Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Eine Visitenkarte von Jacqueline Bisset

Es sind seltene, aber kostbare Momente, wenn man das eigene Tun auf so einem Festival plötzlich wie von außen ansehen kann. Am Freitagabend wurde im ehrwürdigen Delphi Kino ein Film über den Filmkritiker Michael Althen gezeigt: „Was heißt hier Ende?“ von Dominik Graf. Der Film eines Freundes über einen früh verstorbenen Freund, in dem viele Freunde und Kollegen zu Wort kommen, und der auf eine sehr schöne Weise persönlich ist und dabei das Metier transzendiert, von dem er im engeren Sinn handelt – dem Metier der Filmkritik.

Es gibt darin auch eine Szene, in der Michael Althen zu sehen ist, wie er von einer Berlinale nach Hause kommt – er lebte damals noch in München und schrieb für die Süddeutsche Zeitung, 2002 wechselte er zur FAZ und ging nach Berlin. Es lohnt sich, den ganzen, kurzen Film von Romuald Karmakar hier noch einmal einzustellen, aus dem Dominik Graf einen Auschnitt genommen hat.

Es gibt natürlich nicht oft einen Anlass, über Filmkritiker einen Film zu machen, genau genommen so gut wie nie, doch in diesem Fall merkt man schon nach den ersten paar Bildern, dass die Sache funktionieren kann. Das hat damit zu tun, dass Graf auf Material zurückgreifen kann, in dem Michael Althen selbst sein Tun ein wenig wie von außen betrachtet: Ein nie vollendeter Film über den Maler Nicolas de Stael, an dem er gemeinsam mit seiner Frau Beatrix Schnippenkoetter gearbeitet tat, und in dem es eine wunderbare Reflexion über die Perspektive auf ein Leben gibt, von dessen Ende her und durch das Werk, das es hinterlassen hat. Dieser Text, von Michael Althen selbst gesprochen, ist nun die Einleitung, die Präambel zu einem Film über ihn geworden.

Der Alltag in den Medien stellt Freundschaften häufig ganz schön auf die Probe. Bei Michael Althen war das anders, bei ihm kam nie das Gefühl auf, er wäre für Seilschaften zu haben, für Netzwerke oder gar Kalifate (auch wenn an einer Stelle berichtet wird, er hätte Ansprüche angemeldet, Kalif nach dem Kalif zu werden, das betraf aber nur das Filmressort der Süddeutschen). Und diese eigentümliche Autonomie, die bei ihm zu verspüren war, durchwirkt auch noch den Film, in dem natürlich ein sehr ausgeprägtes Netzwerk auszunehmen ist, das sich durch die Landschaft des deutschen Printjournalismus erstreckt.

Ich dachte dann viel später an diesem Abend, auf dem Heimweg vor allem über den Untertitel des Films nach: „Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen“. War er wirklich ein Filmkritiker, wie Dominik Graf jedenfalls anzunehmen scheint, der gegen Ende seines Films noch zwei Kollegen ins Spiel bringt, die nicht zu diesem Netzwerk gehören, und von denen zumindest einer zu erkennen gibt, dass er den Kritiker Althen eher geringgeschätzt hat? Oder war er nicht eher jemand, der mit den Mitteln der Sprache diese Erfahrung des sich Verlierens und Wiederfindens in den Filmen beschrieb, die der Kritik existenziell vorausgeht. War das nicht sein Geheimnis?

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Es gibt zwei Konjunktive in diesem Film, einer ist beiläufig und hart (dass Dominik Graf ihn hören lässt, sagt viel über die Freimütigkeit, die dieses Porträt durchwirkt): Wäre er nicht nach Berlin gegangen, vielleicht würde Michael Althen noch leben, mutmaßt Charles Schumann, Betreiber der bekannten Bar in München. Sinnlos, den Gedanken zu verfolgen. Besser, ihm einen anderen entgegenzustellen, der in dem zweiten Konjunktiv erkennbar wird. Er stammt aus einer Geschichte, in der der junge Michael Althen die Schauspielerin Jacqueline Bisset zum Interview trifft. Am selben Abend sieht er sie noch einmal bei einem Empfang, nun steuert sie zielsicher auf ihn zu und steckt ihm eine Visitenkarte zu. Darauf steht eine Telefonnummer in Los Angeles.

Eine Telefonnummer ist eine Möglichkeit, die man zerstört, wenn man sie wählt. Von diesen Paradoxien wusste Michael Althen eine Menge, und der Film von Dominik Graf teilt dieses Wissen. Einen besseren Trost gibt es nicht.

 

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