Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Die unverwechselbare Janis Joplin

„Janis“ – kann es sein, dies ist die erste Dokumentation über Janis Joplin? Die erste, die nur ihr gewidmet ist, nicht den Konzerten in Monterey oder Woodstock, bei denen sie dabei war, unvergesslich und als eine, die im Begriff war, Geschichte zu machen, nicht nur Rockgeschichte, nicht nur Musikgeschichte? Offenbar ist das so. „Janis“ von Amy Berg lief hier außer Konkurrenz, wie „Amy“ in Cannes. Die Parallelen der Karrieren, der Drogen- wie der Männergeschichten, der einzigartigen musikalischen Talente und Stimmen liegen auf der Hand.

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Was bei „Janis“ anders ist: Das Material ist vierzig Jahre älter und zum Teil kaum mehr da. Körnig an der Grenze zur Auflösung. In manchen Ausschnitten ahnen wir eher, dass sie da war, wie sie aussah in bestimmten Momenten, manchmal verschwindet sie auch fast ganz im grauen Geflicker, als wolle sie sich dieser späten Hommage entziehen. Immer wieder aber geben uns schwarzweiße Kontaktabzüge ein genaueres Bild – das Bild von einer Frau, die Posen genießt, Erfolg genießt, die Witze reißt und laut ist und lacht, und die gleichzeitig einen Blick hat, der sagt: versprecht mir nichts, was ihr nicht geben könnt. Sie wurde geliebt, verehrt, auch von denen, die jetzt im Kino sitzen und sie anschauen und den alten Weggefährten, ihrer Schwester, ihrem Bruder zuhören. Aber bei allem, was über sie gesagt wird, wie sie geliebt und verehrt wurde, war sie es, die fast immer allein nach Hause ging.

Ihre Stimme, auch wenn sie von brüchigen Bändern schreit, kreischt, wispert, ist immer noch unverwechselbar. Und erstklassig erhalten ist das erschütternste Dokument ihrer Jugend, das zeigt, die Liebe der anderen, die kam erst mit dem Erfolg: Es ist die Titelseite einer College-Zeitung, auf der sie zum häßlichsten Mann des Jahrgangs gewählt wurde.

Janis Joplin hat viel geschrieben, nicht nur Lieder, sondern auch Briefe, und so hören wir zwar nicht ihre Stimme – sondern die von Chan Marschall (Cat Power) – , aber die Sätze, in denen sie von ihrem Leben erzählte, ihren Eltern und Freunden und Liebhabern, denen sie Briefe oder Karten schrieb. Sich immer wieder entschuldigte dafür, dass sie enttäuschte. Ankündigte, jetzt breche eine neue, große Phase ihres Lebens an. Sich selbst beschimpfte, wenn es wieder schiefging. Und so abgrundtief einsam klingt, dass einem das Heulen kommt. Vor allem, wenn man die sieht, die jetzt in gesetztem Alter in frischem Hemd dasitzen und sich erinnern, wie das war, mit den Drogen, dem Alkohol, und die davongekomemn sind.

Wäre das, worauf es ihr ankam, im gesetzten Auftritt zu haben? Sie wollte fühlen, was die Seele hergab, die eigene und die von anderen. Sie wollte alles, was das Leben zu bieten hat. Und bekam dann doch nur einen kleine Teil davon. Siebenundzwanzig Jahre.

Am Ende von „Janis“, wie auch am Ende von „Amy“, steht auch die Frage: Was wollen eigentlich all die, die überlebt haben und jetzt Zeugnis ablegen? Wissen sie etwas, das die beiden nicht wußten – nämlich wo das, was sie wollten, zu kriegen war, ohne dabei draufzugehen? Oder macht gewonnene Zeit verpasste Tiefe wett? Im nächsten Film über einen früh verstorbenen Rockstar möchte ich diese Frage hören. Und eine Antwort. Und immer wieder Musik wie diese.

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