Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Humanismus mit menschlichem Angesicht

###Naum Kleiman

Selten habe ich einen so beindruckenden Menschen getroffen wie Naum Kleiman. Der langjährige Direktor des Moskauer Filmmuseums ist bei der Berlinale zu Gast, weil es einen Film über ihn gibt: Cinema. A Public Affair von Tatiana Brandrup (Vorführungen am Donnerstag und am Sonntag). Dass man über jemand, der eigentlich eine Arbeit hinter den Kulissen macht, der sich mit Zelluloidkopien und Nachlässen beschäftigt, einen lohnenden Film machen kann, versteht sich nicht von selbst.

Angesichts der aktuellen Spannungen zwischen Russland und dem Westen ist dies jedoch ein Dokument von enormer Bedeutung, auch deswegen, weil es Einblicke in eine Zivilgesellschaft gibt, die schon seit längerer Zeit stark unter Druck steht. Für Kleiman ist das Kino eine „Agora“, so sagt er im Film, jede einzelne Vorführung schafft Öffentlichkeit und ist jenen Tugenden zuträglich, die ein Gemeinwesen menschlich werden lassen.

Als ich ihm in einem Hotelzimmer im Westen Berlins gegenübersitze, frage ich ihn zuerst einmal nach dem neuesten Stand der Dinge beim Moskauer Filmmuseum. Die neue Direktorin ist nach wie vor im Amt, sie gilt als unfähig und als Apparatschik, wobei Kleiman ein Bild für den „Apparat“ gebraucht, der sich das nationale Kino anzueignen versucht: Der Regisseur Nikita Michalkow wäre gern „Zar“, und so einer braucht eben Handlanger. „Sklaven“, sagt Kleiman, ein starkes Wort.

Dem Filmmuseum, das seit längerer Zeit heimatlos ist, soll demnächst wieder ein Gebäude zugeteilt werden, in einem Pavillon der ehemaligen Landwirtschaftsausstellung, keine gute Wahl, aber Kleiman berichtet das mit einer Sanftheit, die nicht als Resignation misszuverstehen ist. Das Puschkin-Museum wäre der ideale Ort für das Filmmuseum, ein internationales Museum der schönen Künste, das wäre ganz aus dem Geist aus von Sergej Eisenstein, der so viel über die Verbindung des Kinos zu den anderen Künsten nachgedacht hat.

Ich spreche mit Kleiman auch über seine Lebensgeschichte, und es stellt sich heraus, dass er durch und durch ein Kind der Entstalinisierung ist: 1956 empfand er als „Befreiung“, über einen „Sozialismus mit menschlichem Angesicht“, wie er im „Tauwetter“ kurz denkbar erschien, und wie er 1968 in Prag unterging, mag er nicht in ideologischen Kategorien sprechen, aber ich meine zu spüren, dass ihn das bis heute prägt. Ein Gemeinsinn, der keine theoretische Begründung braucht, der sich fast von selber versteht, und der in der Beschäftigung mit den Künsten immer neue Nahrung findet.

Ich frage ihn nach Alexei German, einem russischen Regisseur, der einen der größten (Anti-)Kriegsfilme gemacht hat, „20 Jahre ohne Krieg“. Kleiman selbst wurde als Kind aus Moldawien nach Usbekistan in Sicherheit gebracht, deswegen denke ich, dass ihm dieser Film, der vorwiegend in Taschkent spielt und von dort aus die Wende im Zweiten Weltkrieg in den Blick nimmt, nahe sein müsste.

Wir sprechen noch längere Zeit über die Generationen des sowjetischen und russischen Kinos. Der Sohn von German ist ja bei dieser Berlinale mit einem Film im Wettbewerb vertreten: „Under Electric Clouds“.

Ich kann nicht anders, als ihm vor dem Abschied die Frage zu stellen, die er natürlich nicht beantworten kann: Sollte es tatsächlich denkbar sein, dass es noch einmal Krieg geben wird? Er verhehlt nicht, dass ihn der Ernst der Lage schmerzt, und er weiß, dass sich freie Geister nicht herbeizaubern lassen. Aber es zeigt sich etwas in seinem leisen Sprechen, was ich als nichts Anderes sehen kann als den Geist der Aufklärung, geboren aus der Dunkelheit des Kinos. Er verspricht mir, dass wir das Gespräch bei nächster Gelegenheit fortsetzen können, es gibt noch so viel, worauf wir nicht kamen: Tarkowski, mehr zu Eisenstein, mehr zu dem großen Marlen Khutsiev, mit dem Kleiman befreundet ist.

Ein Filmmuseum ist immer auch ein Ort der Freundschaft, eine Anlaufstelle in einer Metropole, ein Stück Heimat im Zeichen der Überwindung von Territorialität. Deswegen ist es von so großer Bedeutung, was aus dem Moskauer Filmmuseum wird.

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