Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Mistwetter draußen und drinnen

Am Sonntagabend kam der Sturm, am Montagmorgen ein arg schlechter Film, aber bis Dienstag renkte sich zum Glück rasch alles wieder ein.

© Filmfestspiele VenedigDie junge Palästinenserin Badia (Maria Zreik, links) mit ihren drei Tanten in Ramallah: Szene aus dem bezaubernden Film „Villa Touma“ von Suha Arraf

In ihrer putzigen Freude an Übertreibungen reden die Einheimischen hier von einem „Katastrophensommer“ und meinen damit, dass es am ersten Tag des Festivals ein bisschen getröpfelt hat und am Sonntagabend dann gekracht und gestürmt – nicht schlimm, zumal man im tosenden Unwetter die sensationell verpeilte Band nicht mehr hören musste, die bis gegen halbzwölf unweit der Hauptanlegestelle für Wasserbusse dilettantische Dorfkapellenversionen von Hits der Rolling Stones und anderen Geheimtipps der Rockgeschichte verstümmelte.

Verdrießlicherweise wurde am Montagmorgen allerdings auch das Festivalprogramm schlagartig schlechter: Im Darsena-Saal gab es den bislang übelsten Beitrag zum Wettbewerb zu sehen, einen über zwei Stunden langen, quälenden Schrotthaufen von Mario Martone namens „Il giovane favoloso“ – angeblich ein Film über den Dichter Giacomo Leopardi, in Wahrheit einfach ein Beweis dafür, dass Filmkünstler ihr Gewissen sehr genau prüfen sollten, bevor sie einen Film über Kunstschaffende aus anderen Sparten drehen – Malerinnen, Bildhauer, egal: Diese Leute werden, wenn es sich um Berühmtheiten handelt, bei derlei zur ästhetischen Bürgschaft für Wechselfälscherei gezwungen, will sagen: ihre anerkannten Werke werden als Geiseln für ein Werk genommen, das zu faul ist, eine eigene Ästhetik anzubieten, und sich daher einfach die von jemand anderem greift, um sie in bestenfalls mittelmäßige Filmarbeit zu übersetzen – in diesem Fall: Der Dichter schwitzt vor lauter Inspiration, der Dichter wälzt sich im Gras und fühlt Musik, die wir leider auch noch hören müssen (schmierigste Schmalzsymphonik, klar), der Dichter liest sich bei Kerzenschein und im digitalen Mondlicht selbst seine soeben mit der zitternden Feder zusammengekratzten Nachtgedichte vor – Aufhören! Nein, es hört nicht auf, denn jetzt muss der Dichter auch noch lieben, irgendwen, irgendwas, irgendwie, Hauptsache: hysterisch. Dabei hatte man am Abend vorher in der „Orizzonti“-Reihe noch studieren können, wie man fremde Kunst nicht schmäht, sondern ehrt und mit respektvoller, bedachtsamer Figurenzeichnung ins schöne Relief hebt. Es geht um Bluegrass-Musik in „Jackie & Ryan“, aber die und ihre Entstehung werden hier eben nicht einfach abgefilmt, sondern mit filmischen Mitteln und vermittels Beobachtungen am Leben derjenigen Menschen erschlossen, die solche Musik machen und lieben. Katherine Heigls Gesicht etwa, wie es dem Liebsten lauscht, wie der ein Lied ausprobiert, sagt mehr über Musik als jede Abfotografiererei der Kunstausübung selbst darüber sagen könnte. Die Regisseurin Ami Canaan Mann, eine in jeder Hinsicht erfreuliche Person, war bei der Premiere anwesend und lächelte so selbstsicher wie ruhig zu dem Applaus, mit dem wir uns für diese liebevollen (und dabei gänzlich unsentimentalen) neunzig Minuten bei ihr bedanke durften. Eine ebenfalls sehr kluge Regisseurin war es dann auch, die am nächsten Tag die Scharte der Leopardi-Peinlichkeiten wieder auswetzen konnte: Der Palästinenserin Suha Arraf ist eingefallen, wie man das, was bei ihr zuhause geschieht und bis zum Überdruss bekannt scheint, doch noch einmal anders, genauer und aufschlussreicher anschauen kann, als die Nachrichten von dort nahelegen.

