Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Charlie Kaufmans Dienstreise mit Puppen

###© Filmfestival VenedigMan hatte lange nichts mehr von Charlie Kaufman gehört: Szene aus seinem neuen Film „Anomalisa“

Wurde schon immer in Filmen so viel gesungen? Popsongs, die sagen, was die Figuren nicht sagen können oder wollen? Im Radio, vom Plattenteller, oder selbstgesungen – in diesem Jahr scheinen Popsongs mit Texten, die aus dem Drehbuch stammen könnten, der letzte Schrei. Selbst die Puppe Anomalisa in dem gleichnamigen herzigen Stop-Motion-Film von Charlie Kaufman bricht einmal in Gesang aus. „Girls Just Want to Have Fun“ singt sie da in voller Länge, A cappella und mit Refrain, und dann noch einmal auf portugiesisch, „wie die Brazilianer, wussten Sie das?“ – und die Puppe ihr gegenüber, der Motivationstrainer Michael Stone, mit dem sie gerade im Bett war (da gab es sehr explizite Szenen zwischen den zwei Puppen), bricht darüber fast in Tränen aus. In Paolo Trapero argentinischem Film über eine Familiengang war es „Sunny Afternoon“ von den Kinks, das immer dann spielte, wenn es besonders düster wurde. Und Ralph Fiennes bekommt als Grabgabe sozusagen in „The Bigger Splash“ die Platte, vermutlich ein kleines Vermögen wert heute, „Emotional Rescue“ von den Rolling Stones hinterhergeworfen, in den Pool, in dem er ertrinkt. Das darf ich verraten, weil es sich um ein Remake handelt. Maurice Ronet in „La Piscine“ ertrank auch.

Es ist nicht so, dass früher in Filmen nicht gesungen wurde, nicht nur in Musicals. Aber das war eben: früher. Seit den Siebzigern, Achtzigern scheint es selten geworden zu sein, dass Popmusik als Mitspieler, Kommentator, Dialogpartner eine so deutliche Rolle spielte. Damals war das ein Mittel, Szenen für Musikvideos auszukoppeln. Jetzt sind die Songs wieder da, und erstaunlicherweise sind es auch solche von damals.

Charlie Kaufmans Film „Anomalisa“ ist aber nicht nur wegen dem Sex zwischen Puppen und dem alten Cindy Lauper-Lied eine Freude gewesen. Sondern auch, weil wir von Charlie Kaufman schon lange nichts mehr gehört hatten, seit 2008 und seinem Film „Synecdoche, New York“, um genau zu sein, und er nun wieder da ist, im Wettbewerb, und dort sicher nicht ganz chancenlos, so originell ist dieser Film, der auf einem Skript für eine Live-Lesung beruht. „Anomalisa“ hat er mit Duke Johnson und Dino Stampatopoulos gemeinsam gemacht, und Stampatopoulos war es auch, der die Idee hatte, Geld erstmal über Crowdfunding einzusammeln. Und dann lange im Stillen zu arbeiten, jahrelang und außerhalb jeden filmindustriellen Systems. In Handarbeit sozusagen.

Das Ergebnis ist dieser Film, der in der Banalität einer Dienstreise, einer Affäre, viel Einsamkeit und einem aus dem Ruder laufenden Vortrag über den richtigen Umgang mit Kunden im Dienstleistungssektor, der ohne Folgen bleibt, eine menschliche Wahrheit findet – sehr komisch und sehr traurig, und mit keinem einzigen menschlichen Gesicht. „Vergessen Sie nicht zu lächeln“, ruft Michael seinem Publikum zu, dem er in Abweichung von seinem Motivationsmanuskript vorher sein persönliches Leid geklagt und den amerikanischen Präsidenten (es ist das Jahr 2005) als Kriegsverbrecher beschimpft hatte. „Lächeln Sie ihre Kunden an! Jeder von ihnen hat seinen ganz besonderen Tag hinter sich.“ Zu Hause wartet auf ihn dann eine Surprise Party, was die Verzweiflung ihrem Höhepunkt entgegentreibt. Undenkbar, das mit leibhaftigen Schauspielern zu filmen.

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