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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Müßiggang und Spaßguerilla

Heute will ich mich auf ein paar Filme aus dem Forum konzentrieren, die ich rechtzeitig gesehen habe, um sie hier für die letzten paar Tage des Festivals empfehlen zu können. Drei Titel, eine eher persönliche als repräsentative Auswahl.

###Der Geldkomplex

1. Der Geldkomplex (El complejo de dinero) von Juan Rodriguanez

Wie es dazu kam, dass ausgerechnet in Spanien der nicht allzu bekannte Roman „Der Geldkomplex“ von Fanny zu Reventlow aus dem Jahr 1916 wiederentdeckt wurde, das enthält vermutlich eine schöne Geschichte über das heutige Europa. Und der Film ist selbst eine solche Geschichte: die lockere Adaption eines Schuldendramas. In der Vorlage spricht eine Frau im besten heiratsfähigen Alter darüber, dass sie mit dem Geld auf Kriegsfuß steht, und dass sie deswegen in einem Sanatorium lebt, halbwegs mondän, doch mittellos, in gespannter Erwartung einer Erbschaft, für die sie nur durch Erbschleicherehe in Frage kommt.

In der Verfilmung schicken ein paar Spanier einen Emissär nach Deutschland, der hier einen Banker um eine bedeutende Summe erpresse soll. Die meiste Zeit sehen wir aber den Leuten zu, die auf die Rückkunft des Abgesandten warten: die träge Stimmung von Sommertagen in einer trockenen Gegend Spaniens wird durch absurde Dialoge, durch ein wenig salonrevolutionäres Geplänkel, durch die Andeutung erotischer Abenteuer aufgelockert.

Wenn man das Buch zum Film liest, löst sich alles wunderbar auf: in eine Allegorie auf die Austeritätspolitik, deren Leistungsanforderungen elegant unterlaufen werden – durch Müßiggang und Spaßguerilla, mit denen zwar keine Märkte beruhigt werden können, die aber am Ende bessere Filme herauskommen lassen. Umgelegt auf die aktuelle spanischen Innenpolitik: Podemos, pero no queremos. Wir können, aber wir wollen nicht.

###Atom Heart Mother

2. Madare ghalb atomi (Atom Heart Mother) von Ali Ahmadzadeh

Großartige erste Szene, ein Aufzug in einem Hochhaus, ein Schlager aus dem Off, eine junge Frau in Teheran wartet auf jemand, lässt die Tür nie vollständig zu gehen. Eine Hängepartie also. Danach fahren Arineh und Nobahar, zwei ziemlich beste Freundinnen, eine Nacht lang durch die Stadt. Sie erleben seltsame Dinge, durchqueren eine Twilight Zone, die Anspielungen auf die berühmte amerikanische Fernsehserie sind deutlich. An einer Stelle taucht Saddan Hussein auf, und es ist insgesamt nicht so ganz klar, welche Rolle der Teufel in dieser Geschichte gibt – wenn es ihn denn gibt, und das Ganze nicht einfach ein böser Trip ist, wie er sich eben schnell ergibt in einer Gesellschaft, in der so viel verboten ist wie in der iranischen.

Die Bedeutung, die das Auto in den Filmen aus dem „Gottesstadt“ hat, ist längst Gegendstand von Untersuchungen. Es bildet wohl so eine Art Verlängerung der Privatsphäre in die Außenwelt, und auch Ali Ahmadzadeh spielt mit diesem merkwürdigen Schutzraum, in den jederzeit der Arm des Gesetzes greifen kann. Tankstellen, Hochhausdächer, phantastische Ausblicke auf das nächtliche Teheran, und ein extrem mehrdeutiges Ende zeichnen „Atom Heart Mother“ aus, der auch eine interessante Alternative zu dem sozialrealistischen Detailkino darstellt, das wir aus dem Iran sonst häufig zu sehen kriegen.

###Viaggio nella dopo-storia

3. Viaggio nella dopo-storia (Vincent Dieutré)

Eine Reise nach Italien auf den Spuren von Rossellini. In dessen „Viaggio in Italia“ ist es ein Paar aus England, das Richtung Neapel und mitten in eine schwere Ehekrise unterwegs ist. George Sanders und Ingrid Bergman waren die Stars, der Film gilt heute als kanonisch, und findet sich leicht auf Youtube. Dort wird er von dem französischen Regisseur Vincent Dieutre gewissermaßen abgeholt. Er will ein Remake drehen, allerdings in einer veränderten Konstellation: nun sind es zwei schwule Männer, die auf einer „viaggio in Italia“ ihrer Entfremdung gewahr werden. Einer ist der Mann, einer ist die Frau, so will es die Vorlage. Doch wie geht man konkret damit um?

Der Begriff „dopo-storia“, der im englischen Festivaltitel mit „post-history“ irreführend übersetzt wird, deutet viele Möglichkeiten an: das Nachleben einer Geschichte erlaubt zahlreiche Weisen des Umgehens damit, von Werktreue bis zum freien Zitat, von der Hommage bis zur Parodie ist alles Mögliche denkbar. Dieute, der selbst eine der beiden Rollen spielt, unterhält sich zwischendurch auch immer wieder mit einem Anwalt für Copyright-Fragen, und während noch die Anfrage an Isabella Rossellini, die die Rechte an dem Film ihres Vaters hält, läuft, wird das „Remake“ auch schon gemacht.

Es ist aber ein reflexives Remake, eines, das sich über die Bedingungen der Originalität in der heutigen, datensatten Gegenwart Gedanken macht. Mit seiner schon aus dem tollen „Jaurès“ bekannte, sonoren Stimme hält Dieutre die Sache zusammen, er ist zugleich melodramatisches Subjekt und intellektueller Kommentator.

 

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