Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Selfie, nein danke!

Wo sie schon mal da sind: Die russische Moderatorin Victoria Bonya (l.) und die Schauspielerin Hofit Golan lächeln vor der Eröffnung des Festivals am 14. Mai 2014 schnell noch einmal in die eigene Kamera.© ReutersWo sie schon mal da sind: Die russische Moderatorin Victoria Bonya (l.) und die Schauspielerin Hofit Golan lächeln vor der Eröffnung des Festivals am 14. Mai 2014 schnell noch einmal in die eigene Kamera.

Marlene Dietrich wählte das Dunkel, die Garbo tellergroße Sonnenbrillen. Elegant. Unmissverständlich. Zu Tode fotografiert, wollten sie vor allem eines: nie wieder fotografiert werden. Nie wieder das eigene Bild sehen. Nie wieder im Abbild angegafft werden, zu Zeiten und Zwecken, die sie nicht kannten und nicht kennenlernen wollten. Sie wussten noch nichts vom Selfie. Sie kannten nur Paparazzi. Vor die Wahl gestellt, wer ihre Abkehr vom öffentlichen Bild unterlaufen würde: ein schmieriger Typ, der für ein Foto von ihnen über jeden Zaun klettern, jeden Concierge bestechen, jede Grenze überschreiten würde, oder sie selbst – wie hätten sich die beiden Ladies entschieden? Vermutlich hätten sie die Alternative für lächerlich gehalten, sich ein Tuch über den Kopf gezogen und wären ins Dunkle geflohen.

Wie scharf Leute, die sowieso ununterbrochen fotografiert werden, heute darauf sind, sich auch noch selbst abzulichten, wissen wir spätestens, seit Ellen DeGeneres bei der Oscar-Verleihung im vergangenen Jahr zum Selfie bat und alle sich ins Bild drängelten. Wir sehen es aber auch an jedem roten Teppich, über den die Stars mit gezücktem Mobiltelefon tänzeln, bei Pressekonferenzen, Fotoshootings. Das Celebrity-Selfie, über Instagram oder sonstwie global verbreitet, spricht von einem anderen Narzissmus, einem anderen Kontrollwahn als dem der großen Diven des zwanzigsten Jahrhunderts.

Das Filmfestival in Cannes hat nun beschlossen, der unstillbaren Selbstverliebtheit einen Riegel vorzuschieben. Mit immer noch strengen Dresscodes, der auch die Kameramänner und Fotografen am roten Teppich und der großen Freitreppe zum Festivalpalast hinauf in dunkle Anzüge oder Smokings zwingt, ist Cannes einer der letzten Orte für große Garderoben am helllichten Tag. Doch seit die Stars sich selbst dabei fotografieren, wie sie die berühmten Stufen erklimmen, hat die Eleganz der Veranstaltung gelitten. Deshalb hat die Festivalleitung angekündigt, das Selfieschießen einzudämmen. Es sei grotesk und lächerlich und halte den Ablauf auf. Eine Bastion der Vernunft? Oder ein hilfloser Versuch, Manieren einzufordern? Wir werden sehen. Die Diven, die erwartet werden, Cate Blanchett, Marion Cotillard, Isabelle Huppert, sie kamen auch bisher ohne Selfie aus.

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