„Villa Touma“ erzählt von der jungen Palästinenserin Badia (Maria Zreik), die keine Eltern mehr hat, dabei zu alt fürs Waisenhaus, aber zu jung fürs Internat ist und deshalb zu ihren drei Tanten nach Ramallah zieht – also zu der pummelig katzenhaften und sehr strengen Juliette (Nisreen Faour), der depressiven, aber intriganten Violette (Ula Tabari) und der schönen, unglücklichen Antoinette (Cherien Dabis). Man lebt in der Villa des Filmtitels, wo sich die drei vornehmen Christinnen in Erinnerungen, Muff, engen Kammern und Gängen sowie einer Dunkelheit, in der selbst am Tag Kerzen brennen, vor der Gegenwart, der Wirklichkeit, der Politik verstecken. Man lebt standesgemäß – der Film zeigt die „besseren Leute“ oder zumindest drei Menschen, die das sein wollen, und damit untersucht er neben anderem auch Klassenunterschiede innerhalb eines Kollektivs, das der ausländische Blick als homogene Gruppe wahrzunehmen gewohnt ist. Tolle Dialoge: „Mama ist an Diabetes gestorben.“ „Nein, Mama ist an Krebs gestorben.“ „Aber Diabetes hatte sie außerdem. Diabetes ist aber auch nicht mehr, was es mal war – heute hat das jeder, früher kriegten das nur die höheren Kreise.“

Eine Standuhr, viel Standesdünkel, religiöse Intoleranz („Sei nicht so nett zu dem alten Muslim, Badia“) und ein weltbekannter Konflikt, der nur indirekt vorkommt, aber dieses ganze Leben leider regiert – wenn man die ersten Schüsse hört in diesem Film, denkt man, es sei Donner, so sehr überträgt sich die politische Indolenz der Tanten beim Zuschauen, und nur Badia wehrt sich gegen den Stillstand und die Weltlosigkeit im nicht einmal goldenen Käfig – mit traurigem, aber stimmig erzähltem Ergebnis.

Nach diesem stillen  Glanzlicht des Programms durfte abends der Japaner Shinya Tskukamoto mit seinem überzüchteten Blödsinn „Nobi (Fires on the plain)“  Krach schlagen – ein japanischer Gefreiter stolpert durch Gemetzel voller platzender Bäuche, spritzendem Hirnbrei und hustenden Menschenfressern. Man kann dieses Zeug einen Antikriegsfilm nennen. Es ist aber eher ein Antifilmkrieg. Der Rhythmus des Zinnobers geht so: Landschaftspracht, Massaker, Blatt im Regen, schlimmes Massaker, wunderbarer Sonnenuntergang, noch schlimmeres Massaker – und so weiter. Seine Fans verehren diesen Regisseur als Genie, weil er früher mehr zu bieten hatte (gewiss, „Tetsuo“ war ein Meisterwerk, aber das ist ein Vierteljahrhundert her). Immerhin lernt man bei ihm, wie langweilig extreme Gewaltdarstellungen sein können, wenn man nicht mehr zu sagen hat als: Menschen sind Ungeheuer.

© Filmfestpiele VenedigTiere haben es in Innenräumen einfach schwer: Szene aus Roy Anderssons Festivalbeitrag

Am nächsten Morgen wird alles wieder gut. Denn zwar sind die Menschen auch bei Roy Andersson Ungeheuer, aber dieser Schwede findet das lustig, und überzeugt auch sein Publikum davon. Wie schon in zwei früheren Filmen, Sånger från andra våningen“ (2007) und „Du Levande“ (2007), sehen wir auch in „En duva satt på en gren och funderade på tillvaron“  Langweilern, Vogelscheuchen, Klopsen und Unglücksraben mit teils kalkweißen, teils hochvitalen Visagen dabei zu, wie sie Tiere schlecht behandeln, sich betrinken, wehleidig oder philosophisch werden, telefonieren, mit Waffen hantieren, wimmern, einander streicheln und belügen sowie selbst auf dem Totenbett noch ihren Besitz nicht freigeben wollen, und wenn’s nur eine extrem schäbige Handtasche ist. Roy Anderssons größte Begabung ist das Szenische samt Anschlüssen: Jede Sequenz ist für sich ein Film, und doch gehören alle, einander befruchtend und beleidigend, triftig zusammen. Wenn ihm danach ist, baut er mittendrin sogar mal eben ein vollkommenes Musical über eine hinkende Gastwirtin und ihre bankrotten Stammgäste ein, mit Gesang zum Niederknien und Wegschmelzen. Ja, Menschen mögen vielleicht wirklich die Kasper und Flachpfeifen sein, als die Roy Andersson sie oft zeigt. Aber einige von ihnen können immerhin Kunst – er zum Beispiel. Danach wieder in den scharfen Wind hinterm Casino zu treten, unter den verhangenen Himmel, ist kein Problem – man hat eine Stärkung erfahren, es wird schon nicht so schlimm werden, und selbst die durchnässten Liegestühle mit Kissen im Park haben plötzlich so was Freundliches, Verschmitztes, als wollten sie sagen: Ja, so ist das, nass und kalt, aber immer noch besser als mit irgendeinem Dichter in irgendeiner Mondnacht an irgendeinem Schreibtisch sitzen und Verse kratzen.

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