Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Südamerika gewinnt – Die Preise von Venedig

Gestern habe ich geschrieben, wenn „Francofonia“ von Alexander Sokurov – was ich für ganz unwahrscheinlich hielt – keinen Preis gewinnt: Hurrah!

Hurrah also. Die Preise der Jury sind vergeben, und vermutlich werden sich mit mir noch viele andere die Augen reiben. Fast alle, die sicher gesetzt schienen, gingen leehr aus. Immerhin hat einer der Favoriten den Großen Preis der Jury bekommen, und das mit vollem Recht: Charlie Kaufmans Puppenfilm „Anomalisa“, die Geschichte einer Dienstreise mit allen Banalitäten, die so ein Unterfangen an sich hat, und mit großen Gefühlen, wie sie Puppen offenbar besonders herzzerreißend transportieren können: Sehnsucht, Einsamkeit, Verzweiflung, Liebe für einen Augenblick, und dann Enttäuschung.

Und einen Spezialpreis der Jury bekam der türkische Beitrag „Abluka“ (Frenzy) von Emin Alper, ein düsteres Werk aus einem apokalyptischen Istanbul inmitten von Mülllandschaften, wie wir es noch nie gesehen haben.

Die großen Gewinner aber kommen aus Südamerika. „Desde Allá“ (From Afar) von Lorenzo Vigas aus Venezuela gewinnt den Goldenen Löwen. Damit hatte, vermute ich, niemand gerechnet. Es ist ein sehr schön gefilmter, sehr langsamer Film über einen Mann, der möglicherweise von seinem Vater misshandelt oder auch missbraucht wurde, und der heute, als einigermaßen vermögender Zahntechniker, seine einzige Lust daraus bezieht, sich junge Männer von der Straße ins Haus zu holen, deren nackten Rücken und Po er betrachtet, während er sich selbst befriedigt. Die Geschichte zwischen ihm und einem dieser Jungen, der ihn zur Nähe zwingt, sich ihm ausliefert und den er am Ende verraten wird, ist die Erzählung dieses Films. Langsam, wie gesagt. Streckenweise langweilig auch. Faszinierend aber im Zusammenspiel der Darsteller und in der beiläufigen Ansicht von Caracas, einer Stadt, die im Kino nicht so oft zu sehen ist.

Auch der Silberne Löwe geht nach Südamerika. Der Argentinier Pablo Trapero war einer der Regisseure, die eine Geschichte „nach einer wahren Geschichte“ erzählten, eine Gangster- und Bandengeschichte, in der eine Familie als terroristische Vereinigung agiert. Es sind die siebziger Jahre, und ein Vatermonster präsidiert über seiner Frau und seinen Kinder, die er zu Komplizen in Entführungen macht, mit denen er Geld erpresst. Seine Opfer tötet er dennoch. Wahr mag sie sein, aber es ist auch eine Geschichte fürs Genrekino, und so erzählt sie Trapero auch, kunstfertig, ohne wegzuschauen, mit genauem Blick. Für die wächserne Haut und die kalten Augen des Vaters etwa, für den verzweifelten Sohn, der ein Rubgy-Star werden könnte, für die Tochter, die lange versucht, von alldem nichts zu wissen, und für die Mutter, die mitmacht und schweigt.

Diese Preise, die Haptpreise, sind ein starkes Statement für einen Kinokontinent, der eine lange Tradition hat, aber bei den europäischen Festivals nicht immer angemessen repräsentiert ist. Der Präsident der Jury, Alfonso Cuaron, kommt aus Mexiko. Sollte er damit ein Zeichen setzen wollen, ist nichts dagegen einzuwenden (die Europäer und Amerikaner glucken ja auch zusammen, wenn sich die Gelegenheit ergibt). Und diese Preise sind auch ein Statement für den originellen Autorenfilm, der nicht auf die Behaglichkeit des Publikums schielt. Fürs Düstere auch, fürs sehr düstere. Dass ein paar Filme leer ausgingen, die besser waren, ist schade. Dass die beiden herausragenden Dokumentationen, aus Israel und China, offenbar keine Chance hatte: sehr schade.

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