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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Der Tag von Johnny Depp

Johnny Depp mit Amber Heard in Venedig© dpa / Claudio OnoratiMit Amber Heard in Venedig

Wie genau sieht Johnny Depp eigentlich aus? Hat er noch Haare, wo fangen sie an? Dunkle oder helle Augen? Ist er ein bisschen weich in der Mitte geworden? Das sind so Fragen, bevor er leibhaftig erscheint und Kußhände ins Publikum wirft, am Freitag Abend, zur Premiere seines Film „Black Mass“,  da sieht er eigentlich aus wie immer. Mit etwas weiter zurückgezogenen Haaren vielleicht, die keine gute Farbe haben, mit drei Ohrringen, schlank. Anders in dem Film. Da spielt er den Gangsterboss Johnny Bulger aus South Boston, der in den siebziger Jahren ziemlich viel Unheil anrichtete, einen Freund beim FBI hatte und deshalb länger, als die Polizei erlauben sollte, seine Gegner abknallen konnte, selbst wenn jemand hinsah. Ein extrem brutaler Film. Altmodisch erzählt auch. Aber eben mit Johnny Depp in einer Maske, die als Körperverletzung geahndet werden müßte, trüge er sie nicht den ganzen Film lang und offenbar mit vollem Einverständnis. Die Hose mit dem etwas zu eng geschnallten Gürtel bis über die Taille hochgezogen. Den Kopf mit einer Halbglatze verklebt, die Augen hinter milchig blauen Kontaktlinsen verborgen. Ist das noch Schauspielerei, was er da macht? Oder Verkleidung?

Johnny Depp in "Black Mass"© Warner Bros. Picture/Labiennale.org/dpaSzene aus „Black Mass“

Der Freitag in Venedig war der Tag von Johnny Depp. Obwohl er auf den Plakaten zu „Black Mass“ nicht aussieht wie er selbst. Und auf den Plakaten zum Festival wahrscheinlich nicht gemeint ist, obwohl der Mann mit den gelben Haaren und den Augen in der Farbe verglühender Kohlen – der im Trailer des Festivals vor jeder Vorführung wieder zu sehen ist – große Ähnlichkeit hat mit dem Johnny Depp von vor zwanzig Jahren. Dreiundzwanzig, um genau zu sein. „What`s Eating Gilbert Grape“ hieß der Film, und da sah Johnny Depp ungefähr so aus wie der Junge auf den Plakaten hier.

Johnny Depp und Leonardo DiCaprio 1993 in "What’s Eating Gilbert Grape?"© picture-alliance / Mary Evans Picture LibraryMit Leonardo DiCaprio 1993 in „What’s Eating Gilbert Grape?“

Im Kino, in dem Film, der ihn an den Lido brachte (außer Konkurrenz, das versteht sich fast von selbst), hat er mit diesem zarten Geschöpf überhaupt keine Ähnlichkeit. Und die Mädchen, die ihm zuseufzen, an- und abschwellend wie die Brandung des Meeres hinter ihnen, haben vermutlich keine Ahnung, das es „Gilbert Grape“ war, mit dem ihr Idol einst berühmt wurde. Sie machen sich vermutlich auch keine Vorstellung davon, wie maulfaul er ist, wie lange es dauert, bis er auf einfache Fragen eine Antwort findet, wenn Journalisten dabei sind, und dass es ganz unmöglich ist zu sagen, wer dieser Mann, der schon lange in keinem wirklich guten Film mehr gespielt hat, sein könnte. Ein großer Schauspieler? Vielleicht nicht. Ein Clown? Wer könnte das schon sagen. Ein Star? Natürlich! Woran, wenn nicht an der Gage und an den Mädchen, die in seiner Gegenwart selbst von fern der Hysterie nahe kommen, ließe sich das messen.

Ein Rummel, ein Star: auf dem Weg zur Filmpremiere© AFP / Tiziana FabiEin Rummel, ein Star: auf dem Weg zur Filmpremiere
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