Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Russland voran!

Das Filmfestival von Venedig geht am Samstag Abend zu Ende. Alle sind im Endspurt, Zermürbung setzt ein, und ein toller Briefträger kommt vorbei, um unsere Laune zu retten. Aber wer soll denn jetzt die Löwen kriegen?

© Filmfestival VenedigStarkes Kompaktepos: Andrei Kontschalowskis Film „The Postman‘s White Nights“

Am letzten Pressevorführungsabend ist die versammelte Kritik allmählich doch ein bisschen mürbe. Einige sehen beim Schlangestehen schon aus, als litten sie an Filmvergiftung. Mir ist auch schon ganz Kino. Der im Libanon geborene Kollege neben mir erzählt von einem Filmfest in Kairo, von seiner Juryarbeit, von den Vertriebsproblemen auf dem Markt im arabischen Raum – nur die Amerikaner haben überall Zweigstellen – und sagt, auf die IS-Killer angesprochen: „Niemand will sie bezahlt haben, alle beschuldigen einander, aber irgendwer kauft Waffen für sie, und angeblich weiß dann immer kein Mensch, wer’s war.“ Ich mutmaße: Vielleicht wissen es die Amerikaner. Er lacht, winkt ab. So gelassen kann man also immer noch sein, nach diesem Guckmarathon – oder so pflichtbewusst, wie ein anderer, diesmal deutscher Kollege, der sich bei der etwa einstündigen Evakuierung des Palazzo del Cinema wegen Bombendrohung am Freitagnachmittag einfach nicht vertreiben lassen will, sondern die Ordnungskräfte sachgerecht informiert: „Ich habe dafür keine Zeit, ich muss Radio machen.“

Eine vorbildliche Haltung – im Gegensatz zum Auftreten jenes weißhaarigen Rüpels, hierher entsandt von einer bekannten italienischen Tageszeitung, der’s in seinem vorgerückten Alter eigentlich nicht mehr nötig haben sollte, dauernd Leute in der Schlange anzurempeln, wenn das Schicksal sie mal ein wenig weiter vorne plaziert hat als ihn.

Wozu der Terror, wir sind doch alle Menschen? Jedenfalls behauptet das einer der sympathischsten Filme, die es diesmal im Wettbewerb zu sehen gab, „The Postman‘s White Nights“ – der russische Originaltitel ist mir zu lang – von Andrei Kontschalowski, ein starkes Kompaktepos, in dem der Briefträger Aleskeij Tryapitsyn seinen Dienst an einem trostlosen See im Norden Russlands versieht. Das ist eine Gegend, die nicht ans Internet glaubt, aussieht wie ein von Hand hartgeriebenes Schweden und von Männern in Tarnanzügen und Frauen mit gesundem Wirklichkeitssinn bewohnt wird. Tryapitsyn fährt im Boot hin und her, bringt den Leuten ihre Rente, weiß Merksätze wie „Brot kann man nicht per e-mail verschicken!“ und sagt der Frau, die er gern hat (die seine schüchternen Sexualitätsanträge aber besonnen zurückweist) so nette Sachen wie: „Früher in der Schule hast du gebrüllt wie ein Pferd“,  wenn er sie am Zopf zog.

© FilmfestivalGesunder Wirklichkeitssinn: aus Kontschalowskis Film

Wahrscheinlich stimmt das sogar, wahrscheinlich stimmt in diesem Film überhaupt das meiste, auch wenn man sich in diesem zutiefst freundlichen, aber nirgends aufgesetzt bieder menschelnden Film manchmal die Augen reibt über die unglaublichen Tischdecken, unwirklichen Katzen, nahegelegenen Weltraumforschungszentren und Modeschauen im Fernsehen. Die Schauspieler sind lauter Laien, vom verehrungswürdig mystisch vor sich hin brabbelnden Dorftrunkenbold über den grimmigen Depressiven, der im Weggehen murmelt: „Heute nicht, aber spätestens morgen ersteche ich irgendwen“, bis hin zu der attraktiven Frau, die der Briefträger so arg schätzt und die sich, weil es im Dorf manchmal ein bisschen langweilig wird, zur Not an sich selbst zu erfreuen weiß. Das klingt alles viel harmloser, als es ist – Manchmal, wenn das Postboot über den See fährt, hören wir eine Musik, die Stille einleuchtender kommuniziert, als das eine wirkliche Stille könnte, und die winzigen Naturaufnahmen zwischen den Menschenporträts geben dem Werk eine Tiefe, in der nach meinem Empfinden der eine oder andere Preis auf diesem Festival gut untergebracht wäre.

