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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Auf einen Drink mit James Franco

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Des öfteren habe ich mich schon gefragt, wer eigentlich die Gags für Anke Engelke schreibt, wenn sie festliche Anlässe bei der Berlinale moderiert. Am Donnerstagabend war ich von zu Hause aus zugeschaltet, die Eröffnung lief ja im Fernsehen, roter Teppich inklusive (der rosarote Hut von Rosa von Praunheim fiel aus der Reihe, man könnte sagen: er war echt die Härte, so heißt auch sein neuer Film, er läuft gleich heute).

Dann betrat Anke Engelke die Bühne, und sagte: „Ich bin Helene Fischer.“ Ich muss gestehen, dass ich erst jetzt mit dem um die Ecke Denken zu Ende bin. Eine deutsche Komödiantin erklärt sich vor einer erlesenen Delegation des internationalen Kinos mit einer deutschen Schlagersängerin solidarisch, die so etwas von pas du tout Charlie ist, dass der Witz wohl irgendwo tief im Hintersinn versteckt ist. Für mich unauffindbar, aber ich war auch die letzten zwei Wochen schon zu viel im Kino. Und nun beginnt erst das Festival.

Anke Engelke hat die Gala dann wieder mit dieser seltsamen Nonchalance moderiert, bei der nie ganz klar ist, ob das noch entspannt oder schon unhöflich ist. Dass sie bei einem kleinen Wortwechsel mit James Franco gern das Publikum weggeschaltet hätte, kann man ihr (auch als versuchten Gag) nachsehen. Aber der amerikanische Star, der mit drei Filmen auf der 65. Berlinale vertreten ist (den dritten, an dem ihm vermutlich am meisten gelegen ist, hatte Engelke gerade nicht parat: „I am Michael„), machte halbwegs gute Miene zum durchschaubaren Spiel. Er saß ja nun auch eingezwängt in einem der engen Sitze des Berlinale-Palasts, auf dem roten Teppich hatte er einem Reporter des öffentlich-rechtlichen Übertragungssenders noch die kalte Schulter gezeigt.

Francos Einladung, hinterher noch gemeinsam einen Drink zu nehmen, schlug Engelke aus. Sie ist ja zum Arbeiten auf der Berlinale. Das sind die meisten, deswegen schalte ich nun um zu einem Film für den ersten Tag. Er passt eher in ein geistiges Klima, das nach guten Antworten auf die terroristischen Herausforderungen der Meinungsfreiheit sucht, als zu einer Gala, die darüber schwache Witze macht.

Der algerische Regisseur Rabah Aimeur-Zaimeche erzählt in „Histoire de Judas“ eine Version der Jesus-Geschichte, die in vielerlei Hinsicht anstößig ist. Gewiss, es geht ihm in erster Linie um Judas, um den „Verräter“, der von dem Propheten aus Galiläa begeistert ist, der dann aber den biblischen Berichten zufolge so von ihm enttäuscht ist, dass er ihn an die Autoritäten verrät.

###Histoire de Judas (Rabah Aimeur-Zaimeche)

Aus heutiger Sicht ist die Sache mit Judas ziemlich anschlussfähig, denn er wird als Eiferer geschildert, als Anhänger der Zeloten, als politisch Radikaler. Nichts davon beim Aimeur-Zaimeche, der statt dessen eine sehr eigensinnige, stille Nichtinterpretation einer religiösen Gründungserzählung vorlegt. Dass ein Algerier sich den Kern des christlichen Glaubens vornimmt, ist an sich schon ein Akt der Autonomie, schließlich steht das Kino in seinem Land ziemlich unter dem Druck der muslimischen Strengen.

Dass er dann aber eine Version vorlegt, mit der er Proselyten allenfalls im Kino machen kann, das ist ein starkes Zeichen künstlerischer Freiheit. „Histoire de Judas“ steht erratisch zwischen den (Film-)Kulturen, und ist deswegen mein persönlicher Eröffnungsfilm. Über den offiziellen will ich hier lieber schweigen, den könnte aber auch nicht einmal Helene Fischer adäquat besingen. Allenfalls den Gagschreibern von Anke Engelke fiele dazu sicher was ein, und dann müsste ich wahrscheinlich wieder lange um die Ecke denken.

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2 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Danke Anke

  2. Jeder sieht es anders. Zum Glück.
    Auf mich wirkte die Eröffnungsrede von Anke Engelke ein bisschen wie ein Host-Beitrag von den Oscars. Da ist auch gern alles dabei. Anbiedern, Anecken und auch manchmal fragende Gesichter zurück lassen.

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