteren Mafiaknüppel „Anime Nere“ von Francesco Munzi, in dessen Verlauf jede Aussicht auf menschlichen Anstand der Reihe nach enttäuscht, besiegt und schließlich erschossen wird. Nichts zum Lachen, aber danach konnte man sich zum Strandbad verdrücken, wo über Samstag und Sonntag auch einige Parties stattfinden, die nicht einfach so Lärm machen, sondern, wie die Filme hier, sogar richtige Themen haben, wenn auch leicht obskure wie „Feen“ oder „Exklusivität“, zwei  Phänomene, die es zwar nicht gibt, über die man aber gern fantasiert, besoffen so gut wie nüchtern.

Billiger vergnügt man sich an der großen Elisabetta-Hauptverkehrsader in einem überdachten Spielautomatenpark, der auch Video-Baller-und-Zappel-Zerstreuungen mit Filmhintergrund anbietet („Terminator: Salvation“, „Lost World“). Das ist ein elektronischer Jahrmarkt, auf dem nur die Allerbeweglichsten eine gute Figur machen – Leute wie der prachtvolle Benoît Poelvoorde, mein neuer Lieblingsschauspieler, der mich in gleich zwei Wettbewerbsfilmen entzückt hat, dem Feel-good-Krimi „La Rançon de la Gloire“  von Xavier Beauvois (Gott beschütze uns davor, dass die Amis das Ding mit Tom Hanks remaken) und der ausgezeichneten Edelschnulze „3 Coeurs“ von Benoît Jacquot, in der Poelvoorde sich gegen gleich drei Frauen vom Auserlesensten behaupten muss, nämlich Catherine Deneuve, Charlotte Gainsbourg und Chiara Mastroianni – kein Wunder, dass er dabei schließlich leiblich und seelisch elend zusammenfällt, aber was für ein Wonnegraus, ihm dabei zuzusehen.

© Filmfestspiele VenedigBilder vom Schlimmen: Szene aus „Blood Cells“

Grusel regiert auch einige nicht im Wettbewerb gezeigte Filme, die man mitnehmen kann, wenn der relativ leere Freitag zu Seitwärtsschritten durch die verschiedenen Festivalkinosäle ermutigt: „Blood Cells“ zum Beispiel, eine bemerkenswerte Spielfilmkollaboration von Joseph Bull und Luke Seomore, der die Selbstfindungsreise eines jungen Obdachlosen und Alkoholikers begleitet, dessen Vater am Verlust seines Bauernhofes im Zuge der Rinderwahnsäuberungen zerbrochen ist.  Barry Ward gibt diesen Adam als britischen James Franco, schmal, gehetzt, sexy, traurig, scharfsinnig und schmerzdurchzittert, und die Rückblenden, die stückchenweise enthüllen, welche Rolle der arme Kerl beim schlimmen Ende seines Vaters gespielt hat, sind echte Heimsuchungen sowie Gelegenheiten für nüchterne, aber umso stärkere Bilder vom Schlimmen, von denen es auch sonst nicht wenige in diesem Film gibt: Schwarzverbrannte Kuhleichen, die im Feuer zerfallen, oh dear Lord.

In dem Vorführsaal, in dem ich das sah, waren außer mit nur zehn Leute – das Festival sei gesegnet dafür, dass es solche Erlebnisse ermöglicht; und wurde wahrscheinlich von einigen dafür verflucht, dass es auch „Ich seh ich seh“ zeigt, einen von Ulrich Seidl produzierten erzösterreichischen Horrorfilm, der Fans dieser Filmsorte vielleicht weltweit demnächst zu der Losung „Österreich ist das neue Japan“ inspiriert.

© Filmfestspiele VenedigIdentitätszweifel inklusive: Szene aus „Ich seh ich seh“

Denn justament so, wie Horrorliebende (zu denen ich mich zähle) irgendwann in den frühen Neunzigern den Glauben an Hollywood zeitweilig verloren und sich stattdessen Asien zuwandten, weil es da grusliger zuging, werden wir Kinder der Nacht eben auch lebhaft, wenn um uns her erschrockenes Publikum und angewiderte Kritiker den Saal verlassen, weil sie nicht mehr dabei zuschauen wollen, wie auf der Leinwand kindliche Unschuld in eklige und absurde Gewalt umschlägt. Veronika Franz und Severin Fiala drehen mit dieser garstigen Kollaboration Mutterliebe, kindliches Urvertrauen und die menschliche Sehnsucht nach Geborgenheit durch den Fleischwolf, dass die Knochen splittern: Eine Mutter kehrt mit bandagiertem Gesicht aus dem Krankenhaus zurück in ein modernes Multifunktionshaus voll unsympathischer Designermöbel und verschwommener Kunst, an einem bleigrauen See, mitten im Märchenwald, wo ihre zwei Buben bald an ihrer Identität zweifeln (na, diese beiden müssen sich gerade anstellen – es ist ja schließlich nicht so, dass mit ihrer eigenen Identität etwa alles im Reinen wäre…). Dämonenmasken, krabbelnde Kakerlaken, Nacktheit, Blasphemie, Katzenkadaver: Mit von der Regie (aber nicht den Figuren) eisklar durchschauter Unausweichlichkeit werden nach und nach alle nötigen Requisiten aufgefahren, um im unheimlichen Hin-und-Her von Eskalation und retardierenden Momenten eine klaustrophobische Stimmung zu erzeugen, die schließlich vom Mond gefressen, von der Panik erwürgt, von der Hölle gebraten und vom Teufel geholt wird.

© Filmfestspiele VenedigIm Multifunktionshaus vor dem Spiegel: Szene aus „Ich seh ich seh“

Dieser fiese kleine Film nimmt den Mund voller Scheußlichkeiten, kaut provozierend langsam drauf herum und spuckt sie mir schließlich vor die Füße, weil ich nicht rausgegangen bin, als noch Zeit dazu war.

Ich kann mir nicht helfen, mir gefällt sowas.

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