© FilmfestivalSeltsame Legierung: „Trois cœurs“ von Benoît Jacquot

Das gilt allerdings auch für anderes, über das ich bislang zu wenig geschrieben habe – „3 Coeurs“ von Benoît Jacquot zum Beispiel,  eine seltsame Legierung von Porzellanzerbrechlichkeit und stählerner Schicksalslogik, ein Film, der einigen hier gar nicht, mir aber sehr gefallen hat, aus vielleicht sogar ganz irrationalen, grenzwertig beknackten Gründen: Selten habe ich so gern mit einem Verdammten, gespielt vom immer sehenswerten Benoît Poelvoorde, den heimlichen Genuss an der eigenen Verdammnis durchlitten, der hier daher kommt, dass die Liebe zwar zerstörerisch ist, aber immerhin unbesiegbar. „Sivas“ dagegen, die Kind-liebt-Kampfhund-Erzählung von Kaan Müjdeci, ein Film, der wegen der Souveränität, mit der darin aus wenig Stoff viel emotionale Resonanz geholt wird, möglicherweise einen Preis verdient hat, war mir zu – ja, was? Mir kam diese Hundegeschichte wenn auch nicht schwach, so doch wie die Sorte Spielfilm vor, die übrigbleibt, wenn man von einer Dokumentarstudie die Wahrheit abzieht.  Anders liegt der Fall bei David Gordon Greens „Manglehorn“, der Charakterskizze eines Mannes, der vor lauter unsterblicher Liebe zu einer längst Verflossenen im Laufe einsamer Jahre nicht gemerkt hat, dass er allmählich zum lebenden Erinnerungsfoto seiner selbst verkommen ist. Al Pacino nimmt man diesen Kauz sogar ab, aber von Herrn Green hatte ich wegen „Snow Angels“ (2007) und „Prince Avalanche“ (2013) wohl Wunder erwartet, irgendwas erhaben Schlichtes , und danach war ihm nicht.

Und wie war „Hungry Hearts“ von Saverio Costanzo? Gruslig und gut, aber im Ergebnis auch nicht mehr als „Rosemary’s Baby“ geteilt durch eine Jugendamtsumfrage unter jungen Eltern. Okay, aber „Le dernier Coup der Marteau“ von Alix Delaporte? Diese Regisseurin kann einiges, diesmal reichte es nur zum schönen, vielleicht etwas zu glatten Fernsehspiel über die Selbstfindung eines kleinen Fußballers, einem Film, in dem die ästhetische Dominanz ganz klar bei der Musik von Gustav Mahler liegt (das wirkt manchmal leicht daneben – etwa so, als wollte die Regisseurin, dass man beim Schauen und Hören zu sich sagt: Aha, Gustav Mahler, also den Namen muss ich mir merken). „Chuangru Zhe (Red Amnesia)“ von Wang Xiaoshuai war besser als der Durchschnitt, eine politische Gespenstergeschichte über vergessene Schuld aus Chinas bewegter jüngerer Vergangenheit. Sauberer kann man eine Story nicht zimmern,  aber wenn Handwerk nicht alles ist, dann muss man über diesen Film auch nicht in Verzückung geraten.

© FilmfestivalFilmisch brav, politisch-moralisch ein bisschen wackelig: „Good Kill“ mit Ethan Hawke, der letzte Film im Wettbewerb

Bleibt also berichtspflichthalber nur der Abschlussfilm des Wettbewerbs, „Good Kill“ von Andrew Niccol mit Ethan Hawke als Drohnenpilot – ein Thema zur Zeit, filmisch brav, politisch-moralisch ein bisschen wacklig – man müsste den Schluss verraten, um erklären zu können, warum dies, soweit ich es mitgekriegt habe, der einzige Wettbewerbsfilm war, bei dem in der Pressevorführung gebuht wurde – aber das wäre unfair, genau wie, meinem Eindruck nach, die Buhrufe selbst.

Wer soll also gewinnen? Wäre ich die Jury, ich würde eine Münze mit drei Seiten werfen, um mich zu entscheiden – nämlich zwischen dem russischen Briefträger, den glorreichen Loriot-trifft-Kafka-trifft-Jeff-Wall-Absurditäten von Roy Andersson und dem Immobiliendrama „99 Homes“ von Ramin Bahrani. Wie ich meine dreiseitigen Münzen so kenne, wäre Bahrani der Gewinner. Aber sei’s drum, es wird vielleicht eher, wenn man das Angebot betrachet, was Chinesisches, Türkisches, nur diesmal hoffentlich nicht Japanisches. Die Jury wird’s richten, auch ohne Münzen, die’s nicht gibt.

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