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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Fifty Shades of Zitrone

„Ich wünsche eine schlechte Nacht bei solcher Beleuchtung.“ So höflich hätten die Guards in Guantánamo das wohl nie gesagt, auch wenn sie vermutlich oft das Gleiche gemeint haben. In der „Haftanlage 4614“, von der Jan Soldat in einem Film im Berlinale-Panorama berichtet, ist der raue Ton der gute Ton. Es handelt sich um einen Knast, in den Menschen freiwillig gehen, um sich ordentlich triezen zu lassen. „Einfach mal komplett abschalten“, sagt Herr Krause, ein Laborassistent, der sich einmal im Jahr hier einsperren lässt.

Die beiden Männer, die dieses Institut eingerichtet haben, nennen sich Knasty und Sir Dennis. In die Welt von „Fifty Shades of Grey“ würden sie nicht passen, aber das macht ja gerade den Reiz aus. Die Berlinale wird Mitte kommender Woche eine Premiere der Verfilmung des Bestsellers von E.L. James ausrichten, das wird der Moment sein, in dem die Fetischszene den roten Teppich erreicht – allerdings in einer Version, die auf die Bedürfnisse des Mainstreamkinos hin entschärft wurde.

Jan Soldat hingegen zeigt eine sehr spezifische Szene, deren Protagonisten sich von der längst modisch gewordenen Fetischwelt absetzen. „Knast“ als Inszenierung zu kompliziertem Lustgewinn, wenn einer abspritzt, ist die Sache vorzeitig zu Ende, deswegen lautet eine wichtige Devise: „treibt mir meine Geilheit aus“.

Vor zwanzig Jahren, erinnert sich einer der Gäste in der Haftanlage, musste er sich Handschellen noch in einem Waffenladen besorgen. Heute kriegt man sie in jedem Sexshop. „Erzogen wird auf den Hintern“, aber er ist nicht mehr der kleine Junge von damals, er lässt sich lieber den Rücken versohlen. „Die Fläche gleichmäßig rotkriegen“, das ist Aufgabe von Knasty und Sir Dennis, die einander in den Arbeitspausen fast zärtlich umsorgen.

Wie in „Fifty Shades of Grey“ auch geht es hier wesentlich um Abmachungen. Es gibt zwei Stopwörter. Bei „Zitrone“ ist Schluss für den Moment, bei „Handtuch“ ist das Thema insgesamt durch, und der Kandidat ist raus. Das heißt auch, dass er am Samstag nicht mehr dabei ist. Da endet die Veranstaltung, dann wird gemeinsam gegrillt.

„Haftanlage 4614“ verrät viel über die Berlinale und über die Gesellschaft, in der dieses Festival stattfindet. Bei allem Trubel und bei aller Kommerzialisierung hat es sich doch in den Nischen diese subkulturelle Neugierde bewahrt, die zumindest in Teilen die längst bestens integrierten Alternativschienen Panorama und Forum prägen. Logiken von Mainstream und Subkultur machen sowieso nicht mehr viel Sinn, zumal man bei Jan Soldat auch sehen kann, dass ein kleiner, aufschlussreicher, sorgfältig gemachter Dokumentarfilm heute fast am System vorbei entstehen kann.

###Der letzte Sommer der Reichen (Peter Kern)

Er entkräftet nebenbei auch das Klischee, das E.L. James in ihren Büchern mit der Herzschmerzmethode auch zu widerlegen trachtet: dass die schmerzhaften Formen des Begehrens ein „Privileg“ der besitzenden Klassen wären. Bei dem Österreicher Peter Kern scheint das noch ein wenig durch, in „Der letzte Sommer der Reichen“ (Panorama), in dem eine betuchte Erbin mit NS-Hypothek sich an einer Nonne reibt. Reichtum beruht auf Schuld(en), Schuld bedarf der Entsühnung, Sexualität ist das Sakrament, das alles zusammenkrachen lässt. Für Kern ist die Berlinale seit vielen Jahren eine verlässliche Heimstatt, man müsste ihn einmal mit James Franco zusammenbringen, nicht auszudenken, was für Transgressionen sich daraus ergeben könnten.

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