Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Freiheit in der Beschränkung

„It has to be crowded“, hörte man Dieter Kosslick noch sagen, die Bühne soll schön voll sein, und dann war die 65. Berlinale auch schon zu Ende, beklatscht von einem Pulk von Preisträgern, denn die Jury hatte großzügig verteilt. Das Bild der zehnjährigen Hanna Saeidi, die zuerst den Goldenen Bären triumphierend in die Höhe reckte wie einst die afroamerikanischen Athleten in Mexico City die Faust, und dann in Tränen ausbrach, wird um die Welt gehen. Mit einer „mutigen politischen Entscheidung“ für „Taxi“ von Jafan Panahi als besten Film des diesjährigen Wettbewerbs ist das Festival zu Ende gegangen, und ist damit auch für ein Stück Aufbauarbeit belohnt worden.

Denn um Panahi hat sich Berlin in den letzten Jahren wirklich bemüht, er ist durch das Arbeits- und Ausgehverbot zu einer Symbolfigur geworden, mit der sich das Festival nun schmücken kann. Schon das erste Wort der Jury-Begründung enthielt das Wesentliche: „limitations“. Das iranische Kino, das seit der Revolution von 1979 konstant herausragende Werke hervorbringt, tut dies vor dem Hintergrund von „Beschränkungen“, von denen einige im Film ausdrücklich benannt werden: Frauen dürfen nie ohne Schleier gezeigt werden, ein „schmutziger Realismus“ ist zu vermeiden, für die Namen von Figuren wäre es ratsam, wenn sie aus der islamischen Tradition bekannt sind.

Panahi macht in „Taxi“ etwas, was auch Abbas Kiarostami in „Ten“ (2002) gemacht hat: der Innenraum eines Autos wird zum Raum einer „beschränkten“ Öffentlichkeit, zwischen Fahrersitz und Beifahrersitz werden die Wahrheiten verhandelt, die das Leben im Iran bestimmen. (Auch „Madare ghalb atomi“/“Atom Heart Mother“, ein iranischer Beitrag im diesjährigen Forum, spielt zu großen Teil in einem Auto.)

Die formalen Parallelen zwischen „Ten“ (siehe Ausschnitt) und „Taxi“ sind zumal deswegen verblüffend, weil zwischen den beiden bekanntesten iranischen Filmemachern so etwas wie Funkstille herrscht. Eigentlich müsste man annehmen, dass Kiarostami und Panahi, die bis vor gut zehn Jahren nach zusammengearbeitet hatten, einen Sinnes sind, wenn es um die Haltung gegenüber dem Regime geht. Der großartige „Talaye sorkh“/“Crimson Gold“, zu dem Kiarostami das Drehbuch geschrieben hat und bei dem Panahi Regie geführt hat, deutet jedenfalls klar in diese Richtung.

Doch Kiarostami ist auffällig still, wenn es um eine Solidarisierung mit Panahi geht. Zwischen den Zeilen lässt er gelegentlich erkennen, dass er die Logiken missbilligt, die auf Festivals gelten: auf das symbolische Kapital, das aus politischer Verfolgung zu schlagen ist, spekuliert er nicht. Ob dahinter nur ein ödipales Zerwürfnis zwischen einem einstigen Mentor und seinem besten Schüler liegt, der sich längst emanzipiert hat, oder ob Kiarostami eine „reine“ Kunst präferiert und persönlich einfach nicht auf die Rolle eines künstlerischen Regimegegners festgelegt werden möchte, ist schwer zu entscheiden.

Es passt aber in ein Schema, das am Samstagabend sofort angedeutet wurde: Berlin positioniert sich als das Festival mit den „issues“, während Cannes in Ruhe weiterhin der hehren Filmkunst huldigen darf. Kiarostami ist Stammgast in Cannes, Panahi soll Stammgast in Berlin werden – auch in absentia.

Zweifellos hat das Pathos, mit dem der Goldene Bär für „Taxi“ sofort umgeben wurde, auch etwas Blauäugiges. So soll der Film selbst auf „abenteuerlichen und gefährlichen Wegen“ nach Berlin gekommen sein, was man sich in Zeiten von Anonymisierungsprogrammen und Clouds nur schwer konkret vorstellen kann. Dabei will ich keineswegs an der Jury-Entscheidung herumnörgeln, im Gegenteil. Aber man muss nicht gleich so tun, als würde ein Preis in Berlin das Regime in Teheran in den Grundfesten erschüttern.

 

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