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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Künstliche Befruchtungen

Heute wäre eigentlich der Tag, um nach Kristen Wiig Ausschau zu halten. Aber die amerikanische Schauspielerin und Komödiantin, die mit „Brautalarm“ das Genre der Hochzeitsromanze so großartig auseinander genommen hat, ist nicht gekommen. So muss Sebastián Silva seinen Film „Nasty Baby“ also allein präsentieren am Abend im Zoopalast im Panorama Special. Eine typische New Yorker Geschichte, gedreht in diesem leicht hektischen Stil, der nach Do-it-yourself aussieht. Zwei schwule Männer und eine Frau wollen gemeinsam ein Kind, der eine hat unergiebiges Sperma, der andere mag nicht in das Döschen ejakulieren.

Kristen Wiig spielt die Leihmutter, in einem doppelten Sinn: sie leiht sich einen Vater, und sie ist bereit, das Kind später zu teilen. Bis es dazu kommt, geht sie nie ohne Spritze aus dem Haus, und in einer großartigen Szene vollführt sie akrobatische Verrenkungen, um die kostbare Substanz auch möglichst tief in ihr Inneres zu versenken. Das ist Schwangerschaftsgymnastik mit dem Ziel besserer Empfängnis, wobei es da ja keine Dosierung gibt, sondern bloß „ja/nein“.

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Aber Kristen Wiig tut so, als könnte man Ei und Samen zu einem Tänzchen bitten, damit wenigstens auf dieser Ebene eine „Vereinigung“ stattfindet. Das ist sehr komisch, und sicher ein Höhepunkt in einem Film, von dem nicht ganz klar ist, worauf er hinaus will: eine Satire auf die sehr individualistischen Lebensformen? Oder doch so etwas wie eine positive Utopie von Gemeinschaft, die dann allerdings auf einem üblen Sündenfall beruhen würde, denn Sebastián Silva hat sich für das Ende einen ziemlichen Schock ausgedacht, oder sagen wir, einen „Abturner“.

Dieses halb englische, halb deutsche Wort war nicht nicht geläufig, als „Leave Her to Heaven“ zum ersten Mal ins Kino kam: 1945. Dass ich diesen Film am Samstag gesehen habe, hat mit diesem Spiel des Zufalls zu tun, das man auf Festivals so schön mit sich selber spielen kann. Ich sollte um 19h einen Film sehen, um mich auf ein Interview vorzubereiten. Zwanzig Minuten vor der Zeit war ich da, die Vorführung war schon voll (die Berlinale meint es generell nicht gut mit Journalisten, so ist das halt, wenn ein Festival unbedingt „Publikumsfestival“ sein will), ich blieb noch eine Weile unschlüssig im Foyer, und ging dann mit ein paar Freunden ins Cinestar im Sonycenter.

Dort stand „Queen of Earth“ von Alex Ross Perry auf dem Programm, für den ich aber keine Karte hatte. Mal sehen, dachte ich, und zehn Minuten später hatte ich eine Karte in der Hand, und zwar vom Regisseur persönlich, der unauffällig mit ein paar Freunden im Foyer herumstand, und gelegentlich jemand eine Karte in die Hand drückte. Eine davon bekam jemand, den ich gut kenne, wir hätten aber zwei gebraucht, so gab ich meine auch wieder weiter, denn ich hatte eigentlich für mich noch gar nicht entschieden, was ich als nächstes machen wollte.

Während die Freunde alle in „Queen of Earth“ gingen, ging ich nach oben, sah mir dort ein wenig die verbliebenen Möglichkeiten für den Abend an, und da fiel mein Blick auf „Leave her to Heaven“. Ein Film in Technicolor, in der Retrospektive, ich hatte vage Erinnerungen an ein großes Filmerlebnis vor vielen Jahren. Ich kaufte eine der letzten Eintrittskarten, und wenige Minuten später hörte ich James Layton, einen Filmarchivar von der Twentieth Century Fox, seufzen: „Oh, Gene Tierney.“

###Gene Tierney

Er hat schon recht, mit dem Namen der Schauspielerin ist über „Leave Her to Heaven“ auch fast schon alles gesagt. Eine Verführerin, die sich als Monster entpuppt, das ist in etwa die Geschichte des Films, der an ausgesucht pittoresken Locations spielt, die zumeist nur als gemalte Kulissen existieren.

Bei der Retrospektive kann man so richtig in die Grundlagendiskussionen des Kinos einsteigen. Denn bei einem Film wie „Leave Her to Heaven“ stellen sich heikle Fragen. Wäre er ein Bild, hinge er sicher in einer National Gallery, und Scharen von Konservatoren würden sich um ihm kümmern. Doch das Original des Films existiert längst nicht mehr, in den siebziger Jahren wurden die Nitro-Kopien vernichtet und viel schlechtere „color reversal intermediates“ gezogen (bei CRI denke ich unwillkürlich an eine neue Form von Kreditverbriefungen, die besonders ruinös sein könnte, die Finanzkrise hat uns einfach misstrauisch gegenüber Abkürzungen gemacht), aus denen nun wieder so etwas wie datentechnisches Technicolor errechnet wird – eine Art künstlicher Befruchtung, wenn man es mit der ursprünglichen Belichtung vergleicht.

Wir sprachen anschließend tatsächlich mehr über Unschärfen im Bild und Wackler in der Farbgebung von Gene Tierney Roben, und ich notierte mir einen Hinweis auf eine besondere Webseite: Die Züricher Filmwissenschaftlerin Barbara Flueckiger hat eine „Timeline of Historical Film Colors“ erstellt, ein ganz wunderbares Projekt.

Die kleine Odyssee dieses Abends hatte sich ausgezahlt. Stärker kann man Kino kaum als Kino erleben, als mit „Leave Her to Heaven“ auf einer der riesigen Leinwände des CinemaxX am Potsdamer Platz.

Ich war schon auf dem Heimweg, als mich noch eine Nachricht erreichte. „Komm in den Schinkel-Pavillon“, schrieb eine Freundin. „James Franco ist gerade hier aufgetaucht.“ Ich überlegte eine Weile, und schrieb dann zurück: „Du hast doch am Montag Geburtstag. Lad‘ ihn zu deiner Party ein.“ Darauf kam nur noch ein ironisches Emoticon, und ich entschied mich für das „Aktuelle Sportstudio“.

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