Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Mitten in der Mordmaschine

###© SAUL FIA (SON OF SAUL) by László NEMES 

Die Alternativen im Festivalprogramm, was tun oder lassen zur selben Zeit am selben Abend, sind häufig frivol. Nicht nur in Cannes, aber hier besonders. „Auschwitz-Time!“ rief eine Frau mit Karte für den ungarischen „Saul Fia“ (Sauls Sohn), bevor es losging mit dem Film, den niemand sehen wollte, an dem aber trotzdem keiner vorbei kam. Er lief im Wettbewerb, vielleicht gewinnt er was, wir mussten hinsehen.

Die Alternative zum Film war, natürlich, eine Party. „Pink and Black“, so der Dresscode auf der Einladungskarte einer Eismarke, die sich seit ein paar Jahren durch die Verpflichtung namhafter Regisseure für ihre Werbespots ein Plätzchen am Rand des Filmfestivals gesichert hat. Obwohl das Eis gar nicht zum Festival gehört. Die letzten Jahre war ich dort gewesen, um neue Eiskreationen zu feiern, es gab das Übliche zu trinken plus riesige Portionen Eiscreme direkt am Strand mit Blick auf die Yachten, auf denen die prächtigeren Parties stattfinden. In diesem Jahr ging ich nicht. In diesem Jahr lief parallel eben „Saul Fia“, ein Erstlingsfilm, und dann gleich über Auschwitz.

Der Ungar László Nemes schert sich in seinem Film nicht um das Bildertabu von Claude Lanzmann für Auschwitz und die Judenvernichtung insgesamt. Er geht mitten hinein in die Mordmaschine. Heftet sich mit seiner Kamera dicht an den Kopf von Geza Röhrig, der die Hauptfigur spielt. Das ist ein geschicktes Kunstmittel, dekorative Tableaux des Grauens zu vermeiden. Röhrigs Kopf ist scharf, alles im Hintergrund unscharf, die Leichen, die von hier nach dort geschoben werden, die besudelten Böden, die Nackten auf ihrem Weg ins Gas.

Ein harter Film? Was denn sonst. Er geht keiner Frage aus dem Weg, die sich notwendig stellen muss, wenn einer eine Geschichte aus dem Holocaust erzählt, die nicht verbürgt ist, sich an das Gesicht eines Einzigen heftet, während im Hintergrund Tausende in die Öfen geschoben werden, dazu das Stampfen der Züge draußen und Maschinenlärm drinnen, die Geräusche sehr vieler Menschen, das Schleifen toter Körper über Steinböden. Geht das? Ja, das geht, wir haben es gerade gesehen und gehört. Eine gequälte Geschichte von einem Mitglied eines der jüdischen Sonderkommandos, die der Massenvernichtungsmaschinerie assistieren mussten. Eines Mannes, der einen Kinderleichnam findet und beginnt zu glauben, dies sei sein Sohn. Obwohl er vermutlich gar keinen Sohn hatte. Und der versucht, diese Leiche mit einem Rabbi rechtmäßig zu begraben, während er Ascheberge in den Fluss schaufeln muss, immer neue Menschenladungen ins Lager kommen, ein Ausbruchsversuch vorbereitet wird.

Der Kitschverdacht liegt nahe. Das Gefühl, so könne nicht von der Vernichtung der Juden gesprochen werden, nicht mit Hilfe eines Mannes und seines falschen Sohns, wo soviele echte Väter ihre Söhne verloren hatten. Und doch: Was für ein Mut des Filmemachers. Welche Strenge im ästhetischen Konzept. Ein Versuch zu zeigen, was andere für unzeigbar halten, ohne ausbeuterische Bilder dabei zu produzieren. Muss ich jetzt sagen, ob er gescheitert ist?

Manchmal ist das nicht das Entscheidende.

 

 